Die Zukunft der Gegenwart der Vergangenheit ist Geschichte

Die Polyphonie des Sprechens über das Undarstellbare in der Finkelstein-Debatte und in neueren Veröffentlichungen zum Holocaust

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Stellenwert des Holocaust in der Gegenwart ist überaus bemerkenswert. Mittlerweile lässt sich der Genozid an den europäischen Juden nicht mehr ausschließlich als eine rein "westliche" Angelegenheit verstehen, er verwandelt sich vielmehr in ein globales Thema. Die Literatur über den Holocaust hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast lawinenartig vermehrt: Eine ungeheure Flut an Memoiren, Belletristik und Poesie, Kunstwerken unterschiedlichster Beschaffenheit, Filmen, Komödien, Theaterstücken, Musik und sogar Tänzen ist entstanden. Soziologische, philosophische, theologische und historische Abhandlungen orchestrieren den Holocaust als das Datum des 20. Jahrhunderts, nicht selten in dem Bewusstsein, dass er in keinerlei teleologisch ausgerichtete Geschichte der Aufklärung, des Wissens oder der Bedeutung integriert werden kann. In der Politik ist der Holocaust ein allgegenwärtiges Thema, nicht nur in Deutschland, wo seit dem Historikerstreit immer wieder hitzige Debatten um die Erinnerung an das NS-Regime und die Identität der Nachkriegsgeneration entbrannt sind.

Wie erklärt sich diese anwachsende Beschäftigung mit dem Holocaust? Die Antworten auf dieses soziopolitische und kulturelle Phänomen fallen insgesamt recht dürftig aus. Unlängst gab es eine neue geschichtspolitische Debatte (nach dem Historikerstreit, der Mahnmal-Debatte, der Goldhagen-Debatte und der Debatte um die Wehrmachtausstellung), in deren Mittelpunkt wieder einmal das deutsche Selbstverständnis stand. Auslöser dieser Diskussionen war das bei dem kleinen linken Verlag Verso erschienene Buch des amerikanischen Politologen Norman Finkelstein mit dem Titel "The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering", das angesichts seiner offenkundigen wissenschaftlichen Defizite in einer erstaunlich hohen Auflagenzahl erschien (vgl. www.literaturkritik.de/2001-03/2001-03-0045.html). Finkelstein hat eine Studie vorgelegt, in der er den jüdischen Organisationen in den USA vorwirft, mit dem Holocaust und dem Leiden unzähliger Menschen finanziellen Profit zu machen. Zum einen behauptet Finkelstein, dass seit 1967 um den Holocaust eine geldgierige Kitsch-Industrie entstanden sei, deren Urheber in jüdischen Organisationen in den USA sitzen. Da sich immer weniger amerikanische Juden mit dem Judentum identifiziert hätten, hätten diese Organisationen ihre Existenzberechtigung durch die "Holocaust-Industrie" gestärkt. Die Identifikation mit Israel diene demselben Ziel und spiele der expansionistischen und kolonialistischen antiarabischen Politik Israels in die Hände. Zum anderen schreibt er gegen den Versuch an, den Holocaust als ein einzigartiges Ereignis zu betrachten, der dadurch aus dem historischen Kontext herausgelöst und dem Diktum der Unvergleichlichkeit unterstellt werde. Haben damals und auch später jüdische und nichtjüdische Gruppen den Holocaust "instrumentalisiert"? Dieser Aspekt ist so trivial wie banal. Nicht erst seit Martin Walsers Polemik ist diese Frage in jedem Fall zu bejahen, denn jedes historische Ereignis wird von gesellschaftlichen Kräften und politischen Akteuren für aktuelle Zwecke benutzt und missbraucht, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Wie an früherer Stelle bereits ausgeführt, sind Finkelsteins Thesen von der "Ideologisierung des Holocaust" trotz aller Mängel und Schwächen sicherlich prinzipiell diskussionswürdig.

Umgehend hat Finkelsteins Polemik daher auch zu einer ganzen Reihe von häufig sehr kritischen Reaktionen geführt. Dass seine Interpretationen aber gerade in Deutschland, vorzugsweise in nationalen Kreisen, aber auch in der extremen Linken, so viel Anklang fanden, ist wenig verwunderlich. Sein hasserfülltes, ebenso gegen die amerikanisch-jüdischen Organisationen wie gegen Israel gerichtetes Pamphlet ist - wie Peter Steinbach am 10.2.2001 im "Tagesspiegel" treffend umschrieb - recht schnell in die Feuilletons und die Leserbriefe "hineingeschwemmt" worden. Dort bediente es nicht nur die Kontrahenten der früheren Debatten, sondern gerade jene Stimmungen, die sich sonst nur schwer artikulieren, weil es ihnen an medialer Resonanz fehlt.

Die Erwiderungen und Besprechungen in den deutschen Feuilletons waren zum überwiegenden Teil negativ. Man unterstellte Finkelstein recht bald, dass er ein Verschwörungstheoretiker sei und seine Thesen ein Aufguss der "Protokolle der Weisen von Zion" darstellten. Man hielt ihm obsessive Schimpftiraden und Simplifizierungen vor und war recht schnell mit dem Vorwurf bei der Hand, dass er mit verfälschten Zahlen arbeite. Auf der anderen Seite mahnte der "Economist" jedoch auch zurecht: "Doch sein Grundargument, das Gedenken an den Holocaust werde entwürdigt, ist ernst und sollte ernstgenommen werden." Finkelsteins These einer latenten Dekontextualisierung des Holocaust ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, darf aber gleichzeitig kein Originalitätsanspruch erheben, da sie schon mehrfach vertreten wurde. Man denke etwa (um nur auf den amerikanischen Diskurs zu verweisen) an Tim Coles Buch "Selling the Holocaust. From Auschwitz to Schindler", an den von Hilene Flanzbaum herausgegebenen Sammelband "The Americanization of the Holocaust" oder auch an Peter Novicks Buch "The Holocaust in American Life", dessen Ergebnisse Finkelstein zum überwiegenden Teil übernommen hat. Viele Rezensenten bemerkten zudem, dass Finkelsteins Pamphlet eigentlich nur Teil einer schon länger stattfindenden innerjüdischen Debatte sei, die hauptsächlich in Amerika ausgetragen werde. In Deutschland trafen Finkelsteins Thesen auf einen gänzlich anderen Kontext, da es hierzulande keine mächtigen jüdischen Organisationen, keine "jüdischen Eliten", keine Holocaust-Museen, ja nicht einmal einen einzigen Lehrstuhl für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Holocaust-Forschung gibt. Dafür jedoch gibt es, wie Ernst Piper zurecht hervorhob, "die Hinterlassenschaften des mörderischsten Regimes der bisherigen Menschheitsgeschichte: Konzentrationslager, Folterkeller, Gaskammern und die Asche von Millionen Leichen".

Immer wieder wurde zudem darauf verwiesen, wer diesbezüglich seine Stimme erhebe, solle sich sehr genau überlegen, was er sage und wie er es sage. Ähnlich wie in der feuilletongesteuerten Walser-Bubis-Debatte gab es auch zu Finkelsteins Thesen reichlich Stimmen, die nun in zwei Bänden gesammelt vorliegen. Der eine Sammelband ist, herausgegeben von Petra Steinberger, unter dem Titel "Die Finkelstein-Debatte" bei Piper erschienen, just dem Verlag, der Finkelsteins Buch "The Holocaust Industry" in einer deutschen Ausgabe druckte. Die Beiträge dieses Bandes (von Rafael Seligmann, Lorenz Jäger, Charles Maier, Reinhard Rürup, Philip Blom, Peter Longerich, Marcia Pally, Natan Sznaider, Jacob Heilbrunn, Eva Schweitzer, Leon de Winter, Slavoj Zizek, Raul Hilberg, Detlef Junker, Daniel Ganzfried, Michael Wolffsohn, Peter Novick, Jakob Augstein, Peter Steinbach, Sten Nadolny und Hanna Rheinz) spiegeln ein breites Spektrum an Meinungen und Positionen wider und zeigen, wie schwierig und emotionsgeladen der Umgang mit dem Holocaust in Deutschland ist. Der zweite, von Ernst Piper herausgegebene und mit einer glänzenden Einleitung von Arne Behrensen versehene Sammelband, den man fast geneigt ist, einen Gegen-Band zu nennen, ist im Pendo-Verlag erschienen. Auch dieser Band versammelt wichtige Beiträge, unter anderem von Omer Bartov, Y. Michael Bodemann, Constantin Goschler, Detlef Junker, Salomon Korn, Claudia Kühner und Julius H. Schoeps. Darüber hinaus bietet er eine Reihe von Originalbeiträgen von Shlomo Aronson, Michael Brenner, Iring Fetscher, Natan Sznaider und anderen.

Im Folgenden seien einige inhaltliche Hauptlinien und Subtexte der Debatte nachgezeichnet. Bereits am 6.8.2000 meldet sich Omer Bartov in der "New York Times" mit der bedenkenswerten Überlegung zu Wort, Finkelsteins Buch sei "die genaue Kopie der Argumente [...], die es als falsch entlarven will. Es ist voll von exakt derselben Art schriller Übertreibungen, die Finkelstein richtigerweise bei einem Großteil des heutigen Medienrummels um den Holocaust anprangert; es strotzt vor derselben Gleichgültigkeit gegenüber historischen Fakten, vor inneren Widersprüchen, provokativen politischen Ansichten und zweifelhaft hergestellten Zusammenhängen; und es trieft vor demselben selbstgefälligen Sinn von Moral und intellektueller Überlegenheit." Bartov schließt mit dem apodiktischen Satz: "Wie jede Verschwörungstheorie enthält es einige Körnchen Wahrheit; und wie jede solche Theorie ist es sowohl irrational als auch verführerisch." Die erste deutsche Rezension von "The Holocaust Industry" verfasst der Publizist Rafael Seligmann am 23.7.2000 in der "Welt am Sonntag". In einer gekonnten Zuspitzung deutet er die Fixierung auf den Holocaust als eine "psychologisch motivierte Ersatzhandlung". Die Identifizierung mit dem Holocaust sei eine "letzte Klammer", "ein Versuch, mit dem Judentum in Verbindung zu bleiben, dessen Ursprünge man nicht mehr kennt." In diesem Punkt ergehe es Finkelstein nicht anders als den von ihm kritisierten Shoah-fixierten Juden. "Die einen klammern, Finkelstein kritisiert." Trotz aller Kritik kommt Seligmann zu einem Ergebnis, das die folgende Debatte prägen wird: "Es wäre aber falsch, seine Kritik als destruktive Polemik abzutun. Sie ist anregend. Vor allem aber notwendig wie ein Reinigungsmittel." In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 14.8.2000 sieht Lorenz Jäger in seiner Kritik kaum potentielle Fehler. Finkelstein vermenge nur "Wichtiges mit Unwichtigem" und "sieht nicht immer die realpolitischen Zwänge, in denen jeder Staat, eben auch Israel sich befindet. Aber Polemik entsteht nicht in der Ruhe der Gelehrsamkeit, sie muß Dinge zuspitzen. Dafür ist es, als würde plötzlich ein Fenster geöffnet." Außerdem habe, so Jäger weiter, jeder, der den Kulturbetrieb kenne, in den letzten Jahren ähnliche Beobachtungen machen können. "Die Entrechtung, Vertreibung, Versklavung und Ermordung der europäischen Juden wurde zur Grundlage einer pseudoreligiösen Rhetorik, ja für manche zum eigenen Erwerbszweig." In der vehementen Ablehnung des Holocaust-Kitsches durch Finkelstein erblickt Jäger folgerichtig auch die "eigentliche Brisanz" des Buches. Etwas gewagt mag der Vergleich Finelsteins mit Hannah Arendt anmuten, die beide von Jäger als "jüdische Dissidenten" bezeichnet werden. Erstaunliches Ergebnis der ersten Runde von Rezensionen im deutschen Feuilleton ist vor allem, dass kaum eine der Rezensionen darauf verweist, wie viele Behauptungen Finkelsteins schlichtweg falsch sind. Lediglich Brigitte Werneburg kritisiert Finkelstein in der "tageszeitung" vom 8.8.2000 schonungslos: "Letztendlich ist Finkelsteins Buch ein der Entschädigungsfrage ganz und gar unangemessenes Pamphlet, das dem Ressentiment und nicht der Aufklärung zuarbeitet."

Ab Mitte August erhält die Position Werneburgs massive Unterstützung von vorwiegend ausländischen und deutsch-jüdischen Autoren. In der "Süddeutschen Zeitung" startet der Harvard-Historiker Charles S. Maier eine kurze Antwort-Serie auf Finkelstein. In seinem Beitrag vom 16.8.2000 verweist er auf die seiner Meinung nach entscheidende Frage, um die es in Deutschland bei der Debatte gehe: "In welchem Umfang und wie lange läßt sich die Verantwortung einer Nation für die in ihrem Namen begangenen Greuel die Forderung nach Wiedergutmachung zu? Die bequeme aber unwürdige Antwort, die man aus Finkelsteins Thesen herauslesen wird, lautet: 'Jetzt reicht es'." Zwei Tage später bestreitet der Freiburger Historiker Ulrich Herbert in seinem Beitrag für die gleiche Zeitung, auf den bereits an früherer Stelle eingegangen wurde (vgl. www.literaturkritik.de/2001-03/2001-03-0045.html), zentrale Thesen Finkelsteins. Herberts maßgebliche Schlussfolgerung lautet allerdings: "Als Provokation mag sein Buch nützen [...]. Vor allem eine intensive Debatte über die Ablösung der Beschäftigung mit dem Holocaust vom geschichtlichen Kontext ist offenkundig nötig." Es ist außerordentlich bedauernswert, dass Herberts Beitrag - wohl auf eigenen Wunsch - in keinem der vorliegenden Debattenbände nachgedruckt wurde. Zweifelsohne handelt es sich hierbei um eine der profundesten und nüchternsten Stimmen innerhalb der ganzen Debatte. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 18.8.2000 kontrastiert Julius H. Schoeps Finkelsteins Kritik an der Vermarktung des Holocaust in den USA, die eigentlich der amerikanischen Nahostpolitik gelte, mit dem in Deutschland großen Interesse an einer Kritik der Formen und Funktionen des Holocaust-Gedenkens. Ebenfalls am 18.8.2000 meldet sich der Publizist Philipp Blom in der "Neuen Zürcher Zeitung" zu Wort, der einen Blick vornehmlich auf die deutsche Perspektive wählt, in der "das Festhalten an der Einmaligkeit des Holocaust fast durch eine kulturelle Erwählungsidee in der Tradition Fichtes und Hegels motiviert zu sein [scheint]: Wenn die Deutschen, als Träger einer großen Kultur, zu einem solchen Verbrechen fähig waren, dann muss das Versagen dieser Kultur schrecklicher und metaphysisch vernichtender sein, als Völkermorde anderer und 'wenig hochstehender' Kulturen". Somit rühre Finkelstein an Grundsätzen, die längst zum "Gründungsmythos des deutschen und des jüdischen Selbstverständnisses" geworden seien, und die vor allem in den USA einen quasi-sakralen Status erlangt hätten. Die Entmythologisierung von Auschwitz ist daher für Blom die "notwendige analytische Antwort auf die Verflachung [dieses] Begriffes", wie ihn Finkelstein zu Recht konstatiere.

Peter Longerich, Professor an der University of London und Holocaust-Experte, der kürzlich unter dem Titel "Politik der Vernichtung" eine äußerst bemerkenswerte Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung vorgelegt hat, kritisiert in der "Frankfurter Rundschau" vom 22.8.2000 die wohlwollende Behandlung Finkelsteins im deutschen Feuilleton, die nicht an der wissenschaftlichen Qualität seines Buches, sondern primär am penetranten Betonen seiner Identität als Sohn von Überlebenden des Holocaust liege. Sein Buch komme "dem weitverbreiteten, amorphen Gefühl des 'endlich genug' entgegen. Das sei deshalb von besonderer Gefährlichkeit, da das Holocaust-Gedenken in Deutschland "eine Überlebensfrage für die Demokratie" bedeute. Longerich zeigt darüber hinaus in seiner Studie "Politik der Vernichtung", dass auch in einer Zeit, in der sich Historiker und die Öffentlichkeit immer mehr mit den Folgen des nationalsozialistischen Völkermords, mit "Gedächtniskultur" und moralischer Vergewisserung zu beschäftigen scheinen, die Rekonstruktion des Verbrechens noch lange nicht abgeschlossen ist. So ist der Bedarf an einer zusammenfassenden Gesamtschau, an gesicherten Informationen in den letzten Jahren - bedingt durch die ausufernden Debatten um Goldhagen und Finkelstein - sicherlich noch gewachsen. Er konzentriert sich dabei vor allem auf die Politik der Vernichtung, auf den Zusammenhang der Judenverfolgung im politischen System des "Dritten Reiches". Der Entscheidungsprozess innerhalb der nationalsozialistischen Führungsriege wie auch die Geschichte der Täter werden dargelegt und in den Kontext eingeordnet. Longerichs Studien zeichnen sich vor allem durch eine bestechende Analyse der antijüdischen Politik vor Kriegsausbruch aus. Die Judenverfolgung - so Longerich - habe eine zentrale Rolle im europäischen Herrschaftssystem übernommen, es gewissermaßen zusammengebunden. Erst im Herbst 1943 sei die Kooperation in totalen Terror umgeschlagen. Diese These wird sich in Zukunft sicherlich intensiver Diskussionen stellen müssen, schmälert allerdings in keiner weise den soliden Überblick, den der Autor insgesamt gibt.

In der "Süddeutschen Zeitung" vom 22.8.2000 schreibt die New Yorker Historikerin Marcia Pally, dass Finkelsteins Buch "alles andere als den Grundstein zu einer neuen Debatte" liefere, da es einfach ein Teil des zeitgenössischen jüdisch-amerikanischen Nachdenkens über den Holocaust sei. Diese Debatte werde zwischen Essentialisten wie Elie Wiesel und Kontextualisten wie Peter Novick geführt bzw. "in jenem nervösen jüdisch-amerikanischen Tanz, den wir in New York heute tanzen: den des 'Besonders-Sichtbar-Erfolgreich-Seins' mit der Angst, uns könnte all das um die Ohren fliegen." Finkelstein, so ihr Fazit, wolle eigentlich selbst "Teil einer kleinen Elite 'wahrhaft' Leidender" sein und nehme dafür "das Kreuz des Holocaust-Buchhalters auf sich". Für die Kontextualisten, denen Pally auch Finkelstein zuordnet, "Erben der amerikanischen strukturalistisch-dekonstruktivistischen Foucault-Melange, stellt Erinnerung [...] immer eine Interpretationsleistung dar, die sich aus den Ängsten ständig neu erschafft."

Am gleichen Tag geht Salomon Korn, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" stärker auf den deutschen Kontext der Debatte ein, die dadurch ihre Brisanz erhalte, dass Finkelstein als "jüdischer Kronzeuge" das Interesse in Deutschland wecke: "Dem Großteil des nichtjüdischen Publikums ist die detaillierte Auseinandersetzung um [...] die Anschuldigungen gleichgültig. Sein Interesse liegt anderswo: Ohne ins Fettnäpfchen zu treten und ohne einem Antisemitismusverdacht ausgesetzt zu sein, kann es sich bequem zurücklehnen und lustvoll einem beliebten Schauspiel beiwohnen: Der 'Demontage' von Juden durch Juden." Diese Gedanken hatte Korn bereits vorher in seinem Essayband "Geteilte Erinnerung. Beiträge zur deutsch-jüdischen Gegenwart" anlässlich der Walser-Bubis-Debatte und im Kontext der Diskussionen um das Mahnmal für die ermordeten Juden dezidiert entfaltet. Auch hier begegnen ähnliche Gedanken, wie sie Korn in seiner Kritik an Finkelstein pointiert zusammenfasst: "Judesein ist weder eine Qualifikation, noch darf es als tabuisierter Schutzschild gegen Kritik dienen. Sofern sie sachlich begründet ist, bleibt es unerheblich, ob Kritik an einem jüdischen Menschen oder einer jüdischen Institution von nichtjüdischer oder jüdischer Seite vorgebracht wird." Indem er Finkelsteins Thesen jegliche Sachlichkeit abspricht, macht er sein Buch zum liber non gratus in Deutschland: "Nicht Finkelsteins emotionsgeladene Thesen sind in Wahrheit das Problem, sondern deren öffentliche Rezeption. Sie ist es, die zum Gradmesser deutsch-jüdischer 'Normalität' gerät."

Der Interdependenz von "Gedenk-Kult und Gedenk-Kultur" ist auch der Beitrag Y. Michal Bodemanns, Professor für Soziologie an der Universität Toronto, vom 24.8.2000 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verpflichtet. Auch hier geht es um die problematische "Einbettung der Shoah in ein religiöses Narrativ" im Rahmen ausufernder Gedenkveranstaltungen. Bodemann wertet den Holocaust als ein Verbrechen, das trotz seiner Unvorstellbarkeit rational beschrieben und untersucht werden könne, "sowohl in seinen Ursachen wie in seiner Ausführung und den Folgen". Er wertet - ähnlich wie in seinem Buch "Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung" - die Holocaust-Gedenkkultur als eine breite Bewegung in den meisten Ländern des Westens, die einen ähnlichen Verlauf habe. Insgesamt seien die "national basierten Erklärungen" zumeist unzureichend, obwohl die Politik verschiedener Staaten aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisse "diesen zivilgesellschaftlichen Drang zum Gedenken" instrumentalisiert habe. Ein wesentliches Merkmal der Sakralisierung der Shoah seien offenkundige Momente der Verchristlichung, insofern, als "christliche, vor allem katholische Elemente in jüdische Gedenkkulturen getragen werden", andererseits aber auch in der Art und Weise, "wie die Shoah von der christlichen Welt absorbiert" worden sei. Ebenfalls am 24.8. folgt in der "Süddeutschen Zeitung" ein Beitrag des Soziologen Natan Sznaider aus Tel Aviv, der nicht auf den speziellen deutschen Kontext zielt. Finkelsteins Krtik an der Singularitätsthese verkenne die Realität, denn "der partikularistische Holocaust-Diskurs der amerikanischen Juden wurde nach 1991 zum universalistischen Diskurs [...], ohne die Einzigartigkeit der jüdischen Opfer in der Vergangenheit zu relativieren." Universalisierung ohne die entsprechende Sakralisierung bedeute auch, so Sznaider weiter, dass keine kollektive Erinnerung möglich sei, sondern nur individuelle, und dass ansonsten kollektives Schweigen herrsche.

In einem der wenigen wirklich anregenden Beiträge der Finkelstein-Debatte verteidigt am 31.8.2000 der slowenische Philosoph Slavoj Zizek in der "Süddeutschen Zeitung" unter dem Imperativ "Du sollst dir Bilder machen!" die Singularitätsthese: "Der Holocaust kann nicht erklärt, vorgestellt oder übermittelt werden, weil er das Nichts markiert, die Implosion des (erzählbaren) Universums. So gleicht jeder Versuch, ihn in seinem Kontext zu analysieren, der antisemitischen Negation seiner Einzigartigkeit." Dabei sei die grundlegende Prämisse der "akademischen Holocaust-Industrie", die Erhebung des Holocaust zum metaphysischen Bösen, das nur apolitisch, unbegreifbar und nur durch respektvolles Schweigen zugänglich sei, in jedem Fall abzulehnen. Aus diesem Grund hält er die Frage für zwingend, ob diese Feststellung "nicht auch als politischer Akt einer vollkommen zynischen Manipulation fungieren kann [...] mit dem Ziel, eine bestimmte Art hierarchischer politischer Beziehungen zu legitimieren." So werde aktuelle Not in den Ländern der Dritten Welt angesichts des absoluten, erratisch wahrgenommenen Bösen, das der Holocaust darstelle, zur Nebensächlichkeit herabgestuft und "das Denkverbot gegen jegliche radikalpolitische Einbildungskraft" untermauert. Greift man Zizeks Überlegung auf, den jüdischen Opfern des Holocaust könne am adäquatesten 'im Stande ihres Opferseins' gedacht werden, als Paradigma der 'Trümmer auf Trümmer' häufenden Vergangenheit, die Benjamins Engel der Geschichte die Augen entsetzt aufreißen und den Mund weit offen stehen lässt, so ergibt sich eine interessante Parallele zu Zizeks neuem Buch "Die Tücke des Subjekts". Es handelt sich hierbei um eine Überarbeitung und Weiterführung seiner Gedanken, die bereits 1998 unter dem Titel "Das Unbehagen im Subjekt" im Passagen-Verlag publiziert wurden. Ebenso wie in Zizeks "Plädoyer für die Intoleranz" ist es auch Ziel dieses Buches - gegen vorherrschende psychoanalytische, dekonstruktivistische, feministische, postmarxistische Lesarten, das philosophisch subversive Erbe des cartesianischen Subjekts vom Standpunkt der psychoanalytischen Theorie Jacques Lacans aus freizulegen und zu verteidigen. Diese Re-Lektüre findet als Dialog mit drei zentralen Thesen zur Subjektivität statt: mit Heideggers Gedanken des nihilistischen Potentials der modernen Subjektivität, mit der gegenwärtigen politischen Philosophie und schließlich mit dem feministisch-dekonstruktivistischen Konzept der wechselnden Subjektpositionen bzw. Identifizierungen. Damit versucht Zizek nicht nur, den Raum für radikales politisches Handeln unter den Bedingungen des globalen Kapitalismus zu öffnen, sondern auch en passant - ähnlich wie Benjamin - die Verlierer und Opfer der Geschichte viel stärker als bisher in ihrer spezifischen Subjektivität wahrzunehmen.

Harry Nutt, Redakteur der "Frankfurter Rundschau", wertet in seinem Beitrag vom 6.9.2000 mit Berufung auf Jan Assmann die Finkelstein-Debatte als "ein[en] gewöhnliche[n] Vorgang [...] innerhalb der bundesrepublikanischen Kommunikation über Erinnerung", in der seit etwa zehn Jahren ein Paradigmenwechsel zu beobachten sei: ein Übergang von persönlicher in kulturelle Erinnerung. Emphatisch fordert Nutt gegen Ende seines Beitrags: "Bei der Sorge um eine Argumentzufuhr für die rechte Szene sollte man sich der allmählich historisch werdenden Debatte um das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas vergewissern, einer Debatte, die ein selbstbewußtes Moment der Polyphonie des Sprechens über das Undarstellbare darstellt." Detlef Junker, Heidelberger Professor für Amerikanische Geschichte, rückt in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 9.9.2000 dagegen die vielfach diskutierte "Amerikanisierung des Holocaust" in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Darunter seien besonders zwei Phänomene zu verstehen: Erstens die "Tatsache, daß der Holocaust in den vergangenen 30 Jahren vom Rand in das Zentrum der amerikanischen Kultur" vorgedrungen sei, und zweitens "die damit auch einhergehende Funktionalisierung, Trivialisierung und Vermarktung des 'Shoah-Business'. Folglich sei der Holocaust nicht nur ins Zentrum der Identität der amerikanischen Juden gerückt, sondern auch zu "einem wichtigen Bestandteil der amerikanischen Zivilreligion" geworden. Die "Amerikanisierung des Holocaust", so Junker weiter, gebe der amerikanischen Nation "die immerwährende Möglichkeit, das Böse zu externalisieren und zugleich die Notwendigkeit der eigenen Mission, der freiheitlich-demokratischen Sendung, zu erneuern".

Als letzter prominenter Beitrag zur Finkelstein-Debatte erscheint am 13.9.2000 in der "Süddeutschen Zeitung" Gabriel Schoenfelds für ein amerikanisch-jüdisches Publikum geschriebener, in Deutschland angestoßen durch Lorenz Jäger ("Finkelstein II", in: "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 31.8.2000) aber bereits breit rezipierter Artikel "Holocaust Reparations - A growing Scandal" (in: "Commentary", September 2000). Mit Rekurs auf Finkelstein wirft Schoenfeld den amerikanisch-jüdischen Organisationen vor, durch unsensibles und historisch kaum zu rechtfertigendes Vorgehen in den Entschädigungsprozessen gegen israelfreundliche Staaten zugunsten finanzieller Vorteile langfristig die Sicherheit Israels und damit die Stabilität im Nahen Osten aufs Spiel zu setzen. Dies erleichtere es "Extremisten von rechts und links", "die Vergangenheit zu ihren eigenen ganz anderen Zwecken umzumodeln - und am Ende zu behaupten, beim Holocaust sei es wie bei allem, was Juden betreffe, letztlich doch nur ums Geld gegangen." Der Artikel endet mit einem Appell zu offener Diskussion, zu einer Diskussion also, die eindeutig am Abebben ist: "Man kann nur hoffen, daß das Gift seiner [Finkelsteins; A.S.] Attacken andere, verantwortungsbewußtere Stimmen nicht davon abhalten wird, Kritik zu äußern, wann und wie scharf auch immer sie notwendig ist."

Ein schon deutlich leiser werdendes Echo auf Finkelsteins Buch bietet schließlich die linke Wochenzeitung "Jungle World" mit zwei konträren Beiträgen. Zunächst zeigt Alexander Ruof am 27.9.2000 mit Verweis auf den israelischen Historiker Moshe Zuckermann, dass jedes Gedenken notwendiger Weise eine Instrumentalisierung ist und nicht jenseits von Machtdiskursen steht. Eine reduzierte linke Ideologiekritik, wie sie Finkelstein vortrug, die einzelne Akteure an Stelle von gesellschaftlichen Verhältnissen hinter der Ideologieproduktion vermute, müsse zwangsläufig zu einer "paranoiden Verschwörungstheorie" ausarten. Das mache Finkelsteins Thesen kompatibel mit antisemitischen Vorstellungen einer "jüdischen Weltverschwörung". Tjark Kunstreich hingegen macht in seinem Artikel vom 11.10.2000 darauf aufmerksam, dass schon die theoretisch-wissenschaftliche Verwendung des Begriffs der "Instrumentalisierung" in Deutschland fatal sei: "Wenn nicht mehr unterschieden wird zwischen der Indienstnahme von Auschwitz durch die rotgrüne Bundesregierung [im Kosovo-Krieg] oder durch die israelische Regierung, also beiden gleichermaßen 'Instrumentalisierung' vorgehalten wird, läßt man außer acht, daß die Existenz Israels ja nicht nur ideologisch, sondern ganz konkret mit der Vernichtung des europäischen Judentums zusammenhängt. Diese von Antizionisten und auch von Zionisten bestrittene Tatsache in einem scheinbar objektiven Begriff von 'Instrumentalisierung' verschwinden zu lassen, hat zur Folge, daß auch der Massenmord selbst zur Chiffre degeneriert, zu einem Teil des Jargons, in dem Auschwitz nur noch metaphorisch für jede mögliche Form von 'Menschenrechtsverletzung' einsteht." Unbedingt zuzustimmen ist Kunstreichs Ermahnung, den Kontext der deutschen Entschädigungsdebatte nicht zugunsten eines allgemeinen wissenschaftlichen Diskurses über Finkelstein zu verdrängen. Diese Überlegungen begegnen ausführlicher in Kunstreichs kleiner Schrift "Ein deutscher Krieg", die den provozierenden Untertitel "Über die Befreiung der Deutschen von Auschwitz" trägt.

Sieht man von dem ganzen wort- und bildgewaltigen medialen Schattenboxen mit geschichtlichen Ereignissen und deren Deutungen einmal ab, gipfelt das Echo auf "The Holocaust Industry" nicht zuletzt in einem Sammelsurium von persönlichen Diffamierungen der Person des Autors, die doch zu denken geben. Die in diesem Zusammenhang zu erwähnende Titel-Story "Finkelstein ist ein Psychopath", die von der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung" in Auftrag gegeben wurde und dort am 15.2.2001 erschien, ist sicherlich einer der Tiefpunkte der Debatte. Noch einmal sei es gesagt: Finkelsteins Buch ist als wissenschaftliche Studie kaum ernst zu nehmen, da es mit falschen Zahlen, fehlerhaften Schlussfolgerungen bzw. oft auch nicht vorhandener historischer Präzision arbeitet. Als Pamphlet zielt das Buch in seinen Anschuldigungen weit über das Ziel der 'political correctness' und manchmal auch des Erträglichen hinaus, was zur Folge hat, das es sich damit zu einem nicht unerheblichen Teil selbst diskreditiert. Dennoch wäre es ganz sicher nicht angebracht, um noch einmal Rafael Seligmann zu zitieren, seine Kritik schlichtweg als destruktive Polemik abzutun. Und gänzlich unangebracht ist es, mit küchenpsychologisch verbrämten Axiomen die Person des Autors zu entwerten.

Sten Nadolny hat in einem klugen Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 15.2.2001 dieses soziopolitische Korrektiv in den Blick genommen, das sich wie ein roter Faden durch eine Vielzahl der Debattenbeiträge zieht. Finkelstein habe Schmähungen erfahren, die panisch zu nennen seien: "panische Abwehr einer Meinung und Anklage, die sich von der weltweit maßgebenden Auffassung abhebt. Aber die Korrektivmechanismen der Gesellschaft funktionieren nun einmal nur dann, wenn es Leute gibt, die [...] das Gegenteil von dem behaupten, was die große Menge sagt. Das sollten wir hierzulande wissen." Den Massenmord der Nazis hinter einem Übermaß an Gedenkübungen und einer "große[n] Schuldpflege" 'verschwinden' zu lassen, hält Nadolny für problematisch, zumal der Gedenk-Kult "eher langweilig und steril" gewesen sei und "von Anfang an zu inflationieren und zu erstarren" drohte. "Daneben gibt es in den letzten Jahrzehnten eine immer offensichtlichere Verbindung zwischen Entertainment und Gedenkpflicht." Im Walserschen Duktus fährt er fort: "Mir scheint, daß man aus dem puren Immer-Wiederholen, Immer-Wiedersehen der Entsetzlichkeiten von Auschwitz nicht viel lernt, sondern nur immer wieder entmutigt ist davon, wozu Menschen imstande sind. Da entsteht eher Abwehr." Höchst bedenkenswert ist die Schlussüberlegung Nadolnys, die an Zizeks Aufwertung des historischen Subjekts denken lässt: "Das Gedenken an die Opfer kann auch nicht auf den Holocaust konzentriert werden. Man kann nicht jemandes Andenken pflegen, indem man ihn nur als Leiche in Auschwitz vor sich sieht und daran denkt, was ihm angetan wurde, sondern in erster Linie dadurch, daß man den Menschen sieht, der er vorher gewesen ist: voller Hoffnung, Liebe (Bosheit auch, bitte!) und Freude an Tätigkeit, Siegeszuversicht. [...] Ich habe irgendwann gemerkt, daß mir dieser verdammte Holocaust vollkommen querliegt und daß ich ihn geradezu vergessen muß, um die Menschen, die ich liebgewonnen habe, richtig ins Bild zu setzen und nicht auf ihr kommendes Opfersein zu reduzieren. Das hieße, Holocaust-Kitsch zu programmieren."

Damit wird eine Perspektive jenseits aller Polemik und Gedenkrituale erreichbar: Das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust und zur Erinnerung daran ist nicht ein für allemal fixiert oder in Mahnmal-Stein gemeißelt, sondern muss, wie jedes Verhältnis zwischen einem Kollektiv und seinen Erinnerungen, stets neu überdacht und neu verhandelt werden. Diesbezüglich ist es eigentlich erschreckend festzustellen, wie Philipp Blom zurecht anmerkt, dass "Auschwitz" längst den Charakter eines historischen Ereignisses verloren hat und statt dessen zum zeit- und oft auch inhaltslosen Emblem für das Böse schlechthin geworden ist. Um diese Substanz aber nicht völlig zu verlieren, so Bloms Forderung, "muss der Holocaust wieder historisch eingebettet werden, sonst wird er ganz zu dem, was er immer häufiger jetzt schon ist: die Ikone des Trivialbösen." Die historische Größe Auschwitz ist von einem grenzensprengenden Leidenskitsch, einer "Disneyfiction" und einer Gedenkroutine verschluckt worden, "teils politisch-moralische Platitüde für Feierstunden, teils sinnentleerte und inflationäre Währungseinheit einer Betroffenheitskultur, die die 'Aufarbeitung' eines längst über die Geschichtlichkeit hinaus sakralisierten Völkermordes der politisch-gegenwärtigen Wachsamkeit vorzieht, die sie immer wieder beschwört und fordert." Konsequenter Weise bedeutet dies gerade nicht zu vergessen und zu verdrängen, sondern politisches, historisches und nicht ritualistisches Lebendighalten der Vergangenheit im Kontext gegenwärtiger Menschenrechtsverletzungen.

Jenseits des immer mehr um sich greifenden medial vermittelten Kitsches, dem Ansporn zu Gesinnungsbeweisen, der Trope für Feierstunden und Besinnlichkeit bei Kerzenlicht bedarf es einer Re-Lektüre des historischen Datums "Auschwitz". Daher sei abschließend in aller Kürze allen debattenmüden LeserInnen, die wie Martin Walser "immer lieber wegschauen [möchten] von diesen Bildern", sich aber gleichzeitig "zwingen [müssen] hinzuschauen", um nicht zu "verwildern", der Blick auf zwei vorzügliche geschichtswissenschaftliche Arbeiten zum Holocaust empfohlen. Auf dem Weg zum Standardwerk ist Saul Friedländers viel bewunderte Studie "Das Dritte Reich und die Juden", für die der Tel Aviver Professor für Geschichte mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wurde. In seiner Dankesrede (abgedruckt in: "Die Zeit", 26.11.1998) geht er auch auf Martin Walser ein, nach dessen Ansicht die Vergangenheit im Lauf des zurückliegenden Jahrzehnts immer bedrängender geworden sei. "Ich halte diese Einschätzung für zutreffend. Ich möchte jedoch im Gegensatz zu dem, was Walser in seiner Rede offenbar sagen wollte, Zweifel an der These anmelden, die zunehmende Präsenz der Nazizeit im Bewußtsein der Zeitgenossen sei vor allem eine Folge politischer und medialer Instrumentalisierung, eines gedankenlosen rituellen Abfeierns oder einer zwanghaften politischen Korrektheit. Obwohl alle diese Elemente vorhanden sind, bezweifle ich, daß irgendeine Person oder Gruppe in der Lage ist, das Gedächtnis der Öffentlichkeit auf Dauer zu manipulieren." Zentralthese Friedländers ist nun, dass der Nationalsozialismus mit allem, was er geprägt und angerichtet habe, vor allem die Ausrottung der Juden, im Lauf der Jahrzehnte in der Vorstellungswelt des Westens zum "Inbegriff des Bösen" und folgerichtig "Auschwitz" zur "zentralen Metapher für das Böse in unserer Zeit" geworden sei. In unserem Jahrhundert des Völkermords und der Massenschlächtereien werden - nach Friedländer - die Ausrottung des europäischen Judentums und die anderen Verbrechen des Hitler-Regimes von vielen als das absolut Böse wahrgenommen, an dem dann alle Grade des Bösen sich messen ließen.

Dabei steht für Friedländer die Frage im Mittelpunkt, wie ein wirtschaftlich und kulturell hochentwickeltes Volk den Weg gehen konnte, der zur Vernichtung der europäischen Juden führte. Unter Verwendung zahlreicher neuester Veröffentlichungen sowie einer Fülle jüngst aufgefundenen Archivmaterials stellt Friedländer die sich Jahr für Jahr verschärfende Verfolgung der Juden nach der Machtergreifung 1933 durch die Nationalsozialisten dar. Er verweist auf das Zusammenspiel von akribischer Planung und historischen Zufällen, von klar erkennbaren Intentionen und wechselnden, zum überwiegenden Teil nicht planbaren Umständen. Und er zeigt sehr anschaulich, wie die ideologischen Ziele der Nationalsozialisten und taktische politische Entscheidungen sich wechelseitig verschärften und immer wieder Leerstellen für noch radikalere Entwicklungen boten. Neben den Planungen der Parteiführer und zahlreicher rangniederer Funktionäre widmet sich Friedländer vor allem der Haltung von Universitätsprofessoren und anderer Angehöriger der kulturellen Elite, der führenden Personen in Wirtschaft und Bankenwelt sowie der leitenden Männer der beiden christlichen Kirchen. Immer wieder wird der Blick auch auf die Opfer mit ihren Wahrnehmungen oder Fehlinterpretationen der Ereignisse, mit ihren Leidenserfahrungen und ihren Hoffnungen gerichtet. Für diese Ineinanderschachtelung verschiedener Gruppen hat Friedländer eine neuartige Form der Darstellung gewählt. Er liest völlig verschiedene Ebenen parallel - mit dem Ziel, ein "Gefühl der Fremdheit" zu erzeugen. "Das soll der Neigung entgegenwirken, diese Vergangenheit durch nahtlose Erklärungen und standardisierte Wiedergaben zu 'domestizieren' und ihre Wirkung abzuschwächen. Zugleich soll diese 'Entfremdung' die Art und Weise reflektieren, in der die unglücklichen Opfer des Regimes zumindest während der dreißiger Jahre eine absurde und zugleich bedrohende Realität erlebten." Damit gelingt es Friedländer auf beeindruckende Weise, die politischen Maßnahmen der Nationalsozialisten zu kontextualisieren, indem zugleich die umgebende Welt sowie "die Einstellungen, die Reaktionen und das Schicksal der Opfer einen untrennbaren Bestandteil dieser sich entfaltenden Geschichte" bilden.

Das Hauptverdienst dieser klugen und wegweisenden Studie dürfte aber in der Neusicht auf die Strukturen des Nationalsozialismus selbst liegen. Friedländer gelingt es zu zeigen, dass das Regime nicht hauptsächlich von dem "chaotischen Zusammenprall konkurrierender Feudalherrschaften in Bürokratie und Partie" angetrieben wurde, sondern bei all seinen wichtigen Entscheidungen von Hitler abhängig war. Insbesondere in seinem Verhältnis zu den Juden wurde Hitler von ideologischen Obsessionen getrieben, mit deren Hilfe er einen ganz spezifischen Typ von völkischem Antisemitismus an seine extremen und radikalen Grenzen führte. Diesen charakteristischen Aspekt seiner Weltanschauung bezeichnet Friedländer als "Erlösungsantisemitismus". Dieser ist "verschieden, wiewohl abgeleitet von anderen Varianten antijüdischen Hasses, die im gesamten christlichen Europa verbreitet waren, und er ist gleichfalls verschieden von den gewöhnlichen Arten des deutschen und europäischen rassischen Antisemitismus". Mit anderen Worten: Eine Weltanschauung, wie Hitler sie bestimmte, war ein quasi-religiöser Rahmen, der kurzfristig politische Ziele mit umfasste. Der Nationalsozialismus war daher nicht bloß ein ideologischer Diskurs, sondern eine politische Religion, die die totale Hingabe verlangte, wie man sie nur einem religiösen Glauben schuldete. Daher betonte diese Richtung des rassischen Antisemitismus in ihrer spezifisch deutschen, mystischen Form auch die mythischen Dimensionen der Rasse und der Heiligkeit des arischen Blutes. Dieses Denken verschmolz mit einer entschieden religiösen Vision, der eines deutschen (oder arischen) Christentums. Die Besessenheit des apokalyptischen Feldzugs der Nationalsozialisten gegen den Todfeind, die Juden, verleiht der "Endlösung der Judenfrage" damit sowohl eine universelle als auch historische Besonderheit.

Die insgesamt auf zwei Bände angelegte Darstellung folgt dem chronologischen Ablauf der Ereignisse: die Vorkriegsentwicklung wird im ersten, ihre monströse Zuspitzung während des Krieges im zweiten Band nachgezeichnet. Es ist ein unbestreitbarer Vorteil dieses zeitlichen Gesamtrahmens, dass er Kontinuitäten hervorhebt und den Kontext wesentlicher Veränderungen erkennen lässt. Fokus der Überlegungen Friedländers ist, dass die einzige persönliche Geschichte, die sich bewahren lässt, auf "persönlichen Erzählungen" beruht. Sein Fazit führt in die Nähe der oben skizzierten Positionen Nadolnys, Bloms und Zizeks innerhalb der Finkelstein-Debatte: "Vom Stadium des kollektiven Zerfalls bis zu dem des Abtransports und des Todes muß diese Geschichte, damit sie überhaupt geschrieben werden kann, als die zusammenhängende Erzählung individueller Schicksale dargestellt werden."

In eine ähnliche Richtung geht auch Leni Yahils monumentale Geschichte der Shoah, die eine Gesamtübersicht über den Verlauf der nationalsozialistischen Judenverfolgung von der Machtergreifung über die militärischen Entwicklungen des Zweiten Weltkriegs stufenweise bis zur sogenannten "Endlösung" bietet. Ähnlich wie bei Friedländer geht es Yahil um die Radikalisierung antijüdischer Maßnahmen, die die Professorin für moderne jüdische Geschichte an der Universität Haifa detailliert und kenntnisreich nachzeichnet. Zugleich stellt Yahil das Handeln der Juden in seiner ganzen Vielschichtigkeit und Tragik als einen Kampf um das pure Überleben dar. Neben der Chronologie der Ereignisse liefert sie exemplarische Einblicke in den spezifischen Charakter verschiedener jüdischer Gemeinden in Europa. Alle wichtigen Themen der jüngsten Holocaust-Forschung werden behandelt; darüber hinaus scheut die Autorin nicht, Fragen zu stellen, die nach wie vor nicht genügend erforscht sind: "Warum haben die Nazis Juden auch dann ermordet, wenn sie dringend ihre Arbeitskraft benötigten? Welche Rolle spielten die Judenräte im Überlebenskampf in den Ghettos? Wie wurde der jüdische Widerstand organisiert und waren vor allem die Jugendgruppen darin aktiv? Weshalb haben die Alliierten die Rettung von Juden nicht zu einem ihrer Kriegsziele gemacht?" Besonders ertragreich ist die Studie nicht zuletzt deshalb, weil sie wie keine zweite hebräische und jiddische Quellen berücksichtigt, die Yahils Vorgängern fast durchweg verschlossen waren. Die Originalität ihres Ansatzes besteht zudem darin, dass sie sowohl die Täter wie auch die Opfer als Handelnde darstellt, die sich wechselseitig beeinflussen, und in dieser Perspektive gewinnt der erweiterte sprachliche Zugang seine entscheidende Bedeutung. Sie ist auch die erste Historikerin, wenn auch in vielen Punkten mit Friedländer konform gehend, die den Antisemitismus für einen Mythos hält, der in der historischen Analyse mit der komplexeren Realität konfrontiert werden müsse. Was für Leni Yahil am Ende zählt, ist daher nicht der Antisemitismus, sondern das Überleben des jüdischen Volkes zu allen Zeiten und auch in der Shoah. Um die Stadien der historischen Entwicklung zu verdeutlichen, unterscheidet Yahil drei Hauptphasen: Die erste reicht von 1932 bis zum Ausbruch des Krieges im Jahre 1939, die zweite umfasst das erste Kriegsstadium bis 1941, der dritte Zeitabschnitt beginnt am Vorabend des Russlandfeldzuges im Frühjahr 1941 und zieht sich bis zum Ende des Krieges im Jahre 1945 hin. In den ersten beiden Teilen hat die Autorin die Darstellung der Absichten und Handlungen der Deutschen von denjenigen der Juden noch getrennt und in separaten Kapiteln oder Abschnitten untersucht. In Teil III, wo die systematische Vernichtung im Zentrum steht, überstürzen sich die Ereignisse, es entsteht ein "dynamischer Wechsel von Aktion und Reaktion", so dass eine separate Behandlung der deutschen und der jüdischen Belange nicht mehr angezeigt ist.

In ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe unterstreicht Yahil, dass die Auseinandersetzung mit der Shoah und die Wege zur Erforschung dieser "belastenden Vergangenheit" sich in Deutschland in einer "sprunghaften und spannungsvollen Weise" entwickelt hätten. Dabei finde dieser innerdeutsche Diskurs statt zwischen den "ewig Gestrigen, die diese Vergangenheit rekonstruieren und neu beleben wollen", denen, die sie "nicht wahrhaben oder zumindest nicht erinnert haben wollen", und denen, die sich ihr "auf unmenschliche Weise stellen". Gleichgültigkeit sei jedenfalls kaum zu finden. Gleichwohl merkt sie kritisch an, dass "Auschwitz" zu einem Symbol für die moderne Menschheitskatastrophe geworden sei. "Wie jedes Symbol ist es in Gefahr, politisch benutzt, mißbraucht und verfälscht zu werden." Gleichwohl sei das große Bedürfnis vieler bemerkenswert, sich der Vergangenheit der Shoah mittels der persönlichen Zeugnisse der Überlebenden zu stellen, was ein Anzeichen dafür sei, in welchem Maße sich die Shoah als zentrales, einschneidendes und nicht hintergehbares Ereignis des 20. Jahrhunderts erwiesen habe.

Grundsätzlich erfordere die Auseinandersetzung mit dem Grauen der Shoah Zurückhaltung, aber die heillose Botschaft lasse sich nicht übermitteln, ohne sich mit jenen zu identifizieren, die "durch das tiefe Tal des Todes gingen". Leni Yahils persönliches Bekenntnis am Ende ihrer Einleitung mag als Schlusswort für die in den internationalen Feuilletons ausgefochtenen Debatte um Norman Finkelsteins Buch "The Holocaust Industry" dienen: "Ich habe versucht, ihre Stimmen hörbar zu machen, die Stimmen derer, die das Schicksal zu Gefangenen eines Geschehens machte, über das sie keinerlei Kontrolle hatten; geängstigte Menschen, die gekämpft und geirrt haben, die verzweifelten, die sich ergaben und die sich behauptet haben. Deshalb wurde dieses Buch, ein Produkt der Forschung und des Denkens, - um es mit Kierkegaard zu sagen - mit 'Furcht und Zittern' niedergeschrieben." Leni Yahils Studie ist mittlerweile in den USA wie auch in Israel zum Standardwerk über die Shoah geworden. Es wäre wünschenswert, dass ihr ein ähnlicher Erfolg auch in Deutschland beschieden ist. Dies könnte dazu beitragen, die Erosion der geschichtlichen Realität im Bewusstsein der heutigen Kultur und die rasante Fahrt der Holocaust-Industrie, der es längst nicht mehr um das historische Datum des "Holocaust" geht, aufzuhalten. Vielleicht wird man dann in Zukunft nicht mehr nur über Versatzsteine aus dem Vokabular des medialen Kitsches reden müssen, sondern kann sich wieder Inhalten zuwenden, so provokant sie auch sein mögen.

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Y. Michal Bodemann: Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung.
Rotbuch Verlag, Hamburg 1996.
210 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3880224625

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Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden 1933-1939. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Pfeiffer.
Verlag C. H. Beck, München 1998.
458 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3406448712

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Leni Yahil: Die Shoah. Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden.
Luchterhand Literaturverlag, München 1998.
1055 Seiten, 65,40 EUR.
ISBN-10: 3630879950

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Slavoj Žižek: Ein Plädoyer für die Intoleranz.
Passagen Verlag, Wien 1998.
101 Seiten,
ISBN-10: 3851653270

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Peter Longerich: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung.
Piper Verlag, München 1998.
772 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3492037550

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Tjark Kunstreich: Ein deutscher Krieg. Über die Befreiung der Nation von Auschwitz.
Ca ira Verlag, Freiburg 1999.
80 Seiten, 6,10 EUR.
ISBN-10: 3924627649

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Salomon Korn: Geteilte Erinnerung. Beiträge zur deutsch-jüdischen Gegenwart.
Philo Verlagsgesellschaft, Berlin 1999.
200 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3825701417

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Michael Lentz: Oder.
edition selene, Wien 1999.
158 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3852660866

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Petra Steinberger (Hg.): Die Finkelstein-Debatte.
Piper Verlag, München 2001.
201 Seiten, 15,20 EUR.
ISBN-10: 3492043283

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Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts.
Übersetzt aus dem Englischen von Andreas Hofbauer.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
500 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3518583042

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Ernst Piper (Hg.): Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie? Zur Auseinandersetzung um Norman Finkelstein.
Unter Mitarbeit von Usha Swamy.
Pendo Verlag, Zürich 2001.
211 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 385842403X

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