1968 aus der Perspektive einer Gallogermanistin

Ein ganzes Land steht still und denkt nach!

Von Marie-Hélène QuévalRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marie-Hélène Quéval

 Le Mans, 11.5.2018

Liebe Frau Koloch,

nos pensées se sont croisées! Neulich dachte ich an Sie, weil ich derzeit wieder die Übersetzungsstrategie von Johann Christoph Gottsched, seiner Frau Luise Adelgunde Victorie und ihrer Freunde untersuche.

Sehr gerne würde ich die Einladung annehmen, bin aber aktuell über die Maßen mit anderen Arbeiten beschäftigt. Meine Präferenz gilt dem Werk von Uwe Timm. Ich finde, seine Romane geben ein gutes Abbild der Situation eines jungen Studenten in München und anderswo ‒ eine éducation sentimentale et politique Ende der 1960er-Jahre. Aber würde das zu Ihrem Programm passen? Auch das Faible seiner Figur Ullrich für Flaubert im Roman Heisser Sommer würde meinem Beitrag die französische Note geben. An der DDR-Literatur hat mich der Einfluss der französischen Philosophie interessiert: Foucault, Derrida, Baudrillard, Gilles Deleuze, Guy Debord etc.

Die 68er-Zeit war nicht national und selbst der eiserne Vorhang konnte den intellektuellen Austausch nicht verhindern. Die Gelehrtenrepublik hat die Grenzen immer ignoriert.

Sonst bin ich leider nicht so jung, wie Sie meinen, und ich habe den berühmten Mai ’68 als Abiturientin in Marseille erlebt, habe also den Status der Zeitzeugin. Ich bin dankbar, dass ich diese Zeit erfahren durfte, und zwar in einem Alter, wo wichtige Weichen gestellt werden.

In Frankreich gibt es eine Retrospektive im Centre Pompidou (Mai 68 – Assemblée Générale). Seltsam zu sehen, wie die eigene Jugendzeit nun ins Museum geht…

Es war eine sehr bewegte Zeit, verwirrend, vor allem wenn man als junges Mädchen politisch nicht engagiert war. Man wurde, wie Thomas Brussig es perfekt ausdrückt, plötzlich in eine politische Welt hineingeboren. Die Panzer in Prag haben auch in Marseille ihre Wirkung nicht verfehlt.

Für mich war das ein Grunderlebnis: das Ende der Kindheit, die Entdeckung der Politik, eine Neugeburt. Wie gesagt, Uwe Timm hat diese Verwirrung beschrieben und mit seiner Anspielung auf Flauberts L’éducation sentimentale. Histoire d’un jeune homme (1869) trifft er den Kern.

Alles wurde plötzlich in Frage gestellt.
Nichts konnte so bleiben wie bisher.
Es war eine historische Zäsur.
Kein Bürger konnte sich entziehen.
Wir alle waren danach andere Menschen.

Ein einmaliges Erlebnis! Alles streikt: Die Schulen, Universitäten, Fabriken, Züge und Busse, nichts funktioniert mehr. Es gibt Versorgungsengpässe. Statt Konsum: Sonne und Licht und Freude. Alle reden miteinander. Ideen werden mitten auf der Straße frei ausgetauscht.

Ein ganzes Land steht still und denkt nach!

Herzlich,

Marie-Hélène Quéval

Département des études germaniques
Université du Maine
Avenue Olivier Messiaen
72085 Le Mans