23.1.2018 – Niger bismillahi

Schlimmer: das ist nicht mehr meine Welt. Niger.
Dort fliegen französische Hubschrauber Kontrollen zu den Wasserstellen in der Sahara und melden, wo die Menschen, die durch den Niger fliehen wollen, sich an Wasserstellen sammeln. Dann kommt nigrisches Militär, um sie zu vertreiben. Es ist grauenhaft. Man müsste sich das Hirn amputieren.
Aber man tut es nicht und lebt.

23.1.2018

Einmal wollte ich mit Kamelen durch die Tenere gegangen sein. Dazu mußte ich mich, auch wenn mir das nicht leicht fiel, einer organisierten Gruppe anschließen. Ich bin eine Woche früher als die anderen nach Niamey geflogen, weil ich das Land zuerst alleine finden wollte.

Niger 2000

bismillahi

Nirgendwo habe ich dieses Wort so oft gehört wie in Niger: Im Namen Gottes.
Nach einer Überlieferung hat der Prophet gesagt: Die Taten, die ohne bismillah verrichtet werden, sind verlorene Taten, sie haben keinen Segen von Allah und kein Gewicht am Jüngsten Tag.

24.4.2000

NIM. Das hatte ich noch nie. Schön: NIM.
Paris – Bamako – Niamey. Mein Flieger heißt Nouakchott.
Wir heben ab für Afrika. Schnell wie immer über den Wolken, immer weiter zur Sonne.
Paris war wieder verlaufen. Diesmal ohne die Uhr und mit viel Zeit. Dafür müde und verstört über soviel Vergessenes. Wo ist der Sinn.

Niamey  26.4.2000

Hotel le Sahel. Erster Sundowner über dem Niger, wie es die Weißen gerne machen und die Afrikaner, wenn sie reich sind, auch. Junge Ziegen schreien, weil junge Ziegen schreien. Am Fluß trocknet die letzte Wäsche, bis es dunkel wird. Einer schöpft schon seit einer Stunde Wasser aus einer Piroge. Kein Rot, kein Gelb, kein Orange mit silbernen Streifen am Himmel wie gestern. Bleiches Grau. Mit den ersten Lichtern Fledermäuse. Oder mit den Fledermäusen erste Lichter.

28.2.2000

Heute ist die Luft so dicht, daß das andere Ufer des Niger nur zu ahnen ist, wenn man weiß, daß es gestern dort war. Eine leichte Verdunklung, mehr nicht.
Der Wind kommt mit heftigen Anfällen aus der Sahara. Die Menschen wickeln sich ein. Ziehen die Tücher um den Kopf und den Körper enger, sonst flatterten sie fort. Die Wäsche waschenden Männer behalten Sakko oder Pullover an, während sie mit den Füßen im Wasser stehen, die Hosenbeine über die Knie gekrempelt. Und die warme Wollmütze bleibt auf dem Kopf, wenn die Wäsche gerieben, geschlagen, ausgewrungen und aufgehängt wird. Nur ein paar ganz junge riskieren kurze Hosen. Heute.
Ich bin wieder da an meinem Platz über dem Ufer des Niger. Gestern war ich weg.

In Ayorou.
Ayouro? Ayouro??? Der Chauffeur kennt das nicht. Ayouro.
Bis wir draufkommen, daß ich Ayorou meine. Aha! Ja dann kennt er auch den Gare routière. Schnell schnell als Letzte in den Kleinbus dix-neuf. 320000 (statt 220000 CFA), ich werde so fest eingeklemmt, daß keine noch so geringe Bewegung möglich ist. 24 Personen in einem Bus für 12. Und auf dem Dach nochmal dieselbe Höhe. Bis Tillaberry, dort steigt die Hälfte aus, aber nach und nach, wo immer einer winkt, wird der Bus wieder voll. Nach vier Stunden erreichen wir Ayorou.
Dort ist der größte Markt in Westafrika, 200 km weiter flußaufwärts, nahe der malischen Grenze. Nach weiteren 20 Kilometern verläuft die Grenze durch den Fluß.
Der Niger ist hier so breit, daß man gar nicht an einen Fluß denken würde, wenn man es nicht wüßte. Die vielen kleinen und großen Inseln mit ganzen Dörfern darauf und dicht mit Wasserpflanzen bedeckten Flächen darum herum, aus denen rosarote, gelbe und tiefrote Blumen blühen, lassen das Fließen des Wassers vergessen. Es ist nicht leicht für die Piroge, durch die schmalen freien Wassergassen zu steuern, um am nächsten Dorf zu landen. Anders erreicht man die Inseldörfer nicht. Es hat etwas Paradiesisches – wären da nicht die verklebten, kranken Augen der Kinder. Dieser Wind. Meine Augen tränen auch. Jetzt verstehe ich auch die entzündeten Augen der Kinder von gestern.
Jeden Morgen kommen die Lehrer mit der Piroge herüber, um die Kinder bis zum 6. Schuljahr zu unterrichten. Gut die Hälfte, das sind etwa 120 Kinder, geht zur Schule. Die anderen müssen noch gewonnen werden, erzählt Moussa, mein Führer, der mich am Bus in Empfang genommen hat, als hätten wir eine Verabredung. Er hat mir die Inseln geschenkt, ohne ihn wäre ich nie auf die Idee gekommen, dort hinüberzufahren, wo die Pirogen herkamen. Von dort und von weiter, noch viel weiter, aus Gao in Mali, um jeden Sonntag wieder diesen Markt zu besuchen und die Erzeugnisse mitzubringen. Die Peul kommen mit Butter, die Bella mit gebrannten Kalebassen, bunt bebänderten geflochtenen Körben, Töpfereien sind auch dabei und manchmal Schafe und Ziegen. Wenn eine Kuh über den Fluß soll, muß sie schwimmen und wird neben der Piroge hergezogen.
Um den Fluß zu überqueren, muß man manchmal im Schutz eines Ufers gegen den Strom und seine Strömung stochern, um beim Überqueren zurückfallend die andere Seite auf gleicher Höhe zu erreichen.

Als am Nachmittag ein fast leerer Bus dasteht und mich der Fahrer auf den Platz neben sich winkt, denke ich: das ist ein Glück! Und steige auf der Stelle ein, obwohl ich noch gar nicht abfahren wollte. Aber auf so einem Platz! Ein Traum.
Ein Alptraum. Der Sitz wird heiß wie eine Pfanne, der Motor ist unmittelbar darunter, keine Schicht dazwischen, der heizt und heizt. Anhalten zum Nachmittagsgebet und für einen Liter Benzin, von dem einiges daneben und auf den heißen Motor läuft. Bis zur nächsten Tankstelle reicht es jedenfalls nicht. Das Auto bleibt stehen. Schieben. Muß komisch aussehen, diese weiße Oma, die mitschiebt. Die anderen Frauen laufen hinterher. Es geht bergauf. Als Tillaberry in Sicht kommt, neigt sich die Straße, der Bus kann wieder rollen und verschwindet langsam. Wir laufen. Zwei Jungen auf einem Eselskarren laden mich zum Aufsteigen ein. Das ist langsamer als laufen. Und natürlich nicht umsonst. Ich sehe meine Mitfahrer nicht mehr, nur ein Mädchen, das will in Tillaberry bleiben. Als ich unseren Bus endlich finde, sitzt ein Alter auf meinem Platz. Ich soll einen anderen Bus nehmen, der sofort fährt. Von mir aus. Sofort soll ich mich hineinsetzen. Dann wird eingeladen, aufgeladen, unglaublich. Noch einen Kubikmeter Kalebassen, und noch zwei Hühner. Ein Fahrrad. Ein Schaf. Der Bus ist erst voll, als wieder auf jeder Bank fünf statt drei Personen sitzen. Neben dem Fahrer sind es nur zwei. Eine der beiden Frauen, zwischen denen ich eingekeilt bin, meint: Annassara dans la cabine! Was heißt: der Platz da vorne sei für die Weiße, der Ehrenplatz. Aber der Fahrer lacht nur, ich auch. Nach vier Stunden Fahrt wird es dunkel, stockfinster. Eine Frau läßt halten, ruft: hier! Und lächelt zufrieden, als der Bus steht. Da ist nichts. Kein Feuer, kein Lichtschein, nichts. Sie steigt aus und verschwindet im Dunkel.
Noch eine Stunde, dann beginnt Niamey. Jeder schreit, wenn er aussteigen will. Ich will dahin, wo ich eingestiegen bin, dann finde ich zurück zum Hotel. Weil ich nichts sage, ruft der Fahrer: Annassara? Wohin will die Weiße? Grand marché? Ja, auch von da finde ich heim. Nach fünfeinhalb Stunden. Ein Glück.

In Niamey schließen sich die flatternden Wäschereihen an den Drahtleinen. Oft ist es Stacheldraht.
Nun werde ich doch erst am Donnerstag im TERMINUS ankommen. Bisher umkreise ich es mit Trinken, Essen und Schwimmen, um wieder das Weite zu suchen. Hier am Fluß und überall. Ich schiebe das letzte Kapitel hinaus auf Donnerstag und Donnerstag drei Wochen später.
Ich verfolge die Spur des Vergessens. Vielleicht will ich wissen, was ich nicht brauche. Oder ich will in der Wüste nichts brauchen. Mit oder ohne – es ist egal.

Die Salamander haben keinen leuchtend-orangefarbenen Bauch wie in Ouaga. Sie sind besser getarnt, von Steinen und Erde nicht zu unterscheiden.
Wie in Ouaga oder nicht wie in Ouaga oder „wie in Ouaga vor 10 Jahren“…
Als wäre Ouaga das Maß aller meiner afrikanischen Dinge.
Die Luft: nicht wie in Ouaga, kein sengender Brandgeruch, kein Gestank der Zweitakter-Mofas
Das Bier: wie in Ouaga. Aber die große Flasche heißt Braniger, nicht Brakina.
Die Menschen: wie in Ouaga. Freundlich, lachend.
Der Markt: nicht wie in Ouaga. Ich fühle mich meist in Ruhe gelassen, jedenfalls nicht überfallen wie in Ouaga. Eine kleine Frau mit honiggelber Haut zupft mich an der Bluse und hält mir eine Gummisandale hin, wo der Steg zwischen den Zehen ausgerissen ist. Das ist das Ende jeder Sandale, jetzt läuft sie mit einer, ihre vielleicht sechs Jahre alte Tochter folgt ihr. Sie macht ein unglückliches Gesicht, ich soll ihr neue Schuhe kaufen. Ich weiß sofort, daß das jetzt sein muß, und suche solche Schlappen, die Frau immer hinter mir. Wo ich stehenbleibe, sucht sie aus, probiert und schlüpft hinein. Bei dem Preis, den der Verkäufer will, schüttelt sie ärgerlich den Kopf, nimmt 120000 CFA aus meiner Hand und bezahlt, bekommt 42000 zurück, 150 mehr als verlangt waren. Die gesparten 150 gebe ich ihr später, sie ist immer wieder da, drückt meinen Arm und dankt. Die Tochter lacht. Sie kommen aus Mali, wo es ihnen noch schlechter ging.
Nicht wie in Ouaga: die Straßenjungen. Hier haben sie sich einen alten Topf oder eine große Tomatenmarkdose mit einer Schnur um den Hals gehängt.
Wie in Ouaga: „Bonjour, Sie erkennen mich nicht?! Ich habe am Flughafen Ihr Gepäck kontrolliert!“ Da fällt mir erst auf, daß gar nichts aufgemacht worden ist, also: nicht wie in Ouaga. Aber wie in Ouaga: „Ich habe ein Problem, mein Auto hat eine Panne.“ – Ich sage: „Ich kenne die Geschichte“ und muß lachen, als ich mich verabschiede.
Eine Frau mit einer großen Lücke zwischen den Schneidezähnen: „Bonjour, Sie erkennen mich nicht?!?“ Nein, wirklich, ich kenne sie nicht. „Ich arbeite am Empfang des Hotels Sahel, wo Sie wohnen. (stimmt) Ich muß hier noch 520000 CFA bezahlen. Wenn Sie mir die geben, bekommen Sie sie im Hotel zurück.“ – „Madame, ich habe Sie nie gesehen.“ Unsere Empfangsdame hat eine ganz andere Eleganz. Als ich sie begrüße, erzähle ich ihr die Geschichte und sie sagt, sie sei die einzige Frau am Empfang.
Am Hotel TERMINUS kommt einer auf mich zu gerannt. Das Übliche, jetzt: “J’habite à coté de ta maison.“ – „Ma maison? C’est ou?“ – Wo ist mein Haus? – Eine Geste. Ich frage weiter, er verabschiedet sich, ohne sein Problem vorgebracht zu haben.
12 Uhr mittags.
Die Windanfälle sind seltener, und die Sonne hat selbst mit ihrem Schleier soviel Kraft, daß sie brennt. Einer geht mit Löffeln klappernd die Straße der Wäscher entlang. Das Klappern klingt nach Ouaga, doch ist es hier keine Schere wie dort, wenn ein Schneider mit der Nähmaschine auf dem Kopf durch die Straßen ging. Wofür dieser klappert, ist in seiner Tasche verborgen.
Wie in Ouaga: die Bettler, die Krüppel an den Ampeln und überall. Der erste, der mir seine Hand entgegenstreckte, als ich gerade Obst kaufte, hatte keinen Mund. An dessen Stelle war schwarze glatte Haut. Ich hatte gerade nur die großen Münzen, wie man sie Bettlern gar nicht gibt. Und ich hätte ihm auch lieber etwas zu essen gekauft. Da bin ich erschrocken: Wie konnte er essen? Ich fürchtete mich, in das Gesicht zu sehen, ob es da eine Öffnung gab, und griff schnell in die Tasche nach der großen Münze. Er wird wissen, wie er ißt.
Daß es das gibt, ist ein Schock, vor dem man fliehen möchte wie in Ouaga am Anfang, das war vor 10 Jahren.

29.3.2000

Als ich am Donnerstag ankam und im Dunkeln auf der Terrasse saß, war ich überrascht. Wie hatte ich vergessen können, daß dieses Afrika mich immer so wohltuend aufnimmt. Diese Luft hat etwas Animalisches, umgibt den Körper, läßt ihn fühlen, die Wärme dringt in ihn ein, strömt durch ihn durch, als wäre er selbst ein Teil davon. Auch wenn die Luft trocken ist, kommt es mir vor, als müßte es im Fruchtwasser so gewesen sein. Und das war vor dem Denken, weit davor. Vielleicht vergesse ich es deshalb immer wieder. Weil es mit dem Kopf nichts zu tun hat.

Ungeflohen hier zu sein, das ist wie ein erstes Mal. Und doch mit genug Erfahrung, um die Orte zu finden, wo es am schönsten ist: jetzt hier am Fluß, der am Morgen glänzend unter meinem Fenster lag. Das Blau darüber den ganzen Tag bis zum Untergang der Sonne. Scherenschnittpirogen ziehen durch das Rot, das noch eine ganze Stunde leuchtet, als die Sonne schon verschwunden ist. Ein großer erster Tag in Niamey: Ich habe mich umgesehen, wo ich bin, in der Nähe und eine Runde weiter, habe mein Schwimmbad wiedergefunden und mein braniger am Fluß gegenüber der Sonne und unter dem Fenster meines Zimmers getrunken. Ein Wunder ist beides: das Vergessen und das Wiederfinden auch.
Wie in Ouaga: Die ersten Schritte in die Dunkelheit am Abend und der Schock, daß es so dunkel ist, daß ich nach einer Hand greifen möchte wie mit meiner Tochter.
Nicht wie in Ouaga: immer zu Fuß, ohne Mofa. Es ist selbstverständlich.
Jetzt kann man schon die Umrisse der Bäume vermuten am anderen Ufer.
Ich nehme den Weg an den Fluß zu den Wäschern, denen ich schon am Morgen zugesehen habe, wie sie mit ihrer Arbeit angefangen haben, die großen Ballen vom Kopf auf den Boden fallen ließen und aufschnürten, ein Stück nach dem anderen in die Hand nahmen und auf einen bestimmten Haufen warfen, dann die Ärmel hochkrempelten und die langen Hosen auszogen, ins Wasser stiegen. Die Steine am Ufer, oft als Platte mit Beton zusammengefügt, sind Waschtisch und Waschbrett zugleich. Die Stücke werden darauf gerieben und geschlagen. Dabei gehen die Stimmen zwischen den Männern ununterbrochen hin und her.

Zwei Jungen sammeln die Kronenkorken auf, die die Hotelgäste über den Zaun geworfen haben. Und Dosen und Tüten, sie hinein zu tun, gleich dazu.
Man kann mit ihnen die Nägel verstärken, mit denen man das Wellblech an die Holzleisten schlägt, damit eine Tür draus wird.
Man kann nicht nur das.

Abends, 19 Uhr. Die Luft ist immer dichter geworden von Staub. Kein Ufer ist hervorgekommen wie an meinem ersten, hellsten Tag, als nach und nach in der Ferne sogar Berge aufgetaucht sind hinter dem Grün neben dem Fluß. Und ich dachte, fotografieren kann ich immer noch.
Heute hat sie sich nur in den frühen Nachmittagsstunden als leichter Schimmer gezeigt. Nach langen Stunden im Bett mit Lesen und Dösen und Lesen, erschöpft von gestern, bin ich hinaus. Die Luft ist so dick, daß man glaubt, man kann sie nicht atmen, sie müßte augenblicklich alle Atemwege verstopfen. Und man kann nicht vorbei atmen daran. Das offene Fenster ist eine Täuschung: frisch ist es nirgends.
Beim Hinaustreten aus dem Hotel höre ich, daß dieser bedrückende Zustand dauern kann: eine Woche oder zwei. Als mein Freund, bei dem ich im Dunkeln die schmuddeligen Karten gekauft habe, merkt, daß mich diese Antwort ziemlich entsetzt, sagt er: noch morgen. Übermorgen wird es allmählich wieder besser. Sie sagen immer gerne, was man hören will, wenn sie es erkennen.
Vielleicht sehe ich die Sonne vor der Wüste gar nicht mehr. Das macht mich traurig. Auch wenn es dabei wärmer als in meinem überheizten Wohnzimmer ist.
Wie in Ouaga. Nur der Fluß. Der ist nicht wie in Ouaga. Mein Trost.
Und das Zimmer. Und daß – wenn hier einer klopft – es ein Irrtum sein muß. Oder die Seife.
Nicht wie in Ouaga – es ist Niamey. Und Niamey ist Niamey.

Das Alleinsein erinnert mich an das Jahr nach dem Tod meiner Großen. Wo keiner, der klopfte, wissen konnte, was war. Ich wollte es so. Heute sind meine inneren Monologe Dialoge mit meiner Kleinen. Ihr beschreibe ich alles. Aber das Schreiben habe ich zurückgenommen. Sie denkt an ihre Reise in die USA, wohin sie auch nach dem Tod ihrer Schwester für zwei Monate gegangen ist.

30.3.2000

Am Pool vom TERMINUS.
Gestern war ich nicht hier, heute bleibe ich länger. Morgen melde ich mich an und übermorgen ziehe ich ein. Und drei Wochen später noch einmal. Inshallah.
Abgelöste Pflanzen schwimmen stromabwärts. Riesenfrösche quaken unter meinem Fenster. Manchmal fürchte ich, einer könnte hereinspringen.
Zwischen Fröschen und Grillen Unentschiedenheit zwischen rückwärts und vorwärts. Schließt es sich aus? Wie wäre beides zu verbinden, ohne auf der Stelle zu bleiben?
Rückwärts: mein Buch. Vorwärts: die Artikel. Ich stehe still.
Fürchte die Menschen, die kommen werden, und bin glücklich, wenn ich mit einem sprechen kann.

1.3.2000

Das andere Ufer des Flusses ist wieder zu sehen. Trotzdem ist meine Laune heute gar nicht gut. Dabei erwarte ich doch die immer gute Laune von mir hier, wenn ich schon in Afrika bin.
Warum eigentlich? Welchen Grund gibt es dafür? Weil es so weit weg und teuer ist, oder weil es warm ist und die Menschen schwarz sind?! Das kann es ja nicht wirklich sein.
Eine Woche nun. Und ich habe fast nicht gesprochen. Dafür bin ich mir böse? Und ich bin mir böse, so sieht es aus. Kann mir nichts recht machen. Die Karten, die ich gestern geschrieben habe, finde ich heute unmöglich. Ich wollte mich mit ihnen aus dieser Stimmung herausschreiben. Von wegen. Soll ich sie überhaupt abschicken? Was denken sie zuhause. Und wann denken sie es. Wenn alles ganz anders ist. Wenn ich mit den Menschen zusammen bin, vor denen ich mich jetzt fürchte. Ich möchte mit Menschen zusammen sein, wieder sprechen können, und gleichzeitig habe ich Angst.
Enttäuscht zu werden? Was erwarte ich denn von ihnen? Daß man miteinander reden kann? Warum sollte das nicht gehen. Weil ich fürchte, daß sie merken könnten, daß ich blöd bin? Schlecht ausgerüstet, schlecht vorbereitet.
Es ist, als hätte das Alleinsein mich entwertet. So ist es schwer, auf die anderen zuzugehen. Dabei will keiner etwas von mir außer ich selber.
Das ist es eben. Das Gefühl des Angenommenseins habe ich bei anderen, den Freunden, deren Zuneigung ich sicher bin. So sicher, daß ich ihnen die Karten zumute, die ich unmöglich finde. Oder habe ich Heimweh? Nach mir bei mir. Und Sehnsucht nach meiner Tochter. Sie fehlt mir sehr.

2.3.2000

Rückwärtsgang im Schnelldurchlauf.
Ankommen, Wiedererkennen, Fallenlassen.
Neugier, die in die Sackgasse des Vergleichs gelaufen ist. Wirklich neu waren die Inseln mit den Dörfern bei Ayorou. Auch Ayorou viel zu schnell, ich habe fotografiert, nicht gesehen. Mich werden die Bilder nicht interessieren. Pflicht. Man kann doch nicht am größten Markt Westafrikas vorbeifahren, wenn man nur noch 200 km entfernt ist und Zeit hat.
Zeit hatte ich ja. Dann der Schnelldurchlauf.

Letzter Tag mit Warten auf Wüste. Ob ich mein Kind im Land der Leere finde?
Sie kann doch das Unglaubliche nicht getan haben. Ob die Leere uns trennt?
Das ganze schwarze Afrika stand im Zeichen ihres Todes. Nicht das Fahren, das Gehen in der Wüste soll ihn hinter mich bringen. Mich leer machen für das letzte Weggeben. Es muß erst nichts sein, damit Neues entstehen kann. Das ist immer das Schwerste. Nichts.
Die kleinen Flammen von Freude verlöschen hier diesmal so schnell. Kaum wahrgenommen, sind sie schon verschwunden. Wie ein Feuer aus Papier. Schnell flackernd schon vorbei.
Weil ich sie mit niemandem verbinde? Keinem Freund, keiner Freundin, keiner Tochter. Zuhause klingen die Dinge nach, wenn ich sie sage. Ich brauche die Verflochtenheit. Papier allein genügt nicht mehr.
Heute habe ich nichts anderes.
Die Zeit, die ich mir hier für mich allein genommen habe, war lang genug für die Erkenntnis: ich will nicht mehr allein. TERMINUS. Endstation.

© H. Tarnowski