12.-23.10.2018 – mit ihr ohne sie

 

12.10.2018
Ich gebe mich frei für’s Gebirg. Es war kein kurzer Weg durch die Gedanken.
Immer wieder das ganze Hin-und-Her: Verzichte ich auf etwas für etwas, kann es sein, dass das Andere sich verweigert. Aber es gibt Fortschritte: Das Tempo ist schneller geworden, so schnell, dass ich schon wieder lachen muss. Sekunden können genügen.
Jetzt suche Berghütten aus, fange an zu telefonieren. Die meisten wollen meinen Hund nicht.


13.10.2018

Es ist eine tolle Freiheit. Ich darf hinauf!!! Wo es doch unten schon so gut war und noch ist.
Vielleicht habe ich auch meine Hundehütte gefunden: die Tutzinger. Sie hat ein Hundezimmer, das am Montag frei ist. Ich sehe viel Wasser in der Nähe, und wo Wasser ist, gibt es auch Licht. Da zieht es mich hin.

Sonnenblumen im Nebel. Sie blühen unermüdlich. Danke! Wenn ich wieder unten bin, werde ich mir eine mit nach Hause nehmen.

14.10.2018

Ich habe uns angemeldet und freue mich! Hinauf! Hinauf! Hinauf!
Der Rucksack steht schon da, Dinge fallen sofort hinein, so kann ich sie nicht mehr vergessen.
Mit der Tutzinger Hütte habe ich mir drei Stunden Aufstieg vorgenommen. Allein. Ich werde nicht umkehren, denn ich habe mich oben versprochen. Ich möchte einmal wieder einen Berg hinaufgehen. Es zieht mich. Ich will es schaffen und schauen, ob es noch geht: dieses Hochgefühl zu erleben nach dem langen, langen Hinaufgehen.

Kann ich etwas wegwerfen – entsorgen – wenn ich es hier festgehalten habe? Diesen Wachsberg, der jetzt auf meinem Küchentisch steht, weil ich den Entschluss zum Wegschmeißen nicht ausführen konnte? Hatte ich doch auf einmal soviel Zeit in der Hand und vor Augen: die Gespräche an den Abenden im Garten mit Freunden und den jungen Frauen, die jahrelang in meine Seminare kamen. Draußen läuft das Wachs leicht von den Kerzen herunter, über die Kerzenständer auf dem kunstvoll bemalten Holzteller, den man schon lange nicht mehr sieht. Es ist nur noch ein matt bunter, verstaubter Berg aus Wachs, das den Staub nicht mehr hergibt. Er ist mit mir umgezogen, hat noch mehr Staub aufgefangen und hat keine Kerze mehr brennen sehen. Kann er jetzt endlich weg? Bis in die Küche ist er schon gekommen, aber statt ihn ins Auto zu bringen, habe ich ihn in die Mitte des Tisches geschoben. Ich weiß nicht, was das soll.
Ich gehe erst mal auf den Berg.

Kaurismäki: Le Havre. Dass der Junge Idrissa heißt, erinnert mich daran, dass ich „meinen“ Idrissa zurückrufen will, er hat wieder angerufen.
Idrissa ist krank, ich kann es hören, Frau und Kind sind es auch. Alle seien krank, sagt er: Palu, Malaria. Wegen des vielen Regens. Ich sage, ich werde ihm 100 € schicken, ohne dass er danach gefragt hat. 

Der Tag ist vorbei. Da waren Wichtigkeit und Sinnlosigkeit so nah beieinander, gleichzeitig fast.
Das erste beim Hineingehen ins Wahllokal – sonst ginge ich ja nicht hin – und das zweite beim Herauskommen. Ein bisschen Realist bin ich ja doch.
Aber das es so schlimm kommen würde, habe ich mir nicht vorgestellt. Es ist gerade eine Stunde her, dass ich meine Kreuzchen gemacht habe – verführt von Natascha Kohnen und hoffend, dass es nicht nur mir so gehen würde.
Die SPD unter 10 %. Ich bleibe erstarrt vor dem Fernseher sitzen und lasse das Essen verbrennen.
„Entsetzen und Trauer“ sagt Ude und spricht mir aus der Seele.
Die Freude der Grünen kann mich nicht trösten. Sie sind zu spät in mein Leben gekommen. Ich hatte immer nur die Hälfte meiner Zustimmung für sie.

15.10.2018

Ich habe kaum geschlafen. War es doch, als hätte mich ein Mensch verlassen, der in mein Leben gehört.
Immer dieser Schock, wenn ich gerade mal einschlafen könnte: Es ist aus!


18.10.2018

Dann bin ich weg. Was ich am Abend nicht sehen wollte, konnte ich ausführlich und immer wieder im Radio hören. Habe mich oft verfahren, als könnte ich Benediktbeuren nie finden. Beim Losgehen vom Parkplatz stolpere ich über meinen Stock, falle aufs Knie, das blutet, aber nicht sehr.
Drei Stunden Hinaufgehen. Es war genau das Richtige. Und das schwerste Stück zuletzt. Ich schaffe es.
Die Tutzinger Hütte bekommt von September bis März keine Sonne.
Auch wenn ich es wissen konnte, so habe ich es mir nicht vorstellen wollen. Wie mit der SPD, Verleugnung bis zum Geht-nicht-Mehr. Einziger Ausweg ist die Benediktenwand, die diesen Schatten macht. Ich würde hinaufsteigen. Der Aufstieg soll nicht schwer sein, zwei Stunden werde ich brauchen.
Ist dann länger geworden, weil ich Pausen gemacht und Steinböcke getroffen habe.
Ich lasse es immer wieder ablaufen: Da ist Yallas starrer Blick, der mir die Richtung weist: Da steht er! Schaut mich genauso starr an wie wir ihn. Lange. Und ich hatte die Kamera in der Hand.

Oben war das Glück, das auf dem Weg gewachsen ist , – unbeschreiblich.
Es ist jetzt mein Schreibtischhintergrund.

Ich bin lange geblieben.
Abstieg immer hart. Soviel Geröll. Die Knochen spüren es heute noch.
Ich habe mir Zeit gelassen, zu viel Zeit. Es wird schon dunkel, als ich zur Hütte komme.
Sie haben schon nach mir geschaut – ist schließlich der Alpenverein.

Am Starnbergersee habe ich die Wand noch lange über dem silbernen Wasser angeschaut. Der Ammersee wurde blutrot nach dem Sonnenuntergang.

Heute wieder hier.
Beim Aufwachen sehe ich meinen ersten Steinbock vor mir. Es ist wahr: Ich habe einen Steinbock gesehen!
Wenn das kein Glück ist! Damit kann ich in den Tag springen.

Im Rechner finde ich den Alarm von Mahamane: Er braucht 50 € für Antibiotika für seine kleine Tochter, die so heißt wie ich. Sie hat nicht nur Malaria, sondern auch Typhus. Auch er sagt: Das viele Wasser ist schuld, es bringt alle Krankheiten und die Mücken.
Meine 200 € – Ansage ist mal wieder hinfällig. Klar.
Idrissa hat sich wieder sehr gefreut.  

19.10.2018

Ihr Geburtstag mit ihr ohne sie.
Will ich wieder eine Kerze anzünden, die jeden Morgen bis zu ihrem Todestag, dem 25.11., brennt?
Meine Wachsgeschichte steht noch immer auf dem Küchentisch. Hatte den Turm schon in der Hand, um ihn zu entsorgen, und konnte es nicht. Hab ihn wieder hingestellt. Sie hat mit ihm gelebt, es war auch ihre Zeit. Soll sie ihn jetzt bekommen. Ich versuche, den Staub mit warmem Wasser abzuwaschen, vielleicht kommen die Farben dann wieder. Ich warte, wie er trocken wird.

Wie wird er diesmal sein, der Tag, an dem sie in die Welt gekommen ist? Wollte sie das überhaupt?
Ich stand mit meinem palästinensischen Freund am Meer in Tel Aviv, er redete mit Freunden, ich verstand natürlich nichts, ich hörte Louis Armstrong singen: What a wonderfull world…
Ich drehte mich weg, weil mir die Tränen kamen: Ist sie gekommen und gegangen, ohne dies gefühlt zu haben? So gefühlt, dass sie es nicht mehr hätte hergeben wollen?
Das tat so weh.

Da kannte ich David noch nicht, der mir erst ein paar Jahre später die Verbindung zu ihr geschenkt hat. Heute hole ich Worte herauf, die sie mir durch ihn gegeben hat:

Sie möchte, dass du weißt, wie oft sie in deiner Nähe ist, und der Grund dafür ist: Es macht dich nicht mehr so traurig.Früher war es so: Sie war nicht ganz sicher, soll ich oder soll ich nicht, weil sie gespürt hat, dass es dich traurig macht. Sie freut sich jetzt, sie kommt jederzeit vorbei und es macht dich nicht traurig.Sie sagt, sie hat nicht sehr viel zu erzählen, sie wollte nur hallo sagen.Es geht mir wirklich gut, nicht dieses Rauf und Runter wie früher, es geht mir gleichmäßig gut.

Jetzt will die Sonne durch den Nebel kommen, ich sage zu Yalla: komm! Wir gehen! Und schon ist sie vom Bett gesprungen und am Gartentor. Die Sonne braucht noch ihre Zeit. Auf unserem halben Weg hat sie es geschafft. Beim Rückweg nehme ich von dem großen Feld drei Sonnenblumen mit. Eine für sie, eine für ihre Schwester und eine für mich. Die stehen jetzt auf dem Küchentisch, der Wachsturm trocknet in der warmen Veranda. Er ist wieder bunt.

20.10.2018

Schon wieder ein glückliches Aufwachen!
Gestern Abend. Ich saß unterm Halbmond in der Veranda und hatte die Kerze angezündet, als das Telefon klingelte. Eine Nummer mit 43 am Anfang? Polen? Ja: es ist Lucie aus Wartenburg, der Vaterstadt. Ihre Stimme überschlägt sich vor Freude immer wieder, sie hat das Buch bekommen: wolltst Schnee, nu hast Schnee. Mein Winter in Masuren und bei ihr. Sie habe sich gefreut wie ein Kind, dem sein größter Wunsch erfüllt worden ist, sagt sie und staunt über jedes Bild: „Wie hast du das gemacht?!?“ Und dann: „Wie kann ich dir eine Freude machen?“ Soviel Freude!
Ich freue mich so sehr über ihre Freude und das sage ich ihr: der Lucie, die jetzt nur noch mit einer Hilfe in ihrer Wohnung herumgehen kann. Vor acht Jahren hat sie die Raderkuchen für mich gemacht, die mit ihr auf schönen Bildern auch in dem Buch sind.
–  Wann war das? fragt sie.
–  Es muss 2011 gewesen sein, im Februar. Da war sie gerade 84 Jahre alt.
Es ist so gut, solch eine Freude machen zu können.
Am liebsten möchte ich gleich nach Olsztyn/Allenstein fahren und weiter nach Barcewo. Warum tue ich es nicht? Ach, Lucie.
Auch heute wird sie das Buch anschauen, wieder und wieder, bis es Spuren davon hat.

22.10.2018

Die Jäger schießen jeden Abend. Ohne Wolken ist die Nacht hell, es geht auf den Vollmond zu. Ideal. Und die Enten kreischen, als ginge es um ihr Leben. Aber es sind die Wildschweine, die werden zu viel, man sieht es an den aufgebrochenen Wegrändern, wo es Gras gibt, und in der einzigen Wiese neben den toten Feldern. Der erste Schuss treibt Yalla ins Haus, und da bleibt sie bis zum Morgen.

 

23.10.2018

Heute soll der Brunnen für den Winter vorbereitet werden, damit keine Leitung mehr einfrieren kann. Muss sein. Auch wenn ich mich immer wieder bei dem Gedanken erwische: Vielleicht kommt er diesmal gar nicht. Möchte mir etwas vormachen, so lange es nur geht.
Dass ich vielleicht den ganzen Winter draußen bleiben könnte mit meinem Bett. Wenn die Nächte so glücklich sind wie heute, gestern, vorgestern und und –
Heute Nacht hat es ganz fein genieselt. Ich habe die Kapuze über das Gesicht gezogen und bin weiter unter die Bettdecke gekrochen. Das Nieseln ging vorbei. Kam wieder, ging wieder. Ich habe mal wieder gewonnen.
Wenn der Regen waagrecht geflogen kommt, werde ich wissen, wo ich bin.