Leserbriefe zur Rezension

Eine erfolgreiche Frau?

Rowohlt legt Neuentdeckungen aus dem frühen 20. Jahrhundert vor – der erste Roman in der neuen Reihe, Christa Anita Brücks „Ein Mädchen mit Prokura“

Von Walter Delabar


Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 07.12.2023
Thema: Walter Delabar: Eine erfolgreiche Frau?

Nicht nur Irmgard Keun, auch Kurt Tucholsky hat den Roman von Christa Anita Brück »Schicksale hinter Schreibmaschinen« mit der Aussage: »Diese Angestelltengeschichte ist ein Schmarrn.« deutlich kritisiert. (Zitiert nach: Volker Weidermann, Das Buch der verbrannten Bücher, Kiepenheuer und Witsch, München 2009, S. 62). Aber jetzt geht es um ihren zweiten Roman »Das Mädchen mit Prokura«.
Ob die Protagonistin Thea Iken tatsächlich eine erfolgreiche Frau wird, will ich nicht beurteilen, aber die Haltung der Studentin Brigitte Neubert ist sehr fortschrittlich: »Es ist Raubbau in meinen Augen, wenn ein Arbeitgeber das Leben seiner Angestellten buchstäblich auffrisst, wenn er sie von morgens früh bis abends spät hinter den Schreibtisch klemmt, wenn er ihnen die Möglichkeit nimmt, neben dem beruflichen Leben auch noch ein, wenn auch nur kleines, Privatleben zu führen.« (S. 176).
Der Roman wurde 1934 verfilmt, hier fehlt aber die Episode der fortschrittlichen Studentin Brigitte Neubert (hat Christa Anita Brück dem zugestimmt?), diese Haltung passte den Nationalsozialisten wohl nicht ins Konzept, das wird im Nachwort auch von Magda Birkmann betont. Weiterhin ist der Roman auch vor dem Hintergrund der Biografie Christa Anita Brücks zu betrachten. Eine eindeutige politische Haltung vertritt die Erzählerin im Roman nicht, so sagt Albert nur: »Ich geh nach der Partei.« (S. 73). Auch aus dem Zusammenhang kann man nicht erschließen, welche Partei gemeint ist. Ist es die NSDAP oder die SPD? Das deutet vielleicht auch schon auf die weitere Entwicklung der politischen Haltung der Schriftstellerin hin, bei der sich eine Hinwendung zum rückschrittlichen nationalsozialistischen Frauenbild zeigt (so Magda Birkmann im Nachwort, S. 253).
Meine Rezension ist hier zu finden: https://mittelhaus.com/2023/10/14/christa-anita-brueck-ein-maedchen-mit-prokura/
Margret Hövermann-Mittelhaus