10.-11.5.2018 – Vatertag

10.5.2018

Der Bürgermeister hat gleich geantwortet, will den Verursacher ausfindig machen. Ein kleiner Erfolg.
Brot für die Welt meldet sich nicht. Muss nachfragen. 

Am 10. Mai mein Vater gestorben.
Um 22.45 steht in der Sterbeurkunde, was nicht stimmt, ich weiß es besser. Es war früher. Nur ich war dabei. Am 10.5.1989.

1990

Ich hänge an seinem Bett, ich hänge immer noch an seinem Bett.
Ich komme von dort nie wieder weg.

Das Gitter, das ihn vor dem Herausfallen bewahren soll, wo er sich doch schon lange nicht mehr auf die Seite drehen kann, dieses Gitter hält jetzt die Frau, die seine Tochter ist. Es greift unter ihre Achseln, so dass sie seine Hände halten kann, die so weich geworden sind. Das sind nicht mehr seine Hände. Sie sagt: „Pappi? Pappi!“ 

Manchmal zucken seine dichten Brauen und bewegen sich. Doch schaffen sie es nicht mehr, die Lider mitzunehmen.
Seit er sie auf seinem Arm getragen hat, was sie vergessen hat, waren sie sich nicht mehr so nah. Sie atmet seinen Atem. Er stinkt. Wenn sie geht, ist auch sie voll davon. Da hilft kein Fliederduft, kein Schnaps.
Bis sie nicht mehr von ihm geht.
Einer muss wachen. Heißt es. Einer muss da
Wenn es nur noch die Angst vor dem Tod ist, die am Leben hält.

Das er sterben würde, wussten wir. Aber wie würde es aussehen dieses Sterben. wie würde er kommen, der Tod. Ich war noch nie beim Sterben eines Menschen dabei.
Bei einem Kater, ja. Den hatte ich auf den Armen, er biss mich in die Hand, streckte sich aus und starb. Die Wunde in meiner Hand lebte noch lange.
Jetzt fange ich an, mich an sein Sterben zu gewöhnen. Mich darin einzuleben. Ich will es verstehen.
Ich frage die Schwester: „Was ist das, die Stirn ist jetzt so kalt.“ – Achselzucken.
„Schwester, was ist das: sein Gesicht ist nass.“ –“Die Schwäche.“ Nicht der Tod?
„Schwester, er atmet so kurz.“ – „Gehört dazu. Jetzt kommt der Schleim.“
„Schwester, aber er rasselt doch so!“ – “Na ja, neulich hat das einer drei Tage lang gemacht.“

Nein. Nein. Nein.
Nein, Vater, nein. So machen wir das nicht. Komm, ich will dir helfen, wenn ich kann.

Jetzt packe ich ihn und nehme seine rechte Hand fest in meine, mit der linken halte ich sein Gesicht und rufe: „Pappi!“
Er bewegt die Augenbrauen, ein Augenlid gibt seinen Blick noch einmal frei. Er sieht mich an. Sein Blick in meinem sage ich ruhig und streng: „Pappi, hör auf. Es ist gut. Jetzt ist es gut. Hör auf.
Schlaf jetzt. Du kannst schlafen. Du kannst ganz ruhig schlafen. Ich bin da. Ich bleibe da. Alles ist gut. Schlaf jetzt, Pappi, schlaf.“

Und plötzlich ist es still in seinem halboffenen Mund. Er atmet nicht. Ich auch nicht. Er atmet nicht mehr. Einmal schnappt er noch nach Luft. Und noch einmal.

Dann bleibt es still.
Dass nur mein Zittern ihn nicht wachschüttelt und mein Herzklopfen ihn nicht hält  –
Alles ist ruhig. Ich bleibe sitzen. Einer muss wach sein.
Die Tochter schließt sein linkes Auge.
Sie streichelt seine Stirn, sein Haar und sein Gesicht.
Sie gibt seine Hand nicht aus der ihren, so bleibt sie weich.
Sie wartet darauf, dass sie kalt werden, die Hände, und steif.
Sie werden nicht kalt und nicht steif, solange sie sie hält.
Sie ist mit ihnen unter die Bettdecke gekrochen zu seinem Bauch, der noch viel wärmer ist. Der kleine dicke Bauch, in dem der Krebs lebt, der von seinen Armen und seinen Beinen gefressen und ihm das Fleisch von den Knochen genagt hat. Ob der jetzt auch tot ist – 

Die Viertelstunden werden geschlagen. Einmal, zweimal, dreimal und ein viertes Mal. Dann kommt die Schwester, sie erschrickt. Die Tochter steht auf und sagt: „Es ist schon gut.“
Wann und wie? – “Es war gut so.“
Dann kommt die Leichenfrau, eine Ordensschwester. Jetzt muss sie seine Hand hergeben. Es macht nichts mehr.
Als sie den Toten auf die Stirn küsst, zieht man sie weg. „Das Leichengift!“
– „Was, jetzt schon?“ –  Ja.  –  Die hat das Sagen. Auch gut.
Sie geht, lässt ihn zurück. Jetzt kann sie gehen.
Sie geht stolz. Was kann ihr noch passieren.
Es schlägt Mitternacht, als die Tür des Krankenhauses für sie aufgeschlossen und hinter ihr wieder zugeschlossen wird. Sie ist allein.
Sie hat seinen letzten Blick in ihren Augen, seinem Atem in ihrer Lunge. Von seinem Totenbett ist sie stolz wie eine Schwangere aufgestanden. Sein Tod ist eine Last, die sie aufrichtet wie ein dicker Bauch.

Ich habe eine Geschichte in meinem Bauch.
Dass ich das Leben nie dann erlebe, wenn es geschieht.
Die Bilder springen erst auf, wenn sie lange vorbei sind.
Dann bin ich allein.
Als ich gestern nach Hause kam, hatte mir die Katze eine tote Amsel vor mein Bett gelegt.
Das hätte ich mir an dieser Stelle nicht ausgedacht.
Ich werde die Katze einsperren müssen.

Was willst du? Frag ich mich. Ein Vater ist dazu da, dass er stirbt.

11.5.2018

Ich wusste schon lange, dass ich über diesen Mann schreiben würde, wenn er nicht mehr da wäre. Dass ich überhaupt dann erst schreiben würde. Es wurde mein erstes Buch. 1990 war es so weit.

Juni 1990

In diesem Mondmonat werde ich das Jahr erzählen, das mit seiner Bestattung angefangen hat und nun zu Ende geht.
In diesem Jahr war ich mit dem Gedanken: Alles einmal ohne ihn so stark an ihn gebunden wie noch nie. In dem Ohne war er immer gegenwärtig. Das Jahr ohne ihn war mein ganzes Leben mit ihm. Hat es für mich doch nie ein Leben ohne ihn gegeben. Immer, immer war er da. Jetzt schnitt jeder Tag durch alle Jahre. Kein Anderer hätte darin einen Platz gehabt.

Mit den ersten Schritten, die ich mich in jener Nacht von ihm entfernte, hat das Erzählen angefangen.
Der Ordensschwester, die gerade Nachtdienst hatte und die Daten aufnahm, erzählte ich den Tod zum ersten Mal. Als ich am Ende war, da strahlte das von der engen weißen Haube so streng gefasste Gesicht zu mir herauf, und die kleine Frau sagte, als sie die Türe aufschloss, um mich hinauszulassen: „Der muss Sie aber sehr lieb g‘habt habn.“ Und nach einer kurzen Pause: „und Sie ihn. Gute Nacht!“ Ich hörte noch, wie sich der Schlüssel drehte. “Gute Nacht.“ Ja. Gute Nacht.

 Bei der Tochter fand ich noch Licht, ich klingelte. Das Mädchen machte die Türe auf und verstand sofort.
„Und wie?“
ich erzählte wieder vom Anfang bis zum Ende und bis die Tränen über die jungen Wangen liefen und die Tochter versprach: „Ich wäre auch geblieben.“
Danke  –  sagte ich nicht.

Auf dem Weg nach Hause gegen Morgen nahm ich einen Anhalter mit und erzählte zum dritten Mal in dieser Nacht, was geschehen war. Er habe so etwas noch nie erlebt, meinte er, dazu sei er noch zu jung. Er wünschte mir alles Gute, als er ausstieg. Ich habe seither keinen Anhalter mehr mitgenommen.
Und mit dem Erzählen habe ich erst wieder begonnen, als Ramadan kam.

Es ist eine Ruhe zum Weinen.
Heute habe ich schon geweint über das, was jetzt kommt.
Es wird darum gehen, den Vater und die Liebe und die Geschichte herzugeben.
Noch einmal den Arzt, die Klinik und die Sanitäter anzurufen und zu sagen: „Es ist soweit. Es geht nicht mehr.“ Nur die Tochter kann es sagen. Sie muss es sagen. Und der Arzt sagt: „Endlich. Es ist besser für ihn.“
Der Anfang war schlimm.
Am Abend zuvor war er auf die Liege, die er immer nur mittags benutzte, gefallen und dort leicht eingeschlafen und wusste, als er um Mitternacht aufwachte und sich angezogen sah, nicht, wo er war. Ich habe ihn aufgehoben, in sein Bett getragen und so zugedeckt, wie er es wollte, er mochte es nicht warm, und dabei hat er zu mir aufgeschaut und ängstlich gefragt: „Bin ich jetzt in meinem richtigen Bett?“ Und ich habe gesagt: „Ja, jetzt bist du in deinem richtigen Bett.“
Ja. Das habe ich gesagt. Das habe ich wirklich gesagt.
Und dabei habe ich gewusst, dass es seine letzten Stunden in diesem Bett sein würden. Ich würde ihn nicht immer tragen können. Da habe ich ihn verraten.
Ich verurteile dich zum Tode des Ertrinkens. Das hat er nicht gesagt. Er stöhnte nur unter den Schmerzen, bis er betäubt ein bisschen schlafen konnte.
Wie habe ich ihn hergeben können.
Oft denke ich, ich hätte noch ein paar Tage geschafft, wenn ich ihn schon früher hätte anfassen dürfen, ohne dass er sich gewehrt hätte.

Ich habe nicht geschlafen.
Morgen gab ich ihn her. 19222. Die Nummer steht auf allen Rettungswagen.
Sie hätten ihn doch liebevoller tragen können. Für einen großen Sanitäter war er nicht mehr schwer. Der hätte ihn in die Arme nehmen und wie ein kleines Kind die Treppe hinuntertragen können. Nicht aber so, als wäre er nichts als ein schwerer Sack. Und wie er mich ansieht. Warum muss ich das sehen. Warum muss ich von jetzt an leben mit diesem Bild und diesem Blick. Und mit dem sinnlosesten aller Versprechen, es nie wieder zu tun.
Ich habe ja gewusst, dass er nicht wiederkommt.