Johannes Chwalek schrieb uns am 03.06.2025
Thema: Thomas Berger: Im Bann der Schönheit
Johannes Chwalek
Sakralisierung der Dichtung und Steigerung des Daseinsgefühls
Über Thomas Bergers Buch „Im Bann der Schönheit. Annäherungen an das Dichtertum Stefan Georges“. Würzburg 2024 (Königshausen & Neumann), 143 Seiten.
In einem intensiven Arbeitsprozess von eineinhalb Jahren hat der Schriftsteller Thomas Berger sich dem Leben und Werk dreier deutschsprachiger Autoren gewidmet: Stefan George, Franz Kafka und Eduard Mörike. Vom Umfang, der Buch-Gestaltung und vor allem der hermeneutischen Methode her sind die drei im Jahr 2024 und 2025 bei Königshausen & Neumann erschienenen Bücher vergleichbar und können als Trilogie bezeichnet werden. Das erste Werk trägt den Titel „Im Bann der Schönheit. Annäherungen an das Dichtertum Stefan Georges“. In der Einleitung schreibt Berger, dass der 1868 „im Winzerdorf Büdesheim am Scharlachberg“ geborene „Stephan Anton George […] zu einem der umstrittensten Dichter des 20. Jahrhunderts werden sollte. […] bis in die Gegenwart“ stünden „sich vorbehaltlos bewundernde und hartnäckig ablehnende Rezipienten gegenüber.“ (9) Welche Gründe gibt es hinsichtlich Abwehr und Verehrung, die Stefan George noch immer hervorruft? Sind sie in seiner Lebensführung zu suchen, die abseits sozialer Normen geschah, oder betreffen sie die Veröffentlichungen des Dichters?
Die Explikation des für George zentralen Begriffs der Schönheit in verschiedenen Facetten macht den Inhalt von Bergers Publikation aus. Er untersucht den Aspekt hinsichtlich „WEIBLICHKEIT UND MÄNNLICHKEIT“ (3. Kapitel), „REICH DES GEISTES“ (6. Kapitel) oder „PRIMAT DER SPRACHE“ (9. Kapitel). Der „häufig anzutreffende Blick auf das Private“ stellt für den Autor keine Option dar, wenn er verstanden wird in vordergründig-voyeuristischer Hinsicht. Dass die „ins Überpersönliche transformierte Lyrik“ Georges gleichwohl „zentrale Elemente seiner psychischen Verfassung reflektiert“ (12), bleibt dagegen unbenommen. „Bezüge zwischen der Realgeschichte und Biographischem einerseits und der Georgeschen Lyrik andererseits“ werden jedoch „mit der Einschränkung angeführt, dass sie aus subjektiver Sicht möglich, aber keineswegs in jedem Fall zwingend sind.“ (13) Die Referenz des Verfassers vor der auf Schönheit ausgerichteten Ästhetik Georges führt Berger zu der Aussage, darauf zu verzichten, „die ausgewählten Gedichte, die häufig, dem Willen Georges entsprechend, oszillierende Bedeutungen enthalten, en détail zu analysieren – auch um die oftmals von ihnen ausgehende sprachmagische Wirkung nicht abzuschwächen.“ (ebd.)
Es folgen zwölf Kapitel, die als Überschrift ein Zitat aus der Lyrik Georges (in der typischen Kleinschreibung) aufweisen sowie in Majuskeln erläuternde Untertitel.
Auch Stefan George, der große Einzelgänger, Verächter der Massen und Befürworter elitären Denkens über die Bedeutung der Kunst und Literatur, musste sich durch Unsicherheit und Selbstzweifel zu seinem „ureigenem Stil“ (16) durchringen. Dies legt das erste Kapitel „zu den sternen – / FRÜHES SEHNEN“ dar, das sich zunächst mit Gedichtbeispielen aus dem 1901 erschienen frühen Werk „Die Fibel“ beschäftigt. Wenn auch die Form und Wortwahl dieser „Auswahl erster Verse“, wie der Untertitel lautet, noch traditionsbehaftet sind und wenig vom sprachlichen Zauber nachfolgender Werke verraten, wird die ästhetische Zielsetzung Georges schon deutlich. Berger fasst sie in folgendem Satz zusammen: „Dem Schönen allein, der sinnlichen Potenz der Worte, die den konventionellen, im Dienst der Realität stehenden Gebrauch sprengen, wird fortan das Streben Georges gelten, der damit eine Möglichkeit gefunden hat, dem gewohnten leben den Rücken zu kehren, die Alltagswirklichkeit als Welt des Trivialen zu transzendieren.“ (16/17) Der Passus spricht in nuce das poetologische Programm Stefan Georges an: Der Literatur – besser gesagt seinem eigenen lyrischen Schaffen – die höchste Priorität einzuräumen, weil sie für ihn Zeugnis war einer eigentlichen, idealisch betrachteten Wirklichkeit. George wollte sich fortan „ganz der Dichtkunst hingeben“ (17) und durch sie „die ersehnte Berufung zum Ausnahme-Dichter“ (19) erlangen.
Der Ausnahme-Dichter steht allein, in einsamer Höhe, aber er wünscht sich Gefährten, welche seine Größe und herausgehobene Stellung goutieren. Einsamkeit und Sehnsucht nach Gefährten sind wie die beiden Seiten einer Medaille. „Es lässt sich festhalten, dass George in der Rolle des unnahbar Einzelnen dennoch Menschen brauchte, von denen er einerseits lernen und an denen er andererseits seine Fähigkeit, nachhaltigen Einfluss auszuüben, erproben konnte“ (27), schließt das zweite Kapitel „grosse geistige allianz / ERSTE GEFÄHRTEN“, es enthält en passant Informationen zur Biographie Georges vom Schülerdasein bis zu den – vom Vater finanzierten – ausgedehnten Reisen des jungen Mannes durch europäische Länder. Wichtig ist etwa der Hinweis, dass George in Paris Kontakte zu den dortigen Symbolisten schloss, auch wenn sie vorerst namentlich noch nicht genannt werden. Die im ausgehenden 19. Jahrhundert vorherrschenden literarischen Richtungen des Realismus und Naturalismus lehnte George als ästhetisch minderwertig ab. Jede Form von vorrangig abbildender oder gar parteiischer Literatur traf auf seine Gegenwehr.
Wer bei dem Namen Stefan George an den Bund zumeist junger Männer denkt, die der Dichter um sich scharte als sein Gefolge und seine Jünger, wird vielleicht überrascht sein, dass George einmal ernsthaft um eine Frau warb: Ida Coblenz (1870–1942). Die Förderin von Kunst und Literatur entwickelte jedoch nur Interesse für die Dichtungen Stefan Georges, nicht für deren Verfasser als Mann. Nach einer unglücklichen Ehe heiratete sie 1901 den Schriftsteller Richard Dehmel (1863–1920). Stefan George zog sich enttäuscht zurück. Die Erfahrung mochte ihn nach Ansicht Bergers zur „Abkehr vom weiblichen Geschlecht“ (34) bewogen haben.
Werben und Zurückweisung, Rückzug und Abbruch nach langjähriger Beziehung erlebte Stefan George noch öfter, doch betraf dies fortan Männerbekanntschaften. Als besonders prägend für George führt Berger Stefan Georges Begegnung mit Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) an, den er sich zum „zwillingsbruder“[!] ersehnte. Der Jüngere wich jedoch zurück vor der vereinnahmenden Art des Älteren, die er als Bedrohung für seine eigene schöpferische Kraft empfand. Auch künstlerische Differenzen haben die Entfremdung gefördert. Hofmannsthals Neigung zur Dramatik und Epik konnte George, für den die Lyrik das Maß aller literarisch-künstlerischen Dinge bedeutete, nicht mitvollziehen. Die „tage schöner begeisterung“ zwischen George und Hofmannsthal waren vorbei, die Hoffnung Georges auf eine „heilsame diktatur“, die er mit dem späteren Verfasser des „Jedermann“ in der deutschen Literatur errichten wollte (vgl. 36), verflogen.
Zum George-Kreis gehörte auch Friedrich Gundolf (1880–1931), der eigentlich mit Nachnamen Gundelfinger hieß, aber auf Betreiben Georges den Namen änderte. (Bei Stefan Georges zeitweiligem Sekretär Carl Klein [1867–1952] fand ebenfalls auf Betreiben Georges eine Namensänderung in Carl August Klein statt in Erinnerung an Goethes Weimarer Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach; das Bestreben zur Ästhetisierung erfüllte George auch in seinem unmittelbar persönlichen Umfeld.) Gundolf, seit 1899 im George-Kreis eingeführt, wurde zum Lieblingsjünger des Meisters, der ihn sich zu erhalten suchte und eine geplante Heirat mit der Mutter von Gundolfs unehelich geborener Tochter (der später bedeutenden Linguistin für Italienisch, Cordelia Gundolf [1917–2008]), Agathe Mallachow (1884–1983), hintertrieb. Auch die Absicht Gundolfs, seine Profession als Germanist zu finden, stellte George in Frage. Thomas Berger zitiert Georges Gedicht „An Gundolf“ aus dem Buch „Der siebente Ring“, wo der Verfasser Gundolf zu eigenem dichterischem Schaffen ermuntern will, statt „so viel in fernen menschen [zu] forschen“ und „in sagen [zu] lesen“. (44) Doch Gundolf blieb bei seinen Plänen, er wurde einer der bekanntesten Germanisten der Weimarer Republik. Nachdem er die Studentin Elisabeth Salomon (1893–1953) geheiratet hatte, vollzog George endgültig den Bruch mit ihm. Thomas Berger stellt fest: „Georges Einzelgängernatur […], gepaart mit dem Drang zum Exzentrischen und einem kaum zu überbietenden Selbstbewusstsein ließen Abweichungen von dem, was er erwartete, nicht zu; er empfand sie sogar als verrat“. (44)
Ein eigenes Kapitel hat Thomas Berger Georges Beziehung zu dem Schüler Maximilian Kronberger (1888–1904) gewidmet. Der Dichter traf den Gymnasiasten im Jahre 1902 auf einer Straße in München und war von seiner jugendlichen Ausstrahlung fasziniert. Der junge Bursche seinerseits war stolz darauf, „eine berühmte Bekanntschaft gemacht“ (51) zu haben. „Doch schon Anfang 1904 kriselte es bei ihnen, weil Kronberger ihn zwei Mal nicht wie erwartet besucht hatte. Kronberger war entschlossen, die Beziehung zu beenden.“ (ebd.) Ein Gespräch Georges mit dem Vater des Jugendlichen verhinderte dies zwar, doch das Verhältnis war beschattet, erst recht, als Kronberger „ein Liebesverhältnis mit einem Mädchen einging. Im April 1904 starb er an den Folgen einer eitrigen Hirnhautentzündung.“ (ebd.)
Konfrontiert mit dem unerwartet frühen Tod Kronbergers, verklärte George den Hingeschiedenen zum „gott“. Berger zitiert das Gedicht „AUF DAS LEBEN UND DEN TOD MAXIMINS: DAS ERSTE“, dessen beiden Schlussverse lauten: „Preist eure stadt die einen gott geboren! / Preist eure zeit in der ein gott gelebt!“ (54) Die „Liebesfähigkeit“ Georges analysiert Berger „im Wesentlichen“ als „Sehnen“, der Dichter habe so „der Desillusionierte, der Entsagende, der Wartende“ (54) bleiben müssen. „Alle tage / In sehnen leben“ endet ein Gedicht, das George im Gedenken an Ida Coblenz geschrieben hat und das Berger ebenfalls in seinem Buch zitiert. Die beiden Verse drücken nach Berger den Kern der „Liebesfähigkeit“ Georges aus. Oder wie Berger an anderer Stelle notiert: „Einsamkeit und Sehnsucht sind Grundstimmungen im Leben und Werk Georges, zugleich Merkmale des Schönen im Sinne der Romantik.“ (77)
George, der Politik als „des Lebens Fremde“ („Wallensteins Tod“, I,4) erachtete, entwickelte dennoch eine – wenn auch vage – gesellschaftspolitische Vorstellung, die unter dem Stichwort „Das neue Reich“ zum Titel seiner letzten, 1928 erschienenen Gedichtsammlung wurde. Es verwundert nicht, dass es sich um ein utopisches Staatsmodell für Deutschland handelte, das kontrapunktisch zur Weimarer Demokratie hierarchisch aufgebaut sein sollte mit George als „Zentrum und Kraftquell“. Die Mitglieder des George-Kreises galten als die „Eingeweihten, die ein anderes, noch nicht verwirklichtes Deutschland wollten.“ (58) Das Elitedenken war damals als Gegenmodell zur Demokratie westlichen Musters, der man nivellierende Einflüsse zusprach, in der Politik und bei Intellektuellen verbreitet; Hermann Hesses letztes großes Werk „Das Glasperlenspiel“ ist ein weiteres Beispiel dafür. Berger weist jedoch darauf hin, dass George „der prinzipielle Unterschied zwischen Dichtung und Politik […] bewusst gewesen“ (61) sei. Unter seinen Biographen herrsche „Uneinigkeit über die Rolle des Politischen bei George.“ Andererseits darf nicht vergessen werden, dass der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907–1944) dem George-Kreis angehörte und seinen Mitverschworenen Gedichte Georges aus „Das neue Reich“ vortrug.
Als elftes und vorletztes Kapitel behandelt Berger Georges Verhältnis zum Ersten Weltkrieg. Auch hier ergibt sich ein ambivalentes Bild, das jedoch letztlich ausschlägt zu einer Seite, auf der der Schrecken über Zerstörung und Tod unverblümt genannt werden. Das sogenannte August-Erlebnis, das für Begeisterung gerade der städtischen und intellektuellen Bevölkerung über den Kriegsausbruch im August 1914 steht, teilte George nicht. Er unterschied sich hierbei von manchen aus seinem Kreis, die ins weitverbreitete nationalistische und militaristische Horn bliesen. Berger gibt zu bedenken, dass George in seinem 1917 verfassten Gedicht „Der Krieg“ das damals neuartige technisierte und automatisierte Sterben an den Fronten durchaus reflektierte, andererseits aber in manchen Formulierungen Anklänge vorhanden seien, die „Assoziationen an Werke des Schriftstellers Ernst Jünger (1895–1998)“ wach werden ließen, „wenn im Gedicht Der Krieg Begriffe wie flammenzeichen und glut-rausch“ (125) auftauchten. Die „Erneuerung Deutschlands“ nach dem Krieg erschien George „nur retrospektiv möglich“ durch Rückbesinnung auf „die götter“; diese wiederum stehen für George sinnbildlich für alles, was er unter dem Begriff Schönheit subsummiert.
Worauf bezieht sich George, wenn er von Vergangenheit spricht? Das siebte Kapitel „an entlegnem gestade – / MITTEN IM NEUEN DAS ALTE“ gibt darüber Auskunft. Erzogen durch den französischen Symbolismus (Stephané Mallarmé [1842–1898]) und die Neuromatik, begreift George seine Lyrik als „Gottesdienst“ (vgl. 75). Er sieht sich in einer Traditionslinie
mit der Antike und dem von ihm verehrten Friedrich Hölderlin. Wie dieser will auch George „Mit frischem saft die frühern götter“ schwellen. (76) Auch Platon ist in diesem Zusammenhang zu nennen: „Die platonische Ideenlehre […] ist der Nährboden der Denkweise Georges.“ Immer ist der Kontext einer idealistischen Welt- und Kunstanschauung gegeben, worin alles Irdisch-Reale Verweischarakter besitzt für eine im eigentlichen Sinne reale, wenn auch intelligible Welt.
Die nur geistig erfassbare Welt besitzt für George hienieden eine Gestalt oder Form: das Wort. Ein etwas längeres Zitat aus Bergers Buch fasst die Bedeutung des Wortes und der Sprache für George prägnant zusammen:
„Dem Phänomen der Sprache galt Georges Hauptinteresse, dem geheimnisvollen Wort weihte er sich mit all seinen Begabungen. Deshalb eignete er sich Kenntnisse in Fremdsprachen an, deshalb übertrug er Dichtungen anderer Länder, deshalb verwendete er geheime Sprachen – und vor allem deshalb schuf er lyrische Kunstwerke. Die Sprache bot ihm die Möglichkeit, sich zu entfalten, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen, sich zu verbergen und sich zu öffnen, kurzum: eine Welt zu erschaffen: eine eigene, eine andere – eine Gegenwelt, in welcher die Dinge allererst ihr Sein erhalten. Diese Gegenwelt ist an keinen Zweck gebunden, nicht der empirischen Wirklichkeit verpflichtet. Die Sprache Georges besitzt also keinen mimetischen Charakter, sondern ist autonom. Auf ihn trifft in besonderer Weise zu, was Hugo Friedrich über Lyrik sagte: sie sei ‚diejenige Weise des Dichtens‘, in der ‚die Sprache sich am weitesten davon entfernt hat, Information zu sein.‘“ (96 f.)
Die von Berger beschriebene Sphäre der Sprache bei George wäre mit dem Wort „feierlich“ nicht genügend bezeichnet; für George besitzt seine Dichtung sakralen Charakter. Eine besondere künstlerische Gestaltung der Gedichtbände mit einer eigens kreierten Schrift sowie einer eigenwilligen, sparsamen Interpunktion liefern dafür schon erste Hinweise. Berger weist außerdem auf die weihevolle Atmosphäre von Lesungen Stefan Georges hin; der Dichter war in ein priesterliches Gewand gekleidet, sprach vor ausgesuchtem Zuhörerkreis und gewährte anschließend einzelnen Personen private Gespräche über seinen jeweiligen Vortrag. Natürlich ist dem Anspruch zur Sakralisierung der Dichtung vor allem die Georgesche Sprache verpflichtet, die „weniger den Intellekt, die Ratio“ ansprechen sollte, „als vielmehr die Intuition, das Irrationale“. (95)
Zwei weitere Kapitel des Werkes Thomas Bergers sollen erwähnt werden: in „flicht den kranz – / NATUR UND AUGENBLICK“ lobt der Autor „das hohe Sprachniveau“ der Dichtung Georges und „die Gabe präziser Beobachtung“ (87). Es herrsche in den Naturgedichten kein „selbstreferenzieller“ oder „hermetischer Charakter“ (ebd.) vor, der Dichter sei „frei von Machtphantasien und Belehrungsversuchen.“ (88) Bemerkenswert sei, „dass Natur bei George zumeist als stilisierte Landschaft erscheint – nach außen abgegrenzt, von Menschen eingehegt (beet).“ Dies lässt sich auch am vielleicht bekanntesten Gedicht Georges ablesen: „komm in den totgesagten park und schau“, das Berger auf Seite 90 zitiert und bespricht. Der Wunsch zur Ästhetisierung des Lebens bei George betrifft somit auch die Natur.
Das letzte Kapitel des Buches ist den kongenialen Übersetzungen Georges von Dichtungen Baudelaires, Dantes und Shakespeares gewidmet, die eher das Niveau von Nachdichtungen besitzen und alleine ausreichen, Georges Namen für die Nachwelt zu erhalten.
Thomas Bergers „Annäherungen an das Dichtertum Stefan Georges“ geben umfassende Einblicke in ein dichterisches Werk, das in manchen Aspekten als Gegenstimme zum heutigen Zeitgeist aufgefasst werden kann. Zu nennen sind etwa Georges kritische Einwände gegen den Massengeschmack und Momus‘ lauten Markt, der uns von den Medien täglich entgegenschallt. Berger ordnet Georges Lyrik literatur- und zeitgeschichtlich ein und lässt die Forschung zum Dichter aus Büdesheim mit pointierten Äußerungen zu Wort kommen. Nach der Lektüre von Bergers Buch ist die Leserschaft gewappnet für die selten ohne weiteres zugänglichen Gedichte Stefan Georges, die immer wieder in faszinierender Weise seelische Tiefen ausloten. Was dieser Dichter beabsichtigt habe, schreibt Berger, sei „ausschließlich die Sakralisierung der Dichtung und somit die Steigerung des Daseinsgefühls.“ (118)
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Johannes Chwalek schrieb uns am 12.05.2026
Thema: Thomas Berger: Das andere Jahr. Literarische Streifzüge. Königshauses & Neumann 2026
Bleiberecht im unerschöpflichen Raum der Worte
Thomas Bergers Resümee-Schrift „Das andere Jahr. Literarische Streifzüge“
Der Haupttitel von Thomas Bergers Alterswerk erschließt sich nicht sogleich – und erfüllt damit seinen Zweck; „Das andere Jahr“ eröffnet Assoziationsräume. Wird eine Handlung beschrieben, die unerhört ist und deshalb der Erinnerung und des Nachdenkens wert ist? Die einer spannenden Dramaturgie folgt mit einem atemberaubenden Höhepunkt? Der Untertitel „Literarische Streifzüge“ scheint weniger für derartige Überlegungen zu sprechen. Denn Streifzüge ereignen sich auf der realen oder metaphorischen Ebene in verschiedene Richtungen, sie sind offen für Überraschungen, legen es sogar regelrecht darauf an. Der Plural deutet zudem auf das Bestreben nach mehreren oder vielen Überraschungen hin. Die beiden Mottos, die Thomas Berger seiner Schrift voranstellt, grundieren weiterhin die Idee, welche die Leserschaft vom vorliegenden Werk gewinnen mag. Der Gedanke Goethes, dass nur derjenige eine Chronik schreibe, dem die Gegenwart wichtig sei, charakterisiert die grundsätzliche Haltung, welche der Verfasser seinem Schreibvorhaben entgegengebracht hat, nämlich aufmerksam und offen zu sein für das, was sich ereignet in der Gegenwart des Jahres 2025, seinem Hier und Jetzt. Der Leitspruch Lichtenbergs, sich zu bemühen, nicht unter seiner Zeit zu sein, setzt der bloßen Aufmerksamkeit und Offenheit noch eins drauf, indem das Bemühen eingefordert wird, aktive Teilhabe den Vorkommnissen und Ereignissen zu widmen.
Die Hinleitung der Leserschaft für das fünfhundertfünfundsiebzig Seiten umfassende Buch kulminiert im Eintrag zum 1. Januar 2025. Dort ist von einem hybriden Werk die Rede, welches „Elemente einer Chronik mit denen eines Tagebuchs“ vereine. Es ergäben sich „Bezüge zu öffentlichen Vorgängen und Entwicklungen im Verlauf des Jahres“ wie „persönliche Beobachtungen und Erlebnisse, Stimmungen und Aktivitäten sowie Reflexionen über verschiedenartige Themen.“ (S. 11) Ein denkbar weiter Rahmen ist damit skizziert, der vieles umfassen kann, so wie ein Jahr die unterschiedlichsten Vorkommnisse zeitigt.
Abgeschlossen wird der erste Eintrag im Diarium von der Überlegung, dass die sprachliche Fixierung unterschiedlichster Inhalte auch vom archivarischen Gedanken motiviert ist: „Nicht wenige der Vorkommnisse, Gedenktage, Jubiläen, Veranstaltungen, Eindrücke und Gedanken würden, gelängen sie nicht zur Sprache, im Fortgang der Zeit verblassen oder gar dem Vergessen anheimfallen. Im unerschöpflichen Raum der Worte gewinnt, was ist, ein Bleiberecht – weit über den Tag hinaus.“ (Ebd.) Mit diesem methodischen Rüstzeug ausgestattet, kann der „weiße Vogel“, wie es im Einleitungsgedicht zum Monat Januar heißt, seine „weite Reise / durch das Jahr […] beginnen“. (S. 12) (Gedichte des Autors leiten jeden Monat ein, auch werden teilweise fremde Gedichtzeilen zitiert, was den Streifzug-Charakter des Buches betont und ihm eine poetische Note verleiht.) Es soll – um im Bild zu bleiben und diesen Gedanken noch hinzuzufügen – ein resümierender Abschiedsflug werden. Thomas Berger blickt dabei zurück auf seinen bis dato beinahe zehnjährigen Ruhestand, der mit großer Umtriebigkeit hinsichtlich Publikationen und öffentlichen Auftritten als Redner, Rezitator und Projektleiter gefüllt war, sowie auf sein gesamtes Leben. Er merkt: „das Alter fordert, spürbar im Körper, vernehmlich seine Rechte ein.“ (Ebd.) Er will das „Aufhören“ einüben. Dies unternimmt er mit der Abfassung seines dickleibigen Alterswerkes auf nachdrückliche Weise. Die Vermutung liegt nahe, Thomas Berger wolle sich mit einem letzten großen Werk aus der Literaturszene verabschieden. Zeitlich schließt sich die Abfassung von „Das andere Jahr“ unmittelbar an die Veröffentlichung seiner Schriftsteller-Trilogie über Stefan George, Franz Kafka und Eduard Mörike an; es handelte sich – wenn die letztgenannte These von den Umständen des Abschieds aus der Literaturszene aufrechterhalten wird und um die Schriftsteller-Trilogie erweitert werden mag – tatsächlich um eine höchst beachtliche Energieleistung. Bei näherem Hinsehen scheint diese Energieleistung jedoch beide Möglichkeiten plausibel zu machen: Den Schlusspunkt zu setzen nach einem letzten gewaltigen Arbeitsergebnis von vier veröffentlichten Büchern innerhalb von drei Jahren (2024 bis 2026) – oder Zweifel zu säen, dass ein Autor mit diesem Schreib-Vermögen es tatsächlich fertigbrächte, die Tastatur seines Laptops zu schließen. So bleibt zu hoffen, dass die zweite Möglichkeit eintritt und Thomas Berger auch in Zukunft Proben seiner Feder vorlegen wird.
Thematisch deckt Berger bei seinem speziellen, Tag für Tag vorgenommenen Gang (oder Flug) durch das Jahr 2025 ein Feld ab, das mit folgenden Stichworten umrissen werden kann: Literatur und Kunst; Natur und Wissenschaft; Philosophie und Religion sowie Zeitgeschehen und Politik. Einige wenige Hinweise sollen genügen, um das inhaltliche Arsenal zu umreißen. Sie können nicht mehr als Streiflichter sein, die eine Ahnung vermitteln, was sich alles hinter ihnen verbergen mag. Viele prominente Namen begegnen uns beim ersten Begriffspaar. Gleich am Anfang (4. Januar) erinnert sich der Autor daran, wie er vor einem Jahr, also im Januar 2024, viereinhalb Wochen auf „der größten nordfriesischen Insel“ verbrachte und dort sein Buch über Stefan George „weitgehend abschließen“ konnte. Es folgt eine knappe Charakterisierung der Poetik Georges, die Berger im „Streben nach Schönheit“ und der „Betonung der Einheit von sprachlichem Kunstwerk und Lebensführung“ erfüllt sieht. (Vgl. S. 19 f.)
Friedrich Schiller taucht an mehreren Stellen im Buch auf; mit seiner Ode an die Freude, die zur Europahymne wurde; mit Briefstellen, die sein Krankheitsmartyrium „seit Januar 1791“ nachzeichnen (am 9. Mai 2025, seinem 220. Todestag) oder anlässlich der „Vollendung eines editorischen Großprojektes nach achteinhalb Jahrzehnten: der historisch-kritischen Nationalausgabe zu Schiller mit Werken, Briefen und Lebenszeugnissen.“ (S. 304)
Am 13. Juni berichtet Berger ausführlich von einer „bis zum 12. Oktober geöffneten Jubiläumsausstellung in der Hamburger Kunsthalle“ mit dem Titel „Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik“ und legt die Verbindungen beider Kunstanschauungen dar. (Vgl. S. 317 ff.)
Kommen wir zum zweiten Begriffspaar „Natur und Wissenschaft“: „Im Rückgriff auf das 18. Jahrhundert“ bezeichnet der Verfasser einen „naturkundlichen Raum“ seiner „Wohnung […] gerne als Naturalienkabinett“. (S. 15) Dort verbringt er manche Stunden des Tages mit der Begutachtung und Pflege vieler Exponate aus der oologischen (Vogeleier-Kunde), koleopterologischen (Käfer-Kunde), limakologischen (Schneckengehäuse- und Schneckeneier-Kunde), lepidopterologischen (Schmetterlingskunde) oder arachnologischen (Spinnenkunde) Abteilung. Eine weitere Seite dieser auf den ersten Blick überraschenden Leidenschaft ist es, dass der Autor regelmäßige Fußmärsche in die Natur unternimmt und dabei, neben dauernder genauer Beobachtung von Flora, Fauna und atmosphärischen Vorgängen, zuweilen Gegenstände sammelt, sie zu Hause präpariert, mit wissenschaftlichen Bezeichnungen etikettiert und ausstellt. Die Leserschaft des „anderen Jahres“ wird vom Autor mitgenommen bei diesen Aktivitäten und erhält mancherlei Einsichten in naturkundliche Zusammenhänge.
Im Bereich der Wissenschaft will ich die Äußerungen Bergers zur KI-Technik beleuchten. Er steht ihr skeptisch gegenüber, erwähnt am 14. Januar den „üblen Beigeschmack“ der in sozialen Netzwerken kursierenden „russischen und chinesischen Falschmeldungen“, die den deutschen Bundestagswahlkampf verzerren und „durch Künstliche Intelligenz (KI) generiert werden.“ (S. 40) Oder er referiert am 19. Januar einen Artikel aus der „Süddeutschen Zeitung“, der das Stresspotenzial von Plagiatssoftware für Studierende untersucht, die fürchten, „zu Unrecht des Abschreibens beschuldigt zu werden.“ (S. 49) Nachdem es ihm mithilfe einer Bekannten gelungen ist, auf seinem Laptop einen lästigen „KI-Copiloten“ zu deaktivieren, der ihm unablässig seine Dienste aufdrängen wollte, bleibt ihm „ein beträchtliches Missbehagen“ und er fragt sich, „wie lange sich ein derartiger Begleiter noch außer Funktion setzen“ lasse. „Wird die allenthalben als Zukunftstechnologie bejubelte KI uns eine Schöne neue Welt bescheren, wie sie der britische Schriftsteller und Philosoph Aldous Huxley (1894−1963) literarisch entworfen hat? Wie ist es um die dreiundzwanzig KI-Grundsätze (AI-Principles) bestellt, die im Januar 2017 auf der Asilomar Conference on Beneficial AI (Asilomar-Konferenz für eine nützliche KI) in Kalifornien verabschiedet wurden, um mögliche Gefahren der Künstlichen Intelligenz ins allgemeine Bewusstsein zu rücken und angemessen zu berücksichtigen?“ (S. 50 f.) – Wir fragen uns, wie sich derartige Äußerungen aus dem Abstand der Jahre, wenn die Folgen von KI überblickt werden können, ausnehmen werden. Als übertrieben pessimistisch, als prophetisch? Eine solche Möglichkeit, Bergers Buch als Gradmesser zu begreifen und für spätere Vergleiche heranzuziehen, bietet sich noch manche an, nicht nur im Themenfeld „Natur und Wissenschaft“.
„Philosophie und Religion“ – hier operiert Berger als evangelischer Theologe und Verfasser vieler Schriften mit philosophischer und religiöser Thematik in seinem angestammten Gebiet. Eine der Beschreibungen seines öffentlichen Wirkens betrifft die Projektleitung beim „UNESCO-Welttag der Philosophie“ an einem Gymnasium, wo er mit den Schülerinnen und Schülern über „Toleranz bei G. E. Lessing – Darstellung und Kritik“ forschte und diskutierte. (Vgl. S. 329 f.)
Am 24. Januar sehen wir dem Autor bei der Zeitungslektüre zu, wozu er anmerkt: „Ein längerer Zeitungsartikel informiert über das neue Halbjahresprogramm des Kulturreferates [der Stadt Kelkheim am Taunus. Anm. J. Ch.]. Erwähnt wird auch der Bildvortrag im nächsten Monat über das Wahrzeichen der Stadt, die auf dem Mühlberg gelegene Klosterkirche. Dabei präsentieren wir zugleich die aktuelle Veröffentlichung über die Kirche und das Wirken der früheren Franziskaner, die wir, die ehemalige Leiterin des Kulturreferates und ich, erarbeitet haben.“ (S. 64)
Ein solch umtriebiger Mensch, als der uns der Autor in seinem „anderen Jahr“ 2025 begegnet, hat es seit Jugendtagen immer wieder zur Besinnung in Klöster oder ehemalige Klöster gezogen. Die Stille, Schlichtheit der Lebensführung und der sakrale Geist wirkten stets anziehend auf ihn. Sein einziger Roman „Der fremde Archivar“, erschienen im Jahr 2022, thematisiert u.a. diesen Aspekt. Achim, die Hauptfigur, schätzt einerseits den „musealen Reiz“ der „steinernen Überreste […] einer längst versunkenen Epoche“, hegt aber andererseits gegenüber der monastischen Lebensweise erhebliche Zweifel. Ein Selbstzitat aus dem Roman lautet: „Beim Blick auf die Abtei sagte er sich: Welchen Sinn hatte es ehemals, hat es heute, Tag für Tag mehrmals die sogenannten Stundengebete zu verrichten, sich an ein imaginäres Gegenüber zu wenden in Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet? Das waren die lateinischen Namen der über den Tag verteilten Gebete. Die Klosterleute, hieß es, würden, erfüllt von übernatürlicher Liebe, für die Welt beten. Unter übernatürlicher Liebe vermochte Achim sich nichts vorzustellen, und Gebete für die Welt muteten ihn gänzlich sinnlos an.“ (S. 101) Angesichts dieser Textstelle, die Berger wichtig sein muss, weil er sie sonst kaum zum zweiten Mal zum Abdruck gebracht hätte, verwundert es, wie oft im „anderen Jahr“ die Rede von religiösen Belangen ist in Form von Gedenktagen, Heiligenfiguren der Kirchengeschichte, Päpsten, Liturgie, Exegese etc. „Das andere Jahr“ erweist dem Thema Religion in unterschiedlichsten Facetten immer wieder tiefgründige Reverenz.
Am 4. März findet sich ein Eintrag, wo Berger von seiner Buchung „eines zweiwöchigen Aufenthaltes im März in Bad Wimpfen“ berichtet. Im dortigen Bildungshaus „im früheren Kloster der Benediktiner“, sucht er Abgeschiedenheit und neue Eindrücke. Alles, was ihm begegnet, wird ihm zum Anlass für Sprache und Verschriftlichung. Dies ist zwar ein Kennzeichen für das gesamte Buch, wird in den Abschnitten über den Aufenthalt in Bad Wimpfen aber noch einmal in besonderer Weise deutlich. Erinnerungen an das 1979 erschienene Journal „Das Gewicht der Welt“ von Peter Handke werden wach. Im Unterschied zum Werk des österreichischen Schriftstellers sind Bergers „literarische Streifzüge“ neben allen subjektiven Blickrichtungen, die bei Handke dominieren, von einer starken bildungsbürgerlichen Komponente geprägt. Um welche Gegenstände es sich handeln mag, aus welchen unterschiedlichen Bereichen sie auch kommen mögen, Berger versieht sie gerne mit Assoziationen aus der Geistes- und Kulturgeschichte. Sein Buch liefert damit Anregungen zuhauf fürs Weiterlesen und -forschen. Die Anreise mit der Bahn nach Bad Wimpfen am 13. März nimmt sich in Bergers Diktion etwa so aus: „Im Intercity-Express von Frankfurt am Main nach Mannheim gegen 10:15 Uhr Getöse vieler Handys – landesweiter Warntag unter anderem in Hessen, mit dem geprüft werden soll, ob die Warnsysteme für den Ernstfall funktionieren.
In der Spitze erreichte der Zug die Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern pro Stunde. Was hätte Goethe, der den Neologismus des Veloziferischen im Hinblick auf die Beschleunigungstendenzen seiner Zeit prägte, dazu gesagt?“ (S. 138) Eine Belegstelle für Goethes Neologismus liefert Berger in einer Fußnote mit. (Fußnoten sind ein weiteres, eher ungewöhnliches Kennzeichen, das auf einem Großteil der Seiten von „Das andere Jahr“. zu finden ist.) Der Autor macht seiner Leserschaft kein X für ein U vor. Die Überprüfbarkeit einer erklecklichen Anzahl der Aussagen changiert „Das andere Jahr“ in die Nähe eines umfangreichen Essays. Aber auch das ist eine These, welche bei aller Berechtigung Widerspruch oder zumindest eine Ergänzung hervorrufen mag, bedenkt man die vielen intimen Stimmungsmalereien, welche der Autor im Ansehen der Natur oder bei persönlichen Assoziationen zu entwerfen imstande ist.:
„In vorgerückter Nachtstunde“, heißt es am 5. Januar, „geraume Zeit wachgelegen. Wie von selbst kamen verschiedene Gedanken; unter ihnen die Vorstellung, für die Jugendzeit sei Weite charakteristisch, für das Alter hingegen Enge; das Meer an Möglichkeiten in der Zeit wird abgelöst durch deren Begrenztheit. Später, beim Erwachen, bin ich froh, wieder eingeschlafen zu sein. Ich öffne das Fenster. Es schneit.“ (S. 24)
Er berichtet von seiner sich aufhellenden Gemütslage beim Näherkommen zum Zielort Bad Wimpfen, von der freundlichen Begrüßung im Exerzitien- und Gästehaus durch den Klosterleiter; von der Geschichte des Stiftshauses; den beiden „größeren Skulpturen“ über der Eingangstür; von der Kapelle; den Stundengebeten; dem Frühstück im Refektorium; dem „gotischen Kreuzgang (13. bis 15. Jahrhundert)“; dem alten Steinbrunnen“ mit dem „daneben stehenden hohen Magnolienbaum“. (S. 142) Noch nie, will es dem Rezensenten erscheinen, hat Berger so genau und hingebungsvoll beschrieben wie in diesem Alterswerk. In einer Breite und Ruhe, die an Adalbert Stifter denken lässt, entwirft er ein literarisches Bild des 1919 säkularisierten Zisterzienserklosters, dass die Leserschaft sich vorkommen mag, als sei sie selbst mit vor Ort.
Dem Arbeitsduktus für seine Hauptarbeit am Manuskript „Das andere Jahr“ bleibt er auch in Bad Wimpfen treu. Er notiert am 15. März den Tod des „Autors und Kolumnisten Peter Bichsel (1935–2025)“ und lässt seine Erinnerungen an ihn Revue passieren; beschreibt die Küchenkräuter des Klostergartens oder notiert (am 20. März) die „überraschende schriftliche Anfrage eines Mannes, der sich als passionierter Hobbysammler vorstellt; er sammle Autogrammkarten und Visitenkarten von Personen, die (im weitesten Sinne) dem öffentlichen Leben zuzurechnen sind – so auch von Autoren“ (S. 161) – wie Thomas Berger. Die in Bad Wimpfen durch die neue Örtlichkeit sich ergebenden Schreibgelegenheiten bestehen zu den bisher im Plan zum „anderen Jahr-Manuskript“ vorhandenen, mit denen sie sich überlappen: Die Umgebung im Wort zu erfassen, Augenblicke (wie die Begegnung mit zwei Schwänen) zu beschreiben, ebenso aktuelle Nachrichten, Erinnerungsdaten und Assoziationen auf allen Ebenen.
„Mit dem Leiter des Hauses, der seit 2015 die Verantwortung für die Bildungsstätte trägt, gesprochen, der mir nach dem Frühmahl raschen Schrittes auf dem Weg zum Ruhestandskurs entgegenkam; Anfang nächster Woche wollen wir eine mögliche Veranstaltung durch mich hier im Kloster planen, den Themenbereich (literarisch oder historisch, philosophisch oder theologisch) und den Zeitpunkt (ich vermute 2026, da das Programm für das laufende Jahr bereits feststeht)“ (S. 162), heißt es in einer Notiz zum 21. März. Ein Notiz- und Arbeitsbuch ist „Das andere Jahr“ nebenbei auch. Die erwähnte „Veranstaltung […] hier im Kloster“ fand an jeweils vier Tagen im Januar und Mai 2026 unter dem Titel „Vorbilder des Schweigens – Impulse aus der Mystik“ unter der Leitung Thomas Bergers statt.
„Zeitgeschehen und Politik“ – dieses Themenfeld ist präferiert für die Arbeitsweise, Gedenktage und aktuelle Nachrichten aufzugreifen und zu kommentieren. So heißt es am 23. März: „Vor genau zweiundneunzig Jahren begründete der SPD-Vorsitzende und Reichstagsabgeordnete Otto Wels (1873−1939) in einer mutigen Rede vor dem Parlament die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes durch alle anwesenden Sozialdemokraten. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands stellte sich als einzige Partei gegen die mit dem Gesetz verbundene unumschränkte Herrschaft der Nationalsozialisten. Das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich, welches die für die Verfassung eines Rechtsstaates konstitutive Gewaltenteilung aufhob, trat am nächsten Tag in Kraft.“ (S. 171)
Der Bundestagswahlkampf Anfang des Jahres frustriert den Autor: „Als Bürger fühlt man sich nicht ernstgenommen; denn die Parteien überbieten sich in haltlosen Versprechungen, die weder solide durchgerechnet noch in einer Koalitionsregierung umsetzbar sind. Erschwerend kommen die demokratiefeindlichen Slogans einer Partei hinzu, die das bisherige stabile Gefüge des Staates und dessen Einbindung in die westliche Welt zu unterminieren trachtet. Die programmatischen Ankündigungen nehmen in den Informationssendungen breiten Raum ein. In gewisser Hinsicht fühlt man sich an das Alte Rom erinnert, als um Stimmen mit Brot und Spielen (panem et circenses) geworben wurde.“ Die Slogans auf den Wahlplakaten – „Mehr für Dich – Besser für Deutschland oder Zusammen. Ein Mensch. Ein Wort oder Holen wir uns die Zukunft zurück“ (S. 40) – erscheinen ihm als Gipfel der Stupidität. (14. Januar)
Die Abwendung vom liberalen Rechtsstaat unter dem wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump kritisiert Berger häufig. „Schon hundert Tage nach [dessen] Amtseinführung am 20. Januar“ zeichne sich deutlich ab, „dass sich die Vereinigten Staaten unter der Präsidentschaft von Donald Trump (geb. 1946) in einem Niedergang als liberale Weltmacht befinden – auch darin ist 2025 das andere Jahr. Die republikanische Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat setzt dem autokratischen Gebaren des Präsidenten nichts entgegen. Der beispiellose Umbau der USA ist unter anderem durch folgende Merkmale charakterisiert: ausländerfeindliche Migrationspolitik, Regieren vornehmlich über präsidentielle Erlasse (Executive Orders), Abkehr von Diversität, Gleichstellung und Inklusion, Schließung der Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung (United States Agency for International Development, USAID), Streichung von Finanzmitteln und Entzug von Studentenvisa für Eliteuniversitäten (Harvard, Columbia, Princeton) mit dem Ziel, Einfluss zu nehmen auf deren Zulassungs-, Lehrplan- und Einstellungsmaßnahmen, Rückzug per Dekret aus dem Pariser Klimaabkommen (Paris Agreement) sowie der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO), geopolitisches Dominanzstreben, zum Beispiel das Ansinnen, Grönland zu kaufen und dabei mögliche militärische Gewalt anzudrohen, sowie die Idee, Kanada solle sich als 51. Bundesstaat den USA anschließen, Isolationismus, erratische Zollpolitik, Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, etwa Unterstützung der AfD in Deutschland.“ (S. 240 f.)
Bergers Alterswerk sperrt sich gegen eindeutige thematische Zuschreibungen, nur eine Mehrfachbenennung der inhaltlichen Ebene ist möglich. Dazu gehört die Aussage, dass es sich bei dem „anderen Jahr“ auch um ein Geschichtsbuch handelt, schließlich lässt der Autor oft den Blick in die Vergangenheit wandern, erzählt vom Herkommen aktueller Erscheinungen oder gleich ganz von Ereignissen in der Vergangenheit. In Zukunft werden die zur Zeit der Abfassung aktuellen politischen Begebenheiten von historischem Firniss überzogen sein und der Rubrik Geschichtliches zugerechnet werden.
Das „Dokument der Wachsamkeit“, als das Bergers Alterswerk außerdem bezeichnet werden kann, schließt nicht allein die Fülle der Belange des öffentlichen Lebens ein, soweit ein einzelner Mensch gesonnen und befähigt ist, sie zu registrieren, zu beschreiben und zu kommentieren, meint nicht allein zufällige Begebenheiten, die sich jeden Moment ereignen können und die Berger ebenfalls zuhauf notiert, sondern betrifft auch den Gesundheitszustand bei sich und anderen. Am 4. Februar notiert er: “Gründliche Untersuchungen durch die Augenärztin. Die Diagnose auf dem Überweisungsschein für die Klinik lautet für die linke Seite Cataracta nuclearis, Kernstar, für die rechte Cataracta corticalis, Rindenstar. Bei der anstehenden Operation Grauer Star wird die eingetrübte natürliche Linse durch eine Kunstlinse ersetzt. Ziel der minimalinvasiven Cataract-Operation ist die Verbesserung des Sehvermögens. Der März wird meinen beiden Augen, dem Tor zur Welt, gewidmet sein. Hinzu kommt eine Behandlung des Chalazions, einer entzündlichen Auftreibung am Lidrand des linken Auges. Dass ich im Hinblick auf diesen Monat frei von unbehaglichen Gefühlen sei, kann ich nicht sagen. Das Offenwinkelglaukom, der Grüne Star, wird weiterhin bestehen und medikamentös behandelt.“ (S. 88) Natürlicherweise verfolgt ihn die Angelegenheit. Fünf Tage später, am 9. Februar, heißt es: „Als ich in der Nacht erwachte, begannen die Gedanken um die bevorstehende Augenoperation zu kreisen. Die schon im Alten Testament vorkommende Redewendung wie den Augapfel hüten [5. Buch Mose 32, 10; Psalm 17,8] hat ihre Berechtigung. Ich musste mich ermannen, ehe ich wieder einschlafen konnte.“ (S. 91)
Die Aufmerksamkeit für alle Vorgänge mit dem Autor und um ihn schließt gesundheitliche Probleme in seinem Bekanntenkreis ein. „Tag der gesundheitlichen Beeinträchtigungen“, heißt es am 30. Januar. „Eine Dreiundachtzigjährige, die mich in mancherlei Hinsicht gefördert hat, bekam das Ergebnis der Biopsie: bösartige Tumore in der Brust. Brustentfernung (Mastektomie) unvermeidlich. Das für den nächsten Tag geplante Treffen mit dem greisen Professor, der mir wertvolle Bücher schenkte, muss ausfallen und auf unbestimmte Zeit verschoben werden: Ich erreichte am Telefon dessen herbeigeeilten Sohn, der berichtete, der Vater sei ins Krankenhaus gekommen. An den beiden Ereignissen gemessen ist mein spontaner Besuch beim Hals-Nasen-Ohrenarzt kaum erwähnenswert – eine Entzündung im Knorpel des rechten Ohres hat zu Wärme und Schwellung sowie leichtem Druckschmerz des äußeren Ohres geführt. Ein Kombinationspräparat mit den Wirkstoffen Betamethasondipropionat und Gentamicinsulfat, letzterer ein Antibiotikum, soll Abhilfe schaffen.“ (S. 76)
Mit dem „anderen Jahr“ schreibt Thomas Berger auch – um den Titel des letzten Grass-Buches zu bemühen – „Vonne Endlichkait“. Im Unterschied zu diesem Text steht die Hinfälligkeit menschlicher Physis jedoch nicht im Mittelpunkt, sondern wird nur als ein Phänomen neben beinahe unzähligen anderen wahrgenommen und beschrieben. Das nimmt dem Thema die Bedrücktheit, die sich sonst ergeben könnte. Richtig ist aber auch, dass die Vergänglichkeit des Menschen nicht ausgespart wird. Sie ist ein zum Leben gehörendes Phänomen, das folglich in Bergers Jahreschronik einen Platz hat; vor allem drängt es sich dem alten Menschen auf, auch wenn er dabei die Erfahrung machen muss, dass es eine gedankliche Lösung für dieses kardinale Rätsel unserer Existenz nicht gibt.
„Beim Mittagsgang spielerisch vorausgedacht. Wie lange werde ich nach dem Mahl noch die vertrauten Wege gehen?“, fragt sich der Autor am 9. Februar. „Was wird sich an der Umgebung wie verändern, wenn es diesen Spaziergänger nicht mehr gibt? Fragen, auf die es keine Antwort gibt – jedenfalls momentan nicht – und die sich dennoch einstellen.“ (S. 95) Auf der Rückfahrt von der gründlichen Untersuchung durch die Augenärztin und der dabei zutage getretenen Notwendigkeit einer Operation an beiden Augen zählt der Autor für sich zusammen, was er noch alles bewältigen müsse „- wie dieses Alterswerk, an dem ich arbeite- [...] Dann, wenn das meiste erledigt ist, mag das Unvermeidliche kommen.“ (S. 88)
Das Rätsel der Zeit und der menschlichen Existenz nicht mehr lösen zu wollen, sondern es mit einigen Überlegungen auf sich beruhen zu lassen, ist ein Vorschlag, den Berger am 2. Mai im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit Epikurs Diktum, der Tod ginge uns nichts an, unterbreitet. Die einprägsame Textstelle dazu lautet:
„Ob es ein jenseitiges ‚Leben‘ gibt, wird man auf agnostische Weise auf sich beruhen lassen müssen. Dass uns aber der Tod nichts angehe, darf bezweifelt werden, da er untrennbar zum Leben gehört. Vergänglichkeit ist die Seinsweise der Existenz, betrifft uns mithin unmittelbar. Freilich: Da wir die Rätsel des Daseins, zum Beispiel die Fragen nach dessen Sinn und der Entstehung und Relevanz unseres Bewusstseins nicht lösen können (allenfalls durch bloße Spekulation), bleibt auch der Tod, der uns nicht weniger betrifft als das Leben, rätselhaft. Immerhin: das, was Epikur mit seiner kühnen Feststellung bewirken wollte, die Gemütsruhe, vermag sich auch einzustellen, wenn man bedenkt, dass Ewigkeit, empirisch betrachtet, ein inhaltsleerer Begriff ist; der Tod ist keine Grenze für uns, denn das würde ein Jenseits der Grenze voraussetzen; die Einheit von Leben und Tod besteht, bis ihr eine Krankheit, Altersschwäche oder ein Unfall ein Ende setzt. Es wäre töricht, sich von dem Gedanken an den Tod, den wir doch in uns tragen, tyrannisieren zu lassen; ein ewiges Leben wäre, mit dem Maßstab der Erfahrung gemessen, unerträglich, eher Fluch als Segen.“ (S. 242 f.)
Welches Fazit lässt sich ziehen? Es handelt sich bei Thomas Bergers Werk um einen literarischen Text, der als Hybridform zwischen Tagebuch und intellektuell anspruchsvoller Chronik des Jahres 2025 angelegt ist. Neben die Chronik tritt der Kommentar, der die Ereignisse wertet. Bergers Schreibstil ist im hohen Maß intertextuell. Eine hohe Zahl der Einträge wird mit Zitaten oder Referenzen auf bedeutende Schriftsteller wie Goethe, Fontane oder Kafka untermauert. Der Effekt dieses Verfahrens besteht darin, dass auch das Alltägliche in einem universellen, kulturhistorischen Kontext erscheint. Das Diarium über das Jahr 2025, das oben noch als „Geschichtsbuch“ und „Vergleichswerk“ für die Zukunft hinsichtlich politischer oder technologischer Entwicklungen gesehen worden ist, was keinesfalls zurückgenommen werden soll – erscheint es nicht, aufs Ganze betrachtet, als ein Buch über das Wesen der Zeit und die menschliche Existenz, die in die Zeit gestellt ist?
Der Rezensent scheut sich nicht, „Das andere Jahr. Literarische Streifzüge“ als das Opus magnum Thomas Bergers zu bezeichnen.
Johannes Chwalek
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