II

„Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“

 Friedrich Hölderlin
(Aus: Hyperion, Thalia-Fragment)

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Werdet ihr hier finden, wonach ihr sucht? Ihr, die ihr als Liebende hierher fandet, Liebende mit ungewöhnlicher Geschichte, welche nun auch – so glaubt ihr natürlich, unverbesserlich Literaturverrückte, ihr! – eines außergewöhnlichen Rahmens bedarf? Der Dichter, Vorwand nur? Oder fühltet ihr, dass er tatsächlich etwas mit euch zu tun haben könnte, so dass ihr seinem Ruf gefolgt seid?

Ein kleines Hotel, gepflegt, schöne Zimmer. Eine regelrechte Winterhöhle, um sich darin für gewisse Zeit zu vergraben und für niemanden zu sprechen zu sein. Blick aus dem Fenster über den Kanal auf die verschneite Vogelinsel – unbetretbares Naturschutzgebiet, seit du zurückdenken kannst. Darauf die alte, trutzige Rathausburg, dahinter der eigentliche Fluss und an dessen gegenüberliegendem Ufer, auf dem Kirchberg, gestützt von imposantem Mauerwerk, die alles überragende, viele Jahrhunderte alte Kirche, die den Namen einer mittelalterlichen Ortsheiligen trägt. Diese sei, so will es die Legende wissen, im frühen Kindesalter von ihrer Amme ermordet und in den Fluss geworfen worden, angeblich aus Rache, die ihren Eltern galt – immer haben die Kinder im wahrsten Sinne alles auszubaden! Fischer zogen sie jedoch drei Tage später – für eine Wasserleiche eher unüblich – mit blühend rosigen Wangen und glücklichem Lächeln aus dem Wasser. Das Ereignis sprach sich in Windeseile herum, erfuhr auf diesem Weg alle denkbaren Ausschmückungen, die Heiligenlegenden eigen sind, und sorgte über lange Zeiten für Pilgerzüge zum steinernen Sarg des wundersamen Mädchens, dessen Gebeine allerdings in den späteren Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation verlorengingen. Eine schaurige Geschichte, die ihr als Kinder mit wohligem Gruseln in euch aufsogt. Ihr versäumtet es bei einem Gang über den Kirchhof nie, durch die vergitterten Fenster der Regiswindiskapelle zu spähen, um einen Blick auf den steinernen Schrein zu erhaschen, welcher bis heute erhalten ist.

Die Kirche wiederum ist es, die aufgrund ihrer Lage und ihrer imposanten Erscheinung durch ihren mächtigen, rechteckigen Turm mit geschwungener Haube und Laterne stets von weitem ins Auge fällt, aus welcher Richtung man sich auch nähern mag, und die zusammen mit der alten Bogenbrücke über den Fluss und der gegenüberliegenden Burg dem Ortsbild seine unverwechselbare Prägung verleiht.

Du wurdest, wie der Dichter, in ihr getauft und – anders als er – auch dort konfirmiert; es müssen hiervon noch schreckliche Fotos existieren. Aus der Perspektive des entgegengesetzten Ufers hast du sie seltener betrachtet, du hast immer auf der anderen Seite des Flusses gelebt. Auch dies ein Sich-Annähern aus ungewohnter Blickrichtung, was dem Ganzen einen besonderen Zauber verleiht. Der viel beschworene Anfang, dem ein Zauber innewohnt? Dies jedoch war ein anderer Dichter, einer der späteren. Auch er stammt aus der näheren Gegend, auch er steht dir nahe.

Dein Philosophenfreund hingegen, als Kenner und Verehrer des großen Goethe, begibt sich hier ebenso wie du auf neue, weniger ausgetretene Pfade, so dass ihr beide etwas davon mitnehmen könnt, wenn ihr euch darauf einlassen wollt. Und es ist euer Anfang.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.