Leserbriefe zur Rezension

Richard Wagner als Vorläufer der Nazis?

Jens Malte Fischer über Wagners Antisemitismus

Von Ursula Homann


Heinz-J. Schönhals schrieb uns am 19.07.2010
Thema: Ursula Homann: Richard Wagner als Vorläufer der Nazis?

Eine Verteidigung des Menschen Richard Wagner!

Wagners Antisemitismus muss etwas anderes gewesen sein als der Rassismus Hitlers und der Nazis. Ein echter Antisemit will mit Juden nichts zu tun haben. Wagner hingegen hatte Umgang mit Juden: In Paris verkehrte er mit Heine, Halévi und Meyerbeer, in Deutschland zählten zu seinen Freunden musikliebende und musikausübende Juden. Zwar hat er sich Meyerbeer gegenüber später ungerecht verhalten; erst recht ungerecht waren dann seine aggressiven Pauschalurteile in "Das Judentum in der Musik", und man mag hieraus mit Recht den Schluss ziehen, dass Richard Wagner als Mensch einen etwas bedenklichen Charakter hatte. Ich würde das unter die Rubrik "menschliche Schwächen" einordnen. Heute begeht man aber den Fehler, den Komponisten wegen dieser menschlichen Schwäche zu verteufeln, weil man unsinniger Weise eine Verbindung von ihm zu Hitler zieht. Mit Hitlers Judenhass hatte Wagners Einstellung zu den Juden nichts zu tun. Ein Judenhasser hat doch keine jüdischen Freunde! Wagner aber hatte sie: In seinem Hause verkehrten der jüdisch-russische Pianist Rubinstein und der jüdische Dirigent Lévi! Letzterer wohnte sogar bei den Wagners, und Richard Wagner bestand darauf, dass er die Uraufführung seines Parsifals dirigierte. Handelt so ein Antisemit? Gegenüber Lévi äußerte er einmal massive Kritik an den Hamburger "Bankjuden". Lévi antwortete, er, Wagner, "nubbele“ an seiner Seele (s. Cosima Wagners Tagebücher). Gerade hier wird die spezifische Art der wagnerschen Haltung zu den Juden deutlich. Es ist ein Hass auf materialistisch eingestellte Juden, im Grunde ein Hass auf den Materialismus schlechthin, auf die Reduzierung des menschlichen Strebens auf Geldverdienen und Geldvermehrung. So etwas war ihm, dem Idealisten und Kunstjünger, ein Gräuel. Diesen Materialismus sah Wagner offenbar im Judentum verkörpert (im 19. Jahrhundert hegte man noch das Vorurteil, die Juden, jahrhundertelang auf Geldgeschäfte beschränkt, seien Materialisten und deshalb zur Kunst nicht fähig). Dieser Hass richtete sich aber auf das Judentum als eine abstrakte Größe, nicht auf einzelne Juden, die Wagner als Diener und Jünger der Kunst entgegentraten. Gegen die hatte er nichts, im Gegenteil: er mochte sie. So sehen wir einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Antisemiten Hitler und dem „Antisemiten“ Wagner: Hitler hasste jeden Juden ohne Ausnahme, Wagner nur diejenigen, welche für ihn den Materialismus verkörperten.