XVIII

Was bleibet aber, stiften die Dichter.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Andenken)

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Wenn ihr auf die Schulen also nicht hoffen könnt – und das könnt ihr nicht! – wenn es doch die Dichter sind, auf die ihr hoffen müsst, wie es wiederum euer Dichter sagt: Wie kann nun er, der Dichter, seiner Rolle als „Erzieher der Menschheit“ gerecht werden? Womöglich, indem er weltenschaffend den Weg vorausgeht, dadurch den Menschen Wege aufzeigt, wie jeder Einzelne das Schöpferische in sich entfalten kann? Dies würde die schlussendliche Forderung der Systemschrift einlösen:

Gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen, keine Kraft wird mehr unterdrückt werden, allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister.

Euer Dichter Hölderlin und seine Philosophenfreunde Schelling und Hegel nannten es eine neue Religion, gestiftet durch einen höheren Geist, und sie sagten ihr eine Zukunft als letztes, größtes Werk der Menschheit voraus.

In jenen vorangegangen Tagen am Rhein, als du noch von keinem Zauberberg wusstest, hatte sich euch die Bedeutung all dessen noch nicht erschlossen, hattet ihr bestenfalls eine Ahnung davon, dass ihr die Spur eures Dichters nicht verlieren dürft, und dass, falls dies doch geschehen sollte, ihr auf alle Fälle nach ihr suchen und sie wiederfinden werdet.

„Sieh an“, sagtest du, „die Schiffe! Wie klein sie wieder geworden sind!“ Und noch kleiner schienen euch die Menschen auf ihnen. Hier relativiert sich so manches. Der große, schwer zu bändigende europäische Strom mit seiner alten Urgewalt sorgt dafür. Mag durchaus sein, dass sich der Mensch hier der Größe der Natur sehr viel mehr bewusst ist, sie auf andere Weise respektiert und achtet, sich ihr schicksalhaft verbunden fühlt – und vielleicht aber gerade darum die menschlichen Sorgen weniger schwernimmt. Und dennoch lebt er, der erhabene Rhein, aus all den zahllosen kleinen Quellen, die in den Gebirgen entspringen, anfangs nur leise murmelnd, schnell zu rauschenden Bächen werden, die wiederum zu Flüssen anschwellen, die schließlich in ihn selbst oder in andere, auf dieselbe Weise entstandene Flüsse münden, die ihm – je nach Gefälle – munter oder auch träge dahinfließend ihr Wasser zuführen. Ein jeder von ihnen hat seinen eigenen Charakter, prägt die Bewohner seiner Ufer, ihre Wesenszüge und Eigenarten – und doch geht all diese Vielfalt in einem großen Ganzen auf, das ohne sie nicht das wäre, was es ist.

Der Rhein – Schicksalsfluss auch er. Und ihr, die ihr an seinem Ufer standet, euch umfangen hieltet, als könnte euch schon nächstens ein Sturm erfassen und wieder in verschiedene Richtungen auseinandertreiben? Es ist kaum zu hoffen, dass er sich eurer einst erinnern wird, in späteren Tagen, wenn ihr – Staubkörner nur – gemäß eurer Bestimmung die Erde längst verlassen haben werdet, während er, der ewige Strom, wie es wiederum ihm bestimmt ist, gleichmütig weiter dahinfließen wird bis in unbestimmte Zeiten.

Eine Kolonie von Kormoranen auf einer Felseninsel im Fluss. Wie oft hattet ihr in der Stadt eures Dichters beim Frühstück über die drolligen Vögel gelacht, die geradezu wirkten, als befänden sie sich auf einem Kontrollflug. Die Angler und Fischzüchter hingegen hassen sie, wollen sie allzu gern zum Abschuss freigegeben sehen. Ihr Argument: Sie fangen uns die Fische weg! Nur, dass der Kormoran nicht zum Sport und Zeitvertreib Fische fängt, sondern um seinen Hunger zu stillen – und im Gegensatz zum Homo sapiens damit aufhört, sobald er satt ist! Dass diese Vögel – eure Vögel! – auch hier sind, am Rhein: Es freut euch! Als wären sie für euch gekommen. Euretwegen.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.