Waren es wirklich die Väter?

Ein Kommentar

Von Albrecht GoeschelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Albrecht Goeschel

Häufig taucht in Beschreibungen und Erklärungen der „68er“, bei denen es sich wohl in erster Linie um ein Medienkonstrukt und dessen epigonenhafte existenzielle Adaptionen handelt, die These auf, es sei diesen wesentlich um die Autoritätskonflikte mit ihren Vätern gegangen ‒ transponiert etwa in die universitäre Professorenherrschaft, speziell mit dem Thema „Braune Universität“.

So einfach war die Sache leider nicht: Zunächst ist zu bedenken, dass viele der in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre authentisch Rebellierenden zu einer Generation gehörten, die ohne Väter groß wurde und eher Probleme mit ihren emotional überfordernden Müttern hatte. Die universitären und sonstigen bürokratisch-politischen Autoritäten waren Ersatzfiguren, ihre Provokation half bei der Bildung eigener Identität und wirksamer Immunisierung gegen die mütterlichen Umklammerungen. Die Themen der damaligen Jahre wie Hochschulreform, Notstandsrecht, Vietnamkrieg etc. waren auch Mittel der Selbstprojektion ‒ was ihrer Dringlichkeit keinen Abbruch tat und tut.

Im Klappentext zu meiner 1968 in der (gelben) „Reihe Hanser“ erschienenen Dokumentensammlung über die Entstehung der „Neuen Linken“ zwischen 1963 und 1965 habe ich dies so formuliert:

Dieser Band versammelt theoretische Texte, Programme, Manifeste und Plakate der „Neuen Linken“. Im Mittelpunkt der Zusammenstellung steht die Subversive Aktion, eine an den Theorien von Freud und Marx orientierte Gruppierung, deren Haupttätigkeit in die Jahre 1963 bis 1965 fiel.

Zu den wichtigsten Mitarbeitern der Subversiven Aktion zählten neben Frank Böckelmann und Dieter Kunzelmann auch Rudi Dutschke. Die Subversive Aktion übte entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und damit auf die Entwicklung in Berlin und in der Bundesrepublik aus.

Bedeutsamer denn je ist heute das Konzept der Subversiven Aktion. Zielte es doch darauf ab, den Schmerz über die unterdrückten Möglichkeiten in der repressiven Gesellschaft nicht so sehr aufs politisch-geographisch-ökonomische Firmament zu projizieren, sondern die dort auffindbaren Erscheinungen (Notstandsgesetze, Vietnamkrieg, Springerkonzern) allenfalls als Ansatzpunkte für eine Revolutionierung des „kolonisierten Alltags“ der Totalen Leistungsgesellschaft zu nehmen.

Dieser Band, der auch die Vorläufer, Abspaltungen und die Weiterentwicklung der Subversiven Aktion dokumentiert, schließt eine entscheidende Lücke in der bisherigen Darstellung der „Studentenrebellion“. Fußnoten und eine ausführliche Zeittafel ermöglichen eine Positionsbestimmung der Subversiven Aktion innerhalb der „Neuen Linken“.[1]

Es war mir schon damals nicht wohl dabei, wenn allenthalben die exzellenten Studien über „Autorität und Familie“ der Frankfurter Schule berufen wurden, um die damals tatsächlich stattfindende Konstituierung eines „neuen gesellschaftlichen Subjekts“ reichlich unvermittelt mit eben den Ergebnissen dieser Studien zu begründen. Die gesellschaftliche Lage und die subjektiven Befindlichkeiten waren aber andere als diejenigen in den dreißiger Jahren.

Ich hatte die damalige Selbstherstellung eines neuen gesellschaftlichen Subjekts, bei der die dumpfige Berliner Polizei, im krassen Unterschied zur „modernen“ Münchner Polizei, wertvolle Hilfe leistete, in einer Veröffentlichung zusammen mit Frank Böckelmann, Bernd Rabehl u. a. als „Spiel-Identität“ bezeichnet.[2] Für mich war schon damals die Erklärung weit weniger bei „Ödipus“ als bei „Narziss“ zu suchen. Ich habe das dann zusammen mit Anselm Heyer und Gertraud Schmidbauer in den 1971 in der edition suhrkamp erschienenen Beiträgen zu einer Soziologie der Polizei näher ausgeführt.[3]

Die Wiederkehr der verschlingenden Mütter als brutale Hausfrau Merkel und die Hilflosigkeit des linken Milieus gegen deren Kommunikationsfallen gibt in diesem Zusammenhang zu denken: Sie hat erfolgreich mit ihrem scheinethischen Flüchtlingsputsch das kritische Denken stillgelegt und durch „Gesinnung“ ersetzt, das Kinderzimmer in „gut“ und „böse“, wahlweise „links“ und „rechts“ unterteilt.

Dies war nur möglich mit einer „Linken“, die schon als „68er“ ihre bildungskleinbürgerlichen Lebensziele mit aufwändigen Moralkonstruktionen „überbauten“.

Prof. (Gast) Albrecht Goeschel
Staatliche Universität Rostov
Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale Verona
Pers. Beauftragter des Botschafters der Republik Angola a.D.
Postfach 11 27
D-83247 Marquartstein am Chiemsee

Anmerkungen

[1] Albrecht Goeschel (Hrsg.): Richtlinien und Anschläge. Materialien zur Kritik der repressiven Gesellschaft, München: Hanser 1968 (2., durchges. u. erg. Aufl. 1970), Auszug aus dem Klappentext.

[2] Albrecht Goeschel: Verwissenschaftlichte Herrschaft und Spiel-Identität. Dargestellt am Verhältnis von Polizei, Bewußtseinsindustrie und „Neuer Linker“, in: Republikanische Verlagsgesellschaft [Fellbach/Stuttgart] 1, [1968], S. 19‒31. Weitere Beiträge stammen von Frank Böckelmann („Thesen zum Selbstverständnis der antiautoritären Opposition“), Manfred Esser („In besonderer Kürze: Kulturrevolution“), Bernd Rabehl („Zum Begriff der revolutionären Realpolitik ‒ Versuch einer Kritik am Anarchismus Cohn-Bendits“) und Rolf Schwendter („Maximen und Reflexionen zur Praxis der antiautoritären Linken“).

[3] Albrecht Goeschel, Anselm Heyer und Gertraud Schmidbauer: Beiträge zu einer Soziologie der Polizei 1, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971. Der angekündigte Folgeband 2 erschien 1976: Albrecht Goeschel, Joseph Lechner u. Ulrich Walczuch: Notizen zu Ökonomie, Soziologie und Geschichte der Polizei, München: Verlag für Rechts- und Sozialordnung 1976 (2., überarb. Aufl. 1977). Albrecht Goeschel: Gesellschaftsordnung, Wirtschaftsweise, Raumgliederung und Staatsgewalt: Anmerkungen zur Entwicklungsgeschichte der Polizei in Deutschland [1977]. Hrsg. von der Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale / Akademie und Institut für Sozialforschung, Verona, URL: http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2014/06/goeschel_polizei.pdf (2013).