Deutsche Nachkriegsgermanistik ohne Nullpunkt

Ein Sündenfall wird rezensiert

Von Jürgen BabendreierRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Babendreier

Inhalt

1. Hamburg 1958
    1.1. DIE ZEIT: Deutsche Germanistik als Sündenfall
    1.2. Deutscher Germanistenverband
2. Kommentatoren
    2.1. Albert Malte Wagner
    2.2. Friedrich von der Leyen
    2.3. Hamburger Germanisten
3. Rezensenten
   3.1. Max Rychner
   3.2. Helmuth de Haas
   3.3. Ulrich Werner Weisstein
4. Panorama. Eine deutsche Zeitung
   4.1. Ernst Loewy –1959 als Rezensent
   4.2. Ernst Loewy – 1956 als Remigrant
   4.3. Ernst Loewy – Exil als Heimat / Heimat im Exil
5. Revolutionärer Konservatismus
Anmerkungen

1. Hamburg 1958

Wir sind in Hamburg. Hamburg ist geographischer Ausgangspunkt. Dort in Hamburg, der Hafenstadt mit „sündiger Meile“ und Sitz einer überregional agierenden Presse, werden sie zuerst plakativ thematisiert, die Sündenfall genannten Verfehlungen. Gewiss, von den einen nur behauptet, von den anderen heftig bestritten, werden sie von noch anderen schlicht verschwiegen oder geleugnet. Aber nicht, wie man jetzt naiv denken könnte, von der Reeperbahn nachts um halb eins ist im Hamburger Wochenblatt DIE ZEIT damals die Rede[1], sondern von seiner noch relativ jungen Universität, die im Mai 1944 ihr 25-jähriges Bestehen feierte und schon im Wintersemester 1945 ihren Lehr- und Lernbetrieb hatte wiederaufnehmen können. Nicht die Realitäten auf Hamburgs sündiger Meile geben Anlass zur Diskussion, sondern die institutionelle Situation in Hamburgs zwei Germanischen Seminaren und deren personelle Vergangenheit.

Erzählbeginn ist das Jahr 1958. Erzählt wird von Verfehlungen, von Gravamina, die im Zuge der darob einsetzenden Diskussion biblisch konnotierte Dimensionen annehmen werden. Es geht um literarische und um wissenschaftliche Erkenntnis, präziser: um die Weigerung der Nachkriegsgermanistik, vom Wahrheit verheißenden Baum historischer Selbsterkenntnis zu essen, auf dass sich sowohl rückblickend wie fortan unterscheiden ließe zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen richtiger Methode und falscher Anwendung, zwischen tradiertem Lehrangebot und aktuellem Ausbildungsbedarf, zwischen Traditionsballast und Neuanfang.

1.1. DIE ZEIT: Deutsche Germanistik als Sündenfall

Zum Hintergrund: Im November und Dezember 1958 wird in einer fünf Folgen umfassenden ZEIT-Serie (Wie man in Deutschland Deutsch studiert?) von Rudolf Walter Leonhardt (1922‒2003), dem damaligen Feuilleton-Chef der ZEIT, das fragwürdige Selbstverständnis der Germanistik kritisch thematisiert.[2] Es hagelt Leserbriefe. Offensichtlich war es publizistisch opportun, den kritischen und kritisierten Sachverhalt nicht nur als flüchtigen Zeitungsartikel zu vermarkten. Denn mit der Neugier weckenden Schlagzeile Der Sündenfall der deutschen Germanistik erscheint die Serie ein halbes Jahr später in der Kulturschriftenreihe des Züricher Artemis-Verlages auf 55 Seiten für 3,80 DM, vom Verfasser selbst bezeichnet als „Pamphlet“, als „Streitschrift“, als „Schmähschrift“, aber auch als „Liebesgedicht“ (S. 5).[3]

Die mit ihrer Wortwahl auf biblische Parallelen anspielende Titelgebung der Broschüre mag irritieren. Denn: Der biblische Sündenfall, die sogenannte Ursünde, sie zielte im Kern ja auf Erkenntnisgewinn. Der Sündenfall der Nachkriegsgermanisten aber, er zielt, so der implizit von Leonhardt erhobene Vorwurf, auf Erkenntnisverweigerung. Das beide Fälle verbindende Tertium comparationis ist also nicht das epistemologische Verlangen nach Erkenntnis (des Guten oder Bösen, des Wahren oder Falschen), sondern die metaphorische Dimension der Sünde, das fach- und generationsübergreifende Unheil der „Erbsünde“[4] (S. 32).

Die Liste der in der besagten fünfteiligen ZEIT-Serie an die Nachkriegsgermanistik gerichteten Monita ist lang. Der mit der Leserneugier spekulierende Vorwurf des Sündenfalls aber wird nur einmal und nur in einem einzigen Zusammenhang erhoben, nämlich dem der frühen Verankerung des noch jungen Faches und seiner führenden Vertreter in völkisch konnotierter Germanenideologie. Folgt man der grob von Leonhardt skizzierten Geschichte der Germanistik als wissenschaftlicher Disziplin, so sei zu konstatieren, dass sowohl die strengen mit und von Karl Lachmann (1793–1851) gelegten editorischen Textgrundlagen als auch seine „humanistisch-humanitären Ideale der klassischen Philologie […] als geistige Grundlage für die neue Wissenschaft ungeeignet“ erschienen (S. 32). Und dieses Verdikt gelte gleichermaßen für den dann von Wilhelm Scherer (1841‒1886) und seinem Schüler Erich Schmidt (1853‒1913) objektivierend-ernüchternd praktizierten Positivismus.

„An ihre Stelle trat ein historischer Wert des 19. Jahrhunderts, der – das war die Erbsünde der ersten Germanisten – absolut gesetzt wurde: das ‚Völkische‘ bzw. ‚das Nationale‘“ (S. 32, kursiv im Original). „Germanisten und Historiker“ aber, so Leonhardt, „waren die einzigen, für die auch das kleinste politische Zugeständnis [an das NS-Regime] Verrat bedeuten mußte“ (S. 34). Zur Illustration dieser öffentlich-feuilletonistisch gehaltenen Fachkritik fallen Namen: August Sauer (1855–1926), Josef Nadler (1884–1963), Gustav Roethe (1859–1926) und vor allem Julius Petersen (1878–1941) inklusive der von seinem Ordinariat geprägten Berliner Schule.

Der im NS-Staat seinen Kulminationspunkt erreichende Sündenfall, er hat also eine Vorgeschichte. Und diese bis ins 18. Jahrhundert zurückreichende Vorgeschichte kreist um die sündhafte Interdependenz von a) der philologischen Liebe zum deutschen Wort mit b) der staatspolitischen Sehnsucht (Liebe) nach Konstituierung einer von deutschem Geist beherrschten Nation. Die Geschichte der Germanistik, ihre Entstehung und ihr Verlauf, sie ist mit der Geschichte der (Be-)Gründung eines deutschen Nationalstaates aufs Engste verwoben. Die deutsche Philologie hat immer mehr sein wollen als bloße Fachwissenschaft. Sie beansprucht und übernimmt, zumindest phasenweise, die politische Rolle einer „nationalen Führungswissenschaft“.[5] „Jede Kultur im höheren Sinne muß nationale Kultur sein“, lautet schon im Gründungsjahr 1912 das Credo des Deutschen Germanistenverbandes (DGV).[6]

Die spezifisch deutsche Erbsünde besteht also in der historisch gewachsenen Hybris der Hochschulgermanistik, sich als „nationale Wissenschaft“ positioniert[7] und als Werte- und Wesenswissenschaft[8] auf völkisch-nationalem Felde eine staats- und volkspolitische Führungsrolle beansprucht zu haben, die dann nach 1933 mit deren heteronomer Instrumentalisierung bzw. dem Verlust philologischer Fachautonomie zu bezahlen war. Mit dem Terminus „Grenzverwirrungen“ überschreibt neuere germanistische Fachgeschichte diese nicht nur diskursiven Prozesse wechselseitigen Übergriffs von Handlungsfeldern der Wissenschaft auf die der Macht(-Politik) et vice versa.[9]

1.2. Deutscher Germanistenverband

Das ZEIT-Narrativ vom germanistischen Sündenfall fiel nicht vom Himmel. Der exemplarischen Erzählung sind andere vorausgegangen, in denen als verhängnisvolles Detail die Erbsünde immer wieder durchscheint:

Am 23. März 1958 stirbt unerwartet früh 50-jährig der Hamburger Ordinarius für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft Hans Pyritz (* 1905). „Die Suche nach einem Nachfolger“, so Leonhardt, habe „die Germanistik ins Gespräch gebracht“ (S. 5). Im Herbst dann findet in Hamburg die Tagung des Gesamtverbandes der deutschen Germanisten (DGV) statt. Genauer gesagt vom 30. September bis zum 5. Oktober 1958. Es ist dessen fünfte Tagung nach seiner Nachkriegsneugründung im Jahr 1952. Man zählt fast 800 Teilnehmer/innen.

In seiner Eröffnungsansprache gedenkt der Erste Vorsitzende, Wolfgang Kayser (1906‒1960), des Verstorbenen und würdigt ihn, der die „geistige Atmosphäre, in der sich eine Germanistentagung in Hamburg vollzieht, so stark mitbestimmt“ habe, dessen Person „unvergeßlich sein“ und dessen Namen „auch künftigen Studentengenerationen lebendig bleiben“ werde. Pyritz’ philologische Herkunft wie auch die seines in Hamburg für (Ältere) Deutsche Philologie zuständigen Kollegen Ulrich Pretzel aus der damals den Denkstil und Fachdiskurs dominierenden und damit nationalkonservative Kontinuität und Mentalität demonstrierenden Berliner Schule ist den Teilnehmenden gewiss geläufig.[10] Die von Kayser als Sinn der Tagung und Aufgabe der Germanistik getroffene Zielsetzung, nämlich „in das Schrifttum als geistigen Raum der Nation einzuführen“, sie wird den anwesenden Nachkriegsgermanisten vertraut geklungen und anschlussfähig gewesen sein, stößt sie doch mit seinem die Begriffe[11] „Geist“, „Raum“ und „Nation“ umgreifenden Denkstil auf ein den Zuhörenden vertrautes, ab 1933 braun eingefärbtes Referenz- und Resonanzpotential.[12] Ein „völkischer Tonfall lässt sich kaum überhören“.[13]

Im wissenschaftsgeschichtlichen Rückblick wird man das Jahr 1958 mit seinem nicht etwa intern von professoralen Fachvertretern, sondern extern von journalistisch und literaturkritisch motivierten Außenseitern thematisierten und offen in der Zeitungsöffentlichkeit durchdiskutierten Sündenfall als Paradigmenwechsel wahrnehmen, als erstes Anzeichen eines diskursiven Bruches in der bislang reflexionsarm geführten und auf Tradition und Kontinuität bedachten Analyse der eigenen jüngsten, tiefbraun kontaminierten Fachhistorie. Jahre später würde dann 1966 auf dem Münchener Germanistentag in wenn auch nur vier Vorträgen (von insgesamt neunzehn), vor allem aber mit dem im Vorfeld heftig umstrittenen und von „Germanistik und Nationalsozialismus“ abgemildert zu „Nationalismus in Germanistik und Dichtung umformulierten Tagungsthema, der Sündenfall als tua res agitur und ureigene Aufgabe ‒ wenn auch widerstrebend ‒ in den fachhistorischen Diskurs integriert worden sein.[14]

Kritik am bis dahin erreichten Diskussionsstand nicht nur aus konservativer, sondern auch aus antifaschistischer Feder lässt übrigens nicht lange auf sich warten.[15] Ohnehin wird das Thema germanistische Vergangenheitsbewältigung vom Ost-West-Konflikt und von der Existenz abweichender Denkmodelle aus einem zweiten, anderen Deutschland und einer ostdeutschen Germanistik, wenn auch nicht ideologisch unterlaufen, so doch vielfach biographisch mitbestimmt.

In Hamburg, unserem topographischen Ursprung des „Sündenfalls“, signalisieren im November 1967 zwei Mitglieder des Hamburger ASTA mit ihrer demonstrativen Entblößung der Ordinarienuniversität („Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“) den symbolischen Beginn der Studentenbewegung und der 1968er-Proteste. Im Vergleich zu dieser bildmächtigen Eruption verblassen die seinerzeit auf Leonhardts „Pamphlet“ (S. 5) reagierenden Leserbriefe, Rezensionen und Kommentare. Sie wirken wie eine Randnotiz, ein verhaltenes Vorspiel nur. Rückblickend sind sie kaum mehr als Indizien einer sich ankündigenden Revolution, Rebellion und Revolte zu erkennen. Obwohl damals allein die Absicht Leonhardts, das Treiben der Germanistik zur ZEIT-Frage zu erheben, „keineswegs beruhigend, sondern wie Benzin auf Feuer“ wirkte (S. 6). Davon später mehr. Und noch einmal von Anfang an.

2. Kommentatoren

2.1. Albert Malte Wagner

Am Beginn der durch die Rede vom „Sündenfall der deutschen Germanistik“ provozierten Irritationen steht ein Leserbrief. Er stammt von einem „Prof. Dr. Albert Malte Wagner, London“ und moniert den „beklagenswerten Umstand, daß das Hakenkreuz auch heute noch über der deutschen Germanistik schwebt, nicht so sichtbar wie früher, aber darum um so gefährlicher“.[16] Er, Wagner, müsse feststellen, daß die „größere Anzahl der heute an den deutschen Universitäten lehrenden Germanisten“ der (siehe oben) ideologisch diskreditierten Berliner Schule entstammten. Die bevorstehende Hamburger Tagung des deutschen Germanistenverbandes aber gebe diesem jetzt Gelegenheit zur Umkehr, sofern er „klar und bündig“ feststelle: „Wir müssen alles anders machen, in jeder Hinsicht“.

Nun, dieser Leserbrief hat eine Vorgeschichte, die den reflexiven und soziohistorischen Referenzrahmen in der jetzt einsetzenden Diskussion über den beklagenswerten, ja katastrophalen Zustand der deutschen Germanistik und dessen historische Ursachen verschiebt und erweitert. Lag der Fokus des Sündenfalls bislang auf der mentalen, fachlichen, politischen oder gar persönlichen Verflechtung der Germanistik und ihrer Akteure mit nationalsozialistischen Positionen, so zwingen der Leserbrief, dessen Anlass und die Person seines Schreibers dazu, die Orientierungsgrenzen und Interpretationsmuster zu überdenken, den Referenzrahmen neu zu justieren.

Für Leonhardt ist Albert Malte Wagner, auch er übrigens mit Bezügen zu Hamburg, ein „ehemals gefürchteter Theaterkritiker“, ein „vielleicht persönlich verbitterter Mann“ (S. 6), der „mit greiser Hand zum Keulenschlag gegen die Germanistik ausholte“ (S. 30).[17]

Leonhardt individualisiert also dessen punktuell vielleicht nicht unberechtigte Fachkritik: Er räumt ein, sie sei „nicht völlig aus der Luft gegriffen“ (S. 6), im gleichen Atemzug reduziert er sie auf biographische, primär in der Person des Schreibers liegende Unzulänglichkeiten. Er ergänzt diese individuellen Persönlichkeitsmerkmale zwar durch geographische Bezugspunkte: „später Ordinarius der Germanistik in Jena und heute Lehrer in London“ (S. 6), verschweigt aber, dass sich hinter dem aktuellen Aufenthaltsort London die Emigrationsgeschichte eines deutsch-jüdischen Gelehrten verbirgt. Und dass sich hinter dem damals ostzonalen Stichwort Jena das von Leonhardt selbst kurz zuvor in der ZEIT thematisierte und von Wagner in seinem umstrittenen Leserbrief gewiss aufgrund seiner eigenen Jenaer Erfahrungen aufgegriffene Phänomen rigider staatlicher Eingriffe in die akademische Freiheit verbirgt.

Die Universität Jena feierte Ende August 1958 ihr 400-jähriges Bestehen. Auf Latein gehaltene Einladungen gingen in die ganze Welt, nicht aber an die FU Berlin. Die Westdeutsche Rektorenkonferenz reagierte irritiert und beschloss schließlich, die geplante Feier zu boykottieren. Aus ihrer Sicht war der politisierte, ideologisch auf den Sozialismus verpflichtete Staatsakt nicht mit akademischer Freiheit und einer nur autark zu feiernden humanistischen Universitätstradition zu vereinbaren.[18]

Der Sündenfall der deutschen Germanistik kann mithin nicht gelesen werden, ohne das scheinbar spurlose Verschwinden des Jüdischen[19] aus (nicht nur) der westdeutschen Germanistik. Und er kann auch nicht gelesen werden, ohne die forciert praktizierte Verdrängung humanistischer Traditionen im ostdeutschen Sozialismus zu registrieren und diese im Kontext der Grenzverwirrungen zwischen Politik und Wissenschaft mitzudenken. Acht Jahre später wird Eberhard Lämmert auf dem Münchener Germanistentag „als Nebenergebnis die besonderen faschistoiden Züge des DDR-Kommunismus“ ansprechen.[20]

2.2. Friedrich von der Leyen

Keine erste Rezension, aber ein hausintern und redaktionell konzipiertes „Schlußwort zu einer ZEIT-Polemik“ kommt nach unmittelbarem Erscheinen des Sündenfalls der deutschen Germanistik anlassbezogen „von Friedrich von der Leyen (1873–1966), dem Senior der Hochschullehrer für deutsche Literatur“. Die Redaktion und er machen die Buchausgabe groß zur Überschrift, versehen sie aber gleichzeitig mit einem deutlichen Fragezeichen.[21] Die aufgeworfenen „umstrittenen Fragen“ und der „wiederholte, temperamentvolle Angriff sollte[n] nicht unbeantwortet bleiben“. In der Tat sei die deutsche Philologie dem „Nationalismus stärker und gründlicher verfallen als andere Wissenschaften“. Schon im 19. Jahrhundert habe sich „die deutsche Philologie oft der Politik und der nationalen Sehnsucht verschrieben“. Dass die Universitäten einst vor der „Macht“ der Regierung „in die Knie gesunken“ und „ihr gegenüber zu abhängig und unterwürfig geworden“ seien, das sei in der Tat der „tiefste Sündenfall, auch der deutschen Philologie“ gewesen. Wie schon Leonhardt nennt auch von der Leyen einige Namen aus dem Kreis jener wissenschaftlich untadelig Qualifizierten und nur politisch „Verblendeten und Verwirrten“, erwähnt Josef Nadler, Gustav Roethe, Julius Petersen und konzediert den Einfluss der Berliner Schule. Aber mit deren Vorherrschaft sei es inzwischen vorbei: „Wirklich, es ist vorbei“. Als „Heilung […] von innen“ empfehle er, sich als Hochschule, als Wissenschaftler und Philologe „von der Politik fernzuhalten“, um so die frühere „stolze Unabhängigkeit und die reine Sachlichkeit wieder zu gewinnen“.

Und in der Tat: Das Selbstverständnis der Germanistik hatte sich gewandelt: Mit einer auf ästhetische Autonomie und politische Abstinenz setzenden werkimmanenten Interpretation haben sich in der ersten Phase der Nachkriegsjahre „die Germanisten einer sie belastenden Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit entziehen“ wollen.[22] „Der Sündenfall, der war einmal“, lautet von der Leyens Fazit. Nur wenige Jahre später wird genau diese Methode ihrerseits zum „Hauptschimpfwort“ und unter Studienanfängern als eine „der größten Sünden“ gelten.[23]

Für die ZEIT zählte von der Leyen zu den „unbelasteten Universitätslehrern“. Zwanzig Jahre später wird man zum 600-jährigen Jubiläum der Universität Köln eine „unfestliche Rede“ halten, die akribisch das unverbesserlich antisemitische und zeitlebens zutiefst völkisch-nationale Denkbild des Kölner Ordinarius für Ältere Germanistik und Volkskunde und seine „Nähe zu und partielle Deckungsgleichheit mit Grundlagen faschistischer Ideologie“ dokumentiert.[24]

2.3. Hamburger Germanisten

Schon bevor der „wohl älteste unter den noch lebenden deutschen Germanisten“ 85-jährig aus dem Ruhestand das Wort ergriff und noch bevor die ZEIT ihre Artikelserie ankündigte[25], reagierte der berufsaktive Teil der Profession. „Wir müssen alles anders machen“, diese als polemisch empfundene Leserbriefaufforderung eines emigrierten und emeritierten Germanisten, sie ist nicht nur, so Leonhardt, „Nullpunkt-Romantik“ (S. 38), sie bedarf vielmehr berufsinterner Beschlussfassung. Und so steht der Fall Wagner formell und offiziell als Punkt 4 auf der Tagesordnung der Hamburger Abschlusssitzung des Deutschen Germanistenverbandes. Der erste Vorsitzende Wolfgang Kayser teilt den Anwesenden mit, dass es „zu dem unsachlichen und beleidigenden Leserbrief“ bereits eine „Richtigstellung“ und „zwei Erwiderungen“ gebe.[26] Weder dem Faktengehalt der jeweils vorgebrachten Behauptungen noch den Dementis kann an dieser Stelle nachgegangen werden. Was auffällt, ist die antiautoritäre, von der Hamburger Germanistik gewählte Diskursordnung: Auf den Vorwurf („Angriff“ genannt) Wagners, „daß das Hakenkreuz auch heute noch über der deutschen Germanistik schwebt, nicht so sichtbar wie früher, aber darum um so gefährlicher“, antworten ausgewogen demokratisch, aber in gewiss auch zu vermutender loyaler Abhängigkeit, drei Hamburger Germanisten: Prof. Dr. Ulrich Pretzel (1898‒1981) als Direktor des Germanischen Seminars, Dr. Wolfgang Monecke (1922‒1964) als (dessen) wissenschaftlicher Assistent am Germanischen Seminar[27] und, in gleichsam drittelparitätischer Vorwegnahme, als einer ihrer beider Studenten stud. phil. Wolfgang Buhr (* 1936). Dass in deren Positionen ein national gefärbter (Lokal-)Patriotismus mitschwingt, mag zeitbedingt der immer noch völkisch unterlegten Resonanzkonstellation geschuldet sein.[28]

Schon bald, ab Mitte 1959, reagiert auch die an Germanistik interessierte und in Germanistik involvierte Öffentlichkeit auf den Sündenfall. Und zwar zuerst und primär die von Leonhardt neben Hochschullehrern und Deutschlehrern als dritte Germanisten-Fraktion angesprochene Gruppe der Literaturbetrieb und Literaturkritik repräsentierenden „Literaten“ (S. 17, 35). Sie rezipiert das Thema auf eben jenen journalistischen Medienplattformen, die zu betreten den Universitätsgermanisten damals nicht status-, nicht standesgemäß und weder wissenschaftlich noch moralisch geboten zu sein schien (S. 44).[29]

3. Rezensenten

3.1. Max Rychner

Als erster reagiert Leonhardts Schweizer Kollege Max Rychner (1897‒1965), leitender Redakteur der Züricher Tageszeitung TAT. Frage man nach dem „führenden literarischen Kritiker heute“, so falle sein Name (S. 35, 46). Sein Beitrag erscheint im Juni 1959. Rychner thematisiert allerdings nur Leonhardts Untertitel, also seine „Vorschläge zur Wiederbelebung des literarischen Bewusstseins in der Bundesrepublik“, vermeidet jede der aktuell Anstoß erregenden Dimensionen politischer Erinnerung und übergeht jeden historischen Sündenfall.[30] Aus seinen abgehobenen, vergeistigten Zeilen spricht pathetisch die kulturkonservative Sehnsucht nach einem der Nation verloren gegangenen klassizistischen Raum, einem „Ort der Ordnung, […] wo erkennend gereinigtes Leben hoher Abkunft sich, und wäre es umdunkelt, hinüberzuretten vermag in Tage, die ihm Entfaltung gewähren“.[31]

Wenig später, im August 1959, erscheint dann auch in der westdeutschen Zeitungspresse eine erste, von Rychner inspirierte Rezension und zwar in einer süddeutschen Monatszeitung, betitelt Panorama. Deren Untertitel weckt national-konservative Assoziationen: „Eine deutsche Zeitung für Literatur und Kunst“. Der Verfasser, Ernst Loewy (1920‒2002), ist jüdischer Remigrant aus Israel und zu jenem Zeitpunkt Leiter der Judaica-Sammlung der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek. Auf ihn und seinen Beitrag wird, kursorische Beiläufigkeit vermeidend, abschließend in extenso zurückzukommen sein.[32]

3.2. Helmuth de Haas

Einen Monat später, im September, mischt sich der Journalist Helmuth de Haas (1927‒1970) in der Hamburger Tageszeitung DIE WELT in die Debatte ein. „Überfüllung westdeutscher Hochschulen“ und „katastrophale Zustände“ seien öffentlich beklagt worden.[33] „Selbstverschleiß an nationaler Substanz“ nennt de Haas dieses Organisationsdesaster und thematisiert die real-praktischen, Studienplanung und Forschungsorganisation, Raum- und Personalausstattung, Ordinarienhierarchie und Prüfungsregeln betreffenden Studienaspekte aus Leonhards Beitrag. Aspekte, deren Bedeutung von der Leyen im Mai zwar nicht negiert, aber ihnen lediglich den Status von „nur Versäumnissen, nicht einmal Verfehlungen“ zugebilligt hatte.[34] Von dem, um mit den Worten von der Leyens zu sprechen, „wirklichen Sündenfall der Germanistik“ aber, von der ideologischen Verstrickung derselben, davon bei de Haas kein Wort: „Denn die Öffentlichkeit interessiert sich […] nicht mehr für den germanischen Sündenfall einiger Germanisten“, ihr gehe es um den heutigen „Selbstverschleiß nationaler Substanz“, sprich: um die Behebung von Effizienzdefiziten.

3.3. Ulrich Werner Weisstein

Von Seiten der Hochschulgermanistik kommt die erste und einzige Reaktion aus den USA, und zwar von der Indiana University in Bloomington. Sie erscheint 1960 in den Monatsheften aus der Feder von Ulrich Weisstein (1925‒2014).[35] Seine Rezension unterscheidet sich sprachlich und thematisch von allem, was zuvor geschrieben worden war. „Leonhardts Vorschläge zur Hochschulreform“, von denen bei Helmuth de Haas in der Welt vor allem zu lesen war, bei Weisstein nun sollen sie „hier unerwähnt bleiben“. Denn Leonhardt habe ein zentraleres Anliegen: Es gehe um Aufarbeitung der „jüngsten Vergangenheit“. Den ideologischen Sündenfall der Germanistik anzusprechen, sei eine „Frage der Wiedergutmachung“ und keinesfalls als „Erscheinungsform des auch heute so beliebten Revolverjournalismus abzutun“. Sich „mit dieser kitzligen Materie öffentlich auseinanderzusetzen“, dazu gehöre Mut und es bleibe „bedauerlich, daß die deutschen Germanisten erst heute dazu kommen, ihre schmutzige Wäsche zu waschen“. Eine solche „geistige Denazifizierung aber wäre Voraussetzung für die innere Wandlung der Disziplin“. Ulrich Weisstein redet Klartext, er spricht, würde Leonhardt sagen, „konkretes Deutsch“ (kitzlig, schmutzig, Denazifizierung). Seine Worte bewegen sich weder philologisch noch philosophisch auf jener terminologisch abgehobenen „allzu beliebten Ebene abstrakter Unverbindlichkeiten“ der fachüblichen Wissenschaftsgermanistik (S. 11), wie sie in Feuilletons kritisiert zu werden pflegt.

Ein Blick auf die Biographie des Verfassers erlaubt es, den möglichen Interpretationshintergrund, das denkbare Bezugsystem und den historischen Referenzrahmen seiner unverblümt-direkten amerikanischen Außensicht auf die deutsche Germanistik nachzuvollziehen.

Der von 1959 bis 1990 an der Indiana University auf dem Grenzgebiet zu Kunst und Musik lehrende Germanist und Komparatist Ulrich Werner Weisstein wurde im heutigen Wrocław geboren und ist „le fils d‘une famille bourgeoise partiellement juive“. Er überlebte im Untergrund und emigrierte 1950 nach ein paar Semestern Universitätsstudium an der Goethe-Universität in Frankfurt in die USA. Aus dem „exilé de Breslau“ wurde ein „internationaliste exilé“.[36] Die in dem Leserbrief des Auslandsgermanisten Wagner geübte Redeweise, sie wurde von den Hamburger Kollegen als ungute Stimmungsmache, als maßlos übertrieben, als unerlaubt und verallgemeinernd heftig kritisiert. Sie disqualifiziere den Verfasser.[37] Diese konkrete, kein Blatt vor den Mund nehmende Sprach- und Sprechhaltung aber, sie ist auch dem Auslandsgermanisten Weisstein eigen.

Es sei deshalb die Hypothese gewagt, dass sich vor dem biographischen Hintergrund jüdischer Exilerfahrung der narrative Referenzrahmen und damit der Sprachduktus ändern, und zwar derart ändern, dass ES endlich einmal gesagt werden muss, dabei aber Gefahr läuft, als der Sache unangemessen daheim Anstoß zu erregen.[38] Unverblümt vom Muff unter den Talaren wird in Hamburg erst eine halbe Generationsfolge später (1967) gesprochen werden.

Dass ein durch jüdische Provenienz, durch Exilierung oder Emigrationserfahrung determinierter Referenzrahmen den Denkstil, die Redeweise und die thematische Fokussierung von germanistisch affizierten „Literaten“ (S. 17, 35, 47) erkennbar konturieren, das ist also die anhand der Beiträge von Albert Malte Wagner und Ulrich Weisstein entwickelte Hypothese. Um sie zu verifizieren, so die heuristische Strategie, soll abschließend ein Blick auf eine Rezension geworfen werden, die ein gewisser Ernst Loewy zu Leonhardts Sündenfall im August 1959 in der Monatszeitung Panorama veröffentlich hatte.[39] Um es gleich vorwegzunehmen: Die Strategie führt nicht zu verbalen Konfrontationen, sondern zu konservativer Integration.

4. Panorama. Eine deutsche Zeitung

Die in Speyer im Oswald Dobbeck Verlag im Quartformat erscheinende Monatszeitung zählt in der Sekundärliteratur zur Gruppe der pluralistischen, aktuelle Kunst- und Kulturfragen thematisierenden Blätter. Erkennbar sei eine „stark pazifistische“ und mit DDR-Positionen sympathisierende Haltung.[40] Die Redaktion selbst betont, „unabhängig“ zu sein, sowohl (kultur-)politisch wie wirtschaftlich und „weder nach links noch nach rechts konformistisch“ Partei ergreifen zu wollen und ergriffen zu haben. Dieser dezidierte Unabhängigkeitsanspruch aber sei leider in einer geistigen Welt, die inzwischen in „Schwarz-Weiß-Manier“ in regierungsfromme Konformisten und linientreue Kommunisten zu zerfallen beginne, ein Zeichen von weltfremder „Lebensuntüchtigkeit“, welche nicht (mehr) honoriert werde. [41] Die Zeitung stellt Ende 1961 ihr Erscheinen ein. Intellektueller Nonkonformismus rechne sich nicht.

Es gibt diskursive Konvergenzen zwischen dem Zeitungsprofil und der Biographie ihres Verlegers Oswald Dobbeck (1892‒1957), der im Laufe seines Lebens seine ideologische Unabhängigkeit in gleich mehreren, aufeinander folgenden Politepochen mit Diskriminierungen und schließlich 1933 mit schweren, zur Erblindung führenden Schäden hat bezahlen müssen.[42] Der Autor Ernst Loewy nutzt mit Panorama also offensichtlich ein autonomes, unabhängiges und ihm deshalb publizistisch adäquates Forum, dessen qualifizierende Eigenschaft es gleichzeitig ist, „eine deutsche Zeitung“ zu sein.

Seine Rezension des Sündenfalls ist übrigens nicht die erste und auch nicht die einzige seiner auf dieser Verlagsplattform veröffentlichten, von Selbstreflexion und kulturkritischer Positionsbestimmung zeugenden Beiträge. Seine das Wort „deutsch“ nicht scheuende Thematik ist erinnerungspolitisch akzentuiert. Sie kreist um die Frage nach einer sowohl abgrenzenden wie gemeinsamen jüdisch-deutschen Identität. In zwei frühen, 1958 bei Dobbeck erschienenen „engagierten Artikeln“ beklagt Loewy die „in der BRD herrschende Ignoranz gegenüber der Exilliteratur, vor allem innerhalb der für sie zuständigen Wissenschaft“. Er klagt zu Recht, denn: „Ein Echo fanden diese Artikel nicht“.[43]

Wir halten inne und ziehen eine Zwischenbilanz: Die deutsche Germanistik hat zwar, beginnend mit Leonhardt, bei sich und ihrer Fachdisziplin einen Sündenfall ideologischer Art ausgemacht, also gleichsam eine diskursive, historisch gewachsene, in den 1930er-Jahren dann eskalierende politische Indienstnahme, darüber aber verdrängt, dass die Exklusivität dieses von ihr exklusiv beanspruchten „geistigen Raums der Nation“[44] auf mörderischer Grenzziehung, auf Amputation und Exklusion aller geistig Nichtdeutschen beruht. Im apperzeptiven Bezugs- und Orientierungsrahmen des aus Literatur und Publizistik, aus Schul- und Hochschulgermanistik gespeisten literarischen Bewusstseins haben deutsches Exil, deutsche Emigration und die Chiffre Auschwitz (noch) keinen im kollektiven Gedächtnis verankerten semantischen Ort. Auch der Terminus „Holocaust“ ist noch nicht als Menetekel etabliert.

4.1. Ernst Loewy –1959 als Rezensent

Als Ernst Loewy an seiner Rezension des Sündenfalls schreibt, ist er über dessen bisheriges Medienecho informiert. Leonhardt habe, so Loewy, „eine Reihe recht heißer Eisen angefaßt“, seine Finger „auf eine Reihe wunder Stellen“ gelegt. Aber, den Namen und die Gedanken Max Rychners aufgreifend, dessen Rezension aus der Tat er gelesen hat und zudem zitiert, auch ihm geht es nicht um Bewältigung von konkreten Sündenfällen aus der Vergangenheit, sondern, wie schon in seinem Untertitel Leonhardt und wie schon Rychner in seiner Überschrift, es geht ihm um literarisches Bewusstsein, präziser, um dessen Fehlen, und um dessen zukünftigen kulturellen Ort und, genauer, auch hier um dessen Fehlen. Es geht letztendlich, so Loewy, um einen „Mangel an ‚Nation‘“. Der damit angedeutete literarische Kontext, er führt, Rychner aufgreifend und als Verweisungszusammenhang dessen Zitat und seinen Urheber zitierend, zu Hugo von Hofmannsthal und dessen berühmter Rede Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation aus dem Jahre 1927.[45]

Spätestens hier entsteht für den germanistisch gut Vorgebildeten ein anderer, bislang unbeachteter Traditionszusammenhang, der nicht vereinfachend, wie beim obigen Kayser-Zitat bislang unterstellt, als Resonanzraum an die nationalsozialistische Revolution anknüpft, sondern zu einem semantisch abweichenden, nicht tagespolitisch, sondern geschichtsphilosophisch fundierten Denkmodell führt, das als „konservative Revolution“ Eingang in den literarischen Diskurs gefunden hat.[46]

Wer war Ernst Loewy? Eine kurze biographisch akzentuierte Skizze seines soziographischen Hintergrundes und seines beruflichen und literarischen Werdegangs wird es erlauben, sich seiner Rezension und deren Redeweise hermeneutisch anzunähern.

Geboren am 25. April 1920 in Krefeld, ist Ernst Loewy, als er 1959 über die Germanistik nachdenkt, 39 Jahre alt. Er besitzt keine höhere Schulbildung, nicht einmal einen gültigen (Real-)Schulabschluss, kann sich nicht (wie Leonhardt) auf universitäre Studienerfahrungen berufen, ist verheiratet, hat zwei Söhne und er hat einen Brotberuf. Seit 1957 ist er in bibliothekarischer Funktion, aber ohne bibliothekarische Formalqualifikation, Amtsleiter der altbekannten Judaica-Sammlung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main.[47] In der Bibliothekshierarchie „war meine Stellung eine schiere Unmöglichkeit“. Er sei zwar Bibliothekar gewesen, aber „ohne Rang und ohne Titel. Ein Luftmensch, wie er nirgendwo im Buche steht.“[48] Seine ausgezeichnete, ihn auszeichnende Stellung verdanke er primär seinen (übrigens arg unvollkommenen) Hebräisch-Kenntnissen und seiner jüdischen Provenienz. Die aufgrund dieser beiden Fakten erfolgte berufliche Positionierung aber, sie habe für ihn „etwas Demütigendes“ gehabt. „Irgendwie fühlte ich mich mißbraucht“, denn nicht wegen, sondern trotz seiner Hebräisch-Kenntnisse und nicht wegen, sondern trotz seines Judeseins sei er 35-jährig Ende 1956 nach zwanzig Jahren zurückgekehrt. Er, der von seinen Eltern im Alter von 15 Jahren im März 1936 im Rahmen der Jüdischen Jugendhilfe (Jugend Alijah) nach Palästina verschickt und ausgewandert war und dort in der Fremde nach Kibbuz-Zeiten und Buchhandelslehre zuletzt bibliothekarisch gearbeitet hatte.

4.2. Ernst Loewy – 1956 als Remigrant

Warum aber war Ernst Loewy zurückgekehrt? Und wohin wollte er zurückkehren? Jenes Sozial- und Staatsgebilde, jene deutsche Nation also, aus der er rechtzeitig vor drohender Exilierung, ja Ermordung, hatte fliehen können, existierte nach 1945 nicht mehr, weder als politische Einheit noch als soziale oder kulturelle Identität. Leonhardts „Sündenfall der deutschen Germanistik“ war zwar von diesem global formuliert worden, zielte aber allein auf die westdeutschen Verfehlungen unter Ausschluss Österreichs, der Schweiz und vor allem unter Ausschluss des literarischen Lebens in der ostdeutschen DDR (S. 10). Letztere hatte sich, zumindest aus kapitalistisch-westdeutscher Sicht, durch die dortselbst praktizierte Bedrohung der akademischen Freiheit (siehe oben zum Fall Jena) ohnehin moralisch und ideologisch disqualifiziert. Aber genau dorthin, in die DDR, hatte Loewy Ende 1956 nach seinem Grenzübertritt in Basel und Zwischenstopp in Süddeutschland weiterreisen wollen. „Kurz. Wir wollten nach Ostberlin“. Loewy sah in der DDR „jenes Deutschland, das das Erbe des Exils angetreten hatte“. Dass er, der seinerzeit der kommunistischen Partei nahestand, „ausgerechnet in der BRD wieder Boden unter die Füße bekam, sei „eher ein Zufall“ gewesen.[49]

Kontrafaktisch wäre es also zu unterstellen, Loewy habe in der BRD mit deren Literatur und mit deren Germanistik einen „Teil jenes ‚geistigen Raums der Nation‘, der nach Hofmannsthal die Literatur bildet oder doch wenigstens bilden sollte“, gefunden. Im Gegenteil, er konstatiert vielmehr mit Leonhardt ein Fehlen, einen „zur Wiederbelebung“ aufrufenden Mangel an literarischem Bewusstsein,[50] einen Mangel, den schon Hofmannsthal beklagte und durch einen von ihm konservative Revolution genannten Prozess zu heilen hoffte.

Eine mögliche Antwort auf die Frage, warum Loewy remigrierte, führt über Max Rychner, zurück zu Hugo von Hofmannsthal und zu dem von diesem in kryptisch-abgehobenen Sätzen beschriebenen Prozess der geistigen, nicht nach „Freiheit“, sondern nach „Bindung“ strebenden Suche. Ziel dieser Suche ist bei Hofmannsthal die „Bildung einer wahren Nation“ durch Überwindung aller den politischen Geist und das geistige Leben polarisierenden Zweiteilungen.[51] Rychner umschreibt dieses Ziel als Suche nach der „Wiederherstellung eines zerstörten Lebens“ und nach einer „Hauptstadt als geistiger Konzentrationsstätte“, in der Literatur der Rang eines notwendigen Lebenselements zukäme. Und Leonhardt? Auch ihm scheint das literarische, in Literaturbetrieb und Literaturkritik, in Schul- und in Hochschulgermanistik zerfallende Leben „zerstört“ (S. 39). Er sucht nach Synthese, will „irgendeine Form (und am besten: mehrere Formen) der Zusammenarbeit“ (S. 45). Der ideologische Sündenfall der Germanistik, im gesamtliterarischen Kontext wird er zu einem Monitum unter vielen anderen.

4.3. Ernst Loewy – Exil als Heimat / Heimat im Exil

Und auch Ernst Loewy ist ein Suchender: „Auf Gedeih und Verderb mit der deutschen Sprache verbunden“ und in dem Glauben, „dass es ein ‚anderes Deutschland‘ gebe, das es aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüberzuretten gelte“, kehrt er aus dem Orient, dessen Sprache, Landschaft und Kultur ihm fremd geblieben waren, zurück in „den deutschen Sprachbereich“, einen geistigen Raum, der ihm schreibend, lesend, studierend jene kulturelle Identität ermöglichen würde, die von ihm „nur in meiner Muttersprache“ gedacht werden konnte.[52] Allein, auf seiner Suche nach historischer und kultureller Identität findet Loewy weder in Palästina noch in Ost oder in West eine Heimat. Ziel seiner Remigration war es, „nicht irgendwo wiederanzuknüpfen, […] als vielmehr neu anzufangen, und dies keineswegs da, wo wir seinerzeit hatten abbrechen müssen“.[53] Als verständliche, aber illusionäre „Nullpunkt-Romantik“ hat Leonhardt einen solchen Zielentwurf bekanntlich bezeichnet (S. 38). Was Loewy geblieben ist und was er, öffentlich gewürdigt,[54] aktiv gelebt und publizistisch gestaltet hat, war ein ständiges Leben „zwischen den Stühlen“.[55] Ein Leben, dessen Stigma, dessen den germanistischen Sündenfall dauerhaft dokumentierendes Wund-, Brand- und Schandmal EXIL heißt.

Der Sündenfall der deutschen Germanistik bestand, so haben wir grob gesagt, in deren willfähriger politischer Instrumentalisierung. Die im Mai 1933 auch von germanistischer Professorenschaft positiv mit Reden begleiteten Bücherverbrennungen und deren Thesen „Wider den undeutschen Geist“ gipfeln bekanntlich u.a. in der philologisch falschen, politisch aber gewollten Aussage: „Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er“. Folge dieser definitorischen Ausgrenzung, dieser verbalen Enteignung von Sprache und Geschichte, ist deren konsensual politisch wie germanistisch aktiv vollzogene Umsetzung in soziale Praxis. Sie führt zur faktischen Existenz einer deutschen Exilliteratur. Dass „nahezu die gesamte nennenswerte Gegenwartsliteratur einer Nation“ ins Exil getrieben wurde, desgleichen habe „es vorher nicht gegeben“.[56] Exilliteratur wird für Loewy zur Chiffre für das (ursprünglich für ihn und viele Antifaschisten von der DDR) repräsentierte „andere Deutschland“. Exil, das steht zwar einerseits und anfangs für Fremdheit, Entwurzelung, Vereinsamung, gerät aber schon in der Diaspora zum „Refugium, von dem aus dereinst, wie man hoffte, der Weg in die befreite Heimat würde angetreten werden können“. Die Exilliteratur entwickelt sich dialektisch zum Symbol einer imaginären, gleichsam exterritorialen, „doch der Heimat verpflichteten Daseinsform“.[57]

5. Revolutionärer Konservatismus

Dieser maßgeblich von Loewy initiierte und begleitete Prozess der dialektisch reflektierten Umwandlung von Fremde in Heimat und der Integration der Exilliteratur in den germanistischen Kanon aber, sie geschieht mit deutlichen Verzögerungen, ja es sei „Tatsache, daß 1945 die Re-Integration der Exilliteratur im wesentlichen ausgeblieben“ sei. Die NS-übliche Ausgrenzung habe nach 1945 aus „Ignoranz“ (siehe oben) stillschweigend und ohne Nullpunkt schlicht und einfach fortbestanden. Erst Anfang der 1970er-Jahre habe sich hier ein Paradigmenwechsel vollzogen.[58] Loewys Rezension fügt sich nicht in den kritischen, „Tacheles“ redenden und zum Teil harschen (Wagner) Sprachduktus seiner Mitgermanisten jüdischer Provenienz. Seine konservative Position besteht in dem „Wunsch, das Jüdische ‚bewahrt‘ zu sehen. […] ‚Bewahrung‘ verstanden als ‚Aufhebung‘, […] als Einbringung in ein gemeinsames größeres und humaneres Ganzes“.[59]

Anmerkungen

[1] Der Spielfilm Auf der Reeperbahn nachts um halb eins mit Hans Albers und Heinz Rühmann in den Hauptrollen entstand 1954. Mit den Realitäten auf „Hamburgs sündiger Meile“ habe er allerdings wenig zu tun, vermerkt ein Filmlexikon. Lothar R. Just, Ronald M. Hahn, Georg Seeßlen, Meinolf Zurhorst: Heyne Filmlexikon. 10 000 Filme aus 100 Jahren Filmgeschichte, München: Heyne 1996. S. 58.

[2] Die als fünfteilige, mit wechselnden Haupt-, aber identischem Untertitel (Wie man in Deutschland Deutsch studiert?) konzipierte Serie erschien in: Die Zeit 13 (1958), Nr. 47 vom 21.11.1958, S. 6; Nr. 48 vom 28.11.1958, S. 7; Nr. 49 vom 5.12.1958, S. 5; Nr. 50 vom 12.12.1958, S. 6; Nr. 51 vom 19.12.1958, S. 6. Angekündigt wird die Serie von „Leo“ (Leonhardt) in der Nr. 41 vom 10.10.1958, S. 5: „Was treibt die deutsche Germanistik? Eine Zeit-Frage wird angeschnitten“.

[3] Rudolf Walter Leonhardt: Der Sündenfall der deutschen Germanistik, Zürich, Stuttgart: Artemis 1959 (Kulturschriftenreihe des Artemis Verlages; 21). Die folgend im Fließtext hin und wieder eingefügten Zitate und Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe. Zu Leonhardts Schrift vgl. zuletzt: Roger Paulin: Antizipierend, aber ZEITgemäß. Rudolf Walter Leonhardts Sündenfall der deutschen Germanistik (1959). Eine Relektüre URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1144&ausgabe=51 [11.8.2018].

[4] In einem von ethischem Konservatismus dominierten Jahrzehnt mit dem sexualmoralisch anrüchig konnotierbaren Begriff „Sünde“ zu arbeiten, sei weniger theologischer Reflexion als vielmehr journalistisch inszenierter Provokation zuzuschreiben. So Christa Dericum in: R[udolf] W[alter] Leonhardt: Zeitnotizen. Kritik, Polemik, Feuilleton, München: Piper 1963, S. 9. Leonhardt pflege „überaus lästig“ seine Finger auf „wunde Stellen“ und „heikle Dinge“ zu legen, die „teils tabu, teils mit roten oder braunen Hypotheken belastet“ seien. Mit „Ein deutsches Sündenregister“ eröffnete Leonhardt eine Tour d‘Horizon durch deutsche Lande: Rudolf Walter Leonhardt: X-mal Deutschland, München: Piper 1961 (Panoramen der modernen Welt), S. 11, 15, 485. Nur das Urheberrecht verhinderte, dass eine weitere Publikation nicht als „Die Sündenböcke“ auf den Buchmarkt kam: Rudolf Walter Leonhardt: Wer wirft den ersten Stein? Minoritäten in einer züchtigen Gesellschaft, München: Piper 1969, S. 9.

[5] Jost Hermand: Geschichte der Germanistik, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1994 (Rowohlts Enzyklopädie; 534), S. 94, 99.

[6] Ebenda, S. 79. Jost Hermand zitiert aus dem damaligen Verbandsprogramm. Vgl. Klaus Röther: Die Germanistenverbände und ihre Tagungen. Ein Beitrag zur germanistischen Organisations- und Wissenschaftsgeschichte, Köln: Pahl-Rugenstein 1980, S. 127.

[7] Eberhard Lämmert: Germanistik – eine deutsche Wissenschaft. Beiträge von Eberhard Lämmert, Walther Killy, Karl Otto Conrady und Peter v. Polenz, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967 (Edition Suhrkamp; 204), S. 20.

[8] Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen – Literaturwissenschaft als Wesens- und Wertewissenschaft und als Wirklichkeitswissenschaft im Zeichen des „Volkes“, in: Gerhard Kaiser, Jens Saadhoff (Hrsg.), Spiele um Grenzen. Germanistik zwischen Weimarer und Berliner Republik, Heidelberg: Synchron 2009 (Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte; 14), S. 21–53.

[9] Vgl. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus, Berlin: Akademie Verlag 2008. Die Germanistik sei „zur Verkünderin nazistischer Durchhalteparolen“ geworden. Dergestalt drastisch formuliert bei Paul Gerhard Völker, Marie Luise Gansberg: Materialistische Literaturtheorie und bürgerliche Praxis, 4., teilw. überarb. Aufl. Stuttgart: Metzler 1973 (Texte Metzler; 16), S. 67.

[10] Vgl. Mirko Nottscheid, Myriam Richter: Hamburger Germanistik und „Berliner Schule“. Ulrich Pretzel und Hans Pyritz, in: dies. (Hrsg.), 100 Jahre Germanistik in Hamburg. Traditionen und Perspektiven, Berlin, Hamburg: Reimer 2011 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte; 19), S. 281–309. Die Forschung bezeichnet  den Sachverhalt kritisch als „Berufungskartell“ und „Berlin-Connection“. Vgl. Christa Hempel-Küter: Die Wissenschaft, der Alltag und die Politik. Materialien zur Fachgeschichte der Hamburger Germanistik, in: Petra Boden, Rainer Rosenberg (Hrsg.), Deutsche Literaturwissenschaft 1945‒1965. Fallstudien zu Institutionen, Diskursen, Personen, Berlin: Akademie Verlag 1997, S. 1‒33, hier besonders S. 25‒32.

[11] Gerhard Kaiser spricht von Scharnierbegriffen, die semantisch anschlussfähig, wert- und affektgeladen, zwischen fach- und Gemeinsprache vermitteln. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen (wie Anm. 8), S. 29f.

[12] Vgl. Wolfgang Kayser: Ansprache, in: Mitteilungen des Deutschen Germanisten-Verbandes 5 (1958), S. 3‒6, hier S. 4 und 6. Auch der Herausgeber des dreibändigen, ein „Gegenwartsbild der deutschen Philologie“ vermittelnden Werkes Deutsche Philologie im Aufriß, Wolfgang Stammler, definiert Germanistik semantisch fachübergreifend als Staatsdisziplin, als die „Wissenschaft vom geistigen Leben des deutschen Volkes“. Wolfgang Stammler: Deutsche Philologie im Aufriß, 2., überarbeitete Aufl., Bd. 3, Berlin: Schmidt 1962, Vorrede, S. V.

[13] Solchermaßen zu Kayser, allerdings in anderem Kontext, Wilhelm Voßkamp: Wolfgang Kayser (1906‒1960), in: Christoph König, Hans-Harald Müller, Werner Röcke (Hrsg.), Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, Berlin: De Gruyter 2000, S. 235‒238, hier S. 235.

[14] Benno von Wiese, Rudolf Henß (Hrsg.): Nationalismus in Germanistik und Dichtung. Dokumentation des Germanistentages in München vom 17.–22. Oktober 1966, Berlin: Schmidt 1967.

[15] Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Der hilflose Antifaschismus. Zur Kritik der Vorlesungsreihe über Wissenschaft und NS an deutschen Universitäten [Tübingen, LMU München, FU Berlin], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967 (Edition Suhrkamp; 236). Einen kompakten, aber zugleich detaillierten und die Quellen dokumentierenden Überblick über den damaligen Diskursverlauf gibt Hartmut Gaul-Ferenschild: National-völkisch-konservative Germanistik. Kritische Wissenschaftsgeschichte in personengeschichtlicher Darstellung, Bonn: Bouvier 1993 (Literatur und Wirklichkeit; 27), S. 21–73.

[16] Albert Malte Wagner: Wir müssen alles anders machen [Leserbrief], in: Die Zeit 13 (1958), Nr. 39 vom 26.9.1958, S. 22.

[17] Zum Zeitpunkt des Leserbriefes im September 1958 ist Wagner 71 Jahre alt. Kurzbiographie: Geboren am 16.11.1886 in Hamburg, dort auch Schule und frühe Lehr- und Berufstätigkeit. Gestorben 75-jährig am 1.2.1962 in London. Emigration bereits im April 1932, ab 1934 in London, Remigration in die DDR 1949, Hochschullehrer an der Universität Jena 1949–1951, dann (Zwangs-)Emeritierung. Erneute Emigration nach England 1955. Zu Details: Gabriele Pleßke: Weltbild wider das „Dunkelmännertum“. Der jüdische Gelehrte Albert Malte Wagner, in: Diagonal. Zeitschrift der Universität Siegen 2001, H. 2, S. 73–89. Vgl. auch das Lemma: Wagner, Albert Malte, in: Christoph König (Hrsg.), Internationales Germanistenlexikon, Bd. 3, Berlin: De Gruyter 2003, S. 1969–1971. Leonhardt erwähnt Albert Malte Wagner in seinen Zeitnotizen, er gilt ihm dort als einer seiner „schweren Fälle“ (wie Anm. 4, S. 286).

[18] [Rudolf Walter] Leo[nhardt]: Was bedeutet akademische Freiheit? in: Die Zeit 13 (1958), Nr. 35 vom 29.8.1958, S. 4. Der Rektor der Jenaer Universität, der Dermatologe Josef Hämel (1894–1969), hatte am 21.8.1958, zehn Tage vor Eröffnung der Feierlichkeiten, die DDR republikflüchtig verlassen. Die westdeutsche Presse frohlockte. Vgl. Claudia Siegling: Prof. Dr. med. Josef Hämel (1894–1965). Leben und Werk, Diss. Jena 2005, S. 35–48. Zum Ablauf auch Tobias Kaiser: Das Universitätsjubiläum 1958, in: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik 13 (2008), S. 15–17.

[19] Leonhardt veröffentlicht in seiner Broschüre abschließend eine redigierte Auswahl von auf die ZEIT-Serie hin eingegangenen, „Protest und Zustimmung“ signalisierenden Briefen (S. 51–55), u.a. von der Tochter des Germanisten Sigmund Feist, welcher, wie sie schreibt, der Berliner Schule nicht „germanisch“ genug gewesen sei (S. 53f.). Was im Falle Feists sowie im gesamten Textkorpus der Leonhardt-Broschüre auffällt, ist die komplette, gleichsam stillschweigende Vermeidung von aus der Wortfamilie „Jude/jüdisch“ geschöpften Verbalisierungen, also deren textuelle Auslöschung. Siegmund Feist (1865–1943) war Jude.

[20] Eberhard Lämmert: Germanistik (wie Anm. 7), S. 33.

[21] Friedrich von der Leyen: Sündenfall der deutschen Germanistik? Das Schlußwort zu einer ZEIT-Polemik, in: Die Zeit 14 (1959), Nr. 21 vom 22.5.1959, S. 7. Alle nachfolgenden ZEIT-Zitate ebenda.

[22] Jost Hermand: Geschichte der Germanistik (wie Anm. 5), S. 119. Vgl. auch Karl Otto Conrady (wie Anm. 7), S. 84f: Die werkimmanente Interpretation sei „auch ein willkommenes Mittel zur Flucht aus den politisch-ideologischen Verstrickungen des Dritten Reichs“ gewesen.

[23] Lutz Danneberg: Zur Theorie der werkimmanenten Interpretation, in: Wilfried Barner, Christoph König (Hrsg.), Zeitenwechsel. Germanistische Literaturwissenschaft vor und nach 1945, Frankfurt am Main: Fischer 1996, S. 313–342, hier S. 313, 316.

[24] Karl Otto Conrady: Völkisch-nationale Germanistik in Köln. Eine unfestliche Erinnerung, Schernfeld: SH-Verlag 1990, besonders S. 56–76, Zitat S. 72. Dass von der Leyen sich 1936 „gehorsamst“ (S. 58) genötigt gesehen hatte, aufgrund jüdischer Abstammung seiner Frau um seine vorzeitige Emeritierung nachzusuchen – sie erfolgte im Januar 1937 –, hinderte ihn nicht, zeitlebens unbeirrt im Superlativ („deutschesten“) für Deutschtum und rechte Deutschheit (S. 62, 75) das Wort zu ergreifen.

[25] Sündenfall der deutschen Germanistik? (wie Anm. 21); Was treibt die deutsche Germanistik? (wie Anm. 2).

[26] Harald Krieger: Schlußprotokoll der Sitzung des Gesamtverbandes am 2. Oktober 1958, in: Mitteilungen des DGV (wie Anm. 12), S. 11–14, hier S. 11f. Die drei Leserbriefe erscheinen unter der Überschrift Malte Wagner ging zu weit in: Die Zeit 13 (1958), Nr. 40 vom 3.10.1958, S. 20.

[27] Vgl. Ulrich Pretzel: Zum Andenken an Ulrich Monecke, [Hamburg 1964]. https://www.hpk.uni-hamburg.de/resolve/id/cph_person_00001192  [11.8.2019]

[28] Zu dem von Wagner als Gewährsmann zitierten Germanisten Eric Lunding aus Aarhus heißt es z.B. bei Buhr: „Solche dänischen ‚Stimmen‘ braucht man nicht ernst zu nehmen“, zu fragen sei vielmehr, ob dahinter nicht „immer noch ein altes Ressentiment“ stehe (Leserbriefe, wie Anm. 26).

[29] In der Gruppe der Hochschulgermanisten des DGV müssen 1965 „Lamentationen über den ‚publizistischen Notstand‘ [und] die ‚Diktatur der ZEIT‘“ gefallen sein. So ein Zitat bei Karl Otto Conrady: Miterlebte Germanistik. Ein Rückblick auf die Zeit vor und nach dem Münchner Germanistentag von 1966, in: Diskussion Deutsch 19 (1988), S. 126–143, hier S. 141.

[30] M[ax] R[ychner]: Literarisches Bewußtsein. Zu einem Versuch seiner Wiederbelebung, in: Tat. Schweizerische unabhängige Tageszeitung 24 (1959), Nr. 173 vom 27.6.1959, S. 13. Der Artikel erscheint später auch in: Max Rychner: Bedachte und bezeugte Welt. Prosa, Gedichte, Aphorismen, Aufsätze, Darmstadt, Hamburg: Agora 1962 (Agora; 16), S. 166–173, und gekürzt unter dem Titel Hochmut der Literatur in: Ex libris. Beiträge aus Literatur und Kunst 17 (1962), Nr. 6, S. 5f.

[31] Max Rychner: Literarisches Bewusstsein Hamburg 1962 (wie Anm. 30), S. 173.

[32] Ernst Loewy: Vom Sündenfall der deutschen Germanistik. Zu einem Pamphlet über die Wiederbelebung des literarischen Bewußtseins, in: Panorama. Eine deutsche Zeitung für Literatur und Kunst 3 (1959), Nr. 8, S. 8.

[33] So Richard Alewyn: Nichts mehr zu erwarten von der Germanistik, in: Die Welt, Nr. 168 vom 23.7.1959, S. 9. Es handele sich, so Die Welt, um eine „unverblümte Darstellung“, die Alewyn am 15.6.1959 als Rektor der Universität Bonn der Presse gegeben habe. Anlass: die Verbandstagung der Deutschen Studentenschaften. Vgl. Richard Alewyn: Bericht über die Lage der Germanistik, in: Deutsche Universitätszeitung 14 (1959), S. 496–498.

[34] Helmuth de Haas: Der Sündenfall der deutschen Germanistik, in: Die Welt, Nr. 206 vom 5.9.1959, unpaginiert.

[35] Ulrich Weisstein: Der Sündenfall der deutschen Germanistik [Rezension], in: Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur 52 (1960), S. 90f. Die nachfolgenden Zitate ebenda.

[36] Francis Claudon: Ce qui ne saurait se dire, il faut le chanter: Ulrich Werner Weisstein (né en 1925), in: Revue de Littérature comparée 87 (2013), S. 219–227, Zitate S. 219, 221, 223. Im Nachruf der Indiana University findet sich allerdings nicht der kleinste Hinweis zu seiner Verfolgungs- und Exilerfahrung: http://webapp1.dlib.indiana.edu/bfc/view?docId=B40-2016 [11.8.2019]

[37] Vgl. die bibliographischen Hinweise in Anm. 26.

[38] Zum semantischen Umbau von wissenschaftlichen Redeweisen und Leitbegriffen vgl. die Einleitung bei Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen (wie Anm. 9), S. 3–41.

[39] Vgl. Anm. 32.

[40] Janet K. King: Literarische Zeitschriften 1945–1970, Stuttgart: Metzler 1974 (Sammlung Metzler; 129), S. 45, 53. Das Panorama erschien von April 1957 (Jahrgang 1) bis Dezember 1961. Ab Jahrgang 1961, Nr. 6, änderte es sein Format in Oktav und seinen Untertitel „Eine deutsche Zeitung für Literatur und Kunst“ in: „Zeitschrift für Literatur und Kunst.

[41] C[arl] A[ugust] Weber: Grabrede, in: Panorama 5 (1961), S. 253–255.

[42] Alexandra Stock: Oswald Dobbeck Verlag Speyer. Eine Studie zur Speyerer Verlagsgeschichte, Facharbeit Speyer 1993, S. 3–5. Dank an Armin Schlechter für Hinweis und Hilfe.

[43] Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen. Essays und Autobiographisches aus 50 Jahren, Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1995, S. 68. Dort auf S. 71 die bibliographischen Koordinaten der zitierten beiden Beiträge. Eine systematische autoptische Durchsicht von Panorama und Deutsche Woche nach dort fallweise auch mit Pseudonym (s. S. 259, 398) erschienenen Beiträgen Loewys war logistisch nicht möglich.

[44] Siehe oben Wolfgang Kayser in Anm. 12.

[45] Max Rychner: Literarisches Bewusstsein Hamburg 1962 (wie Anm. 30), S.170f. Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation. Rede, gehalten im Auditorium Maximum der Universität München am 30. Januar 1927. Zugeeignet Karl Vossler, dem Rektor der Universität, in: ders.: Gesammelte Werke. Hrsg. von Dieter Lamping, Bd. 1,. Düsseldorf, Zürich: Artemis 2003, S. 632–649, hier S. 649.

[46] Vgl. Oswalt von Nostitz: Zur Interpretation von Hofmannsthals Münchener Rede, in: Für Rudolf Hirsch. Zum siebzigsten Geburtstag am 22. Dezember 1975, Frankfurt am Main: Fischer 1975, S. 261–278, hier S. 273. Zum durchaus zwiespältigen, braun kontaminierten und ideologisch instrumentalisierten Denkbild zuletzt: Gerhard R. Kaiser: „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“? Zum Problem der Tradition – im Blick auf Hugo von Hofmannsthal, in: Acta Germanica. German Studies in Africa 24 (1996), S. 35–63.

[47] Über seine dortige, judaistisch geprägte Tätigkeit erscheint von ihm, ebenfalls im August 1959, ein Beitrag in der Frankfurter Rundschau, abgedruckt in Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen (wie Anm. 43), S. 356–359. Zu weiteren Einzelheiten seiner Biographie vgl. Wolfgang Benz: Deutsche Juden im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts, München: Beck 2011, S. 89–97. Zu seiner Frankfurter Bibliotheksarbeit vgl. Rachel Heuberger: Bibliothek des Judentums. Die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Entstehung, Geschichte und heutige Aufgaben, Frankfurt am Main: Klostermann 1996, S. 132–156.

[48] Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen (wie Anm. 43), S. 65f, 399. Zur Charakterisierung der fehlenden sozialen Identität zumal der Ostjuden vgl. Nicolas Berg: Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2008.

[49] Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen (wie Anm. 43), S. 45, 51, 63. Die DDR-Instanzen verweigerten der jüdischen Familie Loewy 1956 die Remigration. Zu den Einzelheiten siehe ebenda, vor allem S. 47ff. und S. 59ff.

[50] Ernst Loewy: Vom Sündenfall der deutschen Germanistik (wie Anm. 32).

[51] Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum (wie Anm. 45), S. 645, 648.

[52] Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen (wie Anm. 43). Die Zitate zur kulturellen Identität durch Sprache und zum „anderen Deutschland“ dort auf den Seiten 8, 10, 30, 40, 45.

[53] Ebenda, S. 44.

[54] Seit 1987 ist Loewy Gastdozent an der Universität Osnabrück. 1989 wird ihm dort die Ehrendoktorwürde zuteil. Zum 70. Geburtstag erscheint eine Festschrift: Thomas Koebner, Erwin Rotermund (Hrsg.), Rückkehr aus dem Exil. Emigranten aus dem Dritten Reich in Deutschland nach 1945. Essays zu Ehren von Ernst Loewy, Marburg: Wenzel 1990.

[55] Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen (wie Anm. 43), S. 12, 19, 69, 230, 385.

[56] Ernst Loewy (Hrsg.): Exil. Literarische und politische Texte aus dem deutschen Exil 1933–1945, Stuttgart: Metzler 1979, S. 12.

[57] Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen (wie Anm.43). Die referierten und zitierten Bezüge auf den Seiten 45, 69, 228, 230.

[58] Vgl. Frithjof Trapp: Logen- und Parterreplätze. Was behinderte die Rezeption der Exilliteratur?, in: Ulrich Walberer (Hrsg.), 10. Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen, Frankfurt am Main: Fischer 1983, S. 240–259, hier S. 240.

[59] Ernst Loewy: Zwischen den Stühlen (wie Anm. 43), S. 52f. Zweimal zitiert Loewy aus der Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun“ (S. 70, 247).