6.-11.10.2018 -- Mauern aus Lehm

 

6.10.2018

Um halb sechs war meine Nacht zu Ende. Es ist noch dunkel, der Mond steigt gerade über den Wald herauf. Die Sterne werden schon weniger. Um sechs Uhr läuten die Kirchenglocken das erste Mal. Ich stehe auf. Den Kaffee nehme ich im Dunkeln mit in die Veranda, über der jetzt der Mond hängt, und schütte ihn mir dabei in den Ärmel. Erst ist es heiß, dann wird es kalt. Und bald auch hell.
Ich gehe mit dem Hund noch einmal nach Pilzen und Äpfeln. Brennnesseln, Giersch und Löwenzahn brauche ich auch wieder zum Smoothie. Alles ist da, ich muss es nur nehmen. 

Die Bilderbücher auch. Eines zu viel. Die freundliche apple-Frau in Barcelona hat mir das beanstandete Exemplar noch einmal geschickt und das korrigierte dazu. Ich glaube, sie machte so etwas das erste und letzte Mal.
Vor der Kontrolle habe ich Herzklopfen. Fehler können nicht mehr korrigiert werden. Aber sie sind erträglich. Gut. Schließlich sollen doch sie es sein, wofür man geliebt wird. 

Jetzt die Durchsicht von 2017. Zwei kleine Berliner Verlage, die einen Schwerpunkt für Zeitzeugen haben, sollen den Text bekommen. Morgen wird kopiert und geschickt. Und dann bin ich ganz und gar hier.
Wenn nur die Seitenzahlen nicht immer wieder verschwinden würden. Als ich sie endlich auch auf dem Stick habe, höre ich schnell auf. Möchte am liebsten gleich in den Copy-Shop rennen. Aber meine Agentin soll noch eine Chance zur Kontrolle haben.

Und es ist wieder Sommer.

7.10.2018

Ganz und gar hier? Wäre ich gern, aber –
Der erste Copy-Shop kam mir meiner Fassung auf dem Stick nicht zurecht, die junge Frau hat mich wieder heimgeschickt. Bin in einen anderen, mir empfohlenen, gegangen, und der junge Mann machte das Nötige mit ein paar Griffen. Schließlich – zugegeben: nicht ohne Aufregung –  hatte ich meine 422 Seiten in einem kleinen Karton unterm Arm und machte mich auf den Weg, eine Klemmbindung zu suchen. Ganz analog. Wie immer. Allmählich kam es mir so vor, als schlitterte ich ständig an Rändern entlang. Erste Adresse: Die Klemmordner kommen nächste Woche wieder, nur ein einziger froschgrüner steht noch da. Nächste Adresse. Nach umständlichem Umfahren großer Baustellen – immerhin kenne ich noch die Schleichwege – stehe ich vor verschlossenen Türen wegen geänderter Öffnungszeiten, die auch nur kleine Fenster sind.
„Da brauchst du ein Handy!“ schimpft mich meine Freundin, als ich es ihr heute wütend erzähle, sie kennt den Laden gut. Ich muss noch einmal mitten in die Stadt. Und ich weiß auch noch Ecken für Parkplätze, sogar am Samstagvormittag finde ich einen kurzen. Einen langen brauche ich nicht, nein, ich will keinen Kaffee trinken und den Menschen zuschauen, die sich an dem Oktobersommer freuen. Ich weiß, dass ich mich einsam fühlen würde unter den vielen, die ich nicht treffe. Zuhause treffe ich meinen Text, da bin ich nicht einsam.
Auch die dritte Adresse für Klemmordner ist eine Niete. Ich komme gerade zu meinem Auto zurück, als eine Politesse das Nachbarauto fotografiert. Nein, ich winke ihr nicht, als ich wegfahre, ein junger Mann schaut mir zu, und wir grinsen uns an. Das war knapp, und jetzt reicht’s.
Aber ich muss noch einmal zum Copy-Shop zurück, mir ist eingefallen, dass ich meinen Stick nicht mitgenommen habe. Dann nehme ich die Spur nach Hause und fahre noch bei Opel vorbei, um endlich den Schüssel mit Fernbedienung abzuholen. Der Opel-Mann sucht vergeblich, und wir finden den Fehler. Man wartet darauf, dass ich nochmal bestelle. Mache ich dann und halte auf dem Heimweg nirgendwo mehr an. Auch nicht für eine mäusesichere Apfelkiste. Das wird eine andere Geschichte.

Hier ist es sehr sonnig und sehr warm und doch kommt es mir vor, als sei ein Schatten auf den Tag gefallen. Ich weiß nicht, wo er herkommt, was dem Licht im Weg steht, welche Wolke sich vor die Sonne geschoben hat. Er ist auch heute noch da. Der ungelungene Versuch, das korrigierte Deckblatt zu drucken, macht es nicht besser. Lenkt eine Weile ab. Es ist Oktober. Der Monat, wo meine Große in die Welt kam. Warum habe ich nicht daran gedacht? Es waren die Aufgaben, die Fotobücher, dann die Durchsicht von 2017 mit 74 für die komplette Weitergabe. Jetzt schaue ich in den Monat, und da ist sie und wirft ihren Schatten. Der gehört zu meinem Leben.

9.10.2018

Und jetzt?!?

2017 ist ganz und gar analog aus dem Haus und auf dem Weg in die Verlagswelt. Ich hoffe, es hat ihm nicht geschadet, dass es ein Montag war. Aber ich hätte mich gewaltsam bremsen müssen, um auf heute zu warten. Hab ich nicht. Nichts hasse ich so wie gebremst zu werden.
Mir ist irgendwie nach feiern zumut. So ein Stapel bedrucktes Papier, zweimal 210 Seiten, lässt mich fast Respekt haben – wenn ich ihn nicht selbst fabriziert hätte. Mein Jahr auf Papier. Wäre doch auch ein Titel – oder?
Na, jedenfalls habe ich die beiden Stapel auf dem Kühler meines Combo in die umständlich gesuchten Sammelboxen gelegt, in eine dicke Verpackung befördert und heftig verklebt. Dann zur Post damit. 

10.10.2018

Gestern die Maus, heute der Traktor: der Schrecken beim Aufwachen war der gleiche. Es ist noch fast dunkel unter dem Nebel. Ich stehe mit Herzklopfen auf. Der Traktor nimmt immer neuen Anlauf und kehrt kurz vor meinem Bett wieder um. Sehr ungemütlich.

Ich frage mit SMS bei meiner Tochter an, ob sie noch in der Toskana ist. Ich weiß nicht, ob ich versäumt habe, mir Sorgen zu machen. Sie ist mit ihrem Mann zum ersten Mal mit dem neuen alten Schlafauto unterwegs. Wann gilt das nicht mehr: keine Nachricht, gute Nachricht? Eine Stunde später kommt der Anruf. Da atme ich dann doch auf. 

Als ich das erste Mal mit ihrem Vater und meinem kleinen Volvo in Südfrankreich war, haben wir auch im Auto geschlafen. Unvergesslich der Blick auf Marseille von unserem Schlafplatz hoch oben über der Stadt auf einem Parkdeck. Zuhause konnte ich gar nicht einschlafen in meinem bequemen Bett. Wäre am liebsten wieder ins Auto gegangen. Dann muss ich doch noch im Bett eingeschlafen sein.

Sylt nach der Krebs-Reha in der Nordseeklinik. Jetzt wollte ich dort nach mehr als 20 Jahren – so lange lag die Familie schon zurück – wieder hin. Mit dem Krebs hat das Draußenschlafen angefangen, auf das ich nicht mehr verzichten wollte. Erst recht nicht auf Sylt. Da will ich am Tag nicht in ein Haus und bei Nacht genauso wenig. Also brauchte ich ein offenes Auto. Es ist der Combo geworden, es war der einzige, den ich noch rechtzeitig bekommen konnte. Der ist jetzt dreizehn Jahre alt.

Am Telefon mit meiner Tochter klinge ich tatkräftig und fit, als ich erzähle, dass mein Buch unterwegs ist. Um so eine Mutter muss sie sich keine Sorgen machen. Sogar ihre Fingerkuppe ist inzwischen wieder angewachsen.

11.10.2018

Als ich über das leere Maisfeld laufe, höre ich etwas über mir, dann sehe ich es: eine Drohne. Mir wird es unheimlich. Irgendwo ist da einer, der mich sehen kann, ins Auge fassen, verfolgen. Ich könnte mich nirgendwo verbergen, ohne dass der weiß wo. Augenblicklich habe ich den sinnlosen Wunsch, mich zu verstecken.
Überwachung von überall?
Zuhause wo ich mich verstecke, muss ich erfahren, wie weit die Überwachung in China schon geht. Überall, nur nicht in deinen vier Wänden? Oder auch da? Wenn noch nicht heute, dann bestimmt bald. Was gedacht werden kann, wird auch gemacht. 2020 in China: ein Gerät für zwei Chinesen.
Das weiß ich von Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur.

Maryse Condé bekommt den alternativen Literaturnobelpreis!
Ich habe Segu. Die Mauern aus Lehm begeistert gelesen, als ich schon oft in Segou gewesen  war. Man kommt immer durch Segou, wenn man von Bamako nach Tombouctou will. Auch 2006: Segou!

1.2.2006

Bamako
Bammaku soll heißen ich wasche ein Krokodil ?!?

Wiedersehen mit meinen nackten Füßen.
Überhaupt soviel Wiedersehen, obwohl ich an diesem Ort noch nie gewesen bin:im Hotel Djoliba, „Der Fluss“, das unmittelbar am Fluss liegt, auf dem ich nach Segou will.
Ich bin neugierig auf Erinnerung. Manchmal ist sie so dicht wie ungreifbar. Gelebtes Leben eben. Mit dem Altwerden wird dieses Polster immer größer, ich würde es gern beschreiben, aber es gelingt mir nicht. Vielleicht muss ich es ja gar nicht beschreiben. Es würde genügen zu spüren, wie reich ein Leben ist. Mein Leben war. Und wahrscheinlich werde ich auf dieser Reise mehr genießen als schreiben wie an diesem ersten Tag. 

Als ich ankam, war es fast Mitternacht. Wir waren um 21.30 gelandet. Der Chauffeur mit dem Mercedes brauchte eine gute Stunde und drei Anläufe, wo er Nachtwächter und Polizisten fragte, um das Djoliba zu finden. Er war fatigué, müde, sagen sie.
Man muss sich ihrem Rhythmus anvertrauen. Aber man darf und man kann es auch.
Es geht immer weiter und meistens, wie du es dir wünscht. Manchmal weißt du erst, dass du etwas gewünscht hast, wenn es schon da ist.
Ich esse Mangos und Papayas. Dabei habe ich das Bild versäumt, auf dem der Himmel die Farbe meiner Papaya hatte. 

2.2.2006

Das Wasser hat keine Farbe. Es ist grün. Natürlich. Und blau. Natürlich. Und manchmal grau. Auch natürlich.
Verschiedene Zikadenstimmen füllen die Ohren bis zum Überlaufen vom frühen Abend bis gegen Morgen, als ich ein bisschen schlafen konnte nach dem nächtlichen Kampf mit den Moskitos, überstanden mit Hilfe der Segnungen der Chemie.
Aber der Morgen: Immer wenn ich die Augen aufschlage, schiebt sich eine Piroge durch mein Bild, lautlos wie im Traum. Und wie ihr Bild.
Am heißen Mittag döse ich unter dem Mangobaum. In der Nacht rücke ich davon weg, zu oft habe ich die Früchte fallen hören. Manchmal duften sie schon ein bisschen, obwohl sie noch steinhart sind. 

Eine halbe Stunde vor dem Haus und alles ist schon passiert: Ich kehre um vor einem schreienden Kind, ich schaffe es kaum über die Straße, um Obst zu kaufen, das Mädchen gibt mit 100 Francs zu wenig zurück, ich sage nichts. Einem bettelnden Alten gebe ich eine Mango und eine Papaya von meinem Einkauf und 100 Francs. Und ich habe schon etwas nicht gehalten, was ich versprochen habe: bei einer Frau ihre Pommes zu kaufen. Ich nahm einen anderen Weg zurück und esse aloco, frittierte Bananen.

3.2.2006

Segou
Ist Afrika ein Zustand, auf den ich ein „Recht“ habe?
Hier fällt mir in den Schoß, was ich mir wünsche – am Djoliba, im Djoliba, dem Hotel in Bamako, neben dem Djoliba in Segou.
Gestern im Bus nach Segou war ich plötzlich mittendrin. Es ist heiß, mit läuft der Schweiß herunter, ich habe drei Stunden gewartet. Anflüge von Gedanken: Was war falsch? Der Gedanke. Sonst nichts. Mit den Afrikanern bist du ihnen nah. Sie haben das und geben es, und in ihrem Lachen bist du dabei. Ein Film im Original ohne Untertitel. Dabei fahren wir in die Nacht, beim Aussteigen Sahel-Luft und Akazienduft, erste Feuer, der Sternenhimmel in Segou. Zikaden auch in der Stadt, eine aufgespießte Mondsichel über dem Fluss, dem Djoliba.
Das unglaublich Selbstverständliche: Ich treffe einen „Bruder“ von Mamadou. Wir wohnen im selben Haus. Alles ist gut.

Alluh uh akbar!  Määäh, määäh – beifällig oder abfällig? 

4.2.2006

Vor 99 Jahren wurde der Vater geboren. Ich kann mit ihm reden. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich danke dir. Schau: Es ist gut weitergegangen mit mir.
Glücklich am Fluss, die Augen von Idrissa vor mir, denen ich folgen muss und will, seit ich es so lebendig vor mir habe durch seine Anrufe. Ich fahre darauf zu, inshallah.

Noch sitze ich nur am Fluss. Auf einem Sessel, wo ich vielleicht schon mit meiner Tochter gesessen bin. Wir waren aus Mauretanien gekommen. Wir haben über ihre Schwester gesprochen. Ich glaube, es war das erste Mal. So viele Jahre war es nicht möglich gewesen. Als wir durch das Dunkel ins Hotel zurückgingen, nahm ich sie in den Arm und sagte: Sag mir, wenn ich dir helfen kann.
Es kommt mir so vor, als wäre ich schon jahrelang hier. Alle – 14 – Jahre waren schon in diesen vier Tagen.

5.2.2006

Sonntag cadeau – Geschenk?
Heute kostet der Kaffee die Hälfte für das Doppelte.
Im Internet-Café gibt man mir 100 Francs weniger raus, als der Preis ist.
Mal beschissen, mal beschenkt.

Ich laufe in offene Arme und es tut gut. Und diese Luft, die Luft vom Wasser, ist so animalisch gut – wie immer. Als wäre ich schon immer hier und nie woanders gewesen. Dabei sind es gerade fünf Tage. Und es war schon am ersten Tag so. Egal was ich hier tue. Leben, alles ist warmes, lebendiges Leben.

Warum sagen sie immer wieder Madame tranquille zu mir –?
Weil ich freundlich bin und nicht viel diskutiere?
Man sagt es zu der Frau des Chef du village. Zum Chef sagen sie: MAMADOU COOL.
Sie wollen eben gern etwas Nettes sagen.

Zum ersten Mal unterwegs mit dem Wohlwollen meiner Mutter und meiner toten Tochter, nachdem ich David begegnet bin. Schade, dass sie diese Welt nicht so erleben konnten. Gut, dass ich es jetzt kann.

6.4.2006  

Wenn ich mich fallenlasse, werde ich getragen und weitergereicht in die nächsten offenen Arme.
Aus den Armen der Freunde Mohammed und Issa in die von Mamadou morgen. Alle sind für mich da.
Um 8 Uhr mit Mohammed verabredet komme ich fertig gepackt von meinem Schlafplatz, als Idrissa mich fragt, ob ich mit dem Kattkatt fahren will, der vor der Tür, d.h. im Hof steht. Der Preis? Soviel wie der Bus. Ohne Schleppen. Zwei Stunden geschenkt. Ich bin glücklich. Aber wann bin ich das nicht. Vielleicht am Abend, wenn mir der Tag so viel gegeben hat, dass ich sagen möchte: Es ist genug. Am Abend schon zu viel für einen Tag.
Wie gestern nach dem Besuch der Bozo-Dörfer mit der Piroge. Da war es auch und ich mittendrin. Die Stille unter den Bäumen zwischen den Hütten, vor der uferlosen Weite des Sahel. 

Um dahin zu kommen, war ich in die Arme von NUUM gefallen, ungeplant, ungewollt, „nur“ gewünscht. Wie schön muss meine Innenwelt sein, wenn dies ihre Außenwelt ist.
Ich sage zu der Maman gegenüber der Auberge, die das Spiel verkauft: Ich habe dieses Spiel, aber ich weiß nicht mehr, wie man es spielt. Und schon verteilt sie die Kugeln – 4 in jede Kuhle – und sagt: Joue! Spiel! Immer rundherum verteilen, dann wegnehmen, wo 3 oder 2 sind. Wer hat warum gewonnen? Als auf meiner Seite nichts mehr war?
Ich werde Bruno fragen, ein Student aus Cotonou, der in Berlin arbeitet. Und ich werde Bruno bitten, Nigermärchen zu übersetzen.

Heute freue ich mich auf Mamadou. Er erwartet mich in Mopti mit offenen Armen. Und morgen Idrissa!!!

© H. Tarnowski