2.- 5.10.2018 – gerettet ?

2.10.2018

Es fehlt mir, den Tag mit einem Bilderbuch anzufangen. Mit ihnen durch vergangene Zeiten zu gehen und die Orte wiederzusehen, die mir geblieben sind. Dafür habe ich sie ja gemacht: „Wenn ich alt bin und aus dem Bett nicht mehr herauskomme“ – habe ich gesagt und angefangen.

Zuerst das Tagesgeschäft: 200 € an Mahamane. Die Schule fängt heute wieder an, und er hat kein Geld für die Schulsachen seiner Kinder.
Letzte Woche hat er geschrieben: ein toter Tag überall im Norden. Kein offenes Geschäft oder Amt, kein lebendiger Markt.

Und einen Installateur für die Heizung in meinem zurückgelassenen Haus anrufen, sie ist auch aus. Nichts geht. Mehr konnte ich nicht sehen, als ich nach dem Dreigroschenfilm noch ins Haus gefahren bin. Und es soll kalt werden.

Brecht. Ich hole einmal wieder die Nachgeborenen hervor und bekomme eine Gänsehaut, die mich schüttelt. Heute noch mehr als früher. 
Wenn es so weit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist … was für eine Hoffnung!

Was haben wir in 80 Jahren gemacht?!?
Diese Hoffnung haben wir nicht erfüllt, im Gegenteil. Schlimmer, viel schlimmer.
Wir wissen, was wir zerstören, und zerstören.
Mit schlechtem Gewissen, kollektiv.

Darum werden wir nicht mehr bitten können:

Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Ihr aber, wenn es so weit sein wird

Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.

Es kommt mir so vor, als wären wir noch nie so weit davon entfernt wie heute.
„Wir schaffen das!“ und „Das ist nicht mehr mein Land – “


3.10.2018

Erinnerung zum Nationalfeiertag oben rechts auf dem Bildschirm, 3sat, glaub ich:

Heimat ist der Ort, an dem noch niemand gewesen ist.
Ernst Bloch

Ich freue mich, von Bloch zu hören, glaube aber, dass das Zitat nicht stimmt.
Hole Das Prinzip Hoffnung herunter, es steht oben links im Regal. Daneben: Die Erbschaft dieser Zeit – Naturrecht und menschliche Würde – Subjekt-Objekt, Erläuterungen zu Hegel. Habe ich 1963 in Tübingen gelesen wie einen Krimi. Und natürlich Das Prinzip Hoffnung. Darin die Widmung: Hoffnungsvolle Wünsche für Sie. I.64 – Ernst Bloch. Ein Pfeil zieht nach oben rechts, da steht mein Name in Druckschrift. Dabei ein Foto von Bloch, sprechend, mit der Pfeife in der linken Hand, wie immer im Seminar. 
Heimat ist das letzte Wort von Das Prinzip Hoffnung.

Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Und Heimat ist immer vorne, niemals hinten. In der Nähe von Utopia. So Bloch.
War neu für mich, war ich doch eine Heimatvertriebene mit amtlichem Ausweis. Und wir hatten eine Heimat verloren.

Ich frage mich mal wieder: Wer wird einmal meinen Bloch haben wollen?
Auch die kleinen Spuren: 

Z u w e n i g. Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.


S c h l a f e n. An uns selbst sind wir noch leer. So schlafen wir leicht ein, wenn die äußeren Reize fehlen. Weiche Kissen, Dunkel, Stille lassen uns einschlafen. Der Leib verdunkelt sich. Liegt man nachts wach, so ist das gar kein Wachsein, sondern zähes, verzehrendes Schleichen an Ort und Stelle. Man merkt dann, wie ungemütlich es mit nichts als sich selber ist.

Ich denke, Bloch hätte mal im Freien schlafen sollen, und stelle Spuren ins Regal zurück.
Wie war das: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir und – da hat Bloch im Seminar dem Kant noch etwas angehängt, was ich nur ungenau erinnere, waren es Schweine? –  hinter mir

Besser als anzukommen ist, voller Hoffnung zu reisen (geklaut)
Am nächsten Sonntag wählt Bayern. Wenn es nach dem CSU-Wahlspot geht, ist es das reichste, sicherste, schönste und glücklichste aller Bundesländer.


5.10.2018

Wieder mal habe ich eine Stunde mit dem Suchen nach dem Geschriebenen von gestern verbracht. Vergeblich. Habe es noch einmal schreiben müssen. Es muss das Backup gerade verpasst haben.
Inzwischen hat die Sonne den Nebel vertrieben, ich mache weiter und nehme mir vor, noch mehr aufzupassen, damit ich nichts mehr doppelt machen muss. 

In meinem Kopf ist jetzt Styx, der Film vom Wasser des Grauens.
Und der Kommentar vom Feldweg: „Selber schuld! Sollen sie doch erst einmal…“
Ich höre schnell wieder auf, die Dinge zu sagen, die ich schon zu oft gesagt habe, und weiche in den Nachbargarten aus, wo ich das Basilikum im Gewächshaus gießen soll.

Das Grauen ist überall.
Aber dieser Film: mit so wenigen Worten alles gesagt. Gezeigt. Genial.
Eine Rettung? Was für eine Rettung!

Wir sind gerettet! Ganvié!

Benin 1996

Überfahrt nach Ganvié –„wir sind gerettet!“

Um nach Ganvié zu kommen, muß man an der Hauptstraße, die nach Westen aus Cotonou hinausführt, einem gelb-grünen Taxi winken und ein Zeichen nach rechts geben, das heißt, man will Richtung Norden, landeinwärts. Nach links geht es nach Togo. Man ruft: Calavi! – und wenn in dem R4 oder Peugeot noch nicht mehr als fünf Personen sitzen, werden sie zusammenrücken, und man fährt mit. In Calavi führt eine Straße hinunter zur Anlegestelle der Boote, die von Ganvié über das Wasser kommen und die Besucher hinüberbringen. Motorboot oder Piroge – ich kann wählen und entscheide mich für die Piroge wegen der Stille und wegen der Zeit. Pirogen sind langsam und leise.

Sie liegen hinten am Steg, auf dem Weg dorthin begrüßen uns die Kinder: Bonsoir, monsieur! Cadeau! und strecken uns die Hände entgegen. Von den Weißen ist immer ein „Geschenk“ zu erwarten. Dann nehmen uns zwei junge Männer im Empfang, die uns hinüberbringen werden, der jüngere von beiden – er mag 14 Jahre alt sein – kommt mir bekannt vor, aber ich bin nicht sicher und suche fragend seinen Blick. Der hat meinen schon gefunden, umgekehrt ist das Erkennen leichter. Ich sage: Joseph? Da strahlt er, denn er ist es, der mich schon im vergangenen Jahr nach Ganvié gebracht hat, länger und dünner ist er geworden. Seine traurigen Augen haben mich noch lange verfolgt. Als ich ihm zum Abschied die Hand gab, hat er mich angesehen, als wäre ich ihm trotz des reichlichen Trinkgeldes und des Kugelschreibers, nach dem er verlangt hatte, etwas schuldig geblieben. Und ich wußte nicht was. Jetzt strahlt er über das ganze Gesicht, als wäre mein Wiederkommen eine neue Hoffnung, und ich fürchte schon, ich werde sie wieder enttäuschen.

Bei der Ausfahrt hilft uns der Wind. Joseph hat die Piroge mit einer langen Stange hinausgestochert und sich nun an ihr äußerstes Ende gesetzt. Paul, Josephs großer Bruder – jeder ist ein „Bruder“, der aus dem gleichen Dorf kommt, und beide leben in Ganvié – hat den Platz vorne im Boot eingenommen und setzt das Segel. Er stellt eine Stange mit einem quadratischen Tuch aus schwarzen, blauen, ehemals weißen Flecken mit vielen Löchern in den Wind. Eine zweite Stange hält es so, daß sich der Wind darin verfangen kann.
Als wir uns ein Stück vom Land entfernt haben, zieht Paul seine braune Jacke aus, es ist seine Arbeitskleidung. Die Beninois tragen in den Schulen und allen staatlichen Einrichtungen einfache Uniformen.

Er zeigt auf die Pirogen, denen wir begegnen und beginnt von dem Leben auf dem Wasser zu erzählen, das ist seine Aufgabe. Männer stehen in den Booten und werfen die Netze aus. Wenn sie sie wieder heraufgeholt haben, pflücken Jungen die kleinen silbernen Fische heraus. In anderen Einbäumen sitzen Frauen und haben Schüsseln voller frischer oder getrockneter Fische vor sich und ein Kind neben sich und oft ein zweites kleineres auf den Rücken gebunden. Meist sind es zwei oder drei Frauen und sie singen und lachen miteinander und grüßen und winken, wenn sie an uns vorbeigleiten. Sie leben vom Fischfang, Paul deutet auf die Zäune aus Reisig rechts und links und erklärt uns den Unterschied zwischen Fallen und Zuchtbecken. Hier fangen und züchten die Männer die Fische, die Frauen dann verarbeiten und konservieren und auf den Flußmärkten verkaufen. 

Der Wind ist günstig und wir nähern uns den ersten verwitterten strohgedeckten Häusern von Ganvié. Es ist die größte Pfahlbausiedlung Afrikas, hat mehr als 15000 Einwohner und wird das „Venedig Westafrikas“ genannt, betont Paul nicht ohne Stolz. Aus Angst davor, verkauft zu werden, seien die Menschen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor ihrem König über die Lagune geflohen und hätten ihre Häuser in das flache Wasser gebaut. Die Rettung lag über dem Wasser, weil die Verfolger Angst davor hatten. Daher habe der Ort seinen Namen, denn „Ganvié“ heiße: „Wir sind gerettet!“ 

© H. Tarnowski

BIENVENUE A GANVIE ragt mit fetten schwarzen Buchstaben auf einem leuchtend-weißen Schild aus dem Wasser. Im Dorf angekommen klettern wir aus unserem schwankenden Boot hinauf in ein Restaurant, die Begrüßung mit einem Bier oder Cola gehört zum Arrangement des Besuches.

Da ist kein bißchen Boden um die Häuser, die Tür führt sofort auf die Treppe und diese ins Wasser, das heißt in das Boot, das dort liegt. Die nackten Babies krabbeln herum. Auf meine ängstliche Frage, ob denn nie ein Kind ins Wasser fiele, lachen Paul und Joseph. Heißt das nun ja oder nein?
Die Kinder winken: Bonsoir Monsieur! Bonsoir Monsieur! Warum sagen sie immer „Monsieur“? frage ich Paul, der lacht: Das ist hier so. Aber er wird sie von nun an jedes Mal belehren: Das ist kein Monsieur, das ist eine Madame! Bonsoir Madame! Flink sind sie ins Boot gesprungen und herangestochert, das stehen sie nun auf dem Kopf und erwarten eine Belohnung für ihr Kunststück.

Wir beginnen unsere Stadtrundfahrt auf der Rue des Pecheurs, der Straße der Fischer, die eine sehr befahrene Hauptstraße ist. Paul zeigt uns den Fetisch-Platz und das Rathaus. Schmunzelnd spricht er von der Rue des amoureux und beobachtet mich genau, ob ich ihn richtig verstanden habe: Dort finden am Abend die Rendezvous der Verliebten statt, natürlich auf ihren Pirogen. Jedes Haus besitzt mindestens drei Boote: eines für den Vater zum Fischen, eines für die Mutter zum Verkaufen der Fische und um selbst einzukaufen auf dem schwimmenden Markt und eines für die Kinder, die damit zur Schule fahren oder –  wenn sie älter sind –  sich am Abend verabreden.
Große Maggi-Schilder auf Stelzen kündigen schon von weitem den Markt an. Die Pirogen reiben sich aneinander und bilden eine beinahe geschlossene Fläche, auf der alles zu finden ist, was ein afrikanischer Markt zu bieten hat: von den Fischen aus der Lagune bis zu den Altkleidern aus Europa. Wo sich Kanister in den Booten häufen, gibt es eine Wasserleitung, dort muß man das Wasser kaufen.

Wo ist eigentlich die Schule? frage ich Paul. Ob ich sie sehen wolle, sie liege abseits. Ich möchte sie sehr gerne sehen. Wir nähern uns einem Stück Festland und gehen an Land. Sofort sind wir von Kindern in den einfachen sandfarbenen Schulkleidern umringt. Es werden immer mehr, ohne daß ich hätte sehen können, wo sie hergekommen sind. Das Kilo Stifte, das ich bei mir hatte, ist schnell verteilt, und gewiß haben die meisten nichts bekommen. Nun flehen mich ihre Augen an, und mindestens zehn Hände halten mich fest und wollen mich nicht mehr loslassen, es bleibt nur die Flucht über das Wasser. Ein paar Kinder springen hinterher, erst ins Wasser, dann in ihr Boot, um uns zu folgen. Paul und Joseph müssen ihre ganze Kraft einsetzen, um mit uns davonzukommen. Sie nehmen ein paar Kurven, und schütteln lachend die Köpfe mit den Schweißperlen auf der Stirn, als sie unsere Verfolger abgehängt haben: diese Kinder! Die beiden haben eine Erfrischung verdient, und wir machen Halt an einem Hotel. Ob ich dort bleiben wolle? Heute nicht, vielleicht ein andermal. Man zeigt mir die Zimmer: Da steht das Bett zwei Meter über dem Wasser, das durch die Ritzen des Fußbodens schimmert. 

AU REVOIR sagt die Rückseite des Begrüßungsschildes, und „Auf Wiedersehen!“ winken uns die Jungen mit ihren hellen Fußsohlen. Blitzschnell haben sie ein Bein unter der Achsel hindurch über ihren Nacken gelegt – vielleicht gibt es ja doch noch ein Bonbon, einen Kugelschreiber, oder 10 Francs.

Jetzt haben wir den Wind gegen uns, Paul greift zum Paddel, ich kann auch eines bekommen, Joseph nimmt die Stange. Er ist aufgestanden und stößt sie kräftig in den Grund. Er beginnt zu singen, die Arbeit fiele dann leichter, sagt er, und Paul singt mit. Fremde Laute und Tonfolgen, denen ich nicht folgen kann, in einem kurzatmigen Rhythmus – kein Wunder bei dieser Anstrengung. Uns begegnen viele Boote, die nach Ganvié zurückkehren, der Himmel verfärbt sich schon gelb, in zwei Stunden ist es Nacht. Es sind nur noch wenige Frauen und Kinder an der Anlegestelle, und Paul und Joseph werden nach unserem Abschied nur noch nach Hause fahren. Wieder die reichliche Belohnung, die ich gerne gebe, und wieder Josephs enttäuschter Blick. Ich fange schon an, mich über seine Trauermiene zu ärgern, als ich die Idee zu einem letzten Versuch habe: Wenn ich ihm Bilder schicke von unserer Fahrt? Da hellt sich sein Gesicht auf und leuchtet vor Freude. Mit seiner Adresse in meiner Tasche läßt mich Joseph gehen, er ist nicht länger traurig, von jetzt an wartet er.

Die Bilder sind schön geworden und  ich schicke sie gern nach Ganvié. Josephs Dank kommt bald in einem kleinen Briefchen. Und ich soll versprechen, daß ich, wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, wieder mit ihm fahre.

© H. Tarnowski