XIII

Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben,
Siehst du das Eine recht, siehst du das andere auch.

Friedrich Hölderlin

*

Und die Stadt, in der euer Dichter geboren wurde? Die, anders als die unweit neckaraufwärts gelegene Stadt Schillers, die ihren berühmten Sohn immer schon gebührend zu feiern wusste, lange nicht zu wissen schien, wie sie eigentlich zu ihm stand. Die neuerdings jedoch seinen Namen zunehmend als Aushängeschild verwendet. Wie ist es heute um sie bestellt? Der Zugschaffner hatte euch dazu angestachelt: Ihr wollt herausfinden, was sie noch von ihrem Dichter weiß.

In der Elegie „Stutgard“ fandet ihr die einzige Stelle, in der er den Ort ausdrücklich erwähnt:

…komm ich entgegen sogleich,
Bis an die Grenze des Lands, wo mir den lieben Geburtsort
Und die Insel des Stroms blaues Gewässer umfließt.
Heilig ist mir der Ort, an beiden Ufern, der Fels auch,
Der mit Garten und Haus grün aus den Wellen sich hebt.
Dort begegnen wir uns; o gütiges Licht! wo zuerst mich
Deiner gefühlteren Strahlen mich einer betraf.
Dort begann und beginnt das liebe Leben von neuem…

Friedrich Hölderlin
(Aus: Stutgard)

Eine Liebeserklärung, wie sie schöner nicht ausfallen könnte! Was gibt der Ort seinem Dichter zurück?

Das Kunstwerk des Bildhauers Peter Lenk im Kreisverkehr. Es ist euch mehr Ärgernis als Genuss, dennoch lässt es euch nicht los. Ihr umrundet es zu Fuß. Ein Unternehmen, welches sich als nicht ganz ungefährlich erweist. Ihr empfindet die Darstellung als sehr bizarr: Der überdimensionale, nackte Goethe in ausladender Schrittpose auf der Mitte einer Schreibfeder stehend, den Daumen abwärts senkend in Richtung des erwachsenen Hölderlin, der deutlich weltabgekehrt und in sich selbst versunken rittlings auf dem Federkiel sitzt. Schiller hingegen, der sich nach Art eines siamesischen Zwillings mit Goethe den Unterleib teilt und in entgegengesetzter Richtung eurem Dichter, diesmal in der Gestalt eines mit hoch ausgestreckten Armen auf dem anderen Ende der Feder sitzenden kleinen Kindes, einen Lorbeerkranz zeigt. Nur zeigt. Ihn ihm nicht etwa reicht, mit der Absicht, ihn ihm zu übergeben! Dafür hält er den Kranz zu hoch. Über der gesamten Szene erhebt sich auf der einen Trägersäule des H-förmigen Gestells – H für den Anfangsbuchstaben des Dichters – geradezu bedrohlich die Figur des einstigen Despoten Carl Eugen, breitbeinig stehend auf besagtem Hirsch, welcher sich bereits tot oder in den letzten Zügen befindet. Symbol für das geistig unterdrückte Württemberg.

Den schräg angebrachten Querbalken des Buchstabens hingegen besetzen der darauf bergab radelnde Nietzsche und schließlich Diotima, welche die Arme rückwärts um die zweite Trägersäule gekreuzt hält und zu den anderen Figuren abgewandt steht, nicht sichtbar zu ihnen in Beziehung gesetzt wirkt. Eine nackte Frauengestalt, deren eher frivol anmutende Gesichtszüge – nur erkennbar aus der Nähe, an einem extra vor dem Museum aufgestellten Abguss der Figur – ganz und gar nicht zu dem Bild des sanften Wesens passen wollen, das der Dichter von Diotima zeichnete. Was mag im Künstler vorgegangen sein? Er nennt sich selbst einen Satire-Bildhauer. Ist das Schicksal eures Dichters satiretauglich? Du wagst es nicht, dies zu beurteilen.

Der Thyrsosstab, liest du in einer Enzyklopädie nach, diente nach dionysischen, sprich weinseligen Orgien im alten Griechenland unter anderem auch dazu, sich darauf zu stützen, wenn man betrunken war! Ein solcher in der Hand des Radfahrers Nietzsche bringt dich dann doch auf boshafte, vielleicht gar nicht weniger satirische Auslegungsmöglichkeiten anderer Art. Womöglich lautet die versteckte Botschaft: „Fahrt im Wildwechselgebiet jenseits der Promillegrenze doch lieber Fahrrad!“

Kann diese Stadt, können ihre Bewohner mit dem Kunstwerk etwas anfangen? Ihr wollt im Museum die Kulturbeauftragte hierzu befragen. Sie scheint etwa in deinem Alter zu sein, wirkt offen, sympathisch und pflegt unkomplizierten Umgang mit eurem Dichter. Möglicherweise wird ihr Engagement während der nächsten Jahre Früchte tragen. Auch sie bestätigt: Die Schulen umgehen den Dichter nach Möglichkeit. Er passt nicht in die Lehrpläne! „Die Lehrer“, sagt sie, „doch, doch, die kommen schon mal hier herein. Und staunen. Manche kommen tatsächlich auch ein weiteres Mal.“ Dies lässt immerhin hoffen!

Das Kunstwerk wiederum, erzählt sie, sei einmal zum Gegenstand eines originellen und kreativen Mai-Scherzes geworden: Junge Leute hätten darunter Weinstöcke verschiedener Rebsorten gesetzt, die sich so gut in das Gesamtbild eingefügt hätten, dass es zunächst niemandem auffiel. Ab und zu werde das H-förmige Gestell auch schon mal erklettert. Einmal habe ein Betrunkener – kein Mensch wisse, wie er da hinaufgekommen sei! – auf der Schreibfeder, wohl mehr hängend als liegend, übernachtet! Anderntags habe ihn dann die Freiwillige Feuerwehr heruntergeholt. All dies zeige doch, die Bewohner des Ortes seien mit Phantasie und Humor ausgestattet und könnten mit dem Kunstwerk durchaus etwas anfangen! Nun ja. Zumindest scheint man sich in der Tat auf das Dionysische zu verstehen! Kenntnis der Bedeutung des Thyrsosstabes hin oder her, den die meisten ja ohnehin für eine Rose halten werden. Als du die Befürchtung äußerst, beim zu häufigen Umfahren des Kreisels womöglich von der Polizei angehalten zu werden, lacht die Dichtervertreterin und sagt, genau dies sei ihr selbst erst kürzlich passiert, als sie das Kunstwerk einer Bekannten zeigen wollte!

Eure kleine Kunstdebatte erinnert dich an eine frühere in dieser Stadt. Gegenstand waren einst zum einen eine sehr realistisch dargestellte Landfrau üppigen Umfanges mit Einkaufstasche – „Bah, wie hässlich, koa mr do net was Scheeneres ufstella?!“ –, zum anderen drei ringende, nackt ineinander verschlungene Knaben – „So a Sauerei!“ –, aufgestellt in den frühen Achtzigerjahren, die mächtig die Gemüter erhitzten und manche Alteingesessenen ernsthaft den Untergang des Abendlandes verkünden ließen. Diese Kunstwerke haben indes, bis auf diverse Sprühattacken mit Farbe, unbeschadet überlebt, auch wenn sie im Laufe der Jahre öfters die Plätze wechselten. Die „Frau mit Tasche“, wie ihr schlichter Titel lautet, eine Skulptur des Bildhauers Karl-Henning Seemann, steht dieser Tage unweit eines Zebrastreifens und wirkt so lebensecht, dass du beim Heranfahren in der Dämmerung unwillkürlich abbremst, um sie über die Straße zu lassen!

Das „Abendland“ hingegen besteht ebenfalls noch, allen Unkenrufen zum Trotz. Es wird gewiss nicht durch irgendwelche Erscheinungsformen von Kunst untergehen, ob sie nun gefallen mögen oder nicht. Und es wird auch nicht durch Experimente mit der Sprache untergehen, sollte auch jede nachwachsende Generation neue Wortschöpfungen, Jargons und Stilblüten entwickeln, die den Älteren die Haare zu Berge stehen lassen. Sprache als etwas Lebendiges lebt vom Gesprochen-werden und wird sich naturgemäß weiterentwickeln. So sehr ihr auch manchmal bedauert, dass zur Sprache der Goethezeit kein Weg zurückführt. Alle Kunst lebt vom Experimentieren und das werdet ihr euch nicht verbieten lassen. Geschweige denn es anderen verbieten wollen!

Nicht Kunst, in welcher Erscheinungsform auch immer, allenfalls der Versuch, sie reglementieren oder gar unterdrücken zu wollen, kann dem so fragil anmutenden „Abendland“ zum Verhängnis werden. Denn die Carl Eugens gibt es auch heute noch, sie tragen nur andere Namen und kleiden sich anders. Sie haben zum Glück derzeit hierzulande keine große politische Macht mehr, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht auf moralischer Ebene noch genügend Schaden anrichten könnten. Oder versuchen, diese Macht durch Manipulation der trägen Massen auf Umwegen wiederzuerlangen.

Die örtliche Buchhandlung, die selbstverständlich nach eurem Dichter benannt wurde. Du erinnerst dich noch an die Zeit, da sie einst eröffnet wurde, in den hohen Räumen der heutigen „Lichtburg“, die für das würdige Ambiente sorgten. Inzwischen hat sie längst den Standort gewechselt. Zentraler gelegen. Vielleicht. In dieser Stadt gibt es keinen Platz, der sich als zentraler Punkt festlegen ließe. Sie hat mehrere. Oder keinen. Allerdings eine Hauptgeschäftsstraße, in der sich das Ladensterben bereits abzeichnet. Auch diese Buchhandlung wird einmal davon betroffen sein. Viel später. Aber das könnt ihr zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen. Das Gebäude ist neu, nüchtern, ohne historisches Flair. Das Sortiment wirkt sehr ausgedünnt. Von eurem Dichter Weniges. Pflichtgetreu eine Ausgabe „Gesammelte Werke“ und der Härtling-Roman. Dies scheint es dann auch gewesen zu sein. Das schmale Regal, welches der klassischen Literatur zugedacht ist, befindet sich schwer zugänglich hinter einem Arbeitstisch. Die Fächer stehen halb leer. „Schau an, hier werden so viele Klassiker gekauft, dass sie mit dem Nachbestellen nicht mehr hinterherkommen!“, frotzelst du und erntest irritierte Blicke.

Einer der beiden Buchhändler gibt nach gewissem Zögern zu, dass er selbst sich mit dem berühmten Sohn der Stadt schwertue. Mit dem Problem, so keinen rechten Zugang zu ihm zu finden, sehe er sich durchaus nicht allein. Er erlebe auch öfters, dass Leute anrufen und Herrn Hölderlin am Telefon zu sprechen wünschen, weil sie diesen für den Inhaber des Ladens halten. Womit eure Befürchtungen übertroffen wären! Mit beiden Herren ergibt sich immerhin ein angeregtes Gespräch, sie hören den Ausführungen deines Philosophenfreundes, der sich in Fahrt redet und leidenschaftlich die Bedeutung eures Dichters als Wegbereiter der Moderne herausstreicht, offensichtlich interessiert zu.

Schlimmeres erlebt ihr einen Tag später in einer größeren Buchhandlung der nahegelegenen Kreisstadt Heilbronn. Auch hier ein vergleichsweise dünnes klassisches Sortiment. Darüber hinaus löst das schmale Philosophieregal, während Esoterisches das Dreifache an Platz beansprucht, bei deinem Philosophenfreund gleichermaßen Entsetzen und Belustigung aus. Auf seine Anmerkung hin, dass man ja auf der ganzen Etage gar nichts von Beckett finde, verweist euch eine junge Buchhändlerin in die üppig ausgestattete Krimiabteilung, wo die Werke eines gleichnamigen Autors mit Vornamen Simon zu finden sind. Den klassischen Beckett – den Samuel – kennt sie gar nicht. Oder doch? „Stimmt! Doch! Da war mal was in der Schule… – Ja, wissen Sie…“, meint sie leicht schnippisch, „wir müssen eben wirtschaftlich denken, sonst gibt es uns bald nicht mehr!“ Womit sie, im Rückblick betrachtet, sicher nicht Unrecht hat. Jahre später wird es ihre Filiale noch immer geben und die Kette, zu der sie gehört, wird sich auch weiterhin gut aufgestellt finden. Während der kleine Buchladen am Ort eures Dichters bereits Geschichte sein wird.

Mit solchen Gedanken mögt ihr euch dieser Tage noch nicht beschäftigen. Ihr steckt noch in einer Phase der Entdeckungs- und Wiederentdeckungsfreude. Eure Weigerung, die Zeichen auf trübere Tage zu deuten. Ihr stärkt euch mit Gebäck und sehr gutem Kaffee in einer neueröffneten Traditionskonditorei, die du noch aus früheren Tagen kennst. Ihr Wiederfinden freut dich. Damals befand sie sich in einem alten Haus, das inzwischen nicht mehr steht. Ein Konditorenlädchen nur, ohne Café. Einer jener alten, kleinen Souterrain-Läden, zu dessen Eingangstür einige Stufen hinunterführten. Seitlich der Treppe gab es einen kleinen Schaukasten, der zur Weihnachtszeit allerlei Marzipanobst und anderes süßes Interieur für Spielzeug-Kaufläden enthielt, woran du als Kind stets mit der Nase kleben bliebst und nur schwer zum Weitergehen zu bewegen warst. Eigentlich faszinierte dich nur das kunstvolle Erscheinungsbild all dieser Miniaturen, denn Marzipan und all den anderen Süßkram mochtest du im Grunde gar nicht. Hinein gingst du eher selten und weniger für den eigenen Bedarf, meist um ein süßes Geschenk für einen Festtag oder einen Besuch zu erstehen. Das Klingeln der alten Ladenglocke beim Öffnen der Tür. Erinnerung an umwerfenden Duft, Regale voller Süßigkeiten vor dunkel holzgetäfelten Wänden und hinter dem alten Ladentisch mit den verlockendsten Kuchen und Torten schließlich die quirlige Besitzerin, deren leuchtend kupferrotes Haar in perfektem Kontrast zur blendend weißen Schürze stand, nie anders als über das ganze Gesicht fröhlich strahlend nach den jeweiligen Wünschen der Eingetretenen fragend. Und du standst staunend und hättest manchmal darüber fast vergessen, weswegen du gekommen warst.

Das Geschäft wurde geschlossen, als die Inhaberin verstarb, nun aber glücklicherweise durch eine nachfolgende Generation wiedereröffnet. Diesmal mit kleinem Café, allerdings nur wenigen Sitzplätzen. Und es schließt früh, so dass ihr wenig später schließlich noch bei dem netten Imbissbetreiber landet. Wo ihr eine weitere Überraschung erlebt. Er erkennt dich sofort wieder, freut sich, serviert Tee. „Tee von Chef!“, sagt er mit Augenzwinkern und berechnet auch diesmal nichts dafür. Er sieht eure neu erworbenen Bücher mit dem Porträt eures Dichters auf dem Titel, in denen ihr blättert, während ihr aufs Essen wartet und sagt: „Oh! Darf ich fragen: Wer ist das? Ist das Hölderlin? Der Hölderlin von hier, ja?“ Seine Miene hellt sich nochmals auf: „Ah, sehr gut!“ Er, aus der Türkei stammend und – wie er euch erzählt – seit über dreißig Jahren hier vor Ort lebend: Er kennt euren Dichter!

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.