9.-10.2.2018 – Ich bin Metzgermeister

  

9.2.1018

Das habe ich mir anders vorgestellt. 

Heute waren die Langlaufskier dran. Schieben, gleiten, querfeldein. Weil das doch eine Freiheit ist. Eine kleine Freiheit.
Keine Freiheit. Die Skier gleiten nicht, sie bremsen eher, ich treibe mich den Hang hinauf, immerhin rutsche ich auf diese Weise nicht rückwärts. Oben schnalle ich ab und sehe, was ich befürchtet habe: Schneeklumpen, die um winzige Flecken Erde gewachsen sind. Ich kratze sie ab, aber sofort sind neue da. Die Schneedecke ist zu dünn, die Skier drücken stellenweise bis zur Erde durch, und die friert sofort fest und hält den Schnee. Auch bergab wird es nur ein paar Meter lang besser. Als ich mein Haus sehe, schnalle ich ab, mache die Klumpen weg und schnalle nicht wieder an. Ich bin müde.
Schaue sehnsüchtig dem Hund nach, der schon leichtfüßig vorausgelaufen ist. Ja leichtfüßig: Er ist wieder heil.

Bin ich mir schwerer geworden? „Man spürt jedes Jahr“ - meinte der Siebzigjährige am Frühstückstisch beim Skifahren vor zehn Jahren. Geglaubt habe ich das nicht, aber mir gemerkt. 

1990

Er war Metzgermeister. Kleingeworden, dünn die Arme und Beine, umso auffäl­liger der Bauch mit dem der gefräßigen Krebs, ist er drei Wochen vor seinem Tod vor dem Arzt gesessen, ohne zu wissen, wo er war und warum man ihn auszog. Als der Arzt fragte, welchen Beruf er gehabt habe, ging plötzlich ein Ruck durch diesen schwachen Kör­per, ganz aufrecht ist der Vater plötzlich dagesessen und hat stolz und selbstbewusst geantwortet: Ich bin Metzgermeister.
Metzgermeister.

Immer noch Metzgermeister, konnte er sich, auch als er schon lange alleine lebte, nicht daran gewöhnen, kleinere Mengen Fleisch ein­zukaufen. Im Gegenteil, die Stücke wurden mit den Jahren immer größer. Er schämte sich, dass ihm der andere Meister nun sein Fleisch her­unterschnitt. So sollte der wenigstens nicht sehen, wie lächerlich wenig er brauchte. Lieber aß er eine ganze Woche lang das Gleiche, als dass er gesagt hätte: Nein, soviel brauche ich nicht.

Ich bin Metzgermeister. 

HANDWERKERKARTE

ALS INHABER EINES FLEISCHERBETRIEBES

IN DIE HANDWERKSROLLE EINGETRAGEN

UND ZUR FÜHRUNG DES MEISTERTITELS

UND ZUR ANLEITUNG VON LEHRLINGEN

IM FLEISCHER-HANDWERK BEFUGT.

KÖNIGSBERG, PR., DEN 15.FEBRUAR 1936

HANDWERKSKAMMER FÜR OSTPREUSSEN


        Lehr-Brief

     Der Fleischer-Lehrling  Oskar Tarnowski

     geb. am 4.2.1907 zu Wartenburg

     hat das Fleischerhandwerk drei Jahre und zwar vom 1.2.1922  bis 1.2.1925

          bei dem Fleischermeister Paul Leschinski zu Wartenburg erlernt.

         Sein Betragen während dieser Zeit war gut.

         Er ist namentlich ausgebildet worden im Schlachten und Wurstmachen.


        Auf Grund der vorstehenden Zeugnisse wurde der Fleischer-Lehrling

                 Oskar Tarnowski

                heute zum 

                G e s e l l e n

          gesprochen und ihm zu Urkund dessen dieser

                  Gesellen-Brief 

          unter Bedrückung des Innungs-Stempels
          und unter den besten Wünschen für seinen ferneren Lebensweg ausgefertigt.

         Wartenburg, den 5.Februar 1925

                Die Fleischer-Innung.

               Unterschrift
               Paul Leschinski 
              Obermeister

Die Tätowierung in der Armbeuge, die zeigte, wer er war und was er tat, ist mit den Jahren kleiner geworden. Ein Ochsenkopf über einem O und einem T mit einem kleinen Querstrich, der es wie ein falsches F aussehen ließ. Ein Fehler. Seit ich lesen konnte, habe ich mich gefragt, wie es zu diesem Fehler kommen konnte und wie er mit ihm lebte. Mit einem F in der Haut statt mit einem T. Der Ochsen­kopf, für den ich mich immer geschämt habe, ist geschrumpft, aber nie verschwunden. Unverän­dert und steif blieben dagegen die beiden kleinen angewinkelten Finger der linken Hand, deren Sehnen er als Geselle bei der Arbeit mit einem Fleischmesser durchgeschnitten hatte. Das sollte das Kind wissen, damit es nicht danach fragte, wie es wirklich war. Damals gab es noch kein Kind. Das hat erst später die beiden Krallen dieser Hand gesehen und sie gespürt, wenn er mit den starren, harten Fingern über seinen Kopf fuhr und dazu „Schäfchen“ oder „mein Schäfchen“ gesagt hat.

Was tut ein Schlachter mit den Tieren, die er nicht tötet.
Die Hunde zum Beispiel hatte er gern. Er schnalzte mit seinen beiden beweglichen Fin­gern auf ihre Schnauze, wenn sie ihn freu­dig anwedelten und an ihm hochsprangen, genau dort, wo die Tiere am empfind­lichsten sind, und das Mädchen hörte den Vater laut lachen, wenn ein Hund vor Schmerz jaulte und mit ein­ gezogenem Schwanz winselnd davonlief.
Das muss schon in Bayern gewesen sein.

Aber zurück. Nach den Lehrjahren die Wanderjahre. 

Dieses Buch habe ich noch nie gelesen:

VERBANDS-WANDERBUCH

Dieses Buch gilt für den Inhaber als Legitimation bei den Meistern (Arbeitgebern) im ganzen Deutschen Reiche, der Schweiz, Oesterreich und Holland. Es wird sich besonders empfehlen, den Verlust desselben zu vermeiden, weil Gesellen ohne dieses Buch bei Verbandsmitgliedern kaum Arbeit erhalten. Beim Eintritt in die Arbeit ist das Buch dem Meister einzuhändigen, der beim Austritt dem Gesellen das Buch mit Vermerk über die Dauer der Arbeit, Befähigung und Führung zurückgibt.

§ 122

Das Arbeitsverhältnis zwischen den Gesellen oder Gehilfen und ihren Arbeitgebern kann, wenn nicht ein anderes verabredet ist durch eine jedem Teile freistehende vierzehn Tage vorher erklärte Aufkündigung gelöst werden. 

Es folgen die Eintragungen:

          Eingetreten am 1.September 1925

          beim Fleischermeister Gustav W. in Rathenow

          Ausgetreten am 24. Dezember 1925

          Zeugnisehrlich und fleißig

          wegen Arbeitsmangel entlassen
        
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          Eingetreten am 5. Januar 1926

          beim Fleischermeister Gustav W. in Rathenow

          Ausgetreten am 24. September 1927

          Zeugnisehrlich und fleißig

          auf eigenen Wunsch entlassen
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          Eingetreten am 26. Sept.1927

          beim Fleischermeister Reinhold L. in Berlin

          Ausgetreten am 16. Jan. 1928

          Zeugnis: ehrlich und fleißig
          
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          Eingetreten am 13.3.28

          beim Fleischermeister I.W. in Berlin

          Ausgetreten am 29.6.28

          ZeugnisSelbiger war

          ehrlich und fleißig

          Austritt erfolgt wegen Krankheit        
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          Eingetreten am 25.9.28

          beim Fleischermeister Albert H. in Potsdam

          Ausgetreten am 29.6.29

          Zeugnisehrlich und fleißig
          
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          Eingetreten am 17. Juni 1929

          beim Fleischermeister Hermann K. in Ostseebad Kosorow

          Ausgetreten am 28. August 1929

          ZeugnisEntlassung erfolgt wegen Saisonschluß.

                        War ehrlich und fleißig
          
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          Eingetreten am     8.1.30   bis   4.12.30

                                      21.1.31    „     25.2.31

                                        5.3.31    „     13.5.31

          Stempel der

          Ostpreußischen Fleischwarenwerke

          ZeugnisFührung und Leistungen waren gut
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          Eingetreten am 16. Juni 1931

          beim Fleischermeister Hermann K. in Ostseebad Koserow

          Ausgetreten am 9. September 1931

          Zeugnis: Oskar war zum zweiten Male bei mir tätig. Er war ehrlich 
          und sehr fleißig. U. war ich mit seinen Leistungen sehr zufrieden.
          Ich kann ihn jedem Kollegen aufs wärmste empfehlen. 
          Entlassung erfolgt wegen Saisonschluß.

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          Eingetreten am 9.11.1931

          beim Fleischermeister F.S. in Königsberg/Pr.

          Ausgetreten am 23. Jan. 1932

          ZeugnisStets treu, ehrlich und sehr fleißig
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Es folgen keine weiteren Eintragungen mehr.

Was war eigentlich mit Rathenow?
Einmal sprach er davon, ein paar Monate von seinem Tod:
– „Du hast einen Bruder.“
– „Waaas?“
– „Du hast einen Bruder.“
– „Und wo?“
– „Na, in Rathenow.“

Das war alles.
Mit 18 ein Sohn. Die Familie hat es gewußt und geschwiegen.
Und ich wollte jetzt keinen Bruder mehr.

10.2.2018

Der Schnee ist immer noch da. Einfach ganz ruhig da. 

Lucie hat heute Geburtstag. Sie wird 91 Jahre alt. Ich rufe sie an, und sie nimmt schon beim zweiten Klingeln ab. Erspart mir ganz überraschend das gefürchtete Warten. Sie freut sich, dass ich ihr gratuliere, spricht lebhaft und ist ganz zufrieden. Ich bin auch froh, dass es sie gibt, wünsche ihr noch viele gute Tage mit ganz wenig Schmerzen.

Dass eine böse Grippe umgeht, erzählt sie, wo die Menschen wochenlang schwer krank sind und daran sterben können. Zu ihr könnte sie hereinkommen, wenn sie zum Lüften das Fenster aufmacht. Oder die Frauen, die sich um sie kümmern, könnten sie mitbringen. Sie wundert sich immer wieder, dass sie noch lebt, wo sie doch in ihrem Leben von klein auf und dann immer wieder so viel und sehr schwer krank gewesen ist. Sie hätte das nicht gedacht. „Na, wie Gott will.“