18.-22.9.2018 – die Krutinna: soooviel Natur!

18.9.2018

Sylt
Zurück in den Sommer, und in die vielen Sommer auf meiner Insel. Ein Buch zum Schauen, nicht zum Erzählen. Wasser und Sand, und was Licht und Wind daraus machen. Die Weite in meinen Augen und die Nähe unter meinen Füßen.

Sylt war immer, aber die Bilder sind nur aus der Zeit nach dem Krebs und bis heute.

20.9.2018

die ostsee bei uns
Litauen oder: Ist die Nordsee bei Sylt „wie die Ostsee bei uns“? Die Bilder zum litauischen Tagebuch.

22.9.2018

nach Hause wird ein helles und ein buntes Buch.
Seitenweise Blumen hat es, bunte Wiesen, viele Tiere, gelbe und grüne Felder, hohe und tiefe Wälder, kleine und große Seen. Wälder, die sich in Seen spiegeln. Soviel Natur. Nur wenige Bilder von Goldap.

 

 

 

Masuren 19.6.2010

Die kleinen weißen Wolken ziehen so hoch, als dürften sie die Spitzen der Kiefern nicht berühren. Gegen Abend versammeln sie sich am Horizont. Auf der Suche nach meinem nächsten See fahre ich durch endlose Kiefernwälder. Wie die beschreiben? Die Zeit nehmen? Den Kilometerstand notieren? Soviel Kilometer Wald?
Die Wiesen reichen oft ein ganzes Stück in den See. Zu manchen Stegen muss man dann durchs Wasser waten. Sie liegen darauf. Unten ist Sand, der Strand wäre, wenn es da nicht das katastrophale Hochwasser gegeben hätte. 

Mittag in Ortelsburg/Szcztno. Für einen Fisch am See. Habe ich den gemeint, den ich bekommen habe?
Ziemlich mühsam, das mit dem Gebrauch. Auch dann, wenn ich gar nicht so viele Worte brauche. Am meisten fehlt mir jetzt das Bitte. Dieses Dziekuje hat meine ganze Aufmerksamkeit verbraucht. 
Prosze heißt bitte. Das ist eselsbrückenfähig. Und Piwo ist Bier. Na also, geht doch.
Diese Sprache. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass sie so nah und so ganz anders ist. Dabei muss ich es doch gewusst haben. Dann dachte ich, ich lerne, was ich brauche. Das ist ja nicht viel, von einem Tag auf den anderen. Weit gefehlt. Ich vergesse von einem Tag auf den anderen. Das geht leicht. Ich stelle fest: Lernen der Sprache durch ihren Gebrauch funktioniert nicht bei mir. Jeden Tag müsste ich das Gelernte anwenden. Alles auf Vorrat Gelernte geht verloren, wenn ich es nicht täglich benutze.

Die Melancholie? Die berühmte masurische? Ich bin heute gedämpft, friere leicht, mir ist schwindelig. Aber man sollte Müdigkeit nicht mit Melancholie verwechseln.

Wenn überhaupt so bemerken die Polen meine Anwesenheit ziemlich leidenschaftslos. Egal wo ich mich mit meinem Auto hinstelle. Sie nehmen es nicht so genau. Fahren selbst auf den Wiesen herum. Einer fordert mich ungehalten auf, das auch zu tun, anstatt umständlich auf dem Weg zu wenden.
Die Hunde bellen, wenn ich freundlich auf sie zugehe. Wenn ich stehen bleibe, zucken sie bei jeder noch so kleinen Bewegung zurück. So kenne ich die Hunde in Afrika. Verängstigt. Sie fürchten jede menschliche Hand. Wenn ich vielleicht ein Stück Wurst darin hätte? Dazu müsste ich auch in den kleineren Orten die Lebensmittelgeschäfte erkennen, die durch Reklame kaum auf sich aufmerksam machen. Aber dafür immer wieder SKLEP. Das ist es! Morgen werde ich schauen, was mir so ein Dorf zu geben hat.

vor der Krutinna
Hätte ich diesem Wort, Sklep, was sonst, gestern vertraut, dann wäre ich an diesem Abend nicht ohne ein Glas Wein gewesen. Hier in dieser wunderschönen Lichtung inmitten der unglaublich hohen Kiefern, die mich immer wieder staunen machen wie am ersten Tag. Wie kann ein so schlanker Baum so hoch werden ohne umzufallen?!? Wie tief oder weit oder dick müssen seine Wurzeln sein?
Als ich mit Lucie darüber sprach, sagte sie, die Bäume seien früher nicht so hoch gewesen. Auch die, die später wiederkamen, hätten sich gewundert. Ich suche nach einer Erklärung. War es, weil es dort, wo sie inzwischen gewesen sind, nicht so hohe Bäume gab? Oder ist es, weil inzwischen nicht abgeholzt und aufgeforstet worden ist? Wen kann ich fragen?

Inzwischen legt sich ein Netz von Gedanken und Gefühlen über dieses Land. Ein sichtbares und ein unsichtbares. Das eine verknüpft, was ich sehe, höre, schmecke, das andere besteht aus Erinnerungen an Erzähltes, Gefühltes, in der Trauer und der Sehnsucht der Eltern Erlebtes.
Ich habe mir nicht vorstellen könne, dass man Heimat fühlen kann. Und dass es so gut ist. Ein so tiefes, so abgrundtiefes Zuhausesein.
Ob eine, die Heimat hat, überall zuhause sein kann?
Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben. (J. Amery)

Dieser See, mein See heute, kommt mir vor, als wäre er der erste und der letzte See auf der Welt. Schon immer gewesen und für immer da. Ein Sommer ist gekommen, der Sommer wird gehen, ein Winter wird kommen, ein Winter wird gehen und wieder ein Sommer wird kommen. Ein Krieg ist gekommen und noch ein Krieg und der See liegt wie immer da.
Und die Menschen waren, wie sie waren, weil die Natur so ist, wie sie ist: schweigsam, langsam, konservativ.
Auch hier, wie bei den Alleen, ist mir nach Andacht zumute. Auch wenn ich gern erzähle, jetzt bin ich lieber allein. Reden wäre nicht richtig, wenn dann beten. Mir bleibt nur mal wieder ein dziekuje.

© H. Tarnowski

20.6.2010 

4.30. Als die Sonne aufging, zog sie feine Nebelschwaden aus dem Wasser, die ein leichter Wind ergriff und zum anderen Ufer trug, wo die Buchen sie aufnahmen. Da war es halb fünf.
Ein Auto kommt, ein Angler geht ans Wasser, steigt mit Angelzeug und einem blauen Eimer in ein Boot und rudert hinaus. Ohne Motor. So gehört er dazu. Schiebt sich, bald schon lautlos, in den Nebel hinein. Eine eiserne Winde hat er dabei, um sein Netz heraufzudrehen.
Das muss er gegen zehn Uhr gemacht haben, um halb elf taucht er wieder auf und bringt seinen Eimer ans Ufer. Ich strecke den Daumen nach oben und nicke fragend. Er sagt etwas, das gut klingt, und stellt zufrieden den Eimer in seinen Kofferraum, legt das Angelzeug dazu. Er bindet das Boot wieder fest, dann fährt er nach Hause. Da gibt es heute wohl Fisch. Vielleicht hat er das gesagt. Es ist Sonntag.

Zwei Vögel stecken immer wieder ihre Schnäbel zusammen. Der hübsche läuft voraus, macht kehrt und pick! Dann läuft er wieder, der andere hinterher, kriegt wieder was. Nur manchmal pickt er selbst ein bisschen und verschluckt es.
Wie die kleinen Enten, die ich mit ihrer ganzen Familie wieder einmal aufgeschreckt habe, über das Wasser rennen können, wenn ihnen schwimmen zu langsam ist!

Es ist also Sonntag und ich bin eine Woche unterwegs. Da werde ich mit dem Fahrrad ein Städtchen suchen, möchte Fisch essen. Aber kein Städtchen kommt, nur ein paar Höfe. Da wo es Piwo gibt, bekomme ich geräucherte Maränen aus der Krutinna. Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag? 
KawaPolska oder instantPolska wie ihn sich der Vater gemacht hat. Er schüttete sich die Tasse so voll, dass die braunen Krümel im Schaum über den Tassenrand schauten. Nachher klebten sie an seinen Lippen.
Ach Pappi, dein Kaffee. Kawa polska!

Ein deutsches Ehepaar hat sich zu mir an den Tisch gesetzt, wir kommen ins Gespräch. Im letzten Ort waren wir stumm und misstrauisch, wie es wohl nur Deutsche können, vor einer Landkarte umeinander herumgegangen. Dabei ist es ganz einfach und gut, so miteinander zu reden. Dass ich hier geboren und jetzt zum ersten Mal hier bin. „Da war er aber Zeit!“ meint der Mann, und ich stimme zu, bin aber unsicher, wie er das gemeint hat: Weil so viel Zeit vergangen ist oder nur noch wenig Zeit bleibt? Egal. Stimmt beides.
Am Nebentisch hat sich eine Familie getroffen. Die Sprachmelodie des Polnischen klingt weich und schwingend in meinen Ohren, wenn sie einfach nur so miteinander reden. In arabischen Ländern dachte ich oft: Gleich werden sie aufeinander losgehen.
Dowidzenia!

An dem ersten Regentag bin ich zuhause in meiner Lichtung geblieben. Habe aufgeräumt, geschlafen, zwei von Lucies Eiern gekocht, gelesen. Ich bin Siegfried Lenz so dankbar für das Heimatmuseum. Wie es meine Gegenwart unterfüttert mit einer Sprache aus den frühen und dann nie mehr gehörten Wörtern.
Das besacht doch nuscht, Määnschenskind!
Lenz gibt mir alte Wörter wieder: anpummeln, puscheien – jedes Wort kommt mir wie eine Umarmung vor.
Alles vergessen – zurückjedummt.

Ein Fischchen, eine junge Schleie vielleicht, treibt bäuchlings zu mir ans Ufer. Kiemen und Flossen bewegen sich schwach, dann nur noch die Kiemen. Es hat zwei leuchtend hellrote Striche auf dem Bauch.
Zwei ältere Männer kommen auf meinen Steg. Dzien dobry. Ich zeige auf den Fisch. Der kleinere Mann stuppst ihn mit seinem Stock, da zappelt er, dreht sich aber nicht auf den Bauch. Sie lachen und gehen weiter.

Als mir einfiel – warum erst jetzt? – dass Erich Koch, der Gauleiter und Massenmörder von Ostpreußen, bis zu seinem Tod 1968 in dem Gefängnis von Lucijas Mann war, weiß ich, dass ich nach Wartenburg/Barcewo zurückkehren werde. Noch einmal Lucija sehen, ihr freundliches Gesicht, ihre Dings hören und ihr Wissen heraufholen, um es aufzuschreiben.

Ich habe noch nie so viele Banken in einer Straße gesehen wie in Ortelsburg/Szczytno. Mehr Banken als Geschäfte in der Hauptstraße.
Es wird Zeit für erste Postkarten. Nach Deutschland. Aber wie heißt es? Ich höre etwas mit niem -. Wie man das schreibt? Ich solle Deutschland schreiben oder Germany. Warum nicht polnisch?!? Nochmal: Deutschland. Germany. Endlich gelingt es mir, eine Bedienung dazu zu bringen, Niemcy für mich auf eine Karte zu schreiben.

22.6.2010

Ein Montag mit Wind. Kaum einer hat mich gestern über die Straßen und von der Straße gejagt. Nur ein paar jungen Männern in schweren Autos habe ich Platz gemacht. Habe mehr gesucht als gefunden, bis ich endlich hier angekommen bin. Koczek einmal mit dem Rad, dann nach drei Fehlversuchen mit dem Auto. Soviel Wind heute über dem See. Unruhe, Bewegung.
Ein Schild mit rotem Rahmen kommt gerade zur rechten Zeit, will ich doch da, wo gestern die Maränen waren, Wasser holen.

czerpania schöpfen – wody Gewässer, woda ist Wasser
Man hat mich verstanden. Aber ob es richtig war?

Ruciane-Nida
Von den Schildern am Segelboothafen lerne ich bisschen von der Zeit.
godzina Stunde
dzien Tag (wie aus dziendobre!)
dzienuik Tagebuch
dann ist: dobry (dobre) gut
minuta Minute
tydzien Woche
Mehr Zeit brauche ich hier nicht. Und die Finger nur einer Hand. 

Wurzeln? Kann man sie fühlen? Vielleicht sind sie ja so tief wie die einer Buche. Und so alt. Oder älter?
Egal wo ich sitze, liege, stehe, bei Regen und Wind, Wind und Sonne, Sonne und Sonne – es fühlt sich so selbstverständlich an. Als dürfte ich hier mehr Mensch sein als anderswo. „Alles nur Einbildung“ – ja – und?!?
Jede Heimat ist Einbildung. Manchmal eine verdammt wirksame. Manchmal eine gefährliche. Und manchmal eine heilsame.

22.6.2010

Hier werde ich geliebt. Wie sonst soll ich diese Zärtlichkeit verstehen. Wenn ich auf dem zur Hälfte eingebrochenen Steg am Wasser sitze, der Wind die Bäume laut werden lässt und Wellen ans Ufer treibt, die auf den schräg abgefallenen Steg schwappen, umkehren und sich zurückziehen bevor sie meine Füße nass machen.
Es sei der schönste See, der Niedersee, in der Johannisburger Heide.

© H. Tarnowski

23.6.2010

Krutinna
„Wundersam umwoben“ wer sagte das doch? Die Spinnen in und um mein Auto waren damit sicher nicht gemeint.

Hier kann ich keinen Schritt machen, ohne dass mir große Ameisen die Beine hoch krabbeln. Wollte mich ins Gras setzen und an eine Birke lehnen, aber da waren sie schon zu Tausenden. Ich bin geflüchtet. Ins Auto sind sie (noch?) nicht gekommen.
Wieder eine Lichtung, diesmal um eine weite Wiese, Tannen, Kiefern, Buchen, Birken, Lärchen darum herum. Als ich zum ersten Mal auf der Suche nach meinem täglichen See daran vorbeifahre, denke ich: Hier könnte in der Dämmerung Wild herauskommen. Als ich wiederkomme, ohne einen See erreicht zu haben, steht da ein Reh am Waldrand gegenüber.
Da bleib ich. Ich bin sicher, dass Rehe da waren, auch wenn ich sie von meinem Bett aus nicht sehen konnte, weil die blühenden Gräser zu hoch gewachsen sind. 

Bei einem Spaziergang durch den Wald bei Krutyn zu der uralten Eiche und dem Kiefer-Eiche-Liebespaar, rieche ich die gefällten Kiefern und messe mit Schritten ihre Länge. Ich komme auf 25 Meter. Eberhard, der Ostpreuße, der mich mit einer Gruppe von Schweizern über die Krutinna stakt, erzählt, dass er im Frühjahr Kiefern fällt, die 30 Meter hoch sind. Dann soll ich mal kommen, er will es mir zeigen. „Wie sollen sie kürzer jewesen sein, sind doch oft 200 Jahre alt!“ vor zwei Kriegen und zweihundert Jahren auf dieses Land gekommen.
Eberhard ist einer der Geflohenen und später wieder Zurückgekommenen, hat hier Arbeit und Auskommen gefunden, wobei er das ostpreußische Original gibt, mit Lorbasschen und Marjellchen und so. Da geht den alten Ostpreußen wie mir doch das Herz auf und manchem auch das Portemonnaie. Aber was sollen die Schweizer damit anfangen? Ich übersetze meiner Nachbarin das Lorbasschen – Lausbub – und das mit dem – chen, unserer Zärtlichkeitssilbe, erklärte ich ihr auch noch. Wollte sie es überhaupt wissen?
Als ich von meinem Spaziergang zurückkomme, sehe ich ein Holzhaus, bei dem ich denke: So stelle ich mir das Forsthaus vor, in dem Ernst Wiechert aufgewachsen ist. Dann finde ich in Krutyn einen Wegweiser: Ernsta Wiecherta.
Ich falle tief in dieses Land. Oder ich stecke darin. Eberhard ruft einen Gruß zu Willi hinüber, einem alten Mann der mit einem Stock am Ufer steht. Der kommt jeden Sommer wieder und wohnt dann hier. Neben dem alten Haus, das einmal seines war.

© H. Tarnowski

Die Sonne scheint meist am Morgen, seit halb fünf wärmt sie mich und stört meinen Schlaf. Ich bin ihr dankbar dafür. Jetzt um neun muss der Tag schon ohne sie auskommen.
So ein Supermarkt ist doch blöd. Musst nur nehmen, nichts lernen.
Ich nehme einen Ser Kormoran. Wegen Kormoran. Schmeckt genauso wie der Käse, den ich von daheim noch dabei hatte. Den Kormoran habe ich dann im Museum getroffen.
Sieht sowieso alles wie überall aus. Nur dass uniformierte Wachleute herumstehen.
Küchengeräte aus Bambus. Wo die wohl herkommen?
Als ich keine Mandeln finde, hole ich eine aus dem Auto, zeige sie der Kassiererin, die schüttelt den Kopf. Im nächsten Supermarkt läuft eine Verkäuferin mit mir an die richtige Stelle.
In Barcewo, im Gemüseladen, standen Mandeln in einem großen Glas zum offenen Verkauf. Da brauchte ich sie noch nicht für mein Müsli und mein Gedächtnis. Wollte Kirschen. Als der alte Herr ein Wort sagte und Kirschen bekam, sagte ich das Wort auch. Aber es klang wohl nicht richtig, die Verkäuferin schaute ratlos, bis ich auf die Kirschen zeigte. Kilo. Das geht.
Die Sonne kommt wieder und mit ihr kommen die Grillen! Zärtlichkeiten: drei Libellen, zwei auf meinem nackten Bein, eine auf meinem Kopf.
Am Morgen ist Eberhard schon an der Sammelstelle für Bootsfahrten. Hier sitzen Männer jeden Alters herum und warten auf Touristen.
Ich will Eberhard noch fragen, wie viele Deutsche es in Krutyn gibt. Zwei, sagt er, und ich: Sie und Ihre Frau? – Nein, dann drei. Noch eine Frau.
Er gibt mir noch eine Wegbeschreibung: „Wirst doch nicht krauchen (zu Fuß gehen)?! Määnschenskind! Hör auf zu klappern!“

Irgendwie erleichtert verlasse ich Krutyn und die Krutinna. Wenn etwas so hoch gehängt wird, mag ich gar nicht aufspringen. „Immer dein Widerspruchsgeist!“? (Mutti) oder – „leine machen“ – selber finden, ohne zu suchen, wo ich meine Berührungen habe mit soooviel Natur!
Und wenn es im Museum ist, wo ich endlich einen Schwarzstorch und einen Kranich treffe!
Irtysz – Oberza pod Psem – Herberge unter dem Hund.

Neue Wörter? Brot, Milch, Wein?
Mjelka habe ich gehört, als ich beim Kaffee gefragt wurde, und habe genickt. Dann ist Zucker gekommen. Was jetzt?
Ich schüttle den Kopf wie meine Große, als ich sie bei unserem Sprachkurs in Boulogne sur mer an einem Abend fragte: was heißt…?
„Das hat er (unser Lehrer) doch erst gestern gesagt!“

24.6.2010

Bei allem, was ich hier sehe, höre ich mich davon erzählen.
Es regnet nun richtig und andauernd. Nicht nur immer wieder mal ein bisschen. Beim Kaffeemachen beschlagen die Scheiben, das Grün rundherum verschwimmt, wieder eine Lichtung, wieder ein Wald.
Auf dem Markt von Krutyn leuchtet der Honig in den gleichen Farbtönen wie der Bernstein: vom milchig-undurchsichtigen Gelb bis zum leuchtend-klaren Braun.
Nach dem Anruf meiner Tochter habe ich schlecht geschlafen. Als ich um halb sechs im ostpreußischen Regenwald aufwache, sind sofort die schlechten Nachrichten von daheim wieder da. Was mache ich jetzt mit dieser Mischung?
In Lindendorf – Lipowo. Es pladdert und pladdert.
Als ich gestern hier ankam und in der Gegend herumfuhr war da ein plötzliches Erstaunen und Erkennen: das ist es.
Das ist das, was ich in Oberlauter, in Oberfranken, gesucht habe, wenn ich – mittlerweile schon lange erwachsen – dort herumgegangen bin, um zu verstehen, was ich gesehen habe von der Welt am Anfang des Erinnerns. Wollte Heimatgefühle festmachen, auch wenn ich es nicht so genannt hätte. Es hat nie funktioniert. So dachte ich: Dann gibt es das eben nicht.
Aber gestern in Lipowo und um Lipowo herum, da wusste ich überrascht und selbstverständlich: Das ist es! Das ist das Original. Das Spätere war ein Abbild. Ersatz. Jetzt habe ich das Original gefunden.
Dann habe ich mich verfahren, um noch einmal zurückzukehren an diesen Ort.
Jetzt sitze ich im Wald und es pladdert. Der Himmel ist so zugedeckt, dass man Osten und Westen selbst am Abend nicht unterscheiden kann. Ich gehe wieder ins Heimatmuseum: Ein kleines altes Dorf. Mit Hund und Pferden, Hirschen, Rehen, Störchen, Wölfen, Füchsen, Kranichen und einem Elch, nein: einer Elchkuh darum herum. Land mit Tieren.
Die schönen Pferde. Dreimal bin ich wiedergekommen, zuletzt für das Haus, das Rogalla (s. Heimatmuseum) nicht abgefackelt hat. Vor den Fenstern hohe Wiesen mit wilden blauen Lupinen, wie sie an allen Wegen blühen.

25.6.2010 

vor Angerburg/Wegorcewo
Erster Gedanke beim Aufwachen ist wie ein guter Einfall: Ich bin ja zuhause!

Gestern: Nikolaiken – Rhein – Lötzen. Mikolaji -Ryn – Glzycko. Alles im Regen.
Die Wolkenbrüche der Johannisnacht sind zum Dauerregen geworden. Auch noch am Abend, in der Nacht und heute auch. Verzodderte Störche stehen in überschwemmten Wiesen, nass und grau, keine Schwarzstörche. Mit eingezogenen Köpfen stehen sie in ihren Nestern. Ein Nest ist aufgestockt, auf das alte Nest ein neues gebaut. Die Jungen sind jetzt ungefähr zwei Monate alt. Ob ich noch ihre Flugversuche sehe?
Nikolaiken. Weil es so schön klingt. Unmengen leerer Restaurants im Regen. Es ist trostlos. Aber wenn die alle kommen, die hier erwartet werden, möchte ich nicht dabei sein.
Rhein/Ryn – oder Konrad. Spricht mich an, als ich in einer Parkbucht in meiner Karte lese. Vater deutsch, Mutter polnisch. Er spreche Deutsch, sei Tischler, arbeitslos, Frau auch. Zwei Kinder, 5 und 9, Jungen, Hubert und Kuka. Ich lerne sie kennen, als ich der Einladung auf einen Kaffee folge. Naiv? Nein, ich weiß, was mich erwarten kann, will es aber noch sehen, in polnischer Variante. Vom Parkplatz zum Haus muss ich Konrad hinterherrennen, so große, schnelle Schritte macht er. Lang ist er und klapperdürr, die schmale Jeans schlottert an ihm. Dann in ein baufälliges Haus Treppen hinauf, über einen Dachboden in eine Wohnung mit allem, was man so braucht: Computer und Fernseher im gemütlichen Wohnzimmer. Da sitzen Konrads Frau und die Kinder mit ihren Freunden vor einem Comic. Arme Ritter auf dem Tisch und in Kukas Backen, dass er den Mund gar nicht zu kriegt. Die Frau, sie ist hübsch und gepflegt, bringt Kaffe und verschwindet sofort wieder. Das Gespräch ist schleppend, wenn nicht unmöglich, Konrad versteht mein heute oder morgen nicht, auch Milch geht nicht, dafür wiederhole ich Mjelko. Mal wieder: Wo der Vater sei? Er komme gleich, verstehe ich. Das müsste bald sein. denn als Konrad damit anfängt: Urlaub zusammen, setze ich entschieden nie, nie ein. Und noch mal nie. Da ist es Zeit zu gehen. „Ich liebe dich“ – das kann er sagen. Ich schäme mich für ihn, und stehe auf. Jetzt die Frage nach Geld. So nah, dass ich dem Biergeruch nicht entgehen kann, heftig, widerlich. Ich verabschiede mich, danke der Frau für den Kaffe, hätte gerne mehr von ihr gesehen. Macht der Mann das immer so: deutsche Frauen aufgreifen und mit heimbringen? Was würde er noch tun für ein bisschen Geld? Konrad bringt mich zum Auto zurück, danke und dowidzienja! Winken. Weg.

Vor dem buckligen Masuren hängen Schleier. In Lötzen/Oletzcko wird es Abend, ein Friedhof ist offen. Unabgegrenzte Gräber mit schräg gesenkten Steinen, die verwitterte Schrift weist nach unten. Mitten in einem Park auf einer buckligen Wiese. Auf einem Stein kann ich neben dem Kreuz 1939 lesen. Es ist schon dunkel, als ich wieder zum Auto komme. Ich fahre aus der Stadt hinaus, überall komme ich auf langen Feldwegen zu einem Haus oder Hof. Würde gerne bleiben, wenn die Hunde nicht wären. Kein Haus ohne Hund. Auch gestern kein Elch. In der Forschungsstation – habe gedacht: Wenn der Elch nicht zu mir kommt, gehe ich zu ihm – erfahre ich, dass sie die Jungen behalten, bis sie zwei Jahre alt sind, dann lassen sie sie hinaus. Der Elch braucht den Wald.
Auch hier in Masuren sterben die Birken zuerst.

29.6.2010

Noch einmal Goldap
Nach der Zeitenwende. Die sah gestern wie eine Sackgasse aus. Die Gasfußhüfte tat so weh, dass ich weder sitzen noch fahren wollte. Soll ich schnell heimfahren, ganz schnell, übermorgen könnte ich dort sein? Wenn ich es aushalte, solange auf dem Gaspedal zu stehen. Hab genug gesehen, will nichts mehr sehen, schon gar nicht, wenn es so weh tut. 

Nach dieser Reise war ich im Oktober wieder bei David.

2010

Ich habe geschrieben, Notizen gemacht, um zu erzählen, nun ist da die Scheu, daran zu gehen, ich trau mich nicht.
V: Du hast das Gefühl, du hast das nicht allein geschrieben, wir haben das gemeinsam geschrieben.
Du hast schon Bücher geschrieben, aber diesmal fühlt es sich anders an. „Ich weiß nicht, ob ich das selbst geschrieben habe.“ Es ist kein Zufall.
D: Er hat nicht gesprochen. Aber du.
V: Du hast meine Erlaubnis, du darfst. Vielleicht kannst du es den Menschen jetzt klar machen: Ostpreußen war ein Gebiet wie jedes andere, die Menschen waren nicht anders. Der Unterschied war der Krieg, und Krieg zerstört alles.
Jetzt wo der Krieg vorbei ist, erholt sich dieses Gebiet und wird wieder schön.
Man darf den Krieg nicht die Schönheit zerstören lassen. Ob die Leute dort heute deutsch oder polnisch sprechen, ist weniger wichtig. Es sind Menschen.
Das Wichtigste ist: Das Leben geht weiter.

D: Er möchte, dass du weißt: Und damit sind wir auch angekommen.
Er atmet tief aus und sagt danke.