30.7.-26.8.2018 – Litauisches Tagebuch

 

30.7.2018

Ich habe es geschafft. du! ist digital unterwegs. Ich kann nichts mehr tun. Wenn ich Fehler sehen werde, muss ich damit leben.
So viel Arbeit, so viele Aufregungen beim Erschrecken über Vergessenes, meistens vor dem Einschlafen, aber in allem: so viel Freude, so viel Liebe.
Zuletzt noch Scannen von Dias, die ich erst nach und nach an vergessenen Orten gefunden habe,
Plan B für den Fall, dass das Buch nicht rechtzeitig da ist: Ein altes Kinderbuch gleichen Formats mit einer Vergrößerung als Deckblatt einwickeln und mit vielen Trostworten überreichen. Schwacher Trost.

2.8.2018

Ich habe ihn nicht gebraucht. Das war das Leichteste: mein apple-buch auspacken.
An die Fehler gewöhne ich mich gerade.
Geburtstagsvorbereitungen. So wichtig wie immer. Nichts anderes habe ich im Kopf. Schließlich finde ich ein einziges kleines laubfroschgrünes Plastikschiffchen unter dem ganzen Spielzeug bei Marktkauf – das ist für mich! Ich male Mutter-Kind-Hausboot in Amsterdam darauf.

Dann ernte ich die Birnen, die eigentlich noch gar nicht reif sind. Trocknen kann ich sie schon.
Bei den Pflaumen habe ich noch keine gefunden, die nicht wurmig war.

7.8.2018

Jetzt ist meine kleine Tochter also 50 Jahre alt. Ich konnte du! in Geschenkpapier wickeln und ihr in die Hand geben. Es war das Schönste, was ich ihr schenken konnte.
Zu meinem Amsterdam-Hausboot-Geschenk hat die Tochter gemeint: Das machen wir schon noch.
Es ist mein dritter Versuch. 

8.8.2018

Jetzt will ich weg, weg, weg. Verzichte auf die abzuwartenden Birnen, sie lassen sich zu viel Zeit. Und diese Hitze. Ich will nur noch ins Auto und die Klimaanlage anstellen. Aber dazu muss ich mit allem, was mit muss, bei mehr als 30 Grad durch die pralle Sonne laufen.
Und dann auch noch das: Ich höre die Grillen und die Frösche nicht, von denen meine Tochter sagt, dass sie gerade sehr laut sind. Vor zwei Tagen habe ich sie selbst zum ersten Mal wieder im Garten gehört. Es war herrlich! Am nächsten Tag nichts und dann wieder viel – das ich nicht höre. Das bringt mich um den Schlaf. Wenn ich die Grillen nicht mehr höre – wann sind es die Vögel? Ich versuche, ein Hörgerät nicht furchtbar zu finden und mache noch einen Termin beim Ohrenarzt, bevor ich lange wegfahre, weil die Tochter sagt: Ohrenspülen hilft. Der Arzt findet nichts, nur eine leichte Einschränkung rechts, sonst sind die Ohren in Ordnung. Vielleicht die Durchblutung des Hirns? Da hilft kein Hörgerät.

Als ich letztes Jahr aus Finnland zurückkam, habe ich mir Sylt versprochen für das nächste Jahr. Und das Licht. Was ist das Licht. Die Blitze auf den Wellen. Es ist nichts, es ist alles.
Und die Nordsee ist so „wie die Ostsee bei uns“.

Weil ich wissen wollte, ob das wirklich so ist, und bin 2011 nach Litauen gefahren.
Und weil ich jetzt mal weg bin, soll mich hier mein litauisches Tagebuch vertreten. 

Aus meinem litauischen Tagebuch

Der Katastrophenhof

31.7.2011

Das Wetter in Klaipeda – ist es, was mich heute zuerst interessiert. Morgen gehe ich auf die Reise nach Memel. Einmal durch Deutschland von Süden nach Norden – so weit ist es für mich jetzt „an die See“ – und dann über das Meer.
Nicht ohne Bilder im Kopf von dem, was da unten liegt. Wie lange braucht ein Knochen, bis er sich auflöst in schwach gesalzenem Wasser? 10 Jahre? 20? Mehr als 50 doch nicht. Und nach 66 Jahren stehen sie bestimmt nicht mehr auf. Nur in meinem Kopf haben sie noch ihre Gestalt.
Jetzt weiß ich, dass sehr, sehr viel Regen war an der Ostsee, der langsam nach Osten abzieht. Dort wird er vor mir ankommen. Auf mich wartet vielleicht eine sternklare Nacht auf dem Meer.

1.8.2011

Geräuschchen. Klingt wie Gemauschel, denke ich zärtlich. Mauscheln war auch so ein Wort. Oder Rachuller, ein Geizhals. Oder plachandern, wenn man ein Schwätzchen hielt.
Vor Göttingen will ich haltmachen. Zauberhaft sieht sie hier aus, die Leine, in der ich schwimme. Ich ziehe meine schlamm-schwarzen Beine mühsam aus dem Ufermatsch. Doch mir fehlt die zärtliche Bewunderung, ja Begeisterung, die ich für die Alleoder die Goldap hätte. Es ist nur der Blick.
Kiel. Beim Baden in der Förde wasche ich mir das Moor von den Zehen.

2.8.2011

Am Morgen ist meine Antenne von Spinnenweben umspannt. Was – schon so spät?

3.8.2011

So ein Schiff ist überwältigend. Das Hinaufsteigen von Deck 1 auf Deck 8 ist mir verdammt schwer gefallen. Hat mich der gebrochene Fuß zehn Jahre älter gemacht?
Ich denke an die Bemerkung eines anderen Heimwehtouristen vom vorigen Jahr in Masuren. Als ich erzählte, dass ich zum ersten Mal wieder hierher gekommen sei, meinte er: „Dann wird’s aber Zeit!“ Weil ich bald nicht mehr laufen kann?
Wo sind die Lichter der Schiffe am Abend? Soll es so dunstig sein, dass man gar keine sieht?
Ich liege zum Schlafen auf dem Bauch des Schiffes – oder auf seinem Rücken?
Im seinem Bauch sitze ich zum Essen am Morgen. Soviel Licht in den Fenstern. Zuviel zum Fotografieren.

4.8.2011

Beim Frühstückholen treffe ich Ulli. Er kennt sich aus auf dem Schiff, schwimmt er doch damit schon seit zehn Jahren hin und her. Als Dolmetscher und als Begleiter von Menschen, die das brauchen, wie er sagt. Diesmal ist es eine litauische Oma, die alte Bäuerin, deren Hof er vor fünf Jahren gekauft hat. Er hat sie nach Deutschland zu einer Handoperation begleitet, nun sind sie auf dem Rückweg und setzen sich zu mir an den Tisch. Er hat mir schon das Frühstückssystem erklärt, und dass man sein Zettelchen nicht immer wieder vorzeigen muss, denn sie seien sehr nett, die Litauer, sie kennen einen schon beim zweiten Mal.
Er ist also Dolmetscher und Bauingenieur und jetzt – 65 Jahre alt – Landwirt, Aussteiger, sagt er. Und er ist der 1. Vorsitzende der Dorfgemeinschaft Balciai, wo er seinen Bauernhof hat mit 13 Schafen, zwei Ziegen, Hühnern, Enten und Störchen. Seine Mutter war in den 30er Jahren aus dem Memelland 2000 km nach Südwesten gegangen, so wurde er 45 in Bayern geboren.
Ein langer, dünner junger Mann kommt an unseren Tisch, es ist Paul, Ullis Jüngster. Ulli hat sechs Kinder mit zwei Frauen. Als er hört, dass ich mit meinem Auto vagabundiere und keinen festen Plan habe, wann ich wo sein will, lädt er mich sofort auf seinen Hof ein. Ich soll gleich mit ihm fahren. Er reicht mir die Hand über den Tisch und ich schlage ein „danke!“
Aber schon packt mit ein Zaudern – vielleicht geht es auch später, wenn ich schon auf der Nehrung war? Auch wenn mein Plan nicht fest ist, so liegt er doch sehr fest in mir, und das schöne Wetter soll nicht mehr lange halten. Also erst Nehrung und „ich komme gerne, aber später“? Ich habe mir doch so sehr gewünscht, heute in der Ostsee zu schwimmen. Das sage ich, und dass es mich doch  so sehr ans Wasser zieht. Ein mildes, fast müdes Lächeln streicht über Ullis Gesicht: „Wasser? Wie weit weg ist unser See?“ fragt er Paul. Zwei Kilometer –.
Ich merke: Da komme ich nicht aus. Und es wäre, als würde ich zu einem, der mir einen Arm voll mit frischem Gemüse aus seinem Garten schenkt, sagen: Danke, ich werde es einfrieren und heute das auftauen, was ich vorgesehen habe. Blöd. So blöd. So blöd kann man doch nicht sein. Also gut. Ich folge der frischen Spur. Und als ich aufstehe, haben wir verabredet, dass ich hinter ihm zu seinem Hof fahren werde.
Mit Warten fängt es an. So ist es halt, wenn man nicht alles alleine macht. Die Oma muss vom Schiff abgeholt werden, und Pauls Passat braucht noch eine Erlaubnis. Ich räume inzwischen mein Auto auf, Isomatte wieder unter das Bett, was ich bald brauche, nach oben, was erst später dran kommt, nach unten. Dazwischen mache ich Bilder von Lastern mit jeweils acht bis zehn alten, kaputten Autos aus Holland und Deutschland, die Nummernschilder sind nur teilweise unkenntlich gemacht. Sie würden nach Russland gebracht, so Ulli später. Irgendwann sind wir dann doch komplett, Ulli fährt mit seinem zum Wohnwagen umgebauten Mercedes-LKW vor, Paul mit der Oma hinter mir. Auf ins Memelland

Die letzte Ampel von Klaipeda überfährt Ulli bei Rot, ich hinterher, bin nur auf seine Rücklichter fixiert. Aber Paul bleibt zurück. Na ja, der kennt den Weg, denke ich, er wird aufholen. Bald sind wir auf dem Land, man hört die Grillen von allen Seiten. Ich mache die Fenster noch weiter auf. Aber Paul kommt nicht. Bei einer Tankstelle biegt Ulli ab und wir warten. Kein blauer Passat. Wir haben unsere Autos gut sichtbar an die Straße gestellt. Nichts. Ulli bittet mich – inzwischen habe ich das Du vorgeschlagen, wurde gern angenommen: Sag einfach Ulli zu mir! –, mit ihm und meinem kleinen Auto zurückzufahren, ja, sag ich, er muss nur auf meinem Bett sitzen. Macht nichts, ist sogar gut, meint er. Er macht sich Sorgen, die Oma hat manchmal Erstickungsanfälle oder sie wird ohnmächtig – was macht dann Paul? Dann sieht er einen dunkelblauen Passat auf der Gegenfahrbahn, wir wenden bei der nächsten Möglichkeit, die bei der autobahnähnlichen Straße auf sich warten lässt. Bei Ullis Auto steht kein Passat. Also noch mal nach Klaipeda, aber jetzt bis zu der Ampel, wo wir Paul zuletzt gesehen haben. Hin und her im Memelland. Ich sage: Jetzt bin ich allmählich gespannt auf die Geschichte, die uns erwartet.
Ulli spricht davon, wie schwierig Paul sei, als einziges seiner Kinder. Und dann das Scheitern von Pauls Ehe – er ist jetzt 30 – mit einer Litauerin.
Wir sind jetzt an der Ampel und fahren noch ein Stück weiter, Ulli fragt an der Tankstelle, ob etwas – ein blauer Passat – aufgefallen ist. Nein. „Wenn etwas passiert wäre, so könnte das noch nicht aufgeräumt sein,“ sagt er, so schnell geht das in Litauen nicht. Auf einmal ist er ganz ruhig, redet gar nicht mehr von Paul, sondern von den Litauern und wie sie fahren. Von den Vätern, die in Deutschland arbeiten und ihren Söhnen Führerschein und Auto schenken. Die müssen dann zeigen, was sie können.
Also nun weiter aufs Dorf. Ob das noch was wird mit dem See? Wieder die Grillen so laut. So schön laut. Dann tanken, einkaufen, Salzheringe, Wasser – „Das Wasser aus dem Brunnen ist nicht mehr gut.“ – und Schinken – eine Ausnahme für den Selbstversorger, aber der Besitzer muss doch etwas mitbringen, wenn er wiederkommt. Noch sechs Kilometer! Ruft Ulli beim Einsteigen. Dann biegen wir links in eine dreißig Jahre alte Lindenallee, die der Vater der Oma gepflanzt hat. Da hinten ist der Hof. Nein, es ist kein Schrottplatz – es ist der Hof.
Der Passat ist schon da. Und die Oma? Die ist drin. Paul ist an uns vorbei gefahren und hat an der nächsten Tankstelle gewartet. Ulli: „Du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich bin.“ Ich glaub es. Aber ärgerlich ist er auch: „So ist Paul. Hätte er nicht telefonieren können?!?
Dann schwenkt er um: „Komm, ich zeig dir den schönsten Platz, da kannst du mit dem Auto stehen und hast den weitesten Blick. Ich lege mich manchmal dort einfach nur hin und schaue. Da will ich mein Haus bauen.“ Wir steigen in den Passat und Ulli fährt mit Schwung in die Wiese und darüber weg bis an ein Ende, dann am Zaun entlang, wo Schafe flüchten, und rundherum zurück auf den Hof. Ich denke an Namibia, die deutsche Farm und die Fahrt mit dem Geländewagen ums ganze Weideland.

Und was war nun die Geschichte?
In der Geschichte von heute steckt eine andere, unsichtbar, wie eine Matroschka in der anderen, und es ist Paul, der sie mir am Abend erzählt, als wir zum See wenigstens spazieren wollen bei Sonnenuntergang nach dem unvermeidlichen Empfangsessen. Der Vater hatte vor ein paar Jahren auf dem Weg nach Litauen einen Unfall, bei dem sind eine Tochter und ein Ziehsohn von Ulli ums Leben gekommen. Der Vater hat knapp überlebt und seitdem den Krater über dem Auge, das jetzt leicht versetzt ist, und das wilde Gesicht wie nach einem Krieg.
Jetzt verstehe ich, warum Ulli auf einmal so ruhig war und nicht mehr von Angst und Sorgen sprach, als wir keine Unfallspuren fanden, sondern von seinem Land, seinen Tieren, von den Litauern und davon, dass es keine Zeit bei ihnen gibt.
Die Zeit. Paul sieht sie anders: Er sei es gewesen, der nach Litauen gegangen ist, abenteuerlich und ohne die Sprache zu sprechen. Das hat er mit seiner späteren Frau gelernt. Dann erst sei der Vater gekommen. Und der habe eben das Geld gehabt, um hier Land zu kaufen. Und die Sprache konnte der schon, weil er nach verschiedenen Anläufen auf einem litauisch-sprachigen Gymnasium gelandet war. 

Auch die vielen Unfälle auf litauischen Straßen haben bei Paul eine andere Erklärung: Es sind die Jungen selbst, die in Deutschland arbeiten und sich ein Auto kaufen, um dann damit und mit ihrer Fahrkunst der Freundin zu imponieren.
Paul spricht viel auf der Landstraße, die sich hinzieht zum See, so dass wir vorher schon umkehren, um der letzten Sonne ins Gesicht zu schauen. Die Gehöfte liegen von hohen Bäumen umschlossen wie Inseln in den Feldern, ganz schön weit voneinander entfernt. So weit, dass es früher, viel früher, vorkam, dass die Kinder weinten, wenn Leute  kamen, die immer fremd waren, so selten kamen sie. Wie die afrikanischen Kinder, wenn sie den ersten Weißen sehen.

Am Abend frage ich: „Und wo ist das Dorf?“ Da gibt es eine lange Diskussion, von der ich natürlich nichts verstehe außer ein paar Namen, die ich auf den letzten Straßenschildern gelesen habe. Bis mir Ulli, von Paul gedrängt, erklärt, dass das „Dorf“ aus sieben Gehöften besteht. Und die sehen eben so aus: Inseln in Getreidefeldern und Wiesen. Diese sieben Höfe hat Ulli in einen Verein – „eingetragene Dorfgemeinschaft“ – organisiert, dessen Vorsitz er führt. Seine grünen Grundsätze hat er hier angewandt: alles bio und möglichst autark, kaum einkaufen und wenn, dann bei den anderen, die das, was fehlt, anbauen, auch bio natürlich – „für Kunstdünger haben die sowieso kein Geld“. 

Um einen Hof führen zu dürfen, müssen Tiere gehalten werden. Kühe sind zu aufwendig, so Ulli, also Schafe. Mindestens 15 müssen es sein. Also hat er 15 Schafe angeschafft und eine Ziege, die in der Farbe dazu passt, meint er. Zemute heißt sie. Sie bekam drei Junge, zwei Böckchen und eine Ziege. Als die Böcke größer wurden, haben sie so sehr an den Zitzen gerissen, dass sie sie verletzten, da musste man sie weggeben. Zwei Schafe sind gestorben. Jetzt sind es wieder 15 Tiere.
Ulli melkt die Zemi morgens und abends mit zwei Fingern seiner großen Hand. Die Zemi kommt von selber mit ihrer Tochter und klettert in das dafür gebaute Gerüst. Ulli bietet mir die frisch gemolkene körperwarme Milch an, auf der kleine Schaumblasen schwimmen. Klar, dass ich die Schwelle, die ich da spüre, überwinde. Mit seinen großen Händen schenkt Ulli allen Dorfangehörigen und Gemeindemitgliedern, die 70 Jahre alt werden, eine Fußreflexzonenmassage. Das kann er auch.
 Die Landwirtschaft – Gemüse, Kartoffeln, Obstbäume, Bienen, Schafe auch in ehemaligen Wohnräumen, wenn sie nicht geschlossen sind. Die an allen Ecken angefangene Baustelle. Die Autos und die Maschinen zum Reparieren. Eine schwarze Mercedes-Limousine mit zerschlagener Frontscheibe und demolierter Kühlerhaube: Letzten Winter habe er sich damit überschlagen, die Oma war auch im Auto, Glatteis und Hinterradantrieb waren schuld. Und über allem hängt oder liegt das Soziale, so wie er die alten Kleider aus Deutschland auf Baumaschinen zum Lüften auslegt.

Wenn ich später an Ulli und seinen Hof denke, sage ich mir: Na, litauisch war das nicht. Ulli sagt: Unser Katastrophenhof. Grandioses Chaos und er mittendrin mit einem Überfluss von Ideen und Fähigkeiten. Ein Helfer, sozial und politisch, – die Kinder und Jugendlichen, die Oma, das Dorf, die Kirche, und ein Macher – Bauingenieur, Automechaniker, Landwirt.

Bevor er nach Litauen ging, hat Ulli am Niederrhein gelebt. Mit seiner ersten Frau hat er drei Kinder, die bei ihm blieben, als diese auf Mallorca ihre Jugendliebe wieder fand. Als Ulli perfekte Kartoffelflinzen auf den Tisch bringt, sage ich bewundernd: Du kannst aber gut kochen! „Na, musst ich doch, allein mit den Kindern.“ Ist seine knappe Antwort. Die zweite Frau, mit der er auch drei Kinder hat, fand er mit einem Türken in dem Ehebett, das er selbst gezimmert hatte. Da waren die Kinder schon größer und nicht mehr lange bei ihm. Irgendwann erzählt er zwischen Stalltür und Angel, dass er die Aktion Sprungbrett ins Leben gerufen hat, organisiertes Zusammenleben für Heimkinder, die doch das Leben nicht lernen konnten. Ein Modell, das später zum Vorbild geworden ist.
Ulli hat eine Vorliebe für alte Landmaschinen, verrostet stehen sie überall herum, Museumsstücke. Einen Trecker hat er wieder zum Laufen gebracht – 100 Meter. Zwei klassische VW-Käfer sollen wieder fahren, einer für Paul, einer für ihn, zwei andere sind dafür Ersatzteillager.
Das alte Bauernhaus fällt eigentlich zusammen, aber weil er doch der Oma ihre vier Wände erhalten muss, stellt er neue neben die alten. Mit Steinen, die er selbst macht, lauter große Quader stehen schon da, auch für den Stall und für Paul und ein Zimmer für die Haushüter, wenn er weg ist. Er erklärt mir die Technik, wie die Löcher in den Steinen übereinander gestellt und mit Beton ausgefüllt werden. „Bauen für Blöde“ nennt er es. Hier steht ein Fenster, dort eine Tür, die einmal aus der Küche in einen Wintergarten führen soll, noch hängt dazwischen ein Heizkörper in der Luft, alles wartet auf die Steine darum herum.
Im hinteren Raum ist eine schwere Edelstahlanrichte abgestellt „für den Imbiss“. Der soll vor dem Nachbarhof an der Straße stehen. Mit deutschem Angebot: Currywurst z.B. Dabei kochen die Nachbarn doch so gut litauisch. Ulli hat für mich eine Spezialität bei ihnen bestellt, die dann aber verschoben werden muss, weil sie nicht da sind. Auch die Tochter nicht, die Paul gern kennen lernen würde.
Die Schafe kommen gerade aus dem Stall. Das eine oder andere zieht ein Bein nach. „Da machen sie manchmal, geht wieder vorbei.“ So Ullis Kommentar. Ein bisschen gerupft sehen sie schon aus, die Schafe, stellenweise ist die Haut nackt, dann sind da wieder dicke Fellbüschel. „Bevor ich in Deutschland war, habe ich sie geschoren.“ Und nun weiß er nicht, was tun mit den Haaren. Ob ich eine Idee hätte? Nein, er ist kein Schäfer, kein Landwirt. Er ist ein Bauingenieur, der macht, was ein Schäfer oder ein Landwirt macht. 

An den See fahre ich am nächsten Morgen allein. Und ich spüre wieder das Wunder, wie es letztes Jahr in Masuren war. Das Staunen, die Verzauberung, dass ich dazu Heimat sagen durfte. Nichts ist zu hören als das Plumpsen der Frösche.

Das Angebot von Pellkartoffeln mit Hering muss ich verschieben, denn nun ruft mich wirklich die Nehrung. „Hörst du es nicht?“ – „Schade“, sagt Ulli, er wollte mit mir am Sonntag in die Kirche. „Aber du kannst immer wieder kommen, egal, ob ich da bin oder nicht!“ Bevor ich nach Hause fahre, werde ich kommen, denke ich.