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literaturkritik.de » Nr. 8, August 2025 » Philosophie, Politik und Geschichte |
Die Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre in kommunistischen Kreisen als Kunstpädagogin, -soziologin und insbesondere -theoretikerin (u.a. Wesen und Veränderung der Formen und Künste. Resultate historisch-materialistischer Untersuchungen (1924) nicht unumstrittene Frauenrechtlerin und Sozialistin Lu Märten (1879-1970) ist in ihrem langen Leben vieles weitere gewesen, oftmals gleichzeitig: Publizistin, Lyrikerin (u.a. Meine Liedsprache, 1906), Erzählerin (u.a. Torso. Das Buch eines Kindes), Dramatikerin (u.a. Bergarbeiter. Schauspiel in einem Akt, 1909), Verfasserin von Filmexposés und Industrie-Chroniken, Bibliothekarin, Lektorin, Literatur-, Kunst- und Kulturkritikerin, last but not least auch Kunsthistorikerin.
Sie kam schon früh mit der Bodenreformbewegung, der Frauenbewegung, diversen Vereinen (u.a. Wohnungsreform), gewerkschaftlichen Initiativen und mit dem „Nationalsozialen Verein“ Friedrich Naumanns in Berührung. Später engagierte sie sich bspw. in Wirtschaftsverbänden bildender Künstler, der „Genossenschaft sozialistischer Künstler“, der „Deutschen Kunstgemeinschaft“ und im „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Zu ihrem Bekannten- und Freundeskreis gehörten u.a. Johannes R. Becher, Käthe Kollwitz, Theodor Heuss, Hannah Höch und Martin Wackernagel, zu ihren Verlagen Piper, Verlag Junge Garde, J.H.W. Dietz, Georg Müller, Albert Langen, Werden und Wirken und der Akademie-Verlag.
Mit „… von Anfang an auf den Seiten des Sozialismus“ – der Titel ist eine „editorisch gewählte Überschrift“, die die Autorin zitiert – liegen nun Lu Märtens von der Märten-Expertin Chryssoula Kambas vorbildlich edierten „Autobiographischen Aufzeichnungen“ (Untertitel) vor. Vermisst wird lediglich ein Verzeichnis ihrer Schriften (in Auswahl). Diese Aufzeichnungen, wohl seit den 1950er Jahren auf Anstoß ihres „sohnesgleiche[n]“ Neffen Walter Märten entstanden und 1967 abgeschlossenen, ergänzen vorteilhaft weitere Editionen von Schriften Lu Märtens wie Formen für den Alltag. Schriften, Aufsätze, Vorträge (1982), Die Künstlerin (2019) und Ästhetik und Arbeiterschaft (2023). Sie, die nur Begegnungen verzeichnen, die der Autorin „schicksalswichtig“ waren, sollten insbesondere im ersten Teil für den Neffen ein „Familiengedächtnis“ sein, vor allem mit Blick auf dessen schon vor seiner Geburt versterbenden Vater Hermann, einen Bruder von Lu Märten, und dessen Stiefvater Willi Engel, den vormaligen Verlobten der Autorin. Aufs Ganze gesehen gilt daher:
Familie, Freunde, Bekanntschaften in Künstler-, Schriftsteller- und Politikerkreisen, das Werden ihres sozialpolitischen Engagements […] stehen im Mittelpunkt.
Die in dieser Edition gut 130 Seiten umfassenden und mit Zeilenzählung versehenen Aufzeichnungen betreffen vorwiegend Lu Märtens u.a. von etlichen Wohnungswechseln innerhalb Berlins bestimmte Kindheit und deren Jugend- und frühen Erwachsenenjahre bis ca. 1908, streifen aber auch noch die Zeit bis in die frühen 1920er Jahre. Dabei entfallen je nach Gewichtung 17 oder 18 der mit Titeln versehenen, unnummerierten Abschnitte auf den ersten und 6 bzw. 7 auf den zweiten Zeitraum. Den tendenziell privat gehaltenen Aufzeichnungen – „Geschichtliches kann hier keinen Platz finden“, so die Autorin mit einigem Understatement zum Ende hin – sind von ihr dann noch knapp 20 Seiten umfassende „Nachträge“ beigegeben.
Diese „Nachträge“: Das sind zunächst Texte über Heinrich und Julius Harts und Gustav Landauers „Die Neue Gemeinschaft“ und Peter Hille und über die aus der Mark Brandenburg stammenden, adligen Vorfahren der Mutter. Es folgen u.a. autobiographisch angereicherte Hinweise auf „Plastiken und Zeichnungen“ von Adolf Amberg, Wilhelm Repsold (mit dem Lu Märten ein gutes Dutzend Jahre lang verheiratet war) und Walter Rößler, ein ca. 250 Personen umfassendes Verzeichnis mit Jahreszahlen und Ortsangaben ihrer Begegnungen und gelegentlichen weiteren Stichworten sowie eine mit dem Titel „Biographische Daten, Chronik“ versehene Zusammenstellung persönlich und beruflich relevanter Tätigkeiten, Vereine, Kongresse, Zeitungen und Zeitschriften, Bibliotheken, Ausstellungen, Aufenthalte, Reisen etc.
Im Textteil der Edition werden diese autobiographischen Aufzeichnungen vorteilhaft ergänzt: durch informative einleitende Bemerkungen und ein souveränes, u.a. auch die Rezeptionsgeschichte seit den 1970er Jahren berücksichtigendes Nachwort der Herausgeberin, einen vierzig Seiten umfassenden Stellenkommentar und editorische Hinweise, durch erhellende Beiträge von Sonja Dehning über Märtens bekenntnishaften, „autofiktionale[n]“ Roman Torso. Das Buch eines Kindes (1909) und von Richard W. Sheppard über drei biographisch aufschlussreiche Briefe von Johannes R. Becher an Märten aus den Jahren 1920-1921, durch die 9 überlieferte Briefe umfassende, mit einer einordnenden „Nachbemerkung“ der Herausgeberin versehene Korrespondenz zwischen Becher und Merten aus den Jahren 1920-1949 sowie durch die 3 Briefe umfassende, ebenfalls mit einem kenntnisreichen Begleittext der Herausgeberin versehene Korrespondenz zwischen Märten und Lev. D. Trockij aus dem Jahr 1930.
Im Fortgang werden neben dem den Band beschließenden Anhang die autobiographischen Aufzeichnungen selbst (exkl. der „Nachträge“) auszugsweise angesprochen. Die ergänzenden, zuvor knapp als lesenswert taxierten Sekundärtexte hingegen finden keine Berücksichtigung.
Innerhalb des bis ca. 1908 währenden Zeitraums Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenendasein bietet es sich an, mit dem Jahr 1906 eine weitere Zäsur zu setzen, verstirbt in diesem Jahr zum neuerlichen großen Leid von Lu Märten mit dem Bruder Hermann doch das letzte Mitglied der Herkunftsfamilie.
Es blieb die Lebensangst. Die vielen Menschen, die nach 1906 zu mir kamen, all das Wesen mit ihnen, können darüber täuschen. Sie haben sich treulich bemüht, mir Vergessen zu schaffen. […] Aber es gab kein Vergessen – bis heute. […]
[Ich schrieb] den „Torso“ und habe versucht, alles Bisherige und mich selbst auszulöschen. Es ist mir nicht gelungen.
In den den Zeitraum bis ca. 1908 betreffenden Abschnitten der Aufzeichnungen geht es mal en bloc, mal über Abschnitte verstreut u.a. um die hoch geschätzten Eltern, um die allesamt sehr früh versterbenden, auf ihre Art jeweils beeindruckenden Geschwister Margarete, Walter und Hermann, die Apostolische Gemeinde, der die Familie angehörte, den bereits genannten Willi Engel und um die befreundete Volkswirtin und religiöse Schriftstellerin Fanny Imle. Dabei springt die um ihre eigenen Erinnerungslücken und um zeitliche Zuordnungsprobleme wissende Autorin thematisch und auf dem Zeitpfeil hin und her. Das verdeutlicht neben anderem, dass es sich bei Lu Märtens überlieferten Aufzeichnungen nicht um ein durchkomponiertes, kontinuierlich entstandenes und für die Öffentlichkeit bestimmtes Buchmanuskript handelt, sondern um ein den Nachkommen Walter instruierendes, auch der Selbstvergewisserung dienendes Werk.
Indem sich die Autorin an die Genannten und ihren Umgang mit ihnen erinnert, tritt selbstverständlich auch ihre an dieser Stelle nicht eigens nachzuzeichnende Entwicklung zu Tage. So erfährt man beispielsweise, dass die Autorin krankheitsbedingt so gut wie nie zur Schule gehen konnte, sich früh schon als ‚Leseratte‘ für Literatur und für „sozialpolitische Fragen und Arbeiten“ interessierte, Spinoza las und sich mit Hilfe ihrer Brüder autodidaktisch (weiter)bildete, beispielsweise in Geschichte, Ökonomie und Kunstgeschichte. Von daher kann die Herausgeberin mit Blick auf den gesamten Erinnerungstext zu Recht resümieren:
Diese autobiografische Schrift ist ein unschätzbares Zeugnis zum Verständnis der Schriftstellerin. Ihr Lebensweg, auch ihr Lebensbild, lässt sich ohne Kenntnis dieses Textes kaum adäquat einschätzen […].
Es ist aber in diesen Abschnitten nicht nur viel auch von Lu Märten selbst die Rede, sondern es kommen auch eine ganze Reihe sozial-, bildungs- und kulturgeschichtlich aufschlussreicher Themen zur Sprache. Diese weisen über die Märtens als einer kleinbürgerlichen, nach dem Tod des Vaters verarmenden Familie und über Lu Märten als einer nicht nur zu ihrer Zeit außergewöhnlichen Frau hinaus. Das macht die autobiographischen Aufzeichnungen auch für diejenigen interessant, die sich für deutsche Geschichte (von unten) um 1900 interessieren. Im Einzelnen u.a.: Lese-, Freizeit- und Spielkultur, Wohn-, Lebens- und Versorgungsverhältnisse, Kirchen-, Schul- und Bildungswesen, Krankheiten und Gesundheitswesen, Sitten und Gebräuche, Geschlechterrollen und -verhältnisse, Kindheit und Jugend sowie Emanzipations-, Reform- und Arbeiterbewegungen.
In jenen Abschnitten hingegen, die den sich anschließenden Zeitraum zwischen ca. 1908 bis ins Jahr 1921 thematisieren, geht es dann, durchmischt mit allerhand atmosphärisch dichten Episoden und auch Trivia, verstärkt um Kultur im engeren Sinne, d.h. um Literatur und literarisches Leben, Theater, Bildende Kunst und Musik. Ausgiebig wird aber auch von sogenannten kleinen Leuten wie einer Lieschen Kaufmann erzählt, ebenso wie von schmerzlichen Todesfällen (bspw. Willi Engel) und von Freitoden (bspw. Adolf Amberg).
Dann spielen die Reisen von Lu Märten eine gewichtige Rolle, Reisen, die sie u.a. nach Süddeutschland, Österreich, Italien, in die Schweiz und nach Skandinavien führten und auf denen sie sich in auffälliger Weise ‚gegen den Strich‘ für Alltagskultur interessierte. Für Italien beispielsweise hebt sie das Zugleich von „gedankenlose[r] Grausamkeit gegen Tiere“ und „sonderliche[r] Zärtlichkeit gegen Säuglinge und kleine Kinder“ hervor, dazu die „Bettlerplage“ vor allem in Rom. Schließlich porträtiert Lu Märten auch noch näher die eine oder andere Person wie den ebenfalls Selbstmord begehenden Juristen, Neurologen und Psychoanalytiker Viktor Tausk.
Insgesamt ist für die den Zeitraum 1908 bis 1921 thematisierenden Abschnitte festzuhalten, dass sie – Ausdruck nachlassenden Erinnerungs- und Gestaltungsvermögens, aber auch „meiner jetzigen relativen Blindheit“ geschuldet – in der Art eines Namedroppings zusehends additiv ausfallen.
Der Anhang der Edition wartet neben Nachweisen über die Erstveröffentlichung der Beiträge von Dehning und Sheppard, Angaben zu diesen und der Herausgeberin, einer Danksagung und einem Rechtenachweis mit einem viereinhalb Seiten umfassenden, u.a. zahlreiche prominente Zeitgenossen auflistenden Personenverzeichnis sowie mit 23 Abbildungen auf. Diese Abbildungen zeigen Lu Märtens in verschiedenen Lebensabschnitten, darüber hinaus weitere Familienmitglieder sowie einige ihr nahestehende Personen.
Fazit: Der Herausgeberin und dem Verlag ist es gelungen, für dem Gebotenen nach ‚kleines Geld‘ eine Edition auf den Markt zu bringen, die, literatur- und kulturgeschichtlich ein ansehnlicher Gewinn, unter fachwissenschaftlichen Aspekten besticht und zugleich den interessierten Laien ebenso bereichert wie unterhält.
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