15.-22.1.2018 – nicht mein Land

15.1.2018

Das Rotkehlchen kommt am Morgen dann, wenn ich daran denke. Oder: Ich denke an das Rotkehlchen, wenn es sich auf den Weg zu mir macht? Weiß man’s?

Gestern war Sonntag. Ich habe mir ein double-feature vorgenommen, wenn ich schon in die Stadt fahre: Loving Vincent und Das Leuchten der Erinnerung.

Als ich an den Ampeln warten muss, habe ich genug Zeit, um zu sehen, wie viele weißhaarige Köpfe, paarweise oder zu dritt oder viert, dorthin streben, wo auch mein Ziel ist: das Kino. Schlagartig ist mir klar, warum ich nicht mehr gerne in die Stadt gehe. Ich will nicht überall sehen, wie alt ich bin. Ich weiß es ja. 75. Manchmal bin ich beinahe stolz darauf, als hätte ich eine Pflicht erfüllt, und jetzt käme noch die Kür. Freiwillig. Müsste nicht sein. Zugabe. Aber dabei immerzu in den Spiegel schauen, das halte ich nicht aus. Habe ich doch zwei Selbstbilder: ein altes und ein junges. Aber man sieht nur das alte.

Freiheit oder nothing left to loose. Mirren und Sutherland. Ich wollte Sutherland nach 45 Jahren wiedersehen. Mir ein Beispiel nehmen? Vielleicht.
Wenn die Gondeln Trauer tragen. Das Kind mit dem roten Mäntelchen, das im See ertrinkt, ist so alt, wie es damals meine Große war.
Der Mann geht zugrunde, die Frau findet einen spirituellen Weg aus der Trauer. Damals habe ich noch nicht gewusst, wovon ich rede, als ich mit Schülern im Ethikunterricht über den Film sprach.

16.1.2018

Es ist so weit: Ich kann an das glauben, was ich mir vor einem Jahr vorgenommen habe. Zurückfallen geht nicht mehr, ich bin über den Berg. Oder auf dem Berg, denn da oben soll es weitergehen. Ich habe mich mit einer Hand verbunden, die mich nicht mehr umkehren lässt. Saugut, das Gefühl. So gut, dass ich mich an die Heimfahrt aus München erinnere, nachdem ich den Vertrag mit dem Fink-Verlag für meine Dissertation unterschrieben habe. Es wird ein Buch geben! Mein Buch! Das war das Höchste. Nicht für den Dr., für das Buch habe ich es getan. Auf der Autobahn habe ich das gewusst und gejubelt. So laut, wie man nur im Auto jubeln oder weinen kann.

17.1.2018

Wo sind die Vögel, wenn der Schnee mit soviel Wind kommt?
Jetzt habe ich gerade in Windeseile ein Spatzenreihenhaus bestellt. Damit meine Spatzen
Schutz bei mir finden. Endlich. Ich habe es monatelang in den Geschäften vergeblich gesucht.

Papierverbrauch: Deutschland nimmt sich dafür so viele Bäume wie Afrika und Südamerika zusammen. Und ich kam mir blöd vor, wenn ich die Kontoauszüge für den Steuerberater auf die Rückseite von Unterrichtskopien ausgedruckt übergab.

18.1.2018

Es ist laut ums Haus. Der Sturm rüttelt an meinen Fenstern, reißt an den Ästen der Bäume, einige geben auf. Am liebsten würde er die ganzen Bäume umlegen. Noch hat er keinen so erwischt, dass er meine Telefonleitung zerrissen hätte.
Die Meisen werden von den schaukelnden Knödeln geschüttelt, nur wenige versuchen es noch einmal, bis sie weggeflogen werden.
Meine Tochter ruft an, als es schon dunkel ist, fragt, ob noch alle Bäume stehen.
Ich sag: Ich weiß nicht, ich trau mich nicht raus.
Sie: ist auch besser –
Das Telefon geht ja noch …

Das war oft ganz anders. Mein Anschluss hängt als einziger an einer langen Oberleitung. Stürme haben immer mal wieder einen Baum ausgerissen und darauf geworfen. Dann war das Telefon tot. Irgendwann hat die Telekom die Dinge immer wieder in Ordnung gebracht.
Diesmal brauche ich sie gar nicht.

19.1.2018

Es ist wieder still. So still. Zum Staunen.
Wo ist der Wind?
Wo ist der Wind, wenn er nicht weht? (natürlich geklaut)

Ich laufe mit Gummistiefeln durch die blau leuchtenden Seen der Schmutterwiesen, in denen die Wolken liegen, und denke:

ich würde
so gerne
jeden Tag
die Wolken
schwimmen
sehen

Weg sind sie – wenn der Hund durchs Wasser tobt.

20.1.2018

„Gut siehst du aus!“ – das höre ich nun schon zum dritten Mal. Scheint die neue Begrüßung zu werden.
Ich sage: danke! Es geht mir auch gut.
Jetzt sieht man es mir offenbar schon an.

Schnee, kein Schnee, Sparschnee – der Winter weiß auch nicht mehr, wie Winter geht.

21.1.2018

Rolle rückwärts: wo kommt nur diese grottenschlechte Sonntagslaune her?
„Erst Schnee, dann Regen“ – war es diese letzte Ansage von gestern Abend? Die mit vier Worten die Hoffnung auf einen hellen Sonntag zunichte macht?
In der Nacht lag dickes Weiß auf Bäumen und dem großen toten Feld. Es war eine helle Nacht. Ich habe überlegt, noch einen Nachtspaziergang zu machen, bevor alles wieder verschwunden ist, man hörte den Schnee schon ja von allen Seiten aus den Bäumen fallen.
Denke dann: Morgen früh siehst du mehr, gehe ins Bett, schlafe trotz der vielen Geräusche bald ein. Heute war ich schon mit dem Hellwerden unterwegs, kreuz und quer über die Felder, und um neun Uhr zum ersten Mal müd. Und die Freundin, mit der ich reden möchte, schläft noch.
Die Bilder, die ich von „meinen“ Vögeln zu machen versuche, sind heillos verwackelt, bevor ich noch wütender werde, fange ich an, mein Stativ zu suchen. Die Tasche mit den nicht mehr benutzten Fototeilen finde ich nicht, muss ich mäusesicher gut verräumt haben irgendwo hinter dem Schnee. Aber mir fällt das uralte Stativ meiner Mutter in die Hände, das sie in ihren jungen Jahren mit einer Voigtländer benutzt hat. Es passt zu meiner canon. Das habe ich nicht erwartet.

Jetzt sind die letzten Absagen angekommen. Es steht halb-halb. Sieben mal zwei Zusagen, sieben mal zwei Absagen.
Alles klar: nächstes Jahr wird es – wenn überhaupt etwas wird – nur noch ein Kaffee-bis-Abend-Programm werden.
Das Tagesmodell, das nötig war, weil ich nicht soviel Platz habe und meine Freunde sich in der Zeit verteilen mussten, überzeugt nicht mehr. Mal sehn, was kommt. 2019.

22.1.2018

Ich komme einfach nicht zum Schreiben. In den Azaleensträuchern vor meinem Schreibfenster sind heute alle, die der Winter hiergelassen hat: Buchfinken, Spatzen, Goldammern, Rotkehlchen, Amseln, Kleiber, Eichelhäher, Buchfink und – wie immer – Meisen aller Art. Die Nacht hat noch einmal eine Schicht Schnee ausgelegt, und wenn der auch von Regen und Wärme nass und schwer ist, so deckt er doch alles zu, was der Boden hergeben könnte, und meine Vögel kommen zu mir. Ich würde sie so gerne mit Bildern fangen. Aber es ist schwer. So schwer. Sie sind zu schnell für mich.

Weil ich zu langsam bin. Weil ich alles wieder vergesse, was ich nicht jeden Tag, oder wenigstens jeden zweiten Tag wiederhole: die Griffe und Einstellungen am Rechner und an der Digitalkamera. Nach drei Tagen fange ich wieder von vorne an.

Das war ein Fehlgriff: alles, was ich heute geschrieben habe, ist weg.
Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen. (geklaut natürlich bei Kafka)
Weiß nicht, warum mir das jetzt gerade einfällt.
Ich hätte davon geredet, warum es für mich so unmöglich ist, durch die Tage zu gehen, ohne an Verschwundenes zu denken. Es kann gar nicht anders gehen: Wenn ich das Tor nach vorne aufmache stehe ich vor dem Maisacker, der bis zum Horizont hinaufreicht und sich von Südosten bis nach Nordwesten zieht. Wenn ich dann die große Runde weit darum herum laufe, komme ich vor dem Wald an einem Acker vorbei, der einmal eine Wiese war. Dorthin bin ich im Sommer jeden Abend gegangen, um dem Zirpen der Grillen zuzuhören. Eines Tages war die Wiese gelb und wurde immer gelber. Ich habe aufgeregt bei der Gemeinde angerufen und bekam die Auskunft: „Der Bauer kann mit seinem Land machen, was er will“. Das Zirpen gibt es nicht mehr. Mein Weg verläuft dann weiter an einem Bach entlang, der zu mir fließt. Bis zum vorigen Jahr standen dort hohe, feste Gräser im Spätsommer voller Spinnennetze, in denen morgens Tautropfen hingen. Ich habe ein ganzes Buch mit ihnen gemacht, es heißt perlen. Im Winter hat der Raureif oft wunderbare Blüten hingezaubert. Auch ein Buch.
Der Bauer wird eine größere Maschine angeschafft haben, die fordert ihre Opfer. Aufpassen? Das kostet Zeit, und Zeit ist Geld. Und Geld ist alles, was zählt.
Ich laufe neben dem toten Acker nach Hause.
Die Entscheidung für halbvoll habe ich nicht mehr.
Wann sage ich: „Dann ist das nicht mein Land“?