An die geistige Internationale. Aufruf an Romain Rol­land

Das Forum. Jg. 3, November 1918

Von Wilhem Herzog

Verehrter Romain Rolland, erst jetzt, am 21. Tage der deutschen Revolution, kann ich befreiten Herzens Worte an Sie rich­ten. Wir haben uns durchgerungen. Das durch harte Unterdrücker versklavte und gefesselte Deutschland ist aufgestanden. Die Orgie der Machtanbetung ist beendet. Der sich frech als Übermensch brüstende Typus des mittelalterlichen Gewaltpolitikers ist mit Schimpf davonge­jagt. Wir atmen auf. Deutschland ist wieder ehrlich gemacht. Als man Sie vor jetzt fünf Jahren fragte: „Ist in Deutschland eine Revolution möglich?“ und das erste Heft des Forum – April 1914 – Ihre Antwort in deutscher Sprache veröffentlichen durfte[1], erschraken viele Bürger über Ihre prophetischen Worte. Wie sie seit jeher vor allem erschrecken, was der Möglichkeit, ihr herkömmliches Leben fortzusetzen, widerspricht. Sie sa­hen schon damals deutlich den Konflikt, der in dem Mißverhältnis wurzelte zwischen dem deutschen Geist von ehedem und einem feudalen, veralteten Regime, das diesen Geist erstickt. Und die klaren Worte, die Sie äußerten, wurden wahr: „Wenn die deutsche Revolution nicht eingedämmt wird durch die kluge Politik eines Kaisers und Kanzlers, die ihr unerschütterlich die Richtung geben müßten, statt sie zu bekämpfen (und die politische Geschicklichkeit scheint keineswegs ihre Sache zu sein), wenn sie gewaltsam ihre Erfüllung finden wird, dann wird sie durch ihr Ungestüm alle Revolutionen in den Schatten stellen, die wir in Frankreich durchge­macht haben“. Sie führten weiter aus – und hierin hat sich in dem Jahrfünft, wir müssen gestehen durch un­sere Schuld, nichts geändert – man wüßte in Frankreich nicht genau, bis zu welchem Grade der Freiheit sich in Deutschland eine Blüte des Geistes durchgerungen hätte. Die Franzosen seien noch in dem Glauben befangen, daß wirkliche Geistesfreiheit nur in Frankreich zu finden sei. Diesen Irrtum bekämpften Sie. Ihnen, als Kenner der geistigen Internationale, waren die Kräfte in Deutschland nicht verborgen geblieben. Sie wiesen darauf hin: „Die Geister, die in Deutsch­land (und auch in England, wo sie zwar weniger zahlreich, aber nicht weniger unerschrocken sind) einmal die Ehrfurcht vor der Macht – vor sämtlichen Mächten – zerrissen haben, errei­chen eine Verwegenheit politischer, sozialer und moralischer Freiheit, die nichts mehr aufhält und bereit ist, die letzten Verträge über den Haufen zu werfen und mit Füßen zu treten. Verträ­ge, mit denen selbst die Freiesten unter uns noch verknüpft bleiben aus Gewohnheit, Gesellig­keitstrieb, Klugheit, Bedürfnis nach Gleichgewicht oder aus gutem Geschmack.“ Wir haben endlich die Ehrfurcht vor den alten Mächten zerrissen. Wir waren verwegen ge­nug, die letzten Verträge, die ihre Brutalität uns auferlegte, über den Haufen zu werfen und mit Füßen zu treten. Und als Sie vor drei Monaten Ihren Ruf an einen der Unsrigen richteten, und in einem Brief an Jean Longuet Ihrer Hoffnung auf eine deutsche Revolution Ausdruck ga­ben[2], da fühlten Sie gewiß schon die Kräfte und Leidenschaften, die sich mit Notwendigkeit am Ende dieses Weltendramas entladen mußten. Mit Recht erwarteten Sie die Befreiung des deutschen Volkes nicht von den feindlichen Armeen, sondern allein von der deutschen Revolu­tion. Aber seien wir ehrlich: diese Revolution wäre nicht gekommen ohne Ihre feindlichen Ar­meen: Dieses Volk mußte – wie einer seiner größten Söhne vor dreißig Jahren es voraussah – erst durch eine Niederlage gehen, bevor es sich den Weg zur Freiheit bahnen konnte. Irrege­führt durch eine falsche und verbrecherische Ideologie, berauschte es sich an Götzen, die über Nacht zertrümmert wurden. Endlich will Geist Macht werden. Auch in Deutschland. In einer Zeit, wo die verbrecherische Losung galt: „Macht geht vor Recht“, oder gar „Macht ist Recht“, nahmen einige wenige Köpfe in Deutschland Partei für das Recht gegen die Macht. Sie, Romain Rolland, halfen uns dabei. Helfen Sie uns auch jetzt! Errichten wir die Internationale des Geistes. Geist als Macht. Und eins mit Gerechtigkeit und Güte. Wer diese Forderung sentimental oder utopistisch tauft, werde gebrandmarkt von uns und ausgeschieden aus der Schar der Kämpfer. Bei dem Befreiungs­kampf der Menschheit, der nun beginnt, wollen wir den Abbau des Mittelalters beschleunigen. Wir wollen die Institutionen, die Vorurteile, die Ungerechtigkeiten, die Privilegien beseitigen, die sich der Entfaltung des Menschen bisher entgegenstellten. Wir wollen bei diesem ungeheu­ren Werke keinerlei Rücksichten kennen. Wir wollen jedoch – eingedenk der berauschenden Größe unserer Idee – auch die Methoden der Machthaber von gestern verachten. Wir wollen die von Lüge und Brutalität vergiftete und durchseuchte Welt entgiften. Nicht ein Paradies glauben wir aus diesem Jammertal machen zu können, sondern gesicherte Stätten der Arbeit. Auf Verträgen und Recht aufgebaute Beziehungen der Völker. Ein nicht ewig bedrohtes Dasein aller Menschen. Mit Freude und Genuß und Ruhe für jedes Wesen, das Menschenantlitz trägt. Noch ist kein Grund zu jubeln. Die Errungenschaften der Revolution müssen erst gesichert werden. Wir fühlen gleich Ihrem Viktor Hugo, als er 1878 seine große Rede auf Voltaire hielt, daß von nun an die oberste leitende Macht des Menschengeschlechtes die Vernunft sein wird, sein muß. Allen paradoxalen und spielerischen Geistern, jenen Verwandlungskünstlern und Pionieren der Gesinnungslosigkeit gegenüber, bekennen wir uns zu einigen absoluten Wahrhei­ten. Ja, wir nehmen den Schimpf auf uns, „Weltverbesserer“ höhnisch genannt zu werden. Un­ser Ziel sei es: Victor Hugos Imperativ: „Déshonorons la guerre!“ zu verwirklichen. Dieser Krieg muß, wird der letzte sein. Wir sehen, überall waren Männer am Werk, die der Vernunft zu dienen sich bemühten. Sie alle hatten dasselbe Ziel. Sammeln wir uns endlich. Es gilt, dem einzig berechtigten Imperialis­mus, dem der Idee, dem Eroberungstrieb des Geistes und der Menschlichkeit, zum Triumphe zu verhelfen. Die Grundlage ist gegeben. Die Atmosphäre ist gereinigt. Erfüllen wir die arme zer­quälte Menschheit mit den Ideen der Güte und Gerechtigkeit. Lassen Sie uns als Vernunftwesen wie die Jünger Christi an die Dreieinigkeit – an die Gerechtigkeit glauben. Und ketten wir dem Willen die Macht an. Lassen Sie uns die Arbeiter aller Länder zusammenrufen. Organisieren wir endlich die Armee des Geistes. Und vereinen wir uns mit den Proletarierheeren. Die bisher Verfehmten, Verbotenen oder Eingekerkerten werden unsere Führer sein müssen. Schon beginnt die Welt, die Ideologen von gestern als die Realpolitiker von morgen zu erkennen. Aber wieviel an geistiger Vorbereitung ist noch nötig! Wieviel Legenden gilt es zu zerstören, wieviele Gebiete sind aufzuklären, wieviele Gehirne sind zu reinigen, wieviel Schutt ist abzutra­gen! Und wie wenig ist bisher geschehen! Kaum daß mit den Aufräumungsarbeiten begonnen wurde. In seinen Reden und Manifesten hat uns der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die zunächst anzustrebenden Ziele gezeigt.[3] Beginnen wir jetzt gemeinsam – nach dem Sturz eines Systems der Menschenfeindschaft und Menschenverachtung – an der Ver­wirklichung jener Ziele zu arbeiten, die in einem vielgerühmten, aber kaum gelesenen Entwurf Immanuel Kant aus Königsberg vor hundertfünfundzwanzig Jahren zwar aufstellen, aber nicht einmal anstreben konnte.[4] Wir müssen weiter vordringen. Was dürfte jetzt noch die Versöhnung der Völker hindern? Eigennutz? Mißtrauen? Alte Feindschaft? Beseitigen wir die Vorurteile und den etwa noch schwelenden Haß gegen das Regime eines hart gestraften Volkes. Das Regime ist tot. Die berufenen Führer des internationalen Sozialismus finden noch immer nicht den Weg, die Interessen der hinter ihnen stehenden Massen zu vereinen. Wir wollen, da Weltgewissen, Ent­schlußkraft, Vernunft befehlen, nicht hinter ihnen herhinken. Anfeuern wollen wir alle, die mattherzig oder schwach geworden sind. Und aufrufen die junggebliebenen, leidenschaftli­chen Seelen, die der Menschheit dienen wollen. Wir hoffen auf Sie, Romain Rolland! Die Zeit ist gekommen. Wir grüßen Sie als Vorkämpfer der internationalen Armee des Geistes. Wir war­ten auf ihren Ruf. Am 21. Tage der deutschen Revolution.

Wilhelm Herzog.

Erstdruck und Vorlage für  die erneute Veröffentlichung: Wilhelm Herzog: An die Geistige Internationale. Aufruf an Romain Rol­land. In: Das Forum 3 (1918/19), H. 1 (Oktober), S. 1-5. Der Brief leitet programmatisch das erste Nachkriegsheft des im September 1914 von der Kriegszensur verbotenen Forum ein. Laut redaktionellem Vermerk wurde dieses „Oktoberheft“ erst am 30.November abgeschlossen.
Auf den Brief folgt ein Rolland-Portrait Wilhelm Herzogs (S. 6-10), der schon in den Vorkriegs- und Kriegsheften des Forum mehrere Aufsätze dieses französischen Autors abgedruckt hatte. Rolland wurde während des Krieges (gestützt auch durch den ihm im November 1916 verliehenen Nobelpreis) im Schweizer Exil zur führenden Figur der pazifistischen Internationale. Im Jg. 3 (1918/19) des Forum ist Rolland nach dem Herausgeber Herzog der am häufigsten vertretene Beiträger.
[1] Romain Rolland: Ist in Deutschland eine Revolution möglich? (Antwort auf eine Rundfrage der franzö­sischen Zeitschrift La Vie). In: Das Forum 1 (1914/15), H. 1 (April), S. 28-30.
[2] „Ruf an einen der Unsrigen“ meint vielleicht den offenen Brief Rollands vom Oktober 1918 an Georg Friedrich Nicolai. Unter dem Titel Freistätten des Geistes später abgedruckt in: Das Forum 3 (1918/19), H. 4 (Januar 1919), S. 243-249. Der Brief an Longuet, den Führer der französischen Min­derheitssozialisten, wurde im November 1918 unter dem Titel Gegen den Siegeszug des bismarckschen Geistes abgedruckt in der Populaire.
[3] Der Friedensnobelpreisträger (1919) Woodrow Wilson gab den Friedensbemühungen vor allem mit der Verkündung der Vierzehn Punkte am 8.1.1918 entscheidende Impulse. Von den zeitgenössischen Sammlungen seiner Reden und Erklärungen s. etwa: Präsident Wilson. Der Krieg – Der Friede. Zürich 1918; Wilson. Das staatsmännische Werk des Präsidenten in seinen Reden. Berlin 1919.
[4] Gemeint ist Kants 1795 erschienene Schrift Zum ewigen Frieden. Unter dem Titel Kant und der Krieg war darauf im Dezemberheft 1914 des Forum (S.469-472) schon Karl Vorländer eingegangen.

Anmerkung der Redaktion: Das Dokument und die Editorischen Hinweise sind entnommen aus: Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910-1920. Mit Einleitung und Kommentaren herausgegeben von Thomas Anz und Michael Stark. Stuttgart: Metzler Verlag 1982 (Nachdruck 1990). Online auch als Sonderausgabe von literaturkritik.de erschienen und für Online-Abonnenten zugänglich seit dem 11.2.2016.