XIV

Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt,
ich weiß von nichts, als meiner seligen Insel.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Hyperion)

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Eine selige Insel ist euch dieser Tage der Ort geworden, eine Festung eurer Liebe, wenn ihr so wollt. Wann euch die Welt – und wann euch deren und letztlich euer ganz persönlicher Schiffbruch einholen wird? Ihr wisst es nicht. Es ist dies euer Glück und es wird nur hin und wieder überschattet vom Anflug einer Ahnung, dass diese Woche schneller vorübergehen wird, als euch lieb ist. Dass es euch nur kurz vergönnt sein wird, in den Tag zu leben und einfach nur die Nähe zueinander zu genießen. Dass euch bald die Realität mit allen Konsequenzen einholen wird, von euch Entscheidungen einfordern wird, die in jedem Fall bittere Folgen haben werden, wie auch immer ihr euch entscheiden werdet.

Ist dies nun doch die Geschichte eures Dichters und seiner Diotima-Susette? Manchmal fühlt ihr euch ähnlich. Die Zeiten mögen andere sein, die Gewissensnöte bleiben dieselben. Dieser Ort ist euer Fluchtpunkt. Ähnlich wie eure beiden Vorbilder vor der Belagerung Frankfurts durch die Franzosen nach Kassel flüchteten und dort einige Monate in einem Ausnahmezustand lebten, der ihnen unverhofft Gelegenheit verschaffte, sehr viel freier und ungezwungener miteinander umzugehen. Gesellschaftliche Einengungen hinter sich lassend, was zu Friedenszeiten niemals möglich gewesen wäre. Wer sind die Belagernden, vor denen ihr auf der Flucht seid?

Du öffnest das Fenster, lässt die frische Winterluft ins Zimmer. Zahlreiche Vogelstimmen von der Insel her. Du schwingst dich auf den Sims und schaust den vorüberfliegenden Kormoranen zu, die den Bogen der Rathausbrücke mal über- und dann wieder unterqueren. „Falle mir nicht in den Kanal!“, meint dein Philosophenfreund. Du schüttelst den Kopf und lachst, bist in Ferienlaune, hast in solcher immer gern in Fenstern gesessen. Im Schwarzwald nachts dem geheimnisvollen Raunen und Rauschen der Quellen und Bäche zugehört. Später, während mancher Sommer in einem alten Bauernhaus in Mecklenburg, ganze Stunden lesend, schreibend oder Gitarre spielend auf der breiten Fensterbank im Giebel sitzend verbracht. Du hast die alten Doppelfenster geliebt, deren äußere Flügel nach außen zu öffnen waren und lose eingehängt werden konnten, so dass auch bei Regen die frische Luft nicht ausgesperrt werden musste. Die Aussicht innerlich abgespeichert: Zur Linken die kleine turmlose Dorfkirche aus rotem Backstein mit ihrem außerhalb stehenden hölzernen Glockenstuhl, der Kirchhof mit den ehrwürdigen hohen Eschen, ihr helles Grün und das Schattenspiel ihrer gefiederten Blätter auf den sonnenbeschienenen, stets sorgfältig geharkten Sandwegen. Die Straße mit dem alten Kopfsteinpflaster. Zur Rechten die zum Haus gehörenden Ställe und der Hof, wo sich Hühner, Hunde, Katzen und manchmal auch ein Pferd tummelten. Die zwitschernden jungen Rauchschwalben auf dem Draht zum gegenüberliegenden Giebel, durch dessen halbzerbrochenes Fenster weiterhin Altvögel ein- und ausflogen, um im Inneren der Scheune eine weitere Schwalbengeneration heranzuziehen. Betrat man dieses halb verfallene Gebäude, in dem kreuz und quer Wäscheleinen für Schlechtwettertage gezogen waren, und hatten sich die Augen an das dämmrige Licht im Inneren gewöhnt, so sah man lange Reihen kunstvoll gebauter Nester im Gebälk, über deren Rand vorwitzige Schnäbelchen schauten. Kleine Daunenkugeln noch, die nur wenige Wochen später in der Lage sein würden, den beschwerlichen Flug nach Süden anzutreten. Wunderwelt der Vögel. Dass die frisch gewaschene Wäsche so manches Mal unter dem regen Flugverkehr litt und alsbald eines weiteren Waschgangs bedurfte, wer wollte es ihnen verübeln? Momentaufnahmen. Erinnerungen an unbeschwerte Sommertage, an denen es möglich war, alles Belastende auszuklammern und die Seele baumeln zu lassen. Wenigstens für einige Wochen. Sollten auch euch solche Sommer möglich sein?

Dort die benachbarten Schwalben und die über den Himmel ziehenden Störche und Wildgänse, hier die Graureiher und Kormorane. Wieder fühlst du ähnlich. Lässt alles hinter dir. Den zermürbenden Brot-Job, den zersetzenden Alltag. Es gibt nur euch und die Literatur. Wann ahntet ihr erstmals, dass es so sein könnte? „Als unsere Blicke sich erstmals trafen!“ Dein Philosophenfreund ist davon überzeugt. Und du? Zögerst. Es muss wohl so gewesen sein. Du warst dir dessen nicht bewusst, fühltest es lediglich in deinem Innern. Was ihr erlebt, ist die Umsetzung dessen, das mit virtuellem Austausch begonnen hatte. Eine neue Welt hatte sich aufgetan, Nachtflüge in andere Dimensionen. Eure Zuneigung erwuchs daraus, lange bevor ihr euch erstmals berührt hattet, abgesehen von einem Händedruck, den ihr beim ersten Abschied tauschtet, fiebrig heiß, mit dem Impuls damals schon, euch gegenseitig nicht fortlassen zu dürfen, euch festhalten zu müssen. Die Zärtlichkeit, die sich in euren späteren Briefwechsel einschlich, zunächst unmerklich. Eine virtuelle, tröstende Umarmung, ein freundschaftlicher Kuss, der unverhältnismäßig lange nachglühte, sich ins tiefste Innere einbrannte, dass du dachtest: Wie kann das sein? Du stelltest nur fest, wie gut es dir tat. Wahnsinnig gut! Bis es frei und ungehindert eure Korrespondenz durchströmte, eine eigene Dynamik bekam. „Es darf nicht sein, geliebter Freund! Deine Freundschaft, gewiss, die brauche ich wie die Luft zum Atmen. Aber alles andere darf nicht sein. Diese Zärtlichkeit – o nein! ­Aber – entziehe sie mir nicht wieder! Noch nicht. Nicht heute! Auch nicht morgen. Ich brauche sie, um über den Tag zu kommen.“ Spät nachts vor dem Notebook. Er schreibt: „Ich küsse Dich, wohin immer Du willst.“ Du denkst erschrocken: „Oh nein! Das nun nicht!“ – Schließt das Postfach. Klappst den Deckel zu. Versuchst zu schlafen, an etwas anderes zu denken. Zu spät! Es geht nicht mehr. Schauer überlaufen dich die halbe Nacht.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.