1.-7.2.2018 – Dein Papi

1.2.2018

Mit dem Vollmond von gestern sollte ich anfangen, dabei bin ich mir noch gar nicht nachgekommen.
Hinterher mit dem Verstehen.
Hab’s dann analog versucht. Half auch nicht.
Ich habe kein Wort, finde keinen Namen für den grauenhaften Zustand am Tag nach meinem Geburtstag.
Meine Tochter hat mich zum Geburtstagsessen beim Vietnamesen eingeladen. Ich war zuerst da, legte meine Sachen ab und ging zum Händewaschen. Als ich zurückkomme, sitzt meine Tochter mit ihrem Lebensgefährten am Tisch, auf dem Platz neben dem meinen steht eine vollbepackte Tüte. Begrüßung, nochmal Glückwünsche. Ich bin neugierig und fange an, Päckchen aus der Tüte zu zupfen. Meine Tochter hat sich soviel Liebevolles ausgedacht. Ist es nicht zu viel? ich freue mich und kann mich doch nicht so richtig freuen. Warum eigentlich nicht? Ich kenne mich da ganz anders. Bin unzufrieden mit mir.
Nu is es so.
Am nächsten Tag – es ist der Tag zwischen dem Geburtstag und dem Sonntag mit den Freunden – fühle ich mich ganz furchtbar schlecht. Unbeschreiblich grauslich. Geschlafen hatte ich wenig, bin schon um fünf Uhr aufgestanden, deshalb versuche ich es immer wieder mit schlafen, einmal, nochmal, nochmal, hat nicht funktioniert. Ich will diesem Zustand ein Ende machen und nehme einen Schluck von dem Pflaumenschnaps eines guten – toten – Freundes, obwohl ich weiß, dass auch das nichts ändern wird. Ich habe mich noch nie in dieser Weise erlebt. Aus der Haut möchte ich fahren, mich an die Wand werfen, den Kopf einkreisen, um das Wort zu finden, das mich retten kann.
Machen, machen, machen – das Haus, den Tisch und alles für morgen vorbereiten, fernsehen und fernsehen. Ich habe keine Ahnung mehr, was es war. Am Abend treffe ich eine Freundin, die mir einen Theaterbesuch geschenkt hat. Als ich bei ihr sitze, als sie gerade in die Küche geht, um mir einen Espresso zu machen, fallen mir die Schuppen von den Augen. Meine Große! Jetzt ist sie dabei. Endlich! Und da ist die Kleine, die als Einzelkind dasitzt und mich für zwei beschenkt. Die ihre Mutter ohne Schwester ins Altwerden begleiten muss. Ich fange an zu weinen.
Wenn keiner von ihr spricht, ist es, als wäre sie nicht in meinem Leben gewesen, als hätte sie nicht gelebt.
Können wir sie nicht unter uns haben? Das frage ich mich, als ich wieder zu Hause bin. Ich möchte sie dabeihaben, wenn ich 75 bin. Von ihr sprechen, ihr einen Platz geben. Das nehme ich mir für den Tag mit den Freunden vor, der mir noch bevorsteht.
Ich stelle das Bild von ihr, wo sie ihren Fuß in einen alten kleinen Alutopf steckt, den wir mit diesem Haus erworben haben, mit meinen Blumen auf das Klavier. Aber ich möchte meine „Kleine“ nicht übergehen, spreche sie zuerst an und bekomme die Abfuhr: „Das ist deine Sache!“ Und etwas wie: „Jeder hat seine Toten“.
Ich habe nichts mehr gesagt. So wurde wie immer nicht von ihr gesprochen. Traurig, dass niemand sie in seine Wörter nimmt.
Ihr Bild steht noch immer auf dem Klavier, eine Mohnblume neigt sich mittlerweile darüber.
Der leere Platz an der Wand neben meinem Schreibtisch wartet darauf, dass das Bild wieder zurückkommt.
Habe ich mich zu wichtig gemacht? Die 75 überbewertet?

2.2.2018

Beim Kaffeemachen am Morgen denke ich daran, was mich nicht hat einschlafen lassen und ich habe den Satz im Kopf: Warum fällt mir bloß der Name für den Aschenbach nicht ein?!? Eine Schande für eine Germanistin.

Was??? Da war er! Natürlich ist das zum Lachen.
Aber so könnte ich nicht mehr mit Literatur arbeiten. Wer kennt den Tod in Venedig?

Heute kommt meine Frage aus Tutzing: Schummeln die verklärenden Blicke nach rückwärts das Bangen vor der Zukunft weg?
Wie so oft: wenn die Frage gestellt ist, steht die Antwort schon da.

3.2.2018

Eine Stunde Winter ist schon wieder vorbei. Überhaupt kommt er immer nur noch stundenweise: was morgens weiß ist, ist mittags grün.
Mir fehlt der Winter wie die Grillen und die Glühwürmchen im Sommer, wie die Spinnweben im Herbst.
Die Aussicht, aus dem Jahr ohnesinn ein Buch zu machen, die eine sehr geneigte Agentin in meine Welt setzt, hat mich so durcheinander gebracht, dass ich um drei Uhr in der Nacht wieder aufgestanden und mit einem Bier hinaus gegangen bin zu den Feldern, auf denen ich mir weiß wünsche. Kein Weiß.
Dann will ich es wieder mit schlafen versuchen, aber da ist Angst: ohnesinn könnte mir nach den Regeln, die ein Buch eben braucht, entwendet werden. Es würde das werden, was ich nicht gewollt habe. Ich fürchte eine Gehirnwäsche. Aber wer wäscht mein Gehirn wenn nicht ich?
Da finde ich den Satz, der das Zeichen gibt:
Wenn ich beim Schreiben an ein Buch gedacht hätte, gäbe es dieses Buch nicht.
Genau! Das wird stehen bleiben. Dann kann es ein Buch werden.
Ich denke: Heide, du bist gut!
Und grinsend muss ich eingeschlafen sein.

4.2.2018

Heute hat der Vater Geburtstag. Habe ich an diesem Tag schon einmal nicht an ihn gedacht?
Als ich acht war und ihm mit meinem Betteln schon lange auf die Nerven ging, schrieb er an seinem Geburtstag in mein Poesiealbum, wo ich die die erste Seite für ihn freigehalten hatte:

    Vor allem eins mein Kind,
    sei treu und wahr.
    Laß nie die Lüge deinen Mund entweihen.
    Von alters her im deutschen Volke war
    der höchste Ruhm
    getreu und wahr zu sein.
                                               dein Papi
                                               Augsburg, am 4. Febr. 1951     

        

Als er 80 wurde, hat er gestaunt.

Ramadan 1990

 

Sein Geburtstag war ihm in den letzten Jahren selbst die größte Überraschung.
„Was sollen die Blumen? Wo kommen die her? Sieh mal: Kannst du mir erklären, wie die her­ eingekommen sind?“
Ich antwortete: „Du hast Geburtstag! Und die Blumen sind von mir.“
„Was?! Ich habe Geburtstag?“
„Schon den ganzen Tag -“ Das waren seine Worte. Sie lieh sie aus.
„Was ist denn heute für ein Datum?“
Er holt seine Brille heraus, läuft zu der Zeitung, liest -
„Tatsächlich. Stimmt! Na sowas! Und wie alt bin ich dann?“
Wir rechneten nach: 78, 79, 80 -
Der Achtzigste machte es ihm leichter, weil da die Zahl schon gut sichtbar auf allen Glückwunschkarten stand. Die Brüder. Die Fleischerinnung. Die Sänger­ runde. Die Landsmannschaft. Der Oberbürgermeister. Diesen Glückwunsch zeigte er ihr noch mit Tränen in den Augen, als es schon Sommer und die Karte mittler­weile abgegriffen war.
„Da staunst du, was?! Achtzig Jahre!“
Er staunte. Ich nicht. Warum sollte ich es vergessen haben.
Er aber schmunzelte spitzbübisch und auch ein bisschen stolz:
„Achtzig. Das will schon was heißen.“
So haben wir noch bis 81, bis 82 gerechnet. 83 gab es nicht mehr.
Das Ende des Winters.
Der Frühling kommt viel zu früh in diesem Jahr und ist vorbei mit dem Mai.

Für die Zeit hatte der Vater die Zeitung.
Vor ein paar Jahren hatte ich bemerkt, wie er anfing, die Zeitung ungelesen aufzustapeln. Als sich das nicht mehr änderte, habe ich ihn gefragt, ob er denn die Zeitung überhaupt noch wolle, ob er nicht viel­ leicht gar kein Interesse mehr habe an ihr. Da ist er ener­gisch aufgesprungen und hat geantwortet: „Doch. Wegen dem Datum. Es ist wegen dem Datum. Mit der Zei­tung weiß ich immer, wel­cher Tag es ist.“
Und immer häufiger ist er aufgesprungen, wenn von morgen oder von gestern die Rede war, um nachzusehen, welcher Tag auf der obersten Zeitung stand.
Am wichtigsten war die Wochenendausgabe. Wenn er Sonnabend/Sonntag las, kaufte er mehr Brot ein und sah nach, ob Fleisch, Käse, Eier und Wurst im Kühl­schrank waren. Auch wollte er am Sonntag und an jedem Feiertag einen Anzug tragen, nicht die Hose und die Jacke der gan­zen Woche. An einem Sonntag besuchte ich ihn und fand ihn in Hose und Jacke. Als ich ihm sagte, daß sie heute das Gras nicht mähen könnten, weil es Sonntag sei, da sprang er aus seinem Schau­kelstuhl, sah bestürzt an sich herunter und fragte: „Ja, aber warum bin ich dann so angezogen?“

Nein. Es darf keiner über ihn lachen, der ihn nicht liebt.

Es stellte sich heraus, daß meine Tochter seine Zei­tung ausgeliehen hatte. Von nun an musste sie, so wurde es vereinbart, wenn sie am Samstagmorgen die Zeitung ausleihen wollte, diese gegen eine Ausgabe der vergan­genen Wochen vertauschen, auf der auch Sonn­abend/Sonntag stand. Oder sie ließen ihm das Deck­blatt und tauschten den Inhalt gegen Altpapier aus.
Mit manchen Feiertagen war es hinterhältig. Da kam die Zeitung für zwei Tage erst, wenn der Feiertag schon angebrochen war. So hatte ich mir angewöhnt, ihn einen Tag zuvor anzurufen, um ihm zu sagen: „Morgen sind die Geschäfte zu.“ Da war er immer dankbar: „Gut, daß du mir das sagst, sonst wäre es mir schlecht gegangen. Ich habe nur noch zwei Brötchen.“
Aufgehängt. Und sofort wird er den Hut genom­men haben und den Stock, und zu dem Kater gesagt haben: „Ich bin gleich wieder da!“ – Türe aufgeschlossen, Türe zugeschlossen, den Schlüssel zweimal umgedreht, und schon wird er auf dem Weg nach vorne gewesen sein. „vorne“, das war die Hauptstraße mit ihren Geschäf­ten, „hinten“ dagegen der Weg, den er jeden Tag auch einmal ging, da war der Friedhof.
Früher war „hinten“ der Ort, wo er jeden Wochentag vom frühen Morgen bis zum Feierabend seine Arbeit tat, eine Wurstküche war seine Werkstatt.

Bis zuletzt teilte er die Tage ein zwischen vorne und hinten. Vormittags vorne, nachmittags hinten. Daran hielt er sich.
In den letzten Jahren war die Uhr wichtig geworden, die er nur widerwillig von ihrer Mutter angenommen und als überflüssig beisei­te gelegt hatte. Jetzt brauchte er sie, nach­ dem er die große Uhr immer wie­ der aufzuziehen vergaß, die Wecker kaputt und der Reparatur nicht mehr wert waren. Als die Küchenuhr auch mit einer neuen Batterie nicht mehr zu bewe­gen war, meinte er, er brauche sie nicht, habe er doch die Armbanduhr. Nach dieser richtete er sich nun, mit ihr stand er auf, bereitete sich seine Mahlzeiten, ging spazie­ren oder wartete auf seine Tochter. Nach seinem Abendbrot um fünf Uhr wurde der Fernsehapparat angestellt. Dann gab es nichts mehr zu essen. Deshalb wunderte sie sich, als sie um sieben Uhr kam und ihn kauen sah. Seine Uhr zeigte fünf. Von da an fragte sie jedesmal: „Wie spät ist es eigentlich?“ Erfreut, daß er ihr Auskunft geben konnte, hat er immer bereitwillig und sehr genau geantwortet.
So hätte es noch weitergehen können. Bis auf manchen Anruf am frühen Morgen, wo er sehr unglücklich war, weil er glaubte, sein Fern­sehapparat sei kaputt, da er den Morgen für den Abend hielt.
„Was, es ist morgens? Ich hab gedacht, es ist Abend! Ja, dann entschuldige schon.“ Ganz schnell legt er auf.
Damals hat sie sich angewöhnt, auch nachts ans Tele­ fon gehen.

Als er noch lebte, wusste ich schon, daß ich über ihn schreiben würde. Das habe ich dann getan, es wurde mein erstes Buch, das keine Sekundärliteratur war. Ramadan. Ein Experiment.

Ich habe es dem Vater versprochen, von seinem Tod zu erzählen, denn mir graut, wenn ich mir vorstelle, daß dies keiner tut. Wofür hätte er gelebt, wenn ich nicht von seinem Tod erzählte. Bis alle Ohren taub, alle Menschen fort sind.
Für meinen Vater bin ich die Einzige, die es tun kann.

Aber nicht jedem erzähle ich von seinem Tod, man muss mir dafür schon geduldig und vertrau­ensvoll ein Stück gefolgt sein, dann viel­ leicht. Es ist nicht leicht, mir zu folgen, denn ich bin ein Hase und schlage meine Haken, ich bin eine Katze und fliehe auf Bäume unter Büsche über Dächer, ich bin ein Hund und ver­belle, was ich fürchte, oder ich beiße.

6.2.2018

Jetzt geht’s los: Weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich hier weitermache oder das erste Jahr durchgehe, spiele ich erst mal solitär.
So ist es doch immer: Was ich gleichzeitig im Kopf habe, muss ich hintereinander in die Sprache bringen. Manchmal ist es fast zu viel – heute zum Beispiel –, dann ist es schwer. Aber schwer ist leicht was (geklaut).

Vielleicht geht es mit einem Plan: die erste Zeit für den Hund und das Neue, die zweite für das Alte.
Die Alphabetisierung meiner jesidischen Mutter aus dem Irak mit festem Termin organisieren, nicht mehr so spontan wie bisher.
Was ablenkt, erledigen. Die Holzaktion planen, der Boden ist zum ersten Mal hart gefroren. Die Maschinen, die den gestürzten Baum aus dem Wald holen müssen, können darüberfahren, ohne ihn umzupflügen.
Und warum meldet sich der Dachdecker nicht, der den First meines alten Hauses richten soll?

7.2.2018

Dafür hat sich die Versicherung gemeldet: Weil der Baum noch nicht aufgeräumt ist? – Nein: wegen Ihres Autos… Mein Streifzug an dem neuen Opel soll begutachtet werden. Sie wollen wissen, was war. Und es wird teuer.
Und drei weitere hohe Tannen stehen jetzt gefährlich schief. Davon will ich gar nicht reden. Heute morgen habe ich es sehen müssen.