9.- 22.11.2018 – wegleben

 

9.11.2018

Wegleben. Auch noch diesen Tag muss ich weg leben. Wie den von gestern und den von morgen. Wie lange noch? Schon allein dieses Nicht-Wissen könnte ein Grund sein, etwas dagegen zu tun. Und dafür, dass ich es weiß.
Novemberrevolution 18 – Hitlerputsch 23 – Reichspogromnacht 38 – der Fall der Berliner Mauer 89
Alles war heute. Ich kann nicht an 89 denken, ohne 38 zu sehen. Das Grauen und die Freude. Wir leben damit. Alle Jahre wieder.
Die Freude hat der Vater nicht mehr gesehen.

Ramadan

9.11.1989

Es ist gut, dass er tot ist. Er hätte nicht gewusst, wo er ist, wenn ihm diese Bilder entgegengekommen wären. Und ich hätte den alten Streit nicht wieder entfachen wollen. Er, der auf jede Entschädigung verzichtet hat, um sich das Recht auf seine Heimat zu erhalten, hätte nie verstanden, dass er nicht „nach Hause“ darf, wenn von „Wiedervereinigung“ die Rede ist. „Diese Halunken,“ hätte er gesagt, „erst haben sie die Heimat verschenkt, und jetzt verraten sie sie noch einmal.“ Und die Tochter, die, solange ich denken konnte, auf der Seite der Verräter gewesen war und den Verzicht auf ihren Wunsch nach einer „Heimat“ nie mehr rückgängig machen oder umkehren wollte, ich hätte es ihm auch nicht erklären können. Ver­stehe ich doch selber nicht, wie etwas gedacht werden kann, was für 1000 Jahre, wenn nicht für immer, verspielt schien.
Aber vielleicht ist „immer“ gar nicht mehr 1000 Jahre. 

Wanderer, kommst du nach Weimar, so vergiss Buchenwald nicht.
Auf dem Rückweg von Buchenwald ist mir vor dem Ortsschild WEIMAR, Bezirk Gera, ein Sol­dat entgegengekom­men, der trug eine russische Pelzmütze über seinem asiatischen Gesicht. Der Mantel schlug ihm schwer um die Knie. Man soll nicht glauben, er hätte, wenn er durch Deutschland geht, keine Wahrheit unter dem Rock. Jetzt geht er nach Hause.
Alle fahren nach Weimar. Keiner geht nach Buchenwald. Sie haben keine Zeit.Und zu einem Buchenwald kann man einfach Buchenwald sagen, ohne dabei zu stottern oder zu zögern oder zu verstummen.
Morgen in Buchenwald. Auch das geht. Warum auch nicht.
Wir sind nach dem Krieg.

Als die Familie dann an einem Ort geblieben ist in Thüringen, dort, wo es sich kurz darauf für Bayern entschied, und die Sachen nicht mehr weitergeschickt wurden, da muss es Frieden gegeben haben. Frieden.
Ein Beerenfrieden, ein Pilzefrieden, ein Kartoffelfrieden.
Der Vater und die Mutter, auch die Tanten und die Onkel, waren immer da, um im Sommer die Beeren zu pflücken und die Pilze zu sammeln und im Herbst die Kartoffeln zu holen, die die Ernte übriggelassen hatte. Erst viel später habe ich erfahren, dass ich in diesen Tagen einen Bruder verlor, weil die Mutter, wie es der Vater verlangte, über eine Wurzel gestiegen und dabei hingefallen war.
Es sei gar kein Frieden, hat er gesagt, nur ein Waffenstillstand. Da ruht der Krieg sich aus, hab ich gedacht. Er schläft. Wie schön muss dann erst ein Frieden sein. Wenn der Krieg nicht mehr aufwacht.

Passt auf, und geht nicht zu nah an den Schlagbaum, wenn ihr im Wald nach Himbeeren sucht!

Das wäre jetzt also der richtige Frieden, wenn der Omnibus, der zwischen Oberfranken und Thüringen pendelt, jeden Tag viermal an der Schule, vor der sie mit ihrer Zuckertüte stand, und an Vaters Gastwirtschaft, dem Sensenhammer, hält. Daneben ist jetzt ein Parkplatz für die Trabis eingerichtet. Das Glück, das ich im Fernsehen sah, habe ich, als ich kam, nicht gefunden.
Ich komme immer zur falschen Zeit. Da ist es trübe und düster. Immer komme ich zu früh und zu spät.
Wer sammelt schon heute noch Beeren und Pilze. Die Eltern sind tot. Aber still ist es nirgends.

Wir wollen an nichts Trennendes erinnern, vereint, wie wir sind. Wir schaffen den 17. Juni als unseren Feiertag ab. Alle unsere Wünsche sind erfüllt. Und der 9. November wäre ein Glückstag geworden in Deutschland, wo das die Reichskristallnacht war. 

Die Dinge, die man nicht wegwerfen kann, obwohl sie keiner haben will, ich auch nicht, bleiben mir. Seine Zähne. Sein Portemonnaie. Seine Brieftasche. Die Kassette. Die „Bücher“. Damit waren nicht Die Barrings gemeint, sondern Ordner mit dem Bodensatz von fünfzig Jahren. „Da kommt Einiges auf dich zu!“ Hatte er oft gedroht.
Über seine Zähne werfe ich eines seiner großen Taschentücher.
Wohin mit der zerschlissenen Wäsche, den abgetragenen Hosen und Hemden. Lange habe ich keinen Platz für sie gefunden. Schließlich stopfe ich sie in Plastiktüten und werfe sie in die Tonne.
Die Gummischürze, die auch einmal weiß war, hängt in seinem Keller, als hätte sie noch immer einen Körper, wenn auch einen kleineren, dünneren vor Blutflecken zu schützen.
Die halbe Schürze, die er in meiner Küche zum Fleischzerschneiden trug, fiel zu Boden, als er mit der Arbeit fertig war und die Schleife löste. Das hat ihn überrascht. Alle Schürzen seines Lebens hatten eine Schlinge um den Hals.
Die Messer nehme ich mit. 

Jetzt gibt es kein scharfes Fleischmesser mehr. Alle meine Messer, auch die geerbten, sind stumpf.

10.11.2018

Falscher Tag. Schon beim Kaffeemachen habe ich das Gefühl, mich am liebsten wieder in meinem Bett zu verkriechen. Ich tu’s nicht. Mache den Fensterladen auf und ein Bild mit der digitalen Canon, die ich vergessen hatte. Wochenlang habe ich mich geärgert, dass meine kleine Taschen-Lumix – wie immer – bei Rot falsche Farben bringt, trotz Weißabgleich und so. Deshalb habe ich mir noch einmal eine Canon gekauft. Aber das habe ich vergessen. Wie die Bilder für mein Masurenbuch.Jetzt ist es zu spät. Und das Gelb ist vorbei.
Soviel zu: Ich merke, wenn etwas an der Zeit ist. Eben nicht. 

Dann stolpern die Finger über die Tasten. Wird nicht besser, ich höre wieder auf. Wir gehen in den Nebel hinaus. Da bin ich allein, so weit ich sehen kann. Der Feldweg ist geschliffen und verbreitert worden. Da kann von Ackerrändern kaum mehr die Rede sein. Er wurde den Bauern mit ihren Riesenmaschinen zu eng. Dann treffe ich doch noch eine Frau und zwei Hunden, fange ein kleines Gespräch an und wir stoßen sehr schnell auf Übereinstimmungen. Sie wird eine Unterschriftenaktion für die Ackerränder unterstützen und kennt viele, die es auch tun werden. Das ist aus diesem Nebel gekommen. Ich gehe staunend weiter und freue mich auf ein gemeinsames Kaffeetrinken bei mir.

11.11.2018

Gestern habe ich mich wieder einmal sehr geärgert, nachdem ich lange mit meiner besten Freundin über meine Angst vor Demenz geredet habe. Sie hat sich so sehr um meine Angst bemüht.
Ich ärgere mich. Und ich ärgere mich auch und vor allem über mich, dass ich in diese Situation gegangen bin. Dann konnte ich einschlafen.
Wo ist die Angst hergekommen. Ich habe sie früher nicht gekannt. Was ist nun Demenz und was ist die Angst davor. Was nützt mir die Angst?

Das war mein Wort zum Sonntag! Was für eine Erleichterung, wenn einer, der mehr als ich weiß, das sagt, was ich denke und mich nicht traue zu sagen! Ich bin dankbar für jeden Satz, jeden Gedanken.
Vor allem für diesen: dass die Aufklärung ein update braucht. Freiheit, Fortschritt, Demokratie – müssen neu gedacht werden. Ich sage: aus ihrer Perversion – Freiheit heißt jetzt Geld – befreit werden.
Es geht um Graeme Maxton und die Frage: Schafft sich die Menschheit bald ab? Ich habe mir sofort sein Buch bestellt. Change!

Das war jetzt der Rückruf in Sachen Timbuktu von dem, der sich auskennt, was Afrika und Autos für Afrika betrifft.
Meine 200 monatlichen Euros findet er „sehr großzügig“ und meint: „Vielleicht solltest du dein Engagement etwas zurückfahren. Je mehr du hilfst, desto weniger wird er tun.“ Ich habe es gehört.
Und zu der Idee mit den geschenkten Autos: „Da kriegst du viel Schrott.“
Da wäre ich wieder: ich bräuchte einen, der sich mit Autos auskennt und die Auswahl übernehmen.
Er wird mit seinen Studis reden, die schon Autos nach Westafrika über Belgien verschifft haben.
Ich fühle ich mich nicht mehr ganz allein. 

12.11.2018

Hat nicht geholfen gegen die Schrecksekunden und die Angst, wenn die wieder einen Gedanken gefangen hat. Da war ich schon einmal: Die Angst kommt nicht von ihrem Inhalt. Zuerst ist Angst, dann ihr Objekt. Die Beschäftigung mit dem Objekt – Demenz? – soll die Angst abwehren.

Existentialismus. Kierkegaard. Sartre. Das Sein und das Nichts und die Freiheit.
Man kann sich viel denken, wenn man zwanzig ist.
Welche Freiheit habe ich noch?
Ich habe gestern die gesammelten und getrockneten Blumensamen auf die Erde, in die Erde verteilt. Das ist so leicht. Kaum zu glauben, dass daraus etwas werden soll – er wäre wunderbar. In einem halben Jahr werde ich es wissen. Inshallah – müsste man nach so einem Satz sagen.
Ist schon eine lange Zeit, bis neues Grün erscheinen wird. Dazu muss erst noch das Gelb und Orange und Rot und Braun verschwinden und eine Weile nichts sein an den Bäumen und überhaupt.
Bin ich noch hier, wenn das Nichts vorbei ist?
Noch klammern sich meine Augen an die Farben und die Blätter, die immer mehr vereinzeln.

Es ist die Zeit, wo ich Grützwurst braten möchte, die Blutwurst mit viel Grütze, die am besten aus der Pfanne schmeckt. Ein Essen wie zu Hause.
Mein Vater war der Fleischermeister, der die Ostpreußen in dieser Stadt mit Grützwurst versorgt hat, sie kamen dafür aus der ganzen Stadt in den Stadtmarkt. Und für die Treffen der Landsmannschaft hat er immer die Königsberger Fleck, eine Kuttelsuppe, gekocht.
Heute kann man im Stadtmarkt in den Geschäften meiner Eltern türkisch einkaufen und essen. Es schmeckt alles gut. Wenn ich nicht nur solche Lust auf Grützwurst hätte. Vielleicht sollte ich mal bei dem Schlesier schauen, den gibt es noch, vielleicht macht der jetzt Grützwurst? 

1990 

Da steht er wieder:
der große Mann mit seiner weißen Jacke und der weißen Gummischürze,
die bis zum Boden reicht, hoch aufgerichtet in meinem Zimmer.
Er hat ein Messer in der Hand, mit dem er in der Luft herumfährt.
Gerade hat er einen anderen, der genauso aussah wie er, damit erstochen.
Der war umgefallen wie ein Spiegelbild und liegt nun auf dem Rücken vor ihm.
Ich stelle mein großes, schweres Bett über den Toten, damit ihn niemand sieht.
So decke ich die Leiche und den Mörder und warte,
dass der Tote bald von Algen überwachsen sein wird.
Dafür habe ich ihm Wasser gegeben. Wann löst er sich auf.
Wann löst er sich endlich auf?
Dann würde nur noch ich allein wissen, dass es ihn gegeben hat.
Und ich werde ihn vergessen. Den Blick abwenden.
Es soll meine letzte Leugnung sein. 

13.11.2018

Ich höre nichts mehr aus Timbuktu. Trotzdem kann ich nicht aufhören mit dem Nachdenken über das Auto.
Gestern habe ich meine halbe Klavierstunde dafür genommen, um zu überlegen, wie man ein brauchbares Auto – ohne TÜV, aber kein Schrott – finden könnte. Der Mechaniker, bei dem ich gerade mein Auto abgeholt habe, hat mich schnell abgewimmelt. Aber mein Klavierlehrer kennt kleine Werkstätten in den umliegenden Dörfern, er will dort fragen.
Beim Heimfahren höre ich in den Nachrichten, dass es in diesem Jahr wieder mehr Plastikmüll geworden ist. Vor einer Woche sollte man in dem Verbot von Wattestäbchen einen Fortschritt sehen. Was für ein Hohn! 

14.11.2018

Sieben Uhr. Ich mache mich mit Yalla auf den Weg, ich will heute nach dem Ginster schauen, den ich in meinem Garten haben möchte.
Da ist auf einmal so etwas wie Zuversicht. Mich überrascht erst das Wort und dann dieses gute Gefühl.
In diesem Moment kommt ein Hund – viermal so groß wie meiner – um die Ecke geschossen und rast auf Yalla los. Sie rennt so schnell sie kann, der andere holt sie ein, sie überkugelt sich, er springt auf sie drauf, sie quiekt laut, rennt wieder, überkugelt sich nochmal, wieder der andere drüber, wieder das schrille Quieken, dann muss Yalla durch ein Loch in der dicken Fichtenhecke entwischt sein. Der Hundebesitzer, sein Hund und ich gehen dahin, wo ich hergekommen bin, da hören wir schon von weitem Yalla bellen. Laut und kräftig. So ist ihr nichts passiert. Nur dass sich Yalla noch die Seele aus dem Leib bellen muss, bis der andere Hund weit weg ist. Dann nehme ich sie an die kurze Leine und wir fangen noch einmal an.
Hoffnung oder Zuversicht?
Hoffnung brauche ich da, wo kein Weg sichtbar ist.
Für Zuversicht brauche ich Vertrauen.
Ich hoffe, dass der Winter Schnee mitbringt.
Ich bin zuversichtlich, dass ich gut durch den Winter komme.

Freedom ’s just another word for nothing left to loose höre ich mich singen. 

Wo Ginster war, finde ich keinen Strauch. Erkenne ich ihn nicht? Ich nehme heimwärts einen anderen Weg, der mitten durch die Ginstersträucher führt. Da stehen sie groß und kräftig. Die kann ich nicht umpflanzen. Manche tragen schwarze Schoten, die noch nicht aufgesprungen sind. Ich pflücke sie vorsichtig und stelle mir vor, wie ich sie nach Weihnachten in Blumentöpfe lege und vielleicht im März oder April hinausbringe. Wie würde ich mich freuen, wenn an meinem Kraftort der Ginster gedeihen und blühen würde!

Meine armen Finger. Jetzt hat es den rechten Ringfinger erwischt. Am Klapprad hat ihn das Pedal beim Ausklappen eingeklemmt und ein Loch hineingerissen. Wieder soviel Blut.
Ich ging noch nicht zur Schule, als ich die rechte Hand beim Glattstreichen der großen Wäschestücke in der Mangel einmal zu lange auf einem Laken liegen ließ, so dass die Holzwalzen, die das letzte Wasser aus der Wäsche quetschen sollten, den Zeige- und den Mittelfinger der rechten Hand ergriffen haben. Bis zu diesem Tag habe ich die beiden Finger in den Mund gesteckt, so wie andere Kinder ihren Daumen. Die Mutter war mir oft böse deshalb. Nun ging das nicht, und als die Finger wieder aus dem Verband und ein bisschen platt, aber geheilt waren, schmeckten sie nicht mehr.
Ich habe es immer wieder versucht und plötzlich hatte ich Tinte von den Fingern geleckt. Bestimmt ist Tinte giftig. Ich wartete darauf, dass ich sterben würde. Keiner, den sie fragen konnte.
LieberGottmachmichfrommdassichindenHimmelkomm.
Die armen Finger. Immer wieder werden sie in die Mangel genommen. Man sieht es ihnen an.
Die Geschichte des linken Zeigefingers endet mit dem Satz: „Lässt sich den Nagel ziehen!!!“ Aggression in die falsche Richtung. In eine aussichtslose Beziehung verstrickt hatte ich so lange in das Nagelbett gebohrt, bis es eiterte und der Nagel anfing sich abzulösen. Tat ganz schön weh. Da war mein Psychomann entsetzt und sehr unzufrieden mit mir. Das hätte ich nach den Jahren bei ihm nicht mehr machen dürfen. 

16.11.2018

Mamadous Mail von gestern Abend bringt mich wieder um den Schlaf: Er hat kein Geld mehr für die Medikamente für seine beiden Kinder. Braucht sofort 50 €.
Von wegen: 200 € und dann nichts mehr im November. Das war vor zwei Wochen.
Und was er alles unternommen hat, ONG usw… Ohne Erfolg.
Mit dem Schweizer habe er telefoniert, der würde den halben Camion zahlen.
Bliebe für mich nur noch die Hälfte.
Ich sag nichts mehr.
Aber ich komme über diese Hürde in keinen Tag.
Um halb fünf bin ich aufgewacht, um halb sechs aus dem Bett gestiegen. Kaffee, Klavier nicht. Zu müde. Vielleicht geht lesen, also zurück ins Bett. Mulisch: Das Attentat. Es entlässt mich in die Zeit, wo Demonstrationen noch Hoffnungen machten. 1983: die Menschenkette von Ulm gegen Stationierung der Pershings. Wir haben an das geglaubt, was wir mittlerweile wieder verspielen. Hoffnung lag in der Luft. Durch die Lautsprecher am Ulmer Bahnhof war zu hören: Wir wünschen Ihrer Veranstaltung einen guten Verlauf – oder so ähnlich.
Das war etwas ganz Neues! Das habe ich noch nie erlebt. Die Deutsche Bahn ist dabei! Es kann ja nicht nur eine Stimme gewesen sein. Wir waren so viele und so froh! Ich habe begeistert meinem Vater davon erzählt – und konnte auch in seinem Gesicht Freude sehen. Das hatte ich geschafft!

Aber den Tag heute schaffe ich nicht. Mamadous Mail.
Immer wenn ich denke: jetzt los, schau, dass die Beine die Gedanken wieder ins Rollen bringen, pralle ich gegen eine Wand. Mamadous Mail. Oder gegen die Glastür. Ich kann mein Leben und meinen Tag sehen, aber ich komme nicht durch. Muss zurückgehen, einen anderen Weg suchen.
Dabei kann ich mich nur mies fühlen. Schicke ich das Geld entgegen meiner Ansage: nicht mehr als 200 im Monat, so ärgere ich mich. Schicke ich es nicht, fühle ich mich auch schlecht. Wenn beides gleich schlecht ist, tue ich erst mal nichts.

Das Interesse meiner Freunde ist verbraucht. Ich weiß nicht, mit wem ich reden könnte.

Gestern hätte ich mal wieder ein Gespräch mit meiner spirituellen Begleiterin gehabt. Wir haben uns zum Weitermachen entschlossen, und ich freue mich darauf. Bin dabei, mir ein Geschenk auszudenken.
Am 15.11. steht um 11.15 in meinem Kalender.
Davor schaue ich nur noch den Vater-Text danach durch, was ich noch vergessen haben könnte. Zehn vor elf wechsle ich die Hosen und Schuhe, hole den Hund ins warme Wohnzimmer, das ist besser als das kalte Auto gegen sein Humpeln. Fünf vor elf fahre ich vom Hof, ich brauche 20 Minuten, also gut.
Das Auto ist kalt, ich stelle die Heizung an. Sie macht nicht warm, bläst nur leicht lauwarm, und das ändert sich bei keiner Einstellung. Gut, dass ich den Hund zu Hause gelassen habe.
Ich lande mehr als pünktlich an meinem Ziel, aber da ist kein Auto da, wo es immer steht. Die Rollläden sind unten. Das war schon mal so, da hat mich der Anruf, dass ich wegen einer Panne später kommen sollte, nicht erreicht, weil ich mein Handy nicht dabei hatte. Ich bin fünf Minuten zu früh wieder weggefahren. Das soll mir nicht noch einmal passieren, auch wenn ich mein Handy wieder nicht dabei habe. Ich richte mich auf eine Viertelstunde ein, gehe die Straße hinunter und wieder hinauf, spreche eine Katze an, die darauf keinen Wert legt, dann die andere Richtung. Jetzt schlägt es halb. Aber bevor ich ins Auto steige, gehe ich noch an die Tür, vielleicht erfahre ich dort etwas. Praxis wegen Krankheit geschlossen.
Beim Heimweg fahre ich an der meiner Autowerkstatt vorbei, wünsche mir das Einfachste: Vielleicht ist eine Sicherung kaputt. Das Wünschen hat wieder nicht geholfen. Der Wasserschlauch ist durchgebissen. Es war der Marder. Die ganze Pumpe muss ausgetauscht werden. Wegen eines Schlauches?!? 300 €. Was soll ich machen, fahren geht nicht mehr, sagt der KFZ – Mann, sonst ist der Motor auch noch hin. Ich soll froh sein, dass ich noch bis zu ihm gekommen bin. Also lasse ich das Auto da und laufe nach Hause. Ich habe keine Wahl.
Soll doch froh sein darüber, dass sich in 13 Jahren kein Marder das Auto vorgenommen hat. Also halbvoll.
Daheim finde ich keine Nachricht. Das kommt mir ernst vor. Ich muss darauf vertrauen, dass ich eine Nachricht bekomme, sobald es möglich ist. 

Diesen Tag habe ich mir anders vorgestellt. Und jetzt?

Ein Anruf. Wo ich denn bleibe, sie wartet auf mich. Heute?!? Am 16. Ja.
Ich habe die Uhrzeit am 15. in meinen Wandkalender geschrieben.
Aber Demenz sei es nicht.

Selbstmord aus Angst vor dem Tod?
Oder doch mehr Angst davor, dass die Kraft ausgeht, bevor es zu Ende ist.
Als ich die Sommerreifen in den Schuppen trage, denke ich: Ob ich sie noch einmal brauche?
Mir gefällt die Vorstellung, sie nicht mehr zu brauchen, so schwer wie sie sind.

Die Blätter zappeln an den Zweigen.
Ihr Abschied dauert lange. Schon viele Wochen und jeden Tag wieder. Ich sitze am Küchenfenster und warte auf das Verlöschen des Lichts. Ohne Licht keine Farbe.
Wenn es dämmert, fängt der Kauz an zu rufen. Das tut er dann die ganze Nacht, ich fühle mich angesprochen. 

17.11.2018

Bis weit nach Mitternacht bin ich vor dem Fernseher liegen geblieben, weil ich Angst davor hatte, mich ins Bett zu legen, wo mich die Gedanken ungeschützt überrollen und mit ihrem Schrecken meinen Schlaf verscheuchen würden. Aber es hilft nichts: Ich muss ins Bett. Wenigstens ist der Himmel offen und lässt ungewöhnlich viele Sterne leuchten. Sollen es nicht gerade Sternschnuppennächte sein? Kam in den Nachrichten. Also warte ich. Dass er mit den Sternschnuppen zu mir kommt, hat mir mein Vater einmal durch David sagen lassen. Zwei winzige, die so winzig sind, dass ich gar nicht sicher bin, ob es überhaupt Sternschnuppen sind, geben mir Zeit, einen Wunsch für eine längere Schnuppe zu denken. Natürlich hat der mit Timbuktu zu tun. Dann war sie wirklich da.
„Wenn es soweit ist, dann ist es auch bald vorbei.“ Vatersatz.
Der Winter auch? Jetzt wo er noch gar nicht angefangen hat, kommt er mir unendlich vor.

19.11.2018

Vielleicht bin ich jetzt einen Schritt weiter.
Gestern ging gar nichts. Zuviel war in meinem Kopf, das passte nicht in einen ersten Satz.
Crowdfunding für Timbuktu? Wie geht Crowdfunding? AA: Sicherheitswarnungen für Malis Norden. Die Straßen gefährlich, Autos werden regelmäßig überfallen. Die Stadt darf man wegen der Minen nicht verlassen.
Banditen nutzen die Unsicherheitslage, die sich trotz der Versprechungen nach den toten Tagen nicht gebessert hat.
Ein Auto für Timbuktu?!?
Es muss gefahren werden, wenn das Leben weitergehen soll. Wie sollen die Menschen sonst von hier nach da
17.01. 2018 in Mali: Timbuktu folgt mit einem Tag der toten Stadt am Mittwoch, dem 17. Januar, dem Aufruf der Zivilgesellschaft. Geschäfte, Banken und auch Verwaltungen sind geschlossen.

Die Aktion der toten Stadt in Timbuktu, die unternommen wurde, um auf die Isolation der Stadt aufmerksam zu machen, wurde offensichtlich befolgt. Seit dem Ende der Flussverbindungen aufgrund des Niedrigwassers des Niger ist die Stadt auf die Straßen angewiesen. Aber das Problem ist, dass diese Straßen von Banditen übersät sind und Raubüberfälle auf Fahrzeuge fast systematisch erfolgen.
Das war im Januar. Es folgten Versprechungen, die Hoffnung gemacht haben. Daraus wurde nichts. Im Oktober war die Stadt wieder tot.

Jetzt wollte ich mal in Ruhe mit Mamadou reden, habe mir dafür einen billigeren Tarif gesucht. Die funktionieren meistens nicht, beim vierten Versuch dann doch.
Mamadou. Ich sage, dass ich nicht verstehe, warum Aminata, die Lehrerin ist, nicht arbeitet. Was er sagt, bleibt mir unverständlich. Das sag ich auch. Er sagt, er kann mich schlecht verstehen, ich soll nochmal anrufen. Die Verbindung ist unterbrochen. Nochmal. Jetzt frage ich nach der Mail-Adresse des Schweizers, der das halbe Auto bezahlen will. So hat es Mamadou geschrieben. Ich möchte mit ihm sprechen. „L‘adresse?“ – Oui. Wieder Ende. Beim dritten Versuch ist der AB dran.
Ich habe noch nicht gesagt, dass ich 100 € überwiesen habe.

21.11.2018

Noch vier Tage. Sie vergehen so langsam, lähmend. Stundenweise.
Und der Hund geht nicht mit, wenn ich mich für unsere Runde aufraffe, zu der ich mich selbst überreden musste. Er bleibt zurück, lässt sich nicht überreden, geht wieder nach Hause. Ich weiß nicht, ob er Schmerzen oder Angst hat. 

Ich schaffe es nicht, die Mail am Mamadou abzuschicken.
Es ist unglaublich, wie lange ich heute nach richtigen Wörtern suche. Im Französischen sowieso, im Deutschen aber auch. Es ist, als gäbe es nur falsche. Läuft hier etwas ganz falsch?
Mein Klavierlehrer hat gestern zwei Automechaniker angerufen und ihnen unser „Anliegen“ gesagt. Sie haben es zur Kenntnis genommen. So sind es jetzt drei.
Immer wieder Zweifel, ob das überhaupt eine gute Idee ist. Wer kann das entscheiden? 

22.11.2018

Dann ist es mir schließlich gelungen, mit Mamadou zu sprechen. Die WU Nummer zu sagen und nach Mail-Adresse oder Telefonnummer des Schweizers fragen. Es will sie mir schicken. Hat er gesagt.

Ich bin mir nicht mehr böse, dass ich wieder etwas gemacht habe, was ich nicht machen wollte: mehr als 200 €. Ich kann das nicht durchhalten, wenn es um ein krankes Kind geht. Und ich will das auch nicht lernen. Wäre auch ein Grund zum Schämen – wie das Fliegen, wofür die Schweden ein neues Wort erfunden haben: Flugscham. Man tut das nicht – ohne sich zu schämen.

Jetzt bin ich frei für die letzten vier Tage. Der letzte Tag ist der Totensonntag. 

Sich liebgewordene Gewohnheiten wieder abgewöhnen?

Als ich Quitten aufsammle, die von den Sträuchern auf die Erde gefallen sind, kommt eine Frau mit ihrem Hund vorbei. Ob sie süß sind? fragt sie mich, und ihre Augen scheinen zu strahlen. „Eigentlich nicht,“ meine ich, „sie sind hart und sauer, man muss sie mit viel Zucker kochen.“ Dann erzählt sie mit strahlenden Augen, dass diese Früchte in ihrer Heimat sehr süß gewesen seien, auf den Märkten gab es sie in großen Mengen. Wo diese Heimat ist, möchte ich wissen, Kosovo, sagt sie. Ich nicke.
Im Kosovo sind die Quitten so süß.

1990

Der Vater muss um seine tödliche Krankheit gewusst haben, sonst hätte er nicht solange von seinen Schmerzen geschwiegen. Jetzt kann ich sehen, wie sie von Tag zu Tag zunehmen. Wie lange wird es noch gehen mit den Tropfen und den Spritzen. Zäh und gnadenlos wie immer duldet er auch jetzt keine Schwäche. Er steht auf. Es kommt für ihn gar nicht in Frage, in seinem Bett zu bleiben, solange er sitzen kann.
Heute habe ich mich sich in seiner Haltung auf der Bettkante sitzen sehen, wo er zuletzt vorgebeugt, mit beiden Ellenbogen auf den Knien und den Blick nur noch auf das Stückchen Boden zwischen den Füßen gerichtet, sehr lange saß, bis er ein paar Schritte mit mir machen konnte, um sich zu seinem Schaukelstuhl führen zu lassen.
Wenn er dort einschlief, hatte er ein freundliches und friedliches Lächeln in seinem Gesicht. Da hab ich gewusst: Solange er so lächeln kann, gebe ich ihn nicht her.

Der schwarze Alte schlief am Straßenrand im hellen Mittag, die Beine kaum sichtbar unter sich. Als er aufgeschreckt wird, läuft er – seine Beine, die ihn nicht mehr tragen, mitschleifend – auf den Händen davon.

Als ich sicher sein konnte, dass er eine Weile schlafen würde, bin ich hinausgegangen und habe mich auf dem Friedhof wiedergefunden. Dort gibt es keine Ruhe für die Lebenden. Die laufen so betriebsam und geschäftig hin und her, als müssten sie sich hier besonders von den anderen unterscheiden. Als ich nach langem Suchen endlich die einzige Bank gefunden hat, die es hier gibt, und da sitze, werde ich angeschaut wie ein Gespenst.
Ich musste von dem schlafenden todkranken Vater dorthin gehen. Es war sein Weg jeden Tag, mindestens einmal. Der Weg musste weitergegangen werden. Einer muss ihn gehen. Es ist der Weg zum Grab meiner Mutter und bald auch zum Grab meines Vaters.