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Freudenschein aus Finsternissen

Eduard Mörike – der ferne Dichter

Von Thomas Berger (1952 geb.)


Johannes Chwalek schrieb uns am 12.08.2025
Thema: Thomas Berger (1952 geb.): Freudenschein aus Finsternissen

Johannes Chwalek
Freudenschein aus Finsternissen
Über Thomas Bergers Buch „Freudenschein aus Finsternissen. Eduard Mörike – der ferne Dichter. Würzburg 2025 (Königshausen & Neumann), 168 Seiten, 16 €.

„Auch konnte er sich plötzlich in unberechenbare Launen versteifen.“
Isolde Kurz (1853–1944) über Eduard Mörike (1804–1875)

Nach den Arbeiten über Stefan George und Franz Kafka beschäftigt sich Thomas Berger im dritten Band seiner Schriftsteller-Trilogie mit Eduard Mörike. Im Untertitel nennt er den Autor berühmter Gedichte und der Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ den „fernen Dichter“. Dezidiert steht in der Einleitung das Wort vom „heute zu Unrecht weitgehend vergessenen […] Mann.“ (S. 9) Wenn Bergers Auffassung konzediert werden kann, ist immerhin zu bemerken, dass Mörike gleichwohl eine feste Größe der Literaturgeschichte darstellt, wo sein Werk zwischen Romantik und Realismus verortet wird. Berger versucht nachzuweisen, dass die Schriften Eduard Mörikes über das literarhistorische Interesse hinaus von aktueller Bedeutung sind.
Leben und Werk Mörikes zu schildern, geschieht, wie in den vorangegangen beiden Bänden, zum Zweck der Werkerhellung, insofern aus der Biographie eine Grundstruktur der Schriften des Dichters ermittelbar ist. Persönliche Erfahrungen bildet Mörike in seinen Texten nicht einfach nur ab, sondern überhöht sie ästhetisch. Dadurch lässt sich seine Poesie einerseits als Deutung des Daseins, andererseits als Schutz vor den Zumutungen des alltäglichen Lebens wie auch erschütternder Begebnisse sehen. Gestalten zu können – in Mörikes Fall literarisch – was einen sonst erdrückt hätte, bedeutet einen kleinen Triumph gegenüber der Widersetzlichkeit und Stumpfheit von Leben und Welt. Das muss man sich vor Augen halten gerade bei jemandem wie Mörike, dessen Hypochondrie und Flucht vor den Berufspflichten vielfach beschrieben worden sind.  
Gleich im ersten Kapitel „PRÄGENDE JUGENDERFAHRUNGEN – unauslöschlich“ heißt es: „Eduard Mörike wuchs behütet auf. Und doch warteten Schicksalsschläge auf ihn, die das Fundament für das lebenslange Empfinden des In-einander-verwoben-Seins von Wohl und Wehe, von Beglückung und Schmerz legten.“ Im Herbst 1817 starb Mörikes Vater nach einem Schlaganfall und dreijährigem Siechtum. „Augenblicke des herzzerreissenden Elends, die unauslöschlich in meiner Erinnerung stehen“ (S. 17), zitiert Berger den Dichter. In einer Selbstbiografie anlässlich seiner Investitur als Pfarrer in Cleversulzbach hob Mörike zur Erfahrung mit dem kranken und sterbenden Vater überdies hervor: „Hier mußte der Knabe den Ernst des Lebens, dem er entgegenwuchs u. die Hinfälligkeit alles Menschlichen mit erschütternder Wahrheit empfinden.“ (Ebd.)
Der „Ernst des Lebens“ trat ihm wenige Jahre nach dem Tod des Vaters in zugegeben nicht ganz so tragischem Zusammenhang entgegen, wenn auch sein Inneres lebenslang zeichnend – die Liebe zu seiner Base Clara Neuffer (1804–1837) zerbrach, „denn zu einem andern ists übergegangen.“ (S. 13) Das von Berger angesprochene „In-einander-verwoben-Sein von Wohl und Wehe, Beglückung und Schmerz“ trat zutage und bestimmte ihn zu künstlerischer Bewältigung. Mörikes Gedicht „ERINNERUNG“, das Berger vollständig zitiert, ist mit der Widmung „An C. N.“ versehen, was die Initialen der Base Clara Neuffer sind. Die Seligkeit des Anfangs ihrer Liebe, als sie sich „wie Kinder freuten“, wird kontrastiert mit dem Ende ihrer Liebe. Dieses Ende erscheint nur angedeutet durch die fast wortgleichen Rahmenstrophen. Wenn es das letzte Mal war, dass kindliche Freude die Liebenden erfüllte, ist es klar, dass danach ein Irrsal auftrat und es nie mehr so sein konnte wie ehemals. Immer wieder wird Mörike die Unbeständigkeit der Liebe erleben und versuchen, sich darauf einen Reim zu machen. Das Wort „Irrsal“ nimmt die Formulierung in einem späteren Klagedicht über eine zerbrochene Liebe vorweg.
Nach dem Tod des Vaters siedelte der dreizehnjährige Eduard Mörike auf Wunsch oder wohl eher das Geheiß seines Oheims, „des Juristen Eberhard Friedrich von Georgii (1757−1830), der in erster Ehe mit einer Schwester von Mörikes Vater verheiratet war“ (19), in dessen Familie nach Stuttgart über. „Es war ‚ein Anerbieten das meine Mutter mit Dank, ich selbst mit Begierde ergriff‘“ (ebd.), zitiert Berger den Dichter. Offensichtlich begrüßte es die Mutter, dass ihr Sohn in familiärer Betreuung seinen Ausbildungsweg fortsetzen konnte; dem Jungen selbst gefiel die Aussicht auf Entfernung vom halbverwaisten Elternhaus und eine neue Umgebung. Des Onkels Bestreben bestand darin, den Neffen zum evangelischen Geistlichen ausbilden zu lassen. Dazu besuchte er das Stuttgarter „Gymnasium Illustre“; einst hatte die Anstalt den Philosophen Hegel zu seinen Schülern gezählt. Mörike bestand das Stuttgarter Landexamen, das Hermann Hesse in seiner frühen Erzählung „Unterm Rad“ zu literarischen Ehren bringen sollte. Mörikes Prüfungsergebnisse fielen jedoch nur recht schwach aus, dass es Mühe kostete, ihn die nächste Etappe zum Geistlichen beginnen zu lassen. Die Mittellosigkeit der Mutter, die eigene „Gutartigkeit“ und der Einfluss des Oheims als „Obertribunalrat“ gaben schließlich den Ausschlag, dass sich ihm die Pforte der niederen Klosterschule in Urach öffnete. Soll man es als Glück oder Unglück für Mörike betrachten, dass ihm der Oheim die Laufbahn zum Geistlichen wies? Hätte Mörike, im Rückblick betrachtet, eine glücklichere berufliche Existenz führen können, wenn er sich selbst für eine bestimmte Richtung entschieden hätte? Das sind hypothetische Fragen. Doch drängt sich der Eindruck auf, dass Mörike für nichts geeignet war außer für’s Schreiben, und dass er keine energische Natur besaß, um sich seinen Weg mit Willen und Bewusstheit selbst zu bahnen. So ließ er sich treiben, was mit mancherlei Qualen verbunden sein sollte.
Ende Oktober 1822 zog er in das […] Evangelische Stift nach Tübingen, das Höhere theologische Seminar, und nahm ab November gemeinsam mit den Freunden Wilhelm Hartlaub (1804−1885) und Wilhelm Waiblinger (1804−1830) das Studium der Theologie an der dortigen Universität auf. Die Geschichte der Freundschaften Mörikes, die bereits in Urach begonnen hatten, zieht sich durch das Leben des Dichters, wie Berger aufzeigt; er nennt auch Johannes Mährlen (1803−1871), „der ein bedeutender Ökonom und Historiker werden sollte“ (S. 20). Ebenfalls weist Berger auf die literaturgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen dem ersten Biographen Hölderlins, Wilhelm Waiblinger, und dessen Freund Eduard Mörike hin, der Waiblinger bei den Besuchen im „amphitheatralischen Zimmer“ und seinem leidenden Bewohner ab und an begleitete. Treffende Charakterisierungen Mörikes aus Hermann Hesses Erzählung „Im Presselschen Gartenhaus“, erschienen 1914, worin ein Ausflug Waiblingers, Mörikes und Hölderlins in Tübingen geschildert wird, zitiert Berger; Mörike sei damals sein „innerer Beruf, ein verklärender Spiegel der Welt zu sein“, erst „halb bewußt“ (S. 26) gewesen. Dass Mörike sein Examen am Tübinger Stift wieder nur mit „mittelmäßigem Erfolg“ bestanden hat, reiht sich ein in das Muster seines Ausbildungsweges. Berger resümiert: „Dass seine Leistungen in allen von ihm besuchten Bildungsstätten nicht gut waren, mag seinen Grund darin haben, dass er stets dem, was seinen ureigenen Interessen zuwiderlief, auszuweichen trachtete.“ (S. 35) Der Drang zum Ausweichen wird auch Mörikes Berufsweg kennzeichnen, wie Berger anschaulich darlegt.
Die Tübinger Studienjahre sind von einem weiteren prägenden Ereignis für Mörike gekennzeichnet. In Ludwigsburg machte er bei einem Freund die Bekanntschaft mit Maria Meyer (1802–1865), die nicht nur „ungewöhnlich schön“ (26) gewesen sein soll, sondern auch „geheimnisvoll“, kurz: ihre Anziehungskraft auf Mörike war groß. „Es entwickelte sich eine intensive Liebesbeziehung, in die sich allerdings Zweifel an der charakterlichen Integrität der ihn auch poetisch inspirierenden Frau mischten; denn sie ließ ihn über ihre Vergangenheit bewusst im Unklaren und verschwand gegen Jahresende unversehens aus Ludwigburg“ (S. 26f.), schreibt Berger. Mörike sei „hin- und hergerissen“ gewesen „zwischen seinen heftigen Gefühlen für sie und dem Argwohn gegen sie“ (27), was ihr „unstetes Wesen“ und ihr Vagantentum (vgl. ebd.) betraf. Doch wie eingangs dieser Besprechung erwähnt, vermochte sich Mörike kraft seiner poetischen Begabung zu schützen vor zerstörerischem Gefühlchaos, das über ihn hereinzubrechen drohte. Er allegorisierte die reale Maria Meyer in „Peregrina“ (Fremde, Pilgerin) und betrachtete sie fortan als Traum- und Dichtungswesen, auf das er „seine Liebe und Sehnsucht, sein Ergriffensein und seine Verstörung projizieren“ (S. 27) konnte. So bewahrte er sich vor destruktiven Einflüssen, welche die Beziehung mit Maria Meyer für ihn bereithielt.  Fünf Gedichte verfasste Mörike über „Peregrina“, Berger zitiert sie alle und interpretiert sie ebenso treffend wie behutsam. „Stimmungen der Sehnsucht und des Abschieds“ machen nach seinen Worten die Liebespoesie Mörikes aus. Diese Kennzeichnung trifft in besonderer Weise auf die Peregrina-Dichtung zu. Maria Meyers „ew’ger Sommer“ wird darin „nie verrinnen“. (Shakespeare, 18. Sonett)
Die nächste berufliche Etappe für Mörike bildete das Vikariat. Elf Gemeinden an neun verschiedenen Orten hatte er als Pfarrvikar oder Pfarrverweser zu versehen. Wenn man sich seine Äußerungen aus dieser Zeit gegenüber dem Freund Johannes Mährlen vergegenwärtigt wie „Alles, nur kein Geistlicher!“ vom Februar 1828, oder „Ich brüte über einem Plan, der mich wieder u. auf immer frey machen soll“ vom 26. März 1829, wird deutlich: Mörike verabscheute im Grunde seines Herzens die theologische Laufbahn. Der einzige Grund, dass er darin aushielt, war ökonomischer Natur. Seine Sehnsucht zielte auf die Ungebundenheit als Schriftsteller, womit er sich jedoch finanziell nicht ausreichend sichern konnte. Wie sich Kafka „langsam […] zerrieben“ fühlte „zwischen dem Bureau und dem Schreiben“ (vgl. S. 49), fühlte sich Mörike langsam zerrieben zwischen der Kanzel und dem Schreiben. Die vielen Vikariatsstellen spiegeln seine innere Unruhe und Unzufriedenheit wider.
1829 arbeitete Mörike als Pfarrverweser in Plattenhardt, heute im Landkreis Esslingen. Dort lernte er im März 1929 Luise Auguste Rau (1806–1891) kennen, die Tochter seines verstorbenen Vorgängers, mit der er sich rasch, bereits im August, verlobte. Im Herbst 1833 fand die Trennung statt auf Betreiben Luise Raus. Mörike schien keine Aussicht auf eine Pfarrstelle zu haben, klagte über sein Amt, nannte es „VicariatsKnechtschaft“ (vgl. S. 47) und war dauernd in Geldsorgen. Berger umreißt die Stimmungslage der jungen Frau folgendermaßen: „Luise Rau löste die Verlobung  ̶  vielleicht unsicher geworden durch seine resignativen Züge und sein Schwanken im Hinblick auf das kirchliche Amt, vielleicht seinen dichterischen Ambitionen nicht gewachsen, vielleicht in Kenntnis des abgründigen Romans Maler Nolten.“ (S. 49)
Dem einzigen Roman im Werk Mörikes (den der Auror selbst die Genrebezeichnung „Novelle in zwei Teilen“ gibt) widmet Berger eine genaue Analyse. Mörike schrieb an dem Prosawerk von 1828 bis 1830, überarbeitete dann aber die „Urfassung“ von 1859 bis zu seinem Tod immer wieder, ohne dass er eine abschließende Version fand, die ihn zufriedenstellte. Es existieren also zwei Fassungen des Romans, die Erstausgabe von 1832 und die unvollendet gebliebene Überarbeitung. „In dem Roman breitet der Verfasser ein vielfach verwickeltes krisenhaftes Geschehen um den Maler Theobald Nolten und dessen Verlobte Agnes aus. Neben anderen Begebenheiten geht es um mancherlei Unglück, Verstrickungen in Schuld, dunkle Weissagungen des Zigeunermädchens Elisabeth, Suizide, depressive Verstimmungen, Todessehnsucht, das Ringen um künstlerische Selbstverwirklichung, ein Labyrinth von Geheimnissen, Albträume, Verirrungen, verletzende Geständnisse, dämonische Anwandlungen, Wahn“ (S. 52), schreibt Berger. Er nennt das Werk „kompositorisch überladen“ (S. 50), hält es aber auch für zukunftweisend und besonders dafür geeignet, um die Klassifizierung Mörikes als biedermeierlichen Idylliker zurückzuweisen: „Maler Nolten greift weit über das bürgerlich-biedermeierliche Lebensgefühl hinaus, indem das Gefahrvolle, Abgründige des Daseins und die Folgen der Abkehr vom natürlichen Leben vor Augen geführt werden.“ (S. 52) Das moderne Lebensgefühl habe Mörike in „Maler Nolten“ vorweggenommen durch Schilderungen „des Ausgeliefertseins an ein rätselhaftes Dasein, dessen Sinnhaftigkeit sich nicht erschließt, an Zwänge und Unfreiheit.“ (S. 54)
Der Leserschaft von Bergers Mörike-Buch, die den Titel „Freudenschein aus Finsternissen“ womöglich zunächst auf das Werk des Dichters bezogen hat, merkt im Verlauf der Lektüre, dass ebenso die Biographie des Verfassers der „Historie von der schönen Lau“ oder der „Lucie Gelmeroth“ darauf zutrifft. Der Hang zum Sich-treiben-Lassen, zum bereits erwähnten Ausweichen-Wollen und zur Hypochondrie nehmen sich wie Puzzle-Stücke eines Ganzen aus, das den Titel „Verborgenheit“ trägt – wie Mörikes bekanntes gleichnamiges Gedicht von 1832. Der „Freudenschein“ in diesem eher trüben Dasein besteht während Mörikes beinahe gesamtem Leben aus Freundschaften und dem Verfassen seiner poetischen Texte. Nicht nur im „Maler Nolten“ geht Mörike dabei seiner Zeit voraus. Auch in vielen seiner Gedichte greift er alltägliche Motive auf, was ein Merkmal moderner Literatur bedeutet, für die das Kleine und Unscheinbare, das Schwächlich-Sonderbare und sogar Gebrochene zum interessanten Sujet werden sollte. Diese Erkenntnis über Mörike tritt gleichberechtigt neben die Beobachtung, dass er auch eingehendes Interesse für antike Dichtung aufbrachte, als deren Übersetzer und Herausgeber fungierte und antikisierende Versformen in eigener Dichtung probierte.
Obgleich Mörike mit seinen Amtsgeschäften innerlich fremdelte und sie mehr und mehr ablehnte, war er stolz und zufrieden, als er im Juli 1834 Pfarrherr von Cleversulzbach wurde. Nicht zum wenigsten stand er sich ökonomisch besser, sein gesellschaftliches Ansehen wuchs, er ging nun als Wohnungsherr im berühmt-berüchtigt werdenden Pfarrhaus von Cleversulzbach umher – all dies signalisierte ihm, dass er eigentlich am Ziel seines beruflichen Weges angelangt war. Mutter und Schwester besorgten den Haushalt. Das familiäre Glück wurde jedoch getrübt durch zwei Brüder, die auf die schiefe Bahn geraten waren und Gefängnisstrafen zu verbüßen hatten. Immer wieder sah sich Mörike genötigt, ihnen finanziell auszuhelfen. Dadurch geriet er selbst in „unzureichende Vermögensumstände“ (vgl. S. 84) und musste von seinem Freund Wilhelm Hartlaub Darlehen aufnehmen. Seine Mutter starb 1841, sie wurde bestattet neben dem Grab von Schillers Mutter, Elisabeth Dorothea Schiller, geb. Kodweiß (1732–1802), deren letzte Ruhestätte Mörike mit einem steinernen Kreuz versah, in das er eigenhändig die Inschrift „Schillers Mutter“ meißelte. Berger zitiert eine anrührende Briefstelle Mörikes nach dem Tod seiner Mutter an Wilhelm Hartlaub: „Wie ist es möglich daß wir hier fortleben? Was wir ansehn, wo wir stehen u. gehen, da sprichts von ihrer lieben Gegenwart, die nimmer ist; beim kleinsten Geräth das sie täglich berührte, Stich auf Stich ins Herz!“ (S. 87)
Der anfängliche Stolz auf das endlich erlangte Pfarramt verflog unter dem Druck der Amtsgeschäfte rasch. „Die pastoralen Aufgaben drückten auf seine Seele“ (S. 79), schreibt Berger. Mörike versuchte sich noch zu behelfen, indem er sich von seinem Pfarrerfreund Wilhelm Hartlaub Predigten übersenden ließ, um nicht selbst welche ausarbeiten zu müssen, aber schließlich merkte er: es ging nicht mehr. Am 3. Juni 1843, im 39. Lebensjahr, reichte er sein Pensionsgesuch ein. Er sprach von einem „allgemeinen Schwächegefühl, das mich seit Jahren nie verlassen hat“. (vgl. S. 102) Zwei Tage später bekannte er gegenüber Hartlaub: „Ich bin nun ganz gewiß, daß mich das Amt umbrächte.“ (vgl. S. 103) Die Pensionierung wurde ihm bewilligt, das Ruhegehalt konnte nur gering sein.
Mörike war ein Naturfreund. Er hielt sich Haustiere, unternahm wie sein späterer Bewunderer Hermann Hesse ausgedehnte Wanderungen und zeigte auch praktisches Interesse an Versteinerungen und Mineralien. „Ausgerüstet mit Spitzhammer und Steinmeißel machte er sich oftmals auf den Weg.“ (116) Sein poetischer Sinn entfaltete sich in der Einsamkeit, wo – entgegen den Beschleunigungstendenzen seiner Zeit mit der beginnenden Industrialisierung – ein Einfall, eine Empfindung in aller Freiheit und allem Schutz reifen konnte, um sodann rasch oder langsam – je nachdem – niedergeschrieben zu werden.
Einer der Mitherausgeber der historisch-kritischen Gesamtausgabe Mörikes, Hans-Henrik Krummacher, schrieb an den Verfasser dieser Zeilen über das Buch Thomas Bergers, es sei „eine verständnisvolle Verbindung biographischer Passagen und ausgewählter Gedichte, ergänzt durch die zarten Zeichnungen von Jennifer Weber“ – was hier auch einmal erwähnt sein sollte. Die ausgewählten Gedichte machen das Werk Thomas Bergers auch zu einer Einführung in die bekanntesten Verse des schwäbischen Dichters; ein Verfahren, das ebenso auf die vorangegangenen beiden Bände der Trilogie zutrifft. Nach der Zitation der Primärtexte werden diese von Thomas Berger interpretatorisch umrissen. So auch das Gedicht „Auf einer Wanderung“, das im August 1845 in Mergentheim entstanden ist. Nach Beschreibungen beim Betreten eines „freundlichen Städtchens“ teilt das lyrische Ich Beobachtungen mit, die äußerer Natur sind. Doch ein Nachtigallenchor bewirkt eine Transformation im Empfinden des lyrischen Ichs: „die Blüthen beben […], die Lüfte leben“ und „in höherem Roth“ leuchten die Rosen vor. Damit ist – am Ende der ersten Strophe – der Bann des Alltags am Reich der Poesie gebrochen. In der zweiten Strophe gerät das lyrische Ich in einen sich steigernden Zustand veränderter Weltempfindung. „Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle“. (S. 121) Berger schreibt vom „rauschhaften Glück lyrischen Empfindens“ (S. 122), welche das Ich im Gedicht erfahre.
Mörike zeigte sich gegenüber dem Katholizismus unbefangen, was zu seiner Zeit noch lange keine Selbstverständlichkeit gewesen war. Er heiratete im Jahr 1851 sogar eine Katholikin, Margarethe von Speeth (1818–1903), mit der ihm jedoch auch kein „ganzes Leben und Glück zuteil“ (vgl. S. 45) werden sollte, wie Berger in anderem Zusammenhang aus einer Erzählung Hermann Hesses zitiert. Ab 1873 lebte das Ehepaar getrennt. Kurz vor Mörikes Tod kam es zu einer Versöhnung. Zurück ins Jahr 1851: Das Paar war bestrebt, sich in „ökonomischer […] Rücksicht“ (vgl. S. 135) besser zu stellen, Mörike unternahm deshalb verschiedene Bewerbungen – „bis er endlich einen Posten an einem Stuttgarter privaten Bildungsinstitut, dem 1818 von Königin Katharina von Württemberg (1788–1819) gegründeten Katharinenstift, bekam. Dort unterrichtete auch Gustav Schwab. Ab 15. Oktober 1851 arbeitete Mörike als Literaturlehrer für Mädchen und nahm mit seiner Schwester Wohnung in Stuttgart.“ (S. 136)
Bergers Buch gibt nicht allein biographische Angaben, eine Blütenlese der Lyrik Mörikes und behutsame Interpretationen dazu, sondern auch Einblicke in die Forschung, etwa was die Frage anbelangt, ob es sich bei dem schwäbischen Dichter um einen typischen Vertreter des Biedermeier handelt oder gar um einen heimlichen Revolutionär, der mit den Zielen der 1848er Bewegung sympathisierte.
Das letzte Kapitel von Bergers Buch behandelt Mörikes Zeit als Literaturlehrer in Stuttgart. Zwar ließen die Geldsorgen nicht nach, wurde seine Gesundheit schwächer, war er immer noch der alte Hypochonder, der, statt in Stuttgart, lieber ein „Häuschen in Igelsloch oder SiebenEich“ (vgl. S. 143) bewohnt hätte, ergaben sich Spannungen zwischen seiner Schwester Klara und seiner Ehefrau Margarethe, die den häuslichen Frieden untergruben – aber andererseits konnte Mörike auch eine gewisse Ernte seines schriftstellerischen Wirkens einfahren. Am 5. August 1852 verlieh ihm die Universität Tübingen ehrenhalber den Doktortitel, 1856 erfolgte sogar durch den König die Verleihung des Professorentitels, „ebenso die Berufung in das Kollegium des Maximiliansordens für Kunst und Wissenschaft durch den König Maximilian II. Joseph von Bayern (1811–1864) im November 1862 und der Empfang des Ritterkreuzes des württembergischen Friedrichsordens 1864.“ (S. 144f.)
Das größte Geschenk machte sich Mörike in jener Lebensphase selbst: Mit der Veröffentlichung seiner Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ im Jahr 1855 legte er ein Meisterwerk vor, das zur Weltliteratur zählt.  Die gesamte Novelle durchziehe „die Nähe von Freude und Ernst, von Glück und Leid“ (S. 152), schreibt Berger. Damit stellt das Werk auch die reinste Ausformung von Mörikes poetologischem Programm dar. „In die Mozartgestalt der Novelle legte Mörike das hinein, was er selber mit seiner Dichtkunst anstrebte; sie ist“ – und nun zitiert Berger den Germanisten Benno von Wiese – ‚der Spiegel seiner schönsten Möglichkeiten und verborgensten Gefahren und in alledem noch ein erhöhtes Wunschbild seiner selbst‘.“ (S. 153)
Der Titel von Bergers Mörike-Buch – „Freudenschein aus Finsternissen“ – wird am Ende der Lektüre völlig evident. Mörikes Leben barg manche Finsternisse, die mit seinem Charakter zusammenhingen, aber auch der conditio humana geschuldet blieben. – Dagegen war seine Poesie der unbezweifelbare Freudenschein, wodurch er sich in die Annalen der Literaturgeschichte einschrieb. Auch wenn Mörike der Meister des Rückzugs und der Verborgenheit gewesen ist, war ihm andererseits immer bewusst, dass seine Poesie aus der Brüchigkeit alltäglicher Erfahrung stammte.  Es ist die Situation, die auch uns bestimmt. Lassen wir uns von seinen Antworten herausfordern! Vergleichen wir sie mit den unseren, sofern wir uns dazu in der Lage sehen!

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