2.-13.1.2018 – c’est l‘heure

2.1.2018

Ich möchte am Ende – wenn ich dieses Jahr gelebt habe – glücklich sein. Ob das geht?
Dass die Dinge mit diesem Wunsch in die Tage fallen und die Tage in die Monate, wie die Monate in das Jahr.
Ich fange den ersten Mondmonat meines neuen Jahres an.

Es schlägt elf Uhr. Zeit für den zweiten Kaffee. C’est l’heure.
C‘est l‘heure –
es ist die Stunde. Das war Amadou, ein Guardien des Gästehauses in Ouaga.

Ouaga 1995

c’est l‘heure

Wenn im Lauf des Nachmittags die Wand hinter meinem Bett immer wärmer geworden ist und ein Öffnen der Fenster noch keine Abkühlung bringt, dann – es ist etwa vier Uhr – muß ich hinaus. Der große alte Amadou bewacht das Gästehaus. Es ist die Zeit, wo Amadou Staub und Steine von einem großen Stück Pappe schüttelt und mit seinen langen schlenkernden Armen die Worte unterstützend, die mir unverständlich sind, in die Ecke des Gartens geht. Die Geste der erhobenen Hände, deren Handflächen nach oben zeigen, mit einer angedeuteten Verbeugung führt seinen Satz zu Ende. Die untergehende Sonne im Rücken wird er beten.
Er lacht, als er zurückkehrt, und bedeutet mir – fröhlich in die andere Richtung schlenkernd –, daß er sich nun Kaffee kaufen werde, den er, wie ich verstehe, sehr gerne trinkt: Ah! sagt er, als sei ihm gerade etwas ganz Überraschendes eingefallen: Ça, c‘est l‘heure du café! er klopft mit dem Zeigefinger dabei auf seine Armbanduhr und wiederholt noch einmal: c‘est l‘heure – das ist die Stunde – des Kaffees! Wenn inzwischen jemand käme, so solle ich sagen, der möge warten, er sei gleich zurück. Nur das können seine Gesten bedeuten. In seinem festlichen langen, leuchtend blauen Gewand mit der krönenden Kappe – es ist Freitag – schwingt er sich auf sein Fahrrad und entschwindet durchs Tor, um ein Tütchen Nescafé zu holen. Das macht er drei- oder viermal am Tag. Fünf Minuten später radelt er mit einem Schwung und hoch aufgerichtet auf seinem schwankenden Thron wieder herein, verschwindet in der Küche, wobei er, als er an mir vorbeigeht, noch mehrmals c‘est l‘heure murmelt. Dann kommt er mit einem Glas schwarzen Kaffees wieder heraus und richtet sich – im Vorbeigehen lachend und mir nicht mehr verständliche Worte um sich werfend, die alle mit einem d‘accord enden – auf zwei Stühlen ein, wo er alles im Auge hat, was kommt und was geht.

c‘est l‘heure

3.1.2018

Wie ich aussehe! Ich möchte die Spiegel verhängen und Vorhänge vor die Fenster ziehen am Abend. Aber ich habe keine Vorhänge. So kann mich der Schreck überall erwischen, von Osten, von Süden, von Westen.
Nach der Voruntersuchung für die Ausschabung im Klinikum habe ich einen Termin bei der Friseurin gemacht. Ich kriege es hin mit der Zeit, aber der Termin steht bei „meiner“ Friseurin morgen im Buch. Sie zeigt es mir zum Beweis. Heute hat sie erst in drei Stunden Zeit, weil sie Strähnchen machen muss. In drei Stunden bin ich schon lange nicht mehr hier. Aber ich will heute die Haare geschnitten haben. Trotzig. Bockig. Es wird hier – wo die Türken schon lange zuhause sind und es viele große Salons gibt – doch eine Friseurin geben, die mir das sofort macht. Ich bin auf Risiko gebürstet. Was kann schon passieren.
Ich bin die erste in einem großen Salon, an dem ein kleines altes Schild mit Friseur hängt. Sympathisch. Die Friseurin ist jung, schaut fast verschämt, als ihr eine ältere die Aufgabe übergibt.
Was kann schon passieren.
Ich sage und zeige: zwei Zentimeter schneiden. Sie nickt und beginnt zu waschen. Aua. Harte Fingernägel kratzen meine Ohren. Einmal, nochmal, nochmal, ich sollte mich wehren. Dann wird geschnitten. Das sind vier Zentimeter. Und die sind weg.
So schaut’s aus.
Ich fahre bei meiner Freundin auf einen Kaffee vorbei und probiere den Satz, den ich nun brauchen werde: Sag nix! Sie wachsen wieder. Bis die Freunde zu meinem Geburtstag kommen?!?
Dazu brauche ich eine große Portion Selbstironie.
Meine Mutter hätte es „Herrenschnitt“ genannt. Eine Zeit lang hat sie sich ihre Haare so schneiden lassen, als das gerade modern war.

In meiner Gebärmutter ist etwas, das da nicht hingehört, sagt der Arzt heute auch, zu dem mich die Gynäkologin geschickt hat. Was soll ich dazu sagen. Kann vom Tamoxifen kommen, mögliche Nebenwirkung der Krebsbehandlung. Das sagen beide. Zwei Jahre habe ich es mit Placebo versucht: Du kannst es selbst! Jetzt machen mir zwei Ärzte zusammen mehr Angst, als mit guttut.
Also machen wir’s halt. Mit einer Vollnarkose für 10 Minuten. Und 24 Stunden Aufsicht.
Auf dem Tresen vor der Empfangsdame steht ein Schild: Heute schon gelächelt? – Natürlich. Ich habe doch einen Hund, denke ich und muss lächeln.
Als ich aus dem Klinikum komme, ist es still. Die Krähen sind nicht mehr da. Als ich hineinging, waren die alten, hohen Bäume schwarz von den Vögeln und ihre Schreie füllten die Luft und die Ohren und haben mich daran erinnert, dass ich seit meinem Krebs hier immer nur zu den Toten gekommen bin.

4.1.2018

So. Jetzt wird alles anders. Es gibt einen Weg in die Welt für 2017 mit 74.
Ich kann es nicht länger hinausschieben und fange an, es zu lesen.

5.1.2018

Und das war nix. Ich wollte nur Tippfehler, vielleicht Wortfehler finden, sie verbessern, Unverständliches verständlicher machen oder löschen. Ich habe aufgehört, als mir das Lesen gar keinen Spaß machte. Das hatte ich nicht erwartet, hatte es diesen Spaß doch beim ersten flüchtigen Lesen schon einmal gegeben.
Aber so geht es nicht. Ich habe den bösen Blick, jetzt ist das Überich wieder da und schlägt gnadenlos zu. Ich muss 2017 davor schützen. Wie soll das gehen.

Ich gehe hinaus und schaue nach, was der Sturm, der meine Vögel in die Luft geworfen hat, zurückgelassen hat, bevor er weiterzog. Vom Küchenfenster aus habe ich eine abgerissene Kiefer liegen sehen. Ein großer Gipfel liegt über dem Bach. Der Forsythienstrauch steht schief, als ich ihn anfasse, habe ich ihn in der Hand. Die Wühlmäuse. Ich grabe ein Loch, gebe das Abschreckungsmittel hinein, trete den Busch fest und hoffe, dass die Knospen, die schon gelb werden wollen, es schaffen.

6.1.2018

Ich habe eine Freundin angerufen, die die ersten Teile von 2017 mit 74 gelesen hat und „tiefsinnig und vergnüglich“ fand. Ich spreche mit ihr über mein Problem mit dem bösen Blick. Sie versteht sofort und sagt: „Das ist eine Herausforderung!“ Das war das Wort, das ich brauchte. Sie kennt sich aus in solchen Sachen. Keine fünf Minuten später sehe ich den Weg: Ich muss es nicht allein machen und weiß auch schon, mit wem ich mich verbinden kann.
Dabei fange ich an zu verstehen. Die, die jetzt den Text liest, ist eine andere als die, die ihn geschrieben hat. Das liegt in der Natur der Sache: Es war ein Jahr Leben mit dem papierfreien Tagebuch ganz nah dran. Dabei habe ich mich verändert. Und es hat mich glücklich gemacht.

8.1.2018

Da soll mir doch einer sagen, wie ich das machen soll: die Vögel zählen. NaBu hat wieder dazu aufgerufen.
Und mein Freund, der Oberförster, hat schon seine Zahlen geliefert.
Ich schreibe für mich auf, was ich gesehen habe, aber nicht nur eine Stunde.
Wahrscheinlich möchte ich das im nächsten Winter wieder wissen.

Kohlmeise – Blaumeise – Haubenmeise – Tannenmeise – Schwanzmeise – Sumpfmeise – Kleiber – Amsel – Eichelhäher – Buntspecht – Rotkehlchen – Buchfink – Bergfink – Grünfink – Kernbeißer – Wintergoldhähnchen und immer mehrere Spatzen und Goldammern

Es macht mich sehr zufrieden, zu sehen, was ist.
Heute habe ich mich für das Sehen entschieden gegen das Wissen, was nicht – mehr – ist.

9.1.2018

Tannbach. Mödlareuth.
Der erste, der in der aktuellen zweiten Staffel ein bissel Fränkisch sprechen durfte, ist schon wieder tot. Wie habe ich mich bei der Erstausstrahlung geärgert, als die Leute in Franken/Thüringen sprachen wie in Rosenheim. Weil der Hamburger bayrisch besser verstehen würde als fränkisch! Dafür haben die Schauspieler sogar bayrisch lernen müssen. Unglaublich dieses Kauderwelsch. Gibt es denn da keinen, der soviel Dummheit verbietet?!
Was mir beim ersten Mal nicht so aufgefallen ist wie in der Wiederholung: Der Lauterbach sieht am Anfang aus wie mein Vater. Aber sowas von (so sagt man doch heute?) mein Vater.
Als meine Tochter eine SMS aus Madeira schickt, wo sie sich mit Tannbach aufs Heimkommen eingestimmt hat, antworte ich: Der Lauterbach sieht am Anfang aus wie Dein Opa! Sie antwortet: Hab ich auch gsagt!
Ja. Mein Vater war ein schöner Mann. Der schönste, find ich.
Dabei mag ich den Lauterbach eigentlich gar nicht.

Ich höre, dass Heimat immer die Region, nicht die Nation ist.
Ja: Mit Heimat ist kein Staat zu machen.

10.1.2018

Es ist doch immer wieder überraschend, wie etwas, das ich gar nicht tun wollte, augenblicklich einfach und leicht wird, wenn mir einfällt: ich muss nicht. Anders geht’s auch. Das passiert so schnell wie ein Reflex – es passt kein Gedanke dazwischen. Wenn ich mich mal wieder dabei erwische, kann ich nur grinsen.
Ich wüsste gern, ob das mein Tick oder ob es immer so ist, allgemein-menschlich sozusagen.
Ganz wichtig: Ich darf mir nicht vornehmen „ich muss nicht“. Dann funktioniert es nicht.
Meine Große hat nur müde gelächelt, als ich zu ihr davon geredet habe, weil ich glaubte, ich hätte einen guten Rat. Aber der war wohl viel zu weit weg von ihrer Wirklichkeit.

Wie scheu das Rotkehlchen ist. Fliegt fort mit dem ersten Ton meiner Begrüßung. Aber es kommt wieder. Pickt, hüpft, und macht sich in der Kälte kugelrund.
Ich lerne, still zu sitzen und nichts zu tun als zu schauen und zu lauschen. Eine ganze Stunde lang nur Vögel. Was machen sie mit mir?

11.1.2018

Die Einladungen zu meinem Geburtstag sind jetzt raus:

Betreff: 75

Liebe Freunde,

Ihr wisst ja schon, was kommt, nicht Neues, sondern nur die Meldung, dass das Alte auch das Neue ist.
Aktualisiert: 28.1.2018, ab 11.
Mit schönen Grüßen
H
Zur Erinnerung: niemals vom Weg abkommen!!!

Kein überflüssiges Wort. Kürzer geht’s nicht.
Die Erinnerung ist wichtig: Wir haben schon ein paarmal ein Auto aus dem Acker ziehen müssen.
Und eine Extra-Mail für alle, die ich in diesem Jahr nicht gesehen oder gehört habe. Ich gebe nicht auf.
Jetzt freue ich mich auf den Tag mit den Freunden, wie immer an dem Sonntag nach meinem Geburtstag.

12.1.2018

Warum habe ich heute noch nichts geschrieben, es ist schon halb zwölf.
Ach ja: Ich habe den Abfluss des Waschbeckens saubergemacht. Da kam kaum mehr Wasser durch. Ziemlich widerlich. Trotzdem: Mit anfallartigem Selbstvertrauen und einer uralten, schweren Rohrzange habe ich die Teile abgeschraubt und wieder hin und dicht gekriegt. Ha! Wer lobt mich jetzt? Wieder mal hat’s keiner gesehn.
Nur ich. Und ich will es mir merken: Du kannst es noch!

„Jenseits dieser Stelle werden Drachen sein.“
Das haben früher Karthographen gesagt, wenn sie an die Grenze dessen kamen, was sie kannten.
Ich habe den Satz für borderline geklaut, ohne zu wissen wo.
Jetzt weiß ich es: Jenseits von Afrika.
Drachen. Wo sind die Drachen.

Ich verstehe mich nicht: Warum lege ich so selten eine Platte auf, wo ich doch begeistert war, als ich meine Musik in dieser Form wieder bei mir hatte. Darüber wundere ich mich immer mehr und jetzt schon lange. Wo bleibe ich hängen.
Heute wollte ich ein Brandenburgisches Konzert hören. Dazu muss ich in die Knie gehen, besser noch: mich auf den Boden setzen, denn die Schallplatten habe ich ganz unten ins Regal geräumt. Geklemmt, denn es sind zu viele für diesen Platz. Ich muss die Platten herausziehen, die Schrift auf dem Rücken des Covers kann ich da unten nicht lesen, so zerfranst wie es ist. Das mache ich ein paarmal vergeblich, finde nicht, was ich will, gebe auf. Stehe auf. Auch kein Spaß. Das mach ich so schnell nicht wieder.
Das war’s also?!? Habe ich mit dem Bücken gewartet, bis ich da unten noch etwas anderes erledigen könnte?
Jetzt habe ich die Platten in der Küche auf Augenhöhe an den Platz von Ordnern, die ich sehr selten brauche, gestellt und muss sie noch alphabetisch ordnen. Dann könnte es losgehen.

13.1.2018

Angst ist auch eine Macht. Wenn einer sagt: Ich habe Angst, dass mir ein Ast von der Esche auf den Kopf fällt – schließlich sterben gerade die Eschen – dann wird die Esche gefällt. Weg ist der starke, große, alte Baum. Jetzt ist der Himmel dort leer. Wahrscheinlich hätte er noch 20 Jahre da stehen können, länger als ich hier bin.