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Die Substanz des Universums

Von Bernd Pröschold


Ingbert Jüdt schrieb uns am 12.03.2026
Thema: Bernd Pröschold: Die Substanz des Universums

Die Idee, dass das, was wir als Realität erleben, vielleicht nur eine Simulation sein könnte, ist uns im Abendland geläufig, seit René Descartes die Idee eines »boshaften Genius, ebenso allmächtig wie verschlagen,« formulierte, der es bewirken könne, dass alle Sinneswahrnehmung nur eine Täuschung ist: »ich werde meinen, der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Töne und die Gesamtheit des Äußeren seien nichts anderes als Gaukeleien der Träume, durch die er meiner Leichtgläubigkeit eine Falle gestellt hat.« Das 20. Jahrhundert hat diese Idee als das Gedankenexperiment vom »Gehirn im Tank« neu aufgegriffen. Die Gehirn-im-Tank-Idee stellt die Begriffe von Realität und Simulation in Opposition zueinander: die Simulation ist nicht die Realität, sie tut bloß auf überzeugende Weise so, als ob sie es sei, und der reale Mensch kann sich nur im Gedankenexperiment, also in einer »suspension of disbelief«, auf den Standpunkt des im Tank isolierten Gehirns stellen. Das Buch von Bernd Pröschold entwickelt ein ausführliches Argument für die These, dass die Privilegierung einer »Realität« gegenüber einer »Simulation« im Sinne dieses Gedankenexperiments trügerisch ist. Unserem geläufigen Verständnis zufolge beruht eine Simulation auf Information (einem Strom von Signalen), und Information kann nur Simulationen erzeugen – die Realität beruht dagegen auf Substanzen und einem Strom kausaler Ereignisse. Pröschold kehrt diese Vorstellung um: »Das vorliegende Buch verfolgt die Idee, dass Information diejenige Substanz ist, die unserem Universum auf fundamentaler Ebene zugrunde liegt.« (S. 11) Aus dieser Perspektive fällt der Gegensatz von Realität und Simulation in sich zusammen: Realität und Simulation sind nicht unterscheidbar, und zwar nicht nur epistemologisch, sondern auch ontologisch ununterscheidbar. Der Weg, auf dem Pröschold dieses Argument entfaltet, ist ein kosmologischer: er marschiert mit den Siebenmeilenstiefeln des Begriffs durch Quantentheorie, Astronomie, Evolutionstheorie und die Philosophie des Geistes, um den Leser an die explanatorischen Grenzen des reduktionistischen Paradigmas der Naturwissenschaften heranzuführen. Zu dieser Problemstellung gehört auch die Frage nach dem Anfang des Universums: »Wie kann ein Universum aus dem Nichts hervorgehen und was sagt uns das über das Verhältnis von Geist und Materie?« (S. 10)

A. Synopse der Kapitelinhalte

1. Der Anfang: Im ersten Kapitel resümiert Pröschold, wie das Ursprungsproblem in die Naturwissenschaften gelangte: indem das in der Astronomie physisch beobachtbare Universum nach der Entdeckung der stellaren Rotverschiebung auf einen Ursprung zurückgerechnet wurde, der in der Idee des »Urknalls« (Big Bang) Ausdruck fand. Die Kette der physikalischen Kausalität hat damit einen Anfang, und sofort fragt das logische Denken danach, was diesen Anfang verursacht haben könnte. Damit steht die Erkenntnis der Realität vor einem Paradox, denn ein verursachter Anfang ist keiner mehr. Begrifflich drückt sich das im Unvermögen aus, »Nichts« ohne »Etwas« und umgekehrt zu denken. Der Autor zitiert Gottfried Wilhelm Leibniz' Frage, warum es »überhaupt« etwas gibt, und nicht vielmehr nichts. Steht der Philosophie, wie im Falle Leibniz', ein Gottesbegriff zur Verfügung, ist die Lösung einfach: die menschlichen Denkbegrenzungen werden rein deklarativ überwunden, indem man Gott zuschreibt, auch das zu vermögen, was den Horizont des menschlichen Verstehens überschreitet. So kann Gott zu seinem eigenen Entstehungsgrund, zur »causa sui«, deklariert werden. Ein naturwissenschaftliches Weltbild hat diese Möglichkeit nicht mehr. In diesem Rahmen kann die Verhandlung ohne praktische Folgen auf unbestimmte Zeit vertagt werden, das Problem wird aber gleichwohl in der Philosophie zum Wiedergänger. Hier setzt Pröscholds erster Argumentationsschritt an: wenn das Universum ursprünglich eine Informationsstruktur ist, dann kann es nicht nur auf mathematischem Wege verstanden werden, sondern es ist selbst eine Form von Mathematik. »In der Welt der Mathematik gibt es keine Substanz, die mit mechanischen Kräften vorangetrieben werden muss. Universen entstehen, weil es ausgehend von der Paradoxie möglich ist zu rechnen. Universen bestehen aus nichts anderem als mathematischen Operationen. Wir sind nichts anderes als Rechenvorgänge, Rechenvorgänge, die so komplex sind, dass ihnen eine Welt erscheint. Nur eine Mathematik, die auf Paradoxie beruht, ist in der Lage, ein Universum hervorzubringen.« (S. 31) Die Mathematik ist nicht nur epistemologisch, sondern auch ontologisch von Belang. Unter diesem Postulat kann man nach einem formalen Kalkül suchen, das mit einer Paradoxie beginnt. Ein solches Kalkül findet der Autor in George Spencer Browns Gesetzen der Form, die mit folgender Operation beginnen: »Triff eine Unterscheidung. Nenne sie die erste Unterscheidung. Nenne den Raum, in dem sie getroffen wird, den Raum, der durch die Unterscheidung geteilt oder gespalten wird.« (S. 3) Spencer Brown beginnt also nicht mit einem Zustand, sondern einer Operation, die von einem Operateur ausgeführt wird, den wir als Beobachter verstehen können. Der Anfang ist bereits als ein System von Relationen konzipiert, und der Schöpfungsakt besteht nicht in einem Erzeugen, sondern in einem Trennen. »Indem Spencer Brown Selbstbezüglichkeit zur Grundlage seines Kalküls macht, schafft er eine Mathematik, die sich selbst ans Laufen bringen kann.« (S. 30)

2. Das Allerkleinste: Die weitere Argumentation des Buchs macht sich die Rolle des Beobachters zunutze, denn in der Quantentheorie ist das Beobachten eine Operation, die einen Zustand festlegt. Damit ist der Übergang ins zweite Kapitel vollzogen. Hier resümiert der Autor die kosmologischen Konsequenzen der Quantentheorie, die zu einer Auflösung des Materiebegriffs geführt haben. Das Ur-Experiment der Quantenphysik ist das Doppelspalt-Experiment, das auf dem Verhalten eines Lichtstrahls beruht, an dessen Ambivalenz zwischen Welle und Teilchen wir uns sozusagen gewöhnt haben. Beunruhigender ist es, wenn uns der Autor anhand eines Experiments von Anton Zeilinger zeigt, dass auch Kohlenstoff-Nanopartikel, die wir eindeutig als Materie auffassen, dasselbe ambivalente Verhalten aufweisen und sich wie das Licht in »Geisterteilchen« mit dem Verhalten einer Wahrscheinlichkeitswelle verwandeln. Entscheidend ist nicht die Wahl des Objekts, sondern die Isolation des Versuchsaufbaus von äußeren Einflüssen. Die Bausteine der Materie nach herkömmlichem Verständnis, die Atome, sind folglich gar nicht selbst »materialistisch« interpretierbar: »Ein Atom, das nicht mit seiner Umgebung wechselwirkt, ist identisch mit seinem mathematischen Modell.« (S. 44) Was wir als physikalische Realität verstehen, kommt erst durch Systeme von Wechselwirkungen zustande, in denen sich Wahrscheinlichkeitswellen gleichsam gegenseitig beobachten. Pröschold schildert das Unbehagen, in das Physiker des frühen 20. Jahrhunderts wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Niels Bohr, Max Planck und Erwin Schrödinger durch solche Implikationen ihrer Experimente gestürzt wurden. »Was genau geschieht, wenn Quantensysteme miteinander wechselwirken, ist seit 100 Jahren Gegenstand hitziger Debatten.« (S. 51) Die einfachste Lösung, sich auf das praktische Arbeiten mit Messergebnissen zurückzuziehen und das »An-sich-Sein« der Quantenwelt außen vor zu lassen, ist dabei auf lange Sicht unbefriedigend geblieben. Pröscholds Skizze der verschiedenen Interpretationen der Quantentheorie leitet den Leser zu derjenigen Auffassung hin, die er in seinem Buch verteidigt: dass sich das Verhältnis von Wellenfunktion und Beobachter informationstheoretisch verstehen lässt, indem es als »Anzeige einer Unterscheidung« darstellbar ist. Der Beobachter ist nicht (in den Begriffen der Substanzmetaphysik formuliert) ein Akzidens, das zu der Substanz eines beobachteten Gegenstandes hinzutritt, sondern »Beobachtung« ist eine Operation auf der zweistelligen Relation von Beobachter und Beobachtetem, die gemeinsam ein System bilden. In einem auf diese Weise radikal relational verstandenen System wird der Begriff einer privilegierten Substanz hinfällig. An ihre Stelle tritt ein endloser Prozess, der als Rechenvorgang beschrieben werden kann. »Alles, was scheinbar aus Materie besteht, ist das Konstrukt komplexer Prozesse der Informationsverarbeitung, die in Strukturen auflaufen, die uns als Gehirne erscheinen.« (S. 62)

3. Das Allergrößte: Hatte das zweite, mit dem Mikrokosmos befasste Kapitel die Rolle des Beobachters direkt den Konzepten der Quantentheorie entnommen, führt das mit dem Makrokosmos befasste dritte Kapitel diese Rolle über den Begriff der Entropie ein. Dies erläutert der Autor anhand Charles Bennetts Lösung des Problems des Maxwellschen Dämons: Maxwells Dämon beobachtet die Geschwindigkeit von Gasmolekülen und ordnet sie separaten Kammern zu, wodurch – im Gedankenexperiment – zwischen beiden Kammern ein Wärmeunterschied entsteht, der sich zur Energieerzeugung nutzen ließe, was dann gegen die Gesetze der Thermodynamik verstieße. Bennetts informationstheoretische Lösung des Problems beruht darauf, den Beobachter nicht als neutral zu verstehen: im Akt der Beobachtung des vom Dämon kontrollierten Systems überträgt sich die Entropie des beobachteten Systems auf den Beobachter. Er ist Teil des Systems anstatt nur unbeteiligter Zuschauer: »Indem ein Beobachter Kenntnis über eine Zustandsgröße erlangt, überträgt er deren Entropie auf sich selbst«. (S. 77) Da Entropie als die Anzahl der Zustände definierbar ist, die ein geschlossenes System annehmen kann, verbindet der Begriff die Mikroebene mit der Makroebene: die Zustände der Partikel können nicht verstanden werden ohne Kenntnis des Zustandsraums des Gesamtsystems, zu dem sie gehören. Der Kenntniszuwachs des Beobachters ist Information, die er zugleich mit der Entropieübertragung erlangt. Entropie und Information stehen daher in umgekehrtem Verhältnis zueinander. Mit dem Informationsbegriff kann der Autor erneut Rechenvorgänge beanspruchen, um die Entstehung komplexer Strukturen zu erklären, ohne zum Zufall Zuflucht nehmen zu müssen: ein durch reinen Zufall entstehendes (gedankenexperimentelles) »Boltzmann-Gehirn« ist um viele Größenordnungen unwahrscheinlicher als eines, das durch Rechenvorgänge zustande kommt. Pröschold verweist hier auf die von Stephen Wolfram entwickelten mustergenerierenden Regeln, von denen einige in der Lage sind, bei genügend tiefer Iteration eine Irregularität und Komplexität hervorzubringen, die man der Regel selbst nicht ansieht. Ähnlich wie bei dem um einige Jahrzehnte älteren »Game of Life« von John Conway lässt sich an Wolframs zellulären Automaten die Entstehung von Komplexität aus simplen Regeln beobachten. Ein geeigneter realer Gegenstand, an dem sich die Frage nach der Entstehung von Komplexität weiter verfolgen lässt, ist daher die Entstehung und Entwicklung des Lebens: das Thema des vierten Kapitels.

4. Leben: Das Leben, also auch die biologische Evolution, scheint den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu verletzen: in einem Universum zunehmender Entropie erzeugt Leben lokal isolierte Bereiche, in denen die Entropie abnimmt oder zumindest stabil gehalten wird. Das ist gleichbedeutend damit, Information lokal zu erhalten. »Wir können Leben also als Prozess der Informationserhaltung definieren, der in der Lage ist, sich an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen.« (S. 97) Im Sinne der These vom Universum als einem Rechenvorgang bedeutet das: »Die Herausforderung besteht demnach darin, einen Rechenvorgang vom Rest des Universums abzukoppeln, ohne dass er unterbrochen wird.« (S. 98) Oder mit der Formulierung von William H. Calvin: die Evolution ist ein Fluss, der bergauf fließt. Die Fähigkeit von Rechenvorgängen, komplexe, sich selbst erhaltende und entwickelnde Muster hervorzubringen, illustriert der Verfasser an Conway's Game of Life, einem schon erwähnten zellulären Automaten: die Zellen dieses Automaten berechnen ihren Zustand, indem sie den Zustand ihrer Nachbarzellen beobachten und gemäß einer vorgegebenen Regel auswerten. Mit frei verfügbaren Programmen wie "Golly" können diese Experimente auf jedem PC nachvollzogen werden: sie veranschaulichen, wie aus einfachen Regeln und geschickt konstruierten Ausgangskonstellationen sich selbst reproduzierende oszillierende, sich bewegende, sich vermehrende und auch wieder aufhebende Muster hervorgehen, die bei hinreichend langer Iteration auch enorm komplex werden können: Die einzelne Zelle ist nichts, die Dynamik des Musters ist alles, Stillstand ist Tod. Pröschold leitet von dort zum Konzept der autopoietischen, also selbstorganisierenden Systeme über, wie es von Humberto Maturana und Francisco Varela entwickelt worden ist. Das sind Systeme, die über die Fähigkeit verfügen, die Bausteine, aus denen sie bestehen, selbst zu erzeugen bzw. zu reproduzieren, mit dem Befund: »Alle lebenden Systeme sind autopoietische Systeme.« (S. 105) Das Leben »entkommt« gleichsam dem generellen Prozess des Universums in einen relativ autonomen Bereich: »Leben ist somit ein Rechenvorgang, der sich vom Rest des Universums abgekoppelt hat und dadurch in der Lage ist, das Universum zu beobachten.« (S. 106) Es kommt nicht auf die Substanzen des Lebens an, sondern auf die Strukturen, die in der Lage sind, den Untergang ihrer Substanzen zu überleben. Fast alle Atome, aus denen der menschliche Körper besteht, sind nach einigen Jahren ausgetauscht (hier lässt sich der Begriff des »Stoffwechsels« ganz buchstäblich verstehen), aber die Struktur des Körpers bleibt erhalten, bzw. macht eine gerichtete Entwicklung durch. Entstehen dabei neue Beziehungsmuster zwischen Elementen einer niederen Stufe, die sich stabilisieren, entstehen »emergente« Strukturen einer neuen Komplexitätsstufe. Kommt es schließlich dazu, dass sich interne Bereiche lebender Wesen so verselbständigen, dass sie ihre eigenen Zustände beobachten und intern repräsentieren können, entsteht das, was wir »Bewusstsein« nennen.

5. Bewusstsein: Für die Charakterisierung des Bewusstseins (im fünften Kapitel) übernimmt Pröschold die knappe Formel Thomas Metzingers: »Bewusstsein ist das Erscheinen einer Welt.« Das bedeutet, dass das, was die Sinnesorgane wahrnehmen, im Organismus intern in eine Informationsstruktur transformiert wird. Bewusstsein hat einen physiologischen Preis: »Nur hinreichend große Gehirne können interne Systemzustände nochmals in sich selbst repräsentieren und große Gehirne brauchen jede Menge Zucker - Zucker den der Organismus zunächst irgendwo in seiner Umwelt gewinnen muss.« (S. 118) Die Entstehung eines Hochleistungsgehirns mit innerer Repräsentationsfähigkeit muss also beträchtliche evolutionäre Vorteile bieten. Ein solcher Vorteil besteht darin, von Reiz-Reaktions-Mustern determinierte Verhaltensweisen zu überwinden. Ein Organismus, der seinen sensorischen Input nicht unmittelbar in Verhaltens-Output übersetzt, erhöht seine Unabhängigkeit von der Umwelt. Das bedeutet aber, dass die interne Repräsentation der Umwelt einer Eigengesetzlichkeit folgt: ein repräsentierendes Gehirn konstruiert seine inneren Zustände. Repräsentation ist Konstruktion. Pröschold ist Fotograf, und so illustriert er das am Beispiel von Farbe und Licht: »In unserem Gehirn ist es dunkel. Das, was wir wahrnehmen, ist nicht das Licht, welches durch die Augen in unser Gehirn fällt, sondern ein Konstrukt unseres Gehirns. Licht ist nicht hell. Helligkeit ist eine Qualität, die ein System intern erzeugt, wenn es seine Umwelt auf eine bestimmte Art von Informationen abtastet.« (S. 125) Auch Farbensehen ist eine Konstruktion des Gehirns. Eine Kamera »sieht« anders. Zur inneren Autonomie der Konstruktion gehört auch ein leistungsfähiges Gedächtnis als eines »Sinnesorgans«, das es ermöglicht, Wahrnehmung mit bereits gemachter Erfahrung abzugleichen. Auch das trägt zum evolutionären Größenwachstum der Säugetiergehirne und letztlich des Gehirns von Homo sapiens bei. Aber nicht nur die erscheinende Welt, sondern auch das Selbst als Zentrum des Wahrnehmens und Handelns ist eine Konstruktion, und Handlungsfähigkeit ist eine Selbstzuschreibung. »Die Erfindung des 'Ich' ist ein Meilenstein der Sozialisation und ein Erfolgsmodell der kulturellen Evolution.« (S. 127) In der von Pröschold bevorzugten Terminologie lautet die Definition: »Bewusstsein entsteht, wenn ein rechnendes System eine virtuelle Instanz erzeugt, die Beobachtungen der Umwelt auf dieser Instanz abbildet.« (S. 129) Der Autor beruft sich in diesem Kapitel neben George Spencer Brown auch auf die Soziologie Niklas Luhmanns, genauer: auf dessen ab 1984 entwickelte »Systemtheorie II«, die als Theorie autopoietischer Systeme konstruiert ist und auch auf der Rezeption von Spencer Browns »Gesetzen der Form« beruht. Auf den gegen diese Systemtheorie vorgebrachten Einwand, dass soziale und kommunikative Systeme tatsächlich nicht autopoietisch, sondern allopoietisch sind, werde ich in der abschließenden Diskussion des Buchs eingehen. Der Rückgriff des Autors auf Luhmann ist aber im Kontext seiner eigenen Rezeption von Spencer Brown folgerichtig.

6. Das Leib-Seele-Problem: Mit der Erörterung des (menschlichen) Bewusstseins kann der Autor nun, im sechsten Kapitel, zur philosophischen Diskussion selbst zurückkehren und das Leib-Seele-Problem aufgreifen, das im eingangs erwähnten genius malignus von Descartes seine erste moderne Gestalt gefunden hatte: um mir gegen den Verdacht der arglistigen Täuschung meiner Sinne Selbstgewissheit zu verschaffen, kann ich mich nur auf die subjektive Gewissheit der phänomenalen Welt verlassen, die mir erscheint, und mich als reine res cogitans begreifen, die von aller res extensa getrennt ist (und die ich getrost den Naturgesetzen überlassen kann, die sich zwischen Descartes und Kant erstmals im Triumph der Newton-Laplaceschen Himmelsmechanik geltend machten). Das Phänomen des Bewusstseins widersetzt sich jedoch dem historischen Erfolg des reduktionistischen Programms der Naturwissenschaften und fordert es heraus. Auf reduktionistischem Wege lässt sich nicht erklären, warum dem Menschen eine Welt erscheint. Von der Außenperspektive der naturwissenschaftlichen Beschreibung lässt sich nicht in die Innenperspektive des wahrnehmenden Bewusstseins hinüberwechseln. Um ein Wortspiel mit dem Begriff der »Operation« zu treiben: Das operierende Gehirn, das mir Dinge zur Erscheinung bringt, ist nicht das operierte Gehirn, das ich im Operationssaal bei geöffnetem Schädel wahrnehme, weil mir auch diese Wahrnehmung vom operierenden Gehirn gegeben wird. Zwischen externer Beschreibung und phänomenaler Wahrnehmung liegt ein unüberbrückbarer hiatus irrationalis. Descartes' Dualismus von Geist und Materie wurde alsbald als philosophisch unbefriedigend empfunden. Der naturwissenschaftliche Reduktionismus insistiert demgegenüber auf einem naturalistischen Monismus: dem Physikalismus. Gegen beide Ansätze setzt Pröschold auf eine informationstheoretische Überarbeitung des Idealismus. Demnach ist Bewusstsein nur eine besonders komplexe Form von Selbstbeobachtung beziehungsweise Selbstreferenz, die eine Unterscheidungsoperation voraussetzt. Bewusstsein tut nur auf besondere Weise, was auch das Leben generell schon tut, nämlich eine Unterscheidung zwischen Selbst und Umwelt zu treffen. Bewusstsein bringt das Treffen solcher Unterscheidungen dem lebenden Organismus selbst zur Erscheinung. Idealistisch ist daran die Idee, dass das Universum ein Rechenvorgang ist. Damit ist seine »Substanz« diejenige des Geistes, nicht der Materie.

Pröschold ist sich dessen bewusst, dass er damit eine metaphysische Position bezieht: »Der in Paradoxien verstrickte Beobachter kann keine empirische – also keine auf Erfahrung gegründete – Aussage darüber treffen, aus welcher Substanz er besteht. Er kann also nicht feststellen, ob er aus Geist, Materie oder etwas anderem besteht. Die Welt, die erscheint, kann nicht die Welt sein, die sie ist. Die in der Welt erscheinenden Gehirne können nicht die Gehirne sein, die sie sind. Wir machen daher die metaphysische Annahme, dass die dem Universum zugrundeliegende Paradoxie aus Einheit und Differenz nur Rechenoperationen hervorbringen kann und nichts anderes. Somit bestehen der Mensch und sein Gehirn, genau wie der Rest des Universums, aus Rechenoperationen. Die Programme, die diese Operationen erzeugen, nennen wir Naturgesetze.« (S. 154) Descartes ursprüngliches Problem, das für den »cartesischen Dualismus« namensgebend war, ist der Philosophie trotz aller Versuche, darüber hinaus zu gelangen, erhalten geblieben. Die Option des Verfassers für einen informationstheoretischen Monismus ist somit ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel hin zu einem Weltbild, das die zuvor als schlechteste aller Möglichkeiten betrachtete Sichtweise zum Favoriten erhebt.

7. Ein neues Weltbild: Im siebten und letzten Kapitel fasst Pröschold die Merkmale eines solchen Weltbilds zusammen. Er erinnert daran, dass in der Geschichte der Naturwissenschaften schon mehrfach Substanzbegriffe gescheitert sind, die als Platzhalter für unverstandene Prozesse gedient hatten: das Phlogiston in der Chemie und der Äther in der Physik. Der Autor hegt zudem den Verdacht, dass auch die heute viel diskutierte »Dunkle Materie« ein solcher zum Scheitern verurteilter Substanzbegriff sein könnte. Der Physik sind die Substanzen gemeinsam mit dem Materiebegriff abhandengekommen. In der Philosophie sind Substanzbegriffe weitgehend durch Prozessbegriffen abgelöst worden. Aber das philosophische Grundproblem ist im Wesentlichen immer noch dasjenige des Descartes: »Wie lässt sich die Existenz von physischen und psychischen Phänomenen in ein und derselben Welt erklären?« (S. 167) Der Paradigmenwechsel, um den es Pröschold zu tun ist, stellt den Substanzbegriff radikal in Frage: die Vorstellung von Substantialität entfällt gänzlich, wenn man das Universum als Rechenvorgang versteht, der Unterscheidungen in einem Informationsraum prozessiert. »Ein solcher Informationsraum entsteht zwangsläufig aus dem Umstand, dass nicht einmal das Nichts Substanz hat. Sich selbst negierend, beginnt es zu rechnen.« (S. 169) Der Verfasser ist sich dessen wohl bewusst, was für eine Provokation dies darstellt: »Die Erkenntnis, ein Rechenvorgang zu sein, ist wohl mindestens so schockierend wie die Erkenntnis, nackt zu sein.« (S. 173) Dies erschüttert die Orientierungserwartungen, die in der Moderne an die Wissenschaft gerichtet werden wie zuvor an die Religion. Auf der anderen Seite wird die Idee der menschlichen Autonomie von der Bedrohung durch einen physikalischen Determinismus erlöst. »Indem sie sich von ihrer Umwelt unterscheiden, können sich hochgradig komplexe Systeme als autonome Agenten erleben, die in einer realen Welt zu Hause sind. (…) Erst in den virtuellen Realitäten bewusster Lebensformen kann die Welt als Welt erscheinen und der Mensch ist diejenige Daseinsform auf Erden, in der dieser Prozess seine bislang facettenreichste, tiefgründigste und sonderbarste Ausgestaltung gefunden hat. Nur der Mensch hat die ihm erscheinende Welt systematisch untersucht und Hypothesen über ihren Ursprung aufgestellt.« (S. 176 f.)

B. Kritische Würdigung

1. Das Gehirn-im-Tank-Problem

Man kann Pröscholds Antwort insgesamt als eine paradoxe Negation des Gehirn-im-Tank-Problems verstehen: Es ist nicht das Gehirn, das sich im Tank befindet. Die ganze Welt, das ganze Universum ist eine Daseinsform »im Tank«, insofern sie im Innersten auf der Verarbeitung von Information und Signalen beruht. Die Gegenüberstellung von »realer« Erfahrung und solcher, die bloß durch Signale simuliert wird, ist eine falsche Alternative. Man kann das anhand des klassischen Einwands von Hilary Putnam gegen die Gehirn-im-Tank-Idee erläutern: Putnam macht geltend, dass ein Gehirn-im-Tank (fortan als GiT abgekürzt) ein Referenzproblem hat: es kann sich nicht auf dasselbe beziehen wie Nicht-GiTs. Denn »GiT« bedeutet, dass die äußere Welt als Realität aus dem Modell subtrahiert wird, und nur welt-äquivalente Signale ans GiT gesendet werden, die aber nicht aus der »originalen«, das heißt »realen« Quelle stammen. Der Simulator kennt keine Bäume, er kennt nur Datenströme, die im GiT die Erscheinung von Bäumen auslösen. Die Sinneswahrnehmung des GiT referenziert daher keine echten Bäume. Die Wahrnehmung hat keinen Referenten, keinen empirischen Realitätsbezug. Anstelle eines Baums existiert nur ein Datenmuster, das die Wahrnehmung von »Baum« auslöst. Von GiTs zu reden, setzt also die Kenntnis eines Unterschieds in der referenzierten Realität bei GiT und Nicht-GiT voraus. Beim GiT ist der Tank zu berücksichtigen, in dem es schwimmt. Der Tank jene »Bedingung der Möglichkeit« des GiT, die (per definitionem) nicht als Sinneswahrnehmung vom Simulator geliefert wird, der Tank kann also nur ein hergeleitetes Gedankenkonstrukt des GiT sein. Denn der Simulator vermeidet um der Illusion willen gerade, dass der reale Tank eine Wahrnehmung des GiT sein kann.

Wenn der Satz »Ich bin ein GiT« vom GiT formuliert (gedacht oder »gesprochen«) wird, dann hat er somit keine empirische Referenz. Er ist gleichsam transzendental. Das GiT kann also von sich als einem GiT nicht aufgrund einer validen empirischen Referenz sprechen. Die Behauptung, ein GiT zu sein, widerspricht jeglicher Erfahrung, die es tatsächlich macht. Dieser hiatus irrationalis ist derselbe, der die cartesische res cogitans von der res extensa trennt. Er ist nur überwindbar, wenn man (entgegen der Konsequenz, die Putnam zieht) das Konzept des Simulators nicht abschafft, sondern es stattdessen ausdehnt. Der Simulator liefert in diesem Verständnis einen »baumförmigen« Datenstrom ans GiT dadurch, dass er den Baum selbst erzeugt. Dann kommt es freilich zu einem infiniten Regress der Existenzbedingungen des Baums. Es müssen mithin Schildkröten aufeinander stehen »bis ganz nach unten«. Der ontologische Hiatus der GiT-Idee ist also nur überwindbar, wenn der Simulator das ganze Universum simuliert. Dann hat man freilich die Idee der Realität insgesamt durch die Idee der Simulation ersetzt, allerdings wäre der Unterschied phänomenologisch gar nicht mehr vorhanden: Simulation, die weit genug fortgeschritten ist, ist von Realität nicht unterscheidbar. Dann es gibt keine Realität jenseits der Informationsverarbeitung mehr, und insbesondere gibt es keine »Substanz« mehr, die von ontologisch höherem Rang wäre als Information. In diesem Sinne ist Information die »Substanz des Universums«.

In der Gegenüberstellung von Substanz und Information geht allerdings ein anderes Merkmal von Pröscholds Argument beinahe unter: aufgrund der systematischen Integration der Funktion des Beobachters ist das informationelle Universum zugleich ein radikal relationales Universum. Jedwede Realität wird ausschließlich als Relation von Beobachter und Beobachtetem realisiert. Es gibt keine primitiven Washeiten, es gibt nur Eigenschaften, die die Kraft haben, Kausalbeziehungen einzugehen. Damit vertritt Pröschold einen naturphilosophischen Strukturenrealismus, wie wir ihn beispielsweise auch bei Michael Esfeld finden. Esfeld schreibt: »Statt … zu vertreten, dass den Kausalrelationen intrinsische und kategoriale Eigenschaften (reine Qualitäten) zugrunde liegen, kann man eine Metaphysik von Eigenschaften entwickeln, der zufolge die Eigenschaften als solche kausal sind. Statt dass das Wesen einer Eigenschaft eine primitive Washeit ist, handelt es sich um die Kraft, bestimmte Kausalbeziehungen einzugehen. Folglich zeigt sich das, was die Eigenschaften sind, in den Kausalbeziehungen, in denen sie auftreten bzw. in denen Objekte aufgrund der Eigenschaften, die sie haben, stehen. Man kann die Kausalbeziehungen und die Eigenschaften nicht voneinander trennen. (…) Wir schlagen vor, diese Sicht folgendermaßen zu präzisieren: Insofern Eigenschaften bestimmte Qualitäten sind, sind sie Kräfte, bestimmte Wirkungen hervorzubringen. Deshalb geben die Kausalbeziehungen zu erkennen, was die Eigenschaften sind, und der qualitative Charakter der Eigenschaften ist nichts Primitives.« (Esfeld 2010, S. 53) Auch in Esfelds Metaphysik kausaler Relationen ist der Substanzbegriff ein abgeleiteter Begriff. Auch diese ist auf eine kosmologische Epoche vor der Entstehung von Raum, Zeit und Materie anwendbar. Auch Pröscholds Information ist eine substanzlose Relation, die darum als »Substanz des Universums« aufgefasst werden kann, weil sie gleichsam übrigbleibt, wenn man die klassischen Substanzen in reine Relationsbegriffe aufgelöst hat.

Zwei Aspekte des Buchs sehe ich kritisch: Pröschold überschätzt erstens die Bedeutung Niklas Luhmanns, und hinsichtlich Spencer Browns »Gesetzen der Form« wird zweitens nicht deutlich genug, ob sie für das Anfangsproblem (den paradoxen Ursprung des Alls in einer »Unterscheidung« des Nichts) mehr als bloß eine aufschlussreiche Metapher liefern.

2. Überschätzung Niklas Luhmanns

Zum ersten Punkt: Pröschold lässt sich aufgrund seiner Wertschätzung für Spencer Brown sowie für Maturana und Varela davon überzeugen, dass Luhmanns ab 1984 entwickelte Theorie sozialer Systeme (die »Systemtheorie II« in Abgrenzung zu seiner früheren strukturfunktionalistischen Systemtheorie) als Theorie autopoietischer Systeme stichhaltig ist. Er übernimmt von Luhmann die Überzeugung: »Analytisch betrachtet, operiert Kommunikation allerdings autonom. Soziale Praktiken, wie zum Beispiel die Sprache, reproduzieren sich nämlich unabhängig von den konkreten Personen, die sie ausüben.« (S. 130) Dieser These ist zu widersprechen. Denn indem Sprache eine soziale Praxis ist, ist sie auf das Handeln sozialer Akteure, in diesem Fall: auf die Reproduktion von Sprechakten angewiesen. Sprache reproduziert sich im Vollzug von konkreten Sprechakten, nicht unabhängig von ihnen. Sprache als ein Regelsystem ist davon zwar unabhängig, aber das Regelsystem reproduziert sich eben nicht im Sinne einer Autopoiese, sondern ist in einem geschriebenen Text (der einzigen Möglichkeit, Sprache unabhängig von Sprechern zu konservieren) bloß impliziert. Nur durch die Praxis des Sprechens kann sich ein sprachliches Regelsystem im Zeitverlauf ändern. Sprache ohne Sprecher ist tot. Texte sind gleichsam mumifizierte Sprache: ein Text kann tausend Jahre lang in einem Tonkrug in einer trockenen Höhle verborgen liegen, ohne einen einzigen Gedanken zu generieren. Während die Wiederbelebung von menschlichen Mumien nur im Kinofilm möglich ist, kann mumifizierte Sprache dann – aber nur dann – wiederbelebt werden, wenn sie neue Sprecher findet. Alle Kommunikation ist von konkreter, praktischer Intentionalität belebt. Darum stirbt mündliche Überlieferung mit ihrem letzten Sprecher und seiner Erinnerung aus. Hat sie das Glück, als Text fixiert worden zu sein, kann sie tausend Jahre später als virtuelle Kommunikation zwischen einem lebenden und einem verstorbenen Sprecher in dem Maße wiederbelebt werden, in dem die Rolle des verstorbenen Sprechers von einem lebenden Textinterpreten neu besetzt wird.

Das gilt analog auch für Kommunikationssysteme, die sich nicht in der Weise von »psychischen Systemen« (intentionalen Individuen) abkoppeln lassen, wie Luhmann das behauptet. Psychische Systeme wie die der Menschenaffen, die nicht über die geteilte Intentionalität verfügen, welche die Voraussetzung für menschliche Kommunikation ist, reihen sehr viel weniger Gedanken aneinander als psychische Systeme, die sich in kommunikativen Beziehungen befinden, wie Homo sapiens. Dessen Gedankenreichtum wird erst dadurch möglich, weil er Gedanken denkt, die nur dann überhaupt entstehen, wenn sie sich in mehr als einem kommunikativ gekoppelten Gehirn befinden. Menschliche Kommunikation ist ein Vehikel, um sozial stabilisierte Gedanken zu denken. Anders als Pröschold das mit Luhmann das annimmt, ist der Mensch nicht »in autopoietische Teilsysteme zerfallen«, die »nicht länger sinnvoll als Einheit aufgefasst« (S. 177) werden können, sondern kommunikative und psychische Systeme sind wechselseitig konstitutiv verschränkt. Kommunikation fungiert direkt als externe Stabilisierung psychischer Zustände von Akteuren (Sprechern), und ihr Inhalt ist die geteilte Intentionalität zweier oder mehrerer psychischer Systeme.

Auch soziale Systeme sind evidenterweise allopoietisch: das soziale System des römischen Reichs zerfällt, wenn bestimmte römische Praktiken wie das Besiegen von Barbaren und der Wiederaufbau von durch Barbaren geplünderten Provinzen durch den Staat und die Armee nicht mehr im Handeln von Römern reproduziert werden. Ebenso erlischt das Muster des Kaisertums, wenn kein Kaiser einem verstorbenen oder abgesetzten Kaiser mehr nachfolgt. Zwar bietet das System Anreize in Form der Position des Kaisers, aber diese erzeugt die Kandidaten nicht im Sinne einer Autopoiesis: ein ehrgeiziger General entsteht nicht erst dadurch, dass in ihm Ambitionen auf den Kaiserthron geweckt werden. Autopoietische Prozesse sind nur in Systemen möglich, in denen die Elemente des Systems so eng an das Muster des Systems angekoppelt sind, dass sie den Untergang des Musters nicht überleben können. Aus der römischen Kommune kann sich jedoch die italienische und speziell die lombardische Kommune auch ohne das römische Reich entwickeln – vielleicht sogar besser als mit dem römischen Reich (das wäre die These von Walter Scheidel in Escape from Rome).

3. Stellenwert von Spencer Browns »Laws of Form«

Zweitens kann man nach dem systematischen Stellenwert von Spencer Browns »Laws of Form« fragen: ist seine Lösung des Anfangsproblems tatsächlich so einzigartig, wie Pröschold das suggeriert? Als die Philosophen des Deutschen Idealismus, erst Schelling und dann Hegel, darangingen, über das hinauszudenken, was sie als die Grenzen der Kantschen Philosophie betrachteten, griffen sie dabei auf das Werk eines Philosophen zurück, der in ihrer Jugendzeit neu entdeckt worden war: Baruch de Spinoza. Mit Spinoza verpflichteten sie sich darauf, ihre eigenen Denksysteme im Sinne eines philosophischen Monismus anzulegen und das Ganze der erkennbaren Welt aus einem ursprünglichen All-Einen heraus entwickelt zu betrachten. Sie hatten darum das Problem zu lösen, wie sich Spinozas ursprüngliche Substanz gleichsam in Bewegung setzen ließe. Hegels Formel aus der Jenaer Zeit besteht darin, die »Substanz als Subjekt« zu verstehen, also bereits den Anfang selbst als eine relational gegliederte Entität aufzufassen, und seine Wissenschaft der Logik beginnt mit ausführlichen Meditationen über den Zusammenhang von Sein, Nichts und Werden. Schellings und Hegels Naturphilosophie war kein Erfolg beschieden: im 19. Jahrhundert wurde die Kantsche Erkenntnistheorie zum Paradigma der Naturwissenschaften, während die Entwürfe des Deutschen Idealismus in Vergessenheit und Verruf gerieten. Für solche Schwierigkeiten gab es gute Gründe: die Naturwissenschaften befanden sich zur Zeit Schellings und Hegels nicht auf einem Stand, der es gestattet hätte, die Natur selbst in empirisch verankerte Systembegriffe zu fassen, wie uns das heute in Gestalt von Theorien dynamischer Systeme fern vom Gleichgewichtszustand geläufig ist. Kants vergleichsweise bescheidenes Verständnis wissenschaftlicher Begriffsbildung war dagegen dem Siegeszug der reduktionistischen Forschungsprogramme im 19. Jahrhundert zuträglich. Aber das Anfangsproblem könnte sich für jeden monistischen Denkansatz stellen, und Spencer Browns »Gesetze der Form« böten dann nur die formallogische Variante einer Antwort darauf.

Denn auch Spencer Browns »Gesetze der Form« sind kein naturwissenschaftlicher, sondern in erster Linie ein naturphilosophisch deutbarer Text. Das Postulat, dass das Universum in seinem tiefsten Grunde Mathematik ist, mag zutreffen, wird aber rein als solches vermutlich keinen Physiker zufriedenstellen. Soweit ich das als Nicht-Naturwissenschaftler (Soziologe) überhaupt einschätzen kann, könnte eine naturwissenschaftlich diskutable Version der Antwort möglicherweise in der Protyposis-Theorie von Thomas und Brigitte Görnitz zu finden sein, die abstrakte Quantenbits und »bedeutungsfreie Information« an den Anfang der Welt stellt. Anstatt (wie Spencer Brown vorgehalten wurde) bloß eine Variante der booleschen Algebra zu bieten, müsste ein formaler Ansatz vermutlich den besonderen Anforderungen einer Quantenlogik genügen. Diese Frage zu beantworten übersteigt jedoch die Kompetenz des Rezensenten.

C. Fazit

Diese Einwände vorgebracht, möchte ich zusammenfassend sagen, dass sie die wesentliche Leistung von Pröscholds Buch nicht mindern: der Verfasser zeigt überzeugend auf, dass dem heutigen naturwissenschaftlichen Wissen, soweit es materialistischen und reduktionistischen Paradigmen folgt, Aporien immanent sind, die einer Auflösung harren: wie lassen sich reduktionistische Modelle der Natur mit dem Phänomen des Bewusstseins vereinbaren? Bewusstsein mit einer Simulationshypothese zu verbinden, ist seit einiger Zeit in philosophische Mode gekommen. Die Simulationstheorie des Bewusstseins ist jedoch mit dem Stigma der gnostischen Täuschung behaftet: der boshafte Dämon des Descartes ist ein spätes Echo des betrügerischen Schöpfergotts der Gnosis, der die Menschenseelen in der materiellen Welt als einem Kerker oder Grab festhält und sie um die Erkenntnis ihres wahren göttlichen Seelenfunkens betrügt. Pröschold zeigt uns auf, dass der Simulationsbegriff obsolet wird, wenn man das Universum als Ganzes und in seiner innersten Verfassung als informationelle Struktur auffassen kann. Dass der Verfasser dabei den Begriff der Substanz in den Titel stellt, darf gleichermaßen als intelligente Provokation wie als didaktischer Kunstgriff verstanden werden, denn im Verlauf seiner Argumentation hat er dessen geläufige Bedeutung Schritt für Schritt überzeugend aufgelöst. Der cartesische Dualismus ist ungeachtet aller Versuchen seit Kant, ihn aufzulösen, ein hartnäckiges Problem der modernen Philosophie geblieben. Bernd Pröschold schlägt uns hierfür eine kenntnisreiche und wohlüberlegte und zugleich lesbare und allgemeinverständliche Antwort vor.

D. Literatur

Descartes, René (2008), Meditationes de prima philosophia. Lateinisch-deutsch. Hg. v. Christian Wohlers. Hamburg: Felix Meiner
Esfeld, Michael; Sachse, Christian (2010), Kausale Strukturen. Einheit und Vielfalt in der Natur und den Naturwissenschaften. Berlin: Suhrkamp
Förster, Eckart (2018), Die 25 Jahre der Philosophie. Eine systematische Rekonstruktion. 3., verbesserte Auflage. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann
Görnitz, Thomas; Görnitz, Brigitte (2016), Von der Quantenphysik zum Bewusstsein. Kosmos, Geist und Materie. Berlin, Heidelberg: Springer
Putnam, Hilary (2004), Brains in a Vat. In: Hilary Putnam: Reason, Truth and History. Cambridge: Cambridge University Press, S. 1–21
Scheidel, Walter (2021), Escape from Rome. The Failure of Empire and the Road to Prosperity. Princeton, Oxford: Princeton University Press
Spencer-Brown, George (1999): Laws of Form. = Gesetze der Form. Lübeck: Bohmeier
Wirsching, Günther; Schmitt, Ingo; Wolff, Matthias (2025): Quantenlogik Band 1. Eine Einführung für Ingenieure und Informatiker. 2. Auflage. Berlin: Springer Vieweg
Wolfram, Stephen (2002), A New Kind of Science. Champaign, Ill.: Wolfram Media

Golly (Conway's Game of Life Simulator): golly.sourceforge.io/

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