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literaturkritik.de » Nr. 3, März 2026 » Philosophie, Politik, Geschichte |
Revolutionären Erfolg stellt man sich anders vor – außer- und innerparlamentarische Strömungen im Konflikt miteinander, das Verfassungswerk durch die Ablehnung des vorgesehenen Staatsoberhaupts gelähmt, das Aufbäumen der widerständigen Kräfte blutig niedergeschlagen … Kein Wunder, dass die Revolution von 1848 vielen Beobachtern als gescheitert und manchmal gar als Meilenstein auf einem düsteren deutschen „Sonderweg“ galt.
Doch schon seit längerem ist dieses deprimierende Urteil in der Forschung einer differenzierteren Betrachtung gewichen: Gab es nicht wichtige revolutionäre Impulse, die über die turbulente Phase hinauswiesen? Da auch eine positive Antwort auf diese Frage noch längst nicht dazu führen kann, das Bild des Scheiterns durch das Gegenbild eines Erfolgs zu ersetzen, ist man jenseits von Licht und Schatten im (laut Thomas Nipperdey typischen) Graubereich der Geschichte angelangt – oder, wie es im vorliegenden Band wiederholt heißt, bei „Widersprüchen“ und „Ambivalenzen“ des historischen Befundes.
Schon zum 150. Jubiläum 1998 wurde dieser Graubereich verstärkt ausgeleuchtet, doch das wissenschaftliche Interesse an der fortwirkenden Bedeutung der Revolution hat seit einiger Zeit eine zusätzliche gesellschaftliche Dynamik erhalten. Angesichts einer weithin wahrgenommenen Krise der gegenwärtigen Demokratie soll die Beschäftigung mit der Revolution Vorbilder demokratischen Denkens in Deutschland stärker ins öffentliche Bewusstsein heben. Damit verbindet sich die Mahnung, dass die Existenz einer Demokratie nicht als selbstverständlich angesehen werden kann, sondern steten politischen Einsatzes und mancher Kämpfe bedurfte und bedarf.
Beide Motive zur Auseinandersetzung mit der Revolution – das wissenschaftliche und das politische – sind keineswegs deckungsgleich. Sie können sogar in Spannung zueinander geraten, wenn gutgemeinte Demokratieförderung auf eine reine Erfolgsstory mit Höhepunkt in der Gegenwart zu schrumpfen scheint. Dennoch stützt das politische Interesse letztlich die Relevanz der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Ursachen, Verlauf und Wirkungen der Ereignisse von 1848/49.
Dies dokumentiert auch der vorliegende Sammelband. Er präsentiert 21 Beiträge einer Tagung, die im Mai 2023 zum 175. Revolutionsjubiläum in Frankfurt am Main stattfand. Eher locker zu sechs Themenbereichen zusammengefasst, kreisen die Beiträge um Fragen nach Ausmaß, Formen und Grenzen des revolutionären Erbes, untersucht unter den Leitkonzepten „Modernität“ und „Demokratie“. Diese Kernbegriffe werden zusammen mit einem instruktiven historiographischen Überblick in der sorgfältigen Einleitung der Herausgeberin Birgit Bublies-Godau eingeführt, aber auch in vielen Beiträgen ausdrücklich zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht. Dies fördert unterschiedliche Dimensionen von Modernität und demokratischem Gehalt der Revolution und ihres Fortwirkens zutage.
Augenfällig sind vor allem die gesellschaftlichen Aufbrüche, die auf die erweiterte politische Partizipation bislang ausgeschlossener Bevölkerungsgruppen vorausweisen. Olaf Briese folgt in seinem Beitrag der zeitgenössischen Konjunktur des Assoziationsbegriffs. Dessen Hauptbedeutungen von politischer Vereinigung, genossenschaftlicher Selbstorganisation und Vergemeinschaftungsmodell regten Organisationsversuche in der Arbeiterschaft an. Wegen hoher finanzieller Beiträge blieben diese zwar oft auf die Meister und wohlhabendere Handwerker beschränkt, sie formulierten aber einen zukunftsweisenden Partizipationsanspruch. Nicht sehr zahlreiche, aber vernehmbare Stimmen pochten auf die Rechte von Frauen – so Louise Otto, die von Susanne Schötz vorgestellt wird. Die Ignoranz vieler männlicher Protagonisten der Revolution gegenüber weiblichen Ansprüchen darf nicht über die bedeutende Rolle von Frauen in revolutionären Kommunikationsnetzwerken hinwegtäuschen, wie sie Vincent Dold und Anne-Rose Meyer nachzeichnen. Dennoch blieb es eher eine Ausnahme, wenn die „Arbeiter-Verbrüderung“ gemäß ihrer von Olaf Briese zitierten Statuten die „weiblichen Arbeiter“ mit gleichen Rechten wie männliche in ihre Reihen aufnahm: In der Gestaltung des Geschlechterverhältnisses blieb der Aufbruch noch verhalten.
Es ist ein Vorzug des Bandes, neben diesen mehr oder weniger energischen Wegweisern in Richtung einer demokratischen und partizipatorischen Zukunft auch unbequemen Pfaden der Moderne zu folgen. Andreas Fahrmeir stürzt sich in die Lektüre okkultistisch-eschatologischer Literatur, die jenseits des gerne erinnerten aufklärerischen Revolutionsdiskurses in geringen Auflagen erschien, ihn aber fragen lässt, ob sich hier nicht gedankliche Linien zur gegenwärtigen Rolle politischer Verschwörungserzählungen ziehen lassen.
Eine „langfristig fortwirkende Unterströmung“ mit sinistrem Touch bildete auch das Weltmachtstreben einiger lautstarker liberaler Paulskirchenabgeordneter. Deren Rufe nach nationaler Stärke, Kolonien und dem Aufbau einer Flotte veranlassen Christian Jansen zum Plädoyer, den bekannten „Zweiklang“ von Freiheit und Einheit, der die Wahrnehmung der Revolution prägt, um das Streben nach Macht zu einer Trias zu erweitern.
Nicht nur sehnsüchtiges Machtstreben gab es bereits im Vormärz. Die Einschätzung des Modernisierungsimpetus der Revolution erfordert daher auch einen Blick auf ihre Vorgeschichte. Ewald Grothe und Katharina Thielen arbeiten die vielfältigen Formen politischer Partizipation heraus, die bereits im Vormärz trotz des repressiven politischen Klimas aufblühten, von Petitionen über politische Feste bis zu oppositionellem Medienschaffen und Parlamentsarbeit. Die revolutionären Aufbrüche kamen also nicht von ungefähr, sondern der Vormärz entpuppt sich – so Grothe – als „eine Art Vorlauf“ zu 1848. Sogar bis in die Zeit des aufgeklärten Absolutismus reichen laut Diogo Sasdelli die Ursprünge eines „deutschen philosophischen (Proto-)Liberalismus“ zurück, dessen Einfluss sich bis in die Formulierung des Grundrechtekatalogs der Paulskirche nachweisen lässt.
Allerdings bildet der Liberalismus zugleich das Musterbeispiel für eine ambivalente Haltung gegenüber der Revolution. Für viele seiner bürgerlichen Protagonistinnen und Protagonisten handelte es sich um eine „ungewollte Revolution“ (so bereits 1979 Wolfgang Schieder), die es rasch einzuhegen galt. Noch im westdeutschen Liberalismus nach 1945 blieb ein Unbehagen bei der Erinnerung an die Revolution. Er griff zwar auf die Leitbegriffe von „Freiheit und Einheit“ zurück, konzentrierte sich aber in seinen Bezugnahmen auf den „bürgerlich-parlamentarischen Weg“ der Paulskirche (Jürgen Frölich). Ähnliches stellt Sabine Freitag generell für die bundesdeutsche Nachkriegserinnerung an die Revolution von 1848 fest. Sie fragt nach den Gründen für das auffällige Fehlen von Bezügen auf die Forty-Eighters im Gründungsprozess der Bundesrepublik. Hätte es in der jungen Republik nicht nahegelegen, sich auf diese ehemaligen Revolutionäre zu berufen, die sich ins amerikanische Exil begeben und dort eine lebendige politische Kultur begründet hatten? Doch wie auch Freitag zeigt, verwies man in Westdeutschland nach dem Krieg lieber auf die „regelbasierte Verfassungsarbeit der Paulskirche“ als auf die Radikalität vieler späterer Exilanten – das demonstrative Bekenntnis zu Ruhe, Ordnung und parlamentarischer Arbeit behielt die Oberhand über die Erinnerung an revolutionäre Gewalt und soziale Forderungen.
Erst ab den frühen 1970er Jahren öffnete sich in der Bundesrepublik die Erinnerung allmählich den radikaldemokratischen Kräften, die 1849 für die Paulskirchenverfassung gekämpft hatten. Dieser Wandel ging nicht zuletzt auf Initiativen des Bundespräsidenten Gustav Heinemann zurück. Seinen Einsatz für die Gründung der Erinnerungsstätte in Rastatt und für die Stiftung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten schildert Ulrike Laufer als einen nachhaltigen Beitrag zur Gestaltung einer demokratischen Erinnerungskultur, wie sie auch dem gegenwärtigen Bundespräsidenten ein Anliegen ist.
Der Sammelband führt in mancher Hinsicht Perspektiven weiter, die im Umfeld des wissenschaftlich ausgiebig zelebrierten 150. Revolutionsjubiläums entwickelt wurden. Dies gilt nicht zuletzt für den Fokus auf der Begrifflichkeit von Moderne oder Modernität. Er ermöglicht reflektierte Auseinandersetzungen mit zeitlichen Abgrenzungen, so im literaturgeschichtlichen Beitrag Norbert Otto Ekes, der „die klare Opposition Vormärz – Moderne noch einmal auf den Prüfstand“ stellt und zu ihrer Überwindung aufruft. Der Band stellt sich aber gegen den Trend eines Teils der jüngeren Revolutionsforschung, indem er sich auf die deutsche Erfahrung konzentriert, die allerdings wiederholt in transnationale Zusammenhänge gerückt ist. Markant dafür sind die Beiträge von Norbert Fabian, der grundlegende Überlegungen zu einer europäisch-vergleichenden Gesellschaftsgeschichte der Revolutionen anstellt, und von Perikles Christodoulou, der die Darstellung der Ereignisse von 1848/49 im Rahmen einer Geschichte des revolutionären 19. Jahrhunderts im Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel vorstellt.
Alle Beiträge des Sammelbands sind trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs gut lesbar geschrieben. Durch die Orientierung an den Konzepten von Modernität und Demokratie erhält er trotz der Themenvielfalt einen roten Faden, der für Tagungsbände nicht immer typisch ist. Munter verbindet er dazu teilweise bekannte Beispiele aus der Geschichte der deutschen Revolution mit neuen Aspekten, so dass ein Panorama der aktuellen Forschung entsteht. Dieses berücksichtigt zwar nicht alle Dimensionen und Akteure der Revolution gleichermaßen, doch erhebt der Band auch nicht den Anspruch, eine systematische Gesamtdarstellung der Ereignisse und der Erinnerung an die Revolution zu bieten. Stattdessen zeigt er plastisch, wie die Revolution zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausgedeutet wurde und in eine „endlose Geschichte der Anknüpfungen, Marginalisierungen und Vereinnahmungen“ mündete. Damit erhellt er, was an der Revolution verschiedenen Akteurinnen und Akteuren zu unterschiedlichen Zeiten als „‚modern‘ und damit als relevant“ erschien (so mit Bezug auf die Paulskirchenverfassung Klaus Seidl). Die „Widersprüche“ und „Ambivalenzen“, die die Revolution und den Umgang mit ihr kennzeichneten, motivieren zum Nachdenken über manche Volten gegenwärtiger politischer Rhetorik, wenn diese Freiheitsansprüche gegen den demokratischen Staat, der sich in der Tradition von 1848/49 sieht, in Stellung zu bringen sucht. Der Sammelband regt dazu an, über eine sorgfältige Auseinandersetzung mit dem revolutionären Erbe zu einer Reflexion über die Grundlagen demokratischer Selbstverständigung zu gelangen und verzerrte politische Umdeutungen zu hinterfragen. Wissenschaftliches und politisches Interesse an der Revolution finden auf diese Weise gerade jenseits einer simplifizierenden Erfolgsgeschichte zueinander.
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