XVI

Also sagt ich und jetzt kehr ich an den Rhein, in die Heimat,
Zärtlich, wie vormals, wehn Lüfte der Jugend mich an;
Und das strebende Herz besänftigen mir die vertrauten
Offnen Bäume, die einst mich in den Armen gewiegt,
Und das heilige Grün, der Zeuge des seligen, tiefen
Lebens der Welt, es erfrischt, wandelt zum Jüngling mich um.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Der Wanderer, Zweite Fassung)

*

„Dann komm mit an den Rhein!“ – Zum Rhein? Dem erhabenen. Warum nicht? Schließlich strebt auch dein Neckar dorthin, nachdem er sich auf seinen letzten Kilometern kurvenreich durch den Buntsandstein des Odenwaldes gekämpft hat, an trutzigen Burgen vorbei, von denen du nahezu jede einzelne kennst und aufgesucht hast, bis nach Heidelberg, die Stadt, über die euer Dichter schrieb:

Lange lieb‘ ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.

Auch hier – wie bei Stuttgart – ein Wiedererkennen, trotz Autoverkehrs, trotz des Rummels und der Touristenströme. Im weiteren Verlaufe:

Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold,
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Heidelberg)

Dies ist der Heidelberger Frühling, wie du ihn kennst! Den Philosophenweg – mit Blick über den Neckar aufs Schloss – entlang gehen, eingedenk der Vielen, die ihn in Zeiten davor beschritten. Für diesmal keine Gelegenheit, die „Ländlichschönste“ gemeinsam aufzusuchen. Vielleicht beim nächsten Wiederkommen. Im Frühling?

Ab Mannheim geht dein Fluss im Rhein auf, macht mit ihm gemeinsame Sache. Ihr hingegen nehmt die Autobahn unter die Räder, erreicht die Ebene des großen Stromes in einer halben Stunde. Hätte sich dies euer Dichter träumen lassen, der sie erstmals von Maulbronn aus zu Pferde besuchte? Der darüber, im Jahre 1788, in einem Brief schrieb:

Montag, den 2. Juni reist ich ab. Mein Herz erweiterte sich in all den Erwartungen des, das ich sehen und hören werde. Noch nie war mir so wohl, als da ich, eine halbe Stunde von hier, den Berg hinunterritt – und unter mir Knittlingen lag, und weit hinaus die gesegneten Gefilde der Pfalz. Mit dieser Heiterkeit setzte ich meinen Weg fort durch Bretheim, Diedelsheim, Gondelsheim, Heidelsheim, und jetzt war ich in Bruchsal. Von Bruchsal aus hatte ich zwar keine Chausse mehr, aber doch breiten, guten Sandweg. Ich passiert meist dicke, schauerliche Waldungen, so daß ich außer meinem Weg kaum drei Schritte weit um mich sehen konnte. So dick hab ich in Württemberg noch keine Wälder gesehen. Kein Sonnenstrahl drang durch. Endlich kam ich wieder ins Freie, nachdem ich Forst, Hambrücken und Wiesental passiert hatte. Eine unabsehbare Ebene lag vor meinen Augen. Zur Rechten hatte ich die Heidelberger, zur Linken die französischen Grenzgebirge. – Ich hielt lange still. Der neue, unerwartete Anblick einer so ungeheuren Ebene rührte mich. Und diese Ebene war so voll Segens. Felder, deren Früchte schon halb gelb waren – Wiesen, wo das Gras, das noch nicht abgemäht war, sich umneigte – so hoch, so reichlich stand es – und dann der weite, schöne, blaue Himmel über mir. – Ich war so entzückt, daß ich vielleicht dort noch stände mit meinem Roß, wann mir nicht gerade vor mir das fürstlich bischöfliche Lustschloß Waghäusel in die Augen gefallen wäre.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Reisebriefe vom Oberrhein)

Du kennst die Reisestrecke, die Ortschaften, hast lange in der Nähe gelebt, sie alle im Laufe der Zeit besucht, auf zwei oder vier Rädern zumeist. Leider nicht zu Pferde, so viel Zeit würdest du dir mit Verlaub wünschen! Bretheim, heute Bretten, die Stadt des Reformators Philipp Melanchthon, deren Verkehrsführung dich bei Fahrten in den Schwarzwald mit schöner Regelmäßigkeit zur Verzweiflung bringt. Ampeln, Umleitungsschilder – und du stellst dir zwischen all dem euren Dichter zu Pferde vor! Ab Bruchsal keine Chaussee, keine Straße mehr, nur noch Sandwege! Pferdenarren von heute kämpfen um ein Reitwegenetz, konkurrieren mit dem Autoverkehr, mit Radfahrern auf unvorstellbar schnellen Stahlrössern mit unzähligen Gängen und nicht zuletzt mit den Fußgängern, welchen ebenfalls zunehmend Raum und Luft knapp wird. Das Überqueren einer Verkehrsstraße ist heutzutage selbst mit einem nervenstarken, weitgehend scheufreien Pferd ein lebensgefährliches Wagnis.

Und du? Das alles ist dir, wie vermutlich vielen anderen, nur bewusst, solange du es aus dieser Perspektive betrachtest. Sobald du selbst im Auto sitzt, während Kilometer um Kilometer unter dir abrollt, nimmst du es nicht mehr wahr, genießt die schnelle Fortbewegung, das Vorankommen. So auch jetzt. Die Autobahn Nummer 61 bis Bonn. Deine Lieblingsstrecke. Schon früher, auf Fahrten an Rhein und Mosel. Die Türme von Speyer. Der Kaiserdom, die größte erhaltene romanische Kirche Europas. Schon euren Dichter zogen diese Türme von der Ferne an, so dass er sein Pferd dorthin lenkte, allerdings „…ohne was zu finden, das meine Aufmerksamkeit besonders an sich gezogen hätte…“, dann an den Rhein hinunter ging – oder ritt – und hierüber festhielt:

Ich glaubte neugeboren zu werden über dem Anblick, der sich mir darstellte. Meine Gefühle erweiterten sich, mein Herz schlug mächtiger, mein Geist flog ins unabsehliche…
Man denke sich, der majestätische ruhige Rhein, so weit her, dass man die Schiffe kaum noch bemerkte – so weit hinaus, dass man ihn fast für eine blaue Wand ansehen könnte, und am gegenseitigen Ufer dicke, wilde Wälder- und über den Wäldern her die dämmernden Heidelberger Gebirge- und an der Seite hinab eine unermessliche Ebene- und alles so voll Segen des Herrn – und um mich alles so tätig – da lud man Schiffe aus – dort stießen andere ins Meer, und der Abendwind blies in die schwellende Segel – ich ging gerührt nach Hause und dankte Gott, daß ich empfinden konnte, wo Tausende gleichgültig vorübereilen, weil sie entweder den Gegenstand gewohnt, oder Herz wie Schmer haben.

Friedrich Hölderlin
(Aus dem Reisetagebuch 1788, Donnerstag, den 5.Juni)

Nun, den Rhein, so wie er sich eurem Dichter zeigte, werdet ihr hier schwerlich noch vorfinden. Zahllose Begradigungen und Trockenlegungen der Auen haben sein Bild drastisch verändert. Dennoch haben die Ausblicke nach beiden Seiten noch immer ihren besonderen Reiz: Nach Osten zu den Heidelberger Bergen, wie er sie nennt, die Erhebungen des Odenwaldes entlang der Bergstraße, die dem kalten Ostwind wehren, wodurch der Frühling dort einige Wochen eher Einzug hält als anderswo. „Lieber, dort müssen wir hin, wenn die Mandelbäume blühen!“ Nach Westen zu den Nördlichen Vogesen, dem Pfälzer Wald mit seinen unverwechselbaren Felsformationen, seinen Burgen und Burgruinen. Auch hier kennst du nahezu jede von ihnen, hast sie erwandert zu allen Jahreszeiten. „Solches wäre auch für dich gut, mein Bester, um dein Philosophenhirn auszulüften.“

Speyer. Für euch heute klingt es fremd, dass euer Dichter, wie er schreibt, dort nichts vorfand, das seine Aufmerksamkeit besonders auf sich gezogen hätte. Allein der Dom zog dich stets in seinen Bann. Allerdings entzieht es sich deiner Kenntnis, in welchem baulichen Zustand er sich zu jener Zeit befand. Der Stadt war erst hundert Jahre zuvor im Pfälzischen Erbfolgekrieg übel mitgespielt worden. Mit Ausnahme des Domes, der verschont blieb, stand danach wohl kein Stein mehr auf dem anderen und der Wiederaufbau zog sich schleppend hin. Schon von seinen Anfängen an muss man sich den Dom als monströs anmutendes Bauwerk umgeben von eher armseligen, elenden Bauernhütten vorstellen. Seine Errichtung und Unterhaltung verschlang erhebliche Mittel, die Stadt selbst hatte möglicherweise lange das Nachsehen.

„Dein Kölner Dom ist ja bis heute nicht fertiggeworden“, frotzelst du. „Immerhin“, meint dein Philosophenfreund, „mussten bei uns die Philosophen und Dichter nicht fliehen, wie die euren vor dem alles erstickenden schwäbischen Pietismus! Bereits im Mittelalter hatten wir Albertus Magnus und Thomas von Aquin, der als dessen Schüler in Köln war. Und den Moselaner Cusanus, Nikolaus von Kues! Diese haben sich schon lange vor der Reformation kritisch mit den kirchlichen Dogmen auseinandergesetzt und sich selbst von den Päpsten den Mund nicht verbieten lassen. Und zuvor hatten die Römer schon mal für ein Mindestmaß an Zivilisation gesorgt.“ – „Mag sein, Lieber, allerdings waren die Römer auch bei uns am Neckar. In meiner Stadt hatte man zu meiner Schulzeit immerhin einen ganzen römischen Gutshof ausgegraben, der hatte sogar Fußbodenheizung!“

Auch Rottweil  – das antike Arae Flaviae – kannst du als Römerstadt anführen. Auch sie am Neckar – oder vielmehr oberhalb des noch jungen Neckars gelegen, der dort, obwohl noch unweit seiner Quelle, bereits dem Betrachter Respekt abnötigt, wie er mit wilder Entschlossenheit, ein „richtiger“ Fluss zu werden, über das Wehr rauscht. Immerhin, wie um die These vom römischen Einfluss auf den weiteren geschichtlichen Verlauf zu untermauern, fällt auf, dass die Stadt doch des Öfteren aus dem üblichen Rahmen fiel, sich nach dem Mittelalter für gewisse Zeit dem Bund der Schweizer Eidgenossen anschloss und schließlich im neunzehnten Jahrhundert Ausgangspunkt wurde für wackere Bestrebungen, die Revolution in Württemberg durchzusetzen. Dort gab es einen gewissen Gottlieb Rau, Schulfreund des Dichters Herwegh, des Revolutionärs unter den Maulbronner Absolventen, der dort mitten in der Stadt vor 4000 Menschen zum bewaffneten Feldzug aufrief. Von welchen sich dann auch immerhin 1000 mobilisieren ließen, zu einem geplanten Sternmarsch zur Volksversammlung nach Cannstatt aufzubrechen. Es kam allerdings, wie es in Württemberg stets kommen musste: Die Freischar wurde vor dem Ziel abgefangen und ihr Anführer landete – na, wo wohl? – auf dem Hohenasperg. Die Davongekommenen hingegen sollen auf dem Rückmarsch ihren Frust in Schnaps ertränkt haben und so ging das Unternehmen als „Zwetschgenfeldzug“ in den Volksmund ein, getreu dem alten Sprichwort: Wer den Schaden hat…

Euer Geplänkel, das euch immer wieder zu neuen Entdeckungen führt, im Zuge derer sich der Kreis wieder schließt. Dein Philosophenfreund behält insofern Recht, als dass gerade im Württembergischen sehr viele Geistesgrößen früher oder später außer Landes gingen und das nicht immer freiwillig. Selbst Schiller musste sich heimlich nach Mannheim absetzen, um seine „Räuber“ uraufgeführt zu sehen, landete bei seiner Rückkehr erst einmal für vierzehn Tage im Gefängnis und bekam vom Herzog bis auf Weiteres untersagt, „Komödien und dergleichen Zeugs“ zu schreiben. Worauf er es sehr schnell aufgab, in der Heimat auf erträglichere Zustände zu hoffen, kurz darauf abermals nach Mannheim floh und später zunächst nach Sachsen, dann nach Thüringen zog, wo ein freierer Geist wehte. Nach Jena zunächst, später nach Weimar. Euer Dichter hingegen kehrte immer wieder in die Heimat zurück, blieb ein Wanderer.

Die Grenzen der Kleinstaaten schienen für ihn von untergeordneter Bedeutung. Eher litt er allgemein an Deutschland. Und den Deutschen, für die er doch eine große Vision hatte. Der vorletzte Brief Hyperions an Bellarmin beginnt nach vielen Schilderungen schicksalsschwerer Ereignisse mit dem lakonischen Satz: So kam ich unter die Deutschen…

Du selbst bist spät auf diese Stelle gestoßen, lange nach jenen gemeinsam verlebten Tagen, denn ihr schafftet es während dieser Zeit entgegen allen Vorsätzen nicht, den „Hyperion“ gemeinsam zu Ende zu bringen, obwohl ihr ihn an vielen verschiedenen Orten – auch am „erhabenen Rheine“ – mit euch führtet, dort zuweilen unterwegs in Cafés eure Lektüre fortsetztet.

Ereignisse der folgenden Wochen setzten dir zu, machten es dir vorübergehend unmöglich, all dies wieder aufzunehmen, führten dazu, dass du deine Projekte zutiefst in Frage stelltest. Fundamente brachen weg und es bedurfte erst eines Rückzugs auf die Höhen des Schwarzwaldes, wo du während eines Kuraufenthaltes, in frühlingskalter Luft klassisch in Decken verpackt auf dem überdachten Jugendstil-Balkon dein lang gehegtes Vorhaben zu Ende führtest.

„Deine Schilderung des Hauses erinnert ja geradezu an den ‚Zauberberg‘ von Thomas Mann“, sagt dein Philosophenfreund am Telefon. Ihr lacht. Tatsächlich war dieses Kurheim in früheren Tagen ein Lungensanatorium, das in durchaus ernstzunehmender Konkurrenz zu Davos stand. Zum Glück könnt ihr da schon wieder lachen!

Und du lachst noch mehr beim Lesen dieses herrlichen Satzes über die Deutschen. Du kanntest ihn, wusstest, er würde kommen, jedoch mitten im Lesefluss löst er unwillkürlich Heiterkeit aus und deutet auf einen gewissen sarkastisch-trockenen Humor, mit dem euer Dichter ausgestattet gewesen sein muss. Der ihm wohl auch die späteren Jahre im Tübinger Turm ertragen half, als er seine Besucher, gleich wie viele sprichwörtliche Nervensägen sich auch darunter befinden mochten, stets mit Titeln wie „Eure kaiserliche Majestät“ und „Eure Heiligkeit“ versah und anredete und sie sich damit auf Abstand zu halten verstand, ohne jemandem je zu nahe zu treten.

Sein Urteil über die Deutschen allerdings fällt im „Hyperion“ vernichtend aus:

Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.

Und fortfahrend:

Es ist ein hartes Wort und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?

Friedrich Hölderlin
(Aus: Hyperion, 2. Band, Zweite Fassung)

Harte Brocken sind es, die er seinen Landsleuten hinwirft: Nichts mit ganzer Seele zu treiben, jede natürliche Kraft in sich zu ersticken, nicht mit Ernst und mit Liebe das zu sein, was sie wirklich sind, den Geist nicht leben zu lassen, beim Notwendigsten zu verharren, fühllos zu sein für alles schöne Leben, ihre Tugenden aber seien „ein glänzend Übel und nichts weiter, denn sind sie Notwerk nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen…“ Er spricht von einem „schreienden Mißlaut“, der in der „toten Ordnung“ dieser Menschen sei.

Ein Wiedererkennen. Ungeachtet der inzwischen vergangenen Jahrhunderte. Und auch Grauen im Blick auf dunkelste Kapitel der Geschichte, die nach dieser Diagnose noch folgen sollten. Hatte am Ende gar euer Dichter, der zu Lebzeiten oft und gründlich Verkannte, als einer von wenigen schon damals – wie wir heute sagen würden – den „Durchblick“, was den Zustand und die Befindlichkeit seines Volkes betraf? Hatte er erfasst, wie diese Gesellschaft tickte? Heute ließe sich rückblickend sagen: Das Ticken einer Zeitbombe, die eines Tages auf fatale Weise losgehen würde? Lassen sich manche Entwicklungen vorausahnen? Zeichneten sie sich zur Zeit eures Dichters bereits ab?

Und wie ist es heute um euch bestellt? Generationen später? Die Frage beschäftigt dich. Auf deinem „Zauberberg“ – erst dort – findest du die Zeit, ihr nachzugehen.

Wo findet ihr euch wieder? Heute, da das, was einst als Traum begann, seiner Verwirklichung doch sehr nahekommt? Ein Staat, angelegt, die Freiheit seiner Bürger zu garantieren. Zumindest auf dem geduldigen Papier. Denn wie ist es um die Freiheit des Einzelnen bestellt?

Eine Frage, welche Dichter und Denker vor Zeiten beschäftigte. Philosophen, die euren Dichter prägten, ihm zum Vorbild wurden. Kant und Fichte, um für Deutschland zu sprechen. Andere, die Zeitgenossen waren, mit denen er in regem Austausch stand, die er selbst wiederum beeinflusste, wie Hegel und Schelling. Als Dreigestirn wurden sie bezeichnet, wenn ihre Namen mit dem seinen im selben Atemzug genannt wurden. Ihre Losung „Reich Gottes“, die sie vereinbarten, als sie nach den Tübinger Jahren voneinander schieden, die für ein hohes Ideal stehen sollte, keineswegs allein auf die jenseitige Welt gemünzt, anhand derer sie sich „nach allen Metamorphosen wiedererkennen“ würden, wie sie sich vornahmen und einander prophezeiten, um noch weit über die Studienjahre hinaus gemeinsam zu wirken.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.