Leserbriefe zur Rezension

Kläglich gescheitert?

Dicke Bücher, die wir nicht gelesen haben

Von Dirk Kaesler


Karl-Josef Müller schrieb uns am 07.12.2023
Thema: Dirk Kaesler: Kläglich gescheitert?

Wer wollte bestreiten, dass man niemenden dazu zwingen kann, dicke Bücher zu lesen? Aber das ist nicht der zentrale Punkt, denn es gibt Geschichten, bei denen es uns sehr leicht fällt, sich mit ihnen und ihrem Personal zu identifizieren, da kann das Buch so dick sein wie es will.
Und es gibt dicke - und dünne - Bücher, die uns einen enormen Widerstand entgegensetzen. "Aber wenn die Mühsal überwiegt (...),  warum soll man dann weiterlesen?" Weil man, trotz oftmals quälender Lektüre, eine Erfahrung machen kann, die ohne diese so widerständigen und leserunfreundlichen Werke nicht zu haben ist. Nochmals, kein Zwang, aber das Eingeständnis eines Verlustes.
Der Verfasser dieses Leserbriefs erspart es sich, mit seiner eigenen Lektüre so dicker wie schwieriger Bücher zu protzen. Aber man kann die Lektüre oder den Konsum der DVDs von Game of Thrones nicht vergleichen mit der Lektüre von Ulysses. Game of Thrones ist im Grunde genommen das alte Stück, von dem schon Heine sprach, während der Ulysses uns die Welt ein wenig anders sehen lässt. Das eine ist Unterhaltung, das andere Kunst.

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.


Dirk Kaesler schrieb uns am 07.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Dirk Kaesler: Kläglich gescheitert?

Lieber Herr Müller,

herzlichen Dank für Ihre engagierte Reaktion auf unsere Kolumne.

Ja, diese Unterscheidung von "Unterhaltung" und "Kunst" galt für lange Zeit. Beides sei, so argumentierte man, unvereinbar. Während "Kunst" als hochkulturelle Errungenschaft für anspruchsvoll und ästhetisch wertvoll bezeichnet wurde, hatte "Unterhaltung" den Ruf des Einfachen, Leichten, ja sogar des fast schon Minderwertigen. Auch wenn diese Ansichten aus Sicht der Wissenschaft überholt sind, hat sich die alltägliche Einteilung in U (Unterhaltungs-) und E (ernste)-Kultur bis heute erhalten, was dazu führt, dass Unterhaltung noch immer weniger gewürdigt wird als Kunst. Es stellt sich jedoch immer drängender die Frage, wie diese beiden doch so unterschiedlich konnotierten Begriffe verbunden werden können, um überhaupt von „Kunst als Unterhaltung“ sprechen zu können.

Wenn Sie sich die Mühe - und Freude - machen wollen, nicht nur den Trailer von GoT anzusehen, sondern wenigstens eine ganze Staffel, werden auch Sie vielleicht zum Ergebnis kommen, dass David Benioff und David Brett Weiss Künstler sind.

Herzlich grüßen Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim


Karl-Josef Müller schrieb uns am 07.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Dirk Kaesler: Kläglich gescheitert?

Lieber Herr Kaesler, liebe Frau von Wietersheim,
mit sechzehn Jahren kamen mir die Romane von Franz Kafka in die Hände, eine graue Leinenausgabe vom Fischer-Verlag. Eine quälende Lektüre begann, aber etwas war da, dass es mir verunmöglichte, das Buch beiseite zu legen.
Nun sind die drei Romane von Kafka keine sehr dicken Wälzer, aber ich denke, in Ihren Überlegungen geht es nur auf den ersten Blick um "Dicke Bücher, die wir nicht gelesen haben." Es geht um Bücher, die einem nicht entgegenkommen, weil sie unsere a priori vorhandenen Erwartungen eben nicht erfüllen.
Und nochmals: jeder entscheidet, was er liest, keiner kann gezwungen werden, sich mit den Büchern von William Gaddis, Joshua Cohen, David Foster Wallace oder Robert Musil zu beschäftigen, um nur einige Beispiele für 'schwierige' Romane zu nennen.
Eine Zeitschrift, die sich literaturkritik nennt, hat jeder Art von Literatur gegenüber, so scheint mir, eine besondere Verantwortung. Nein, es geht nicht um die Abwertung von Unterhaltungsliteratur zugunsten der 'hohen' Kunst. Es wäre sicher interessant, sich mit der von Ihnen erwähnten Leserin zu unterhalten: "Wir kennen Leserinnen, die können mit einem Buch nicht aufhören, auch wenn sie es nicht wirklich gut finden. Wir sind nicht so, wir können ein Buch beiseitelegen."
Fünfzig Jahre nach meinem Kafka-Erlebnis wurde ich mit einem Roman konfrontiert, der mich als Leser an den Rand meiner Möglichkeiten brachte: Joshua Cohen "Witz". Mein Urteil lautete zunächst: eine Zumutung, eine Unverschämtheit. Doch je länger die Lektüre zurückliegt, desto zeigt sich, dass dieser Roman weiterwirkt. Nein, es ist nicht so wie in den letzten Zeilen von Rilkes Gedicht "Archaïscher Torso Apollos": "denn da ist keine Stelle, /
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern." Aber je länger die Lektüre von Cohens Roman zurückliegt, desto wertvoller wird mir die Erinnerung daran.
Sie schreiben "Während "Kunst" als hochkulturelle Errungenschaft für anspruchsvoll und ästhetisch wertvoll bezeichnet wurde, hatte "Unterhaltung" den Ruf des Einfachen, Leichten, ja sogar des fast schon Minderwertigen. Auch wenn diese Ansichten aus Sicht der Wissenschaft überholt sind, hat sich die alltägliche Einteilung in U (Unterhaltungs-) und E (ernste)-Kultur bis heute erhalten, was dazu führt, dass Unterhaltung noch immer weniger gewürdigt wird als Kunst." Schließen Sie sich dieser Wissenschaft - welcher? - an, es scheint mir so. Ich kann dem nicht zustimmen, nicht, weil ich Unterhaltung verachten würde und die Hochkultur für erbaulich, vorbildlich oder was auch immer halte. Aber wenn ich ein Buch rezensiere, dann kann es nicht (nur, aber auch) darum gehen, ob es unterhaltsam ist oder spannend. Ein Buch, ein Kunstwerk, welcher Art auch immer, das mir etwas bedeutet, möchte ich, wenn ich mich dazu äußere, dem Leser anempfehlen, ihn vielleicht sogar dazu überreden, seine Widerstände zu überwinden und sich auf eine unsichere und anstrengende Reise zu begeben.
Es geht mir um eine Ästhetik des Widerstands, ein Roman von Peter Weiss, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber hätte ich mich der Anstrengung nicht unterzogen, wäre mein Leben einer bedeutsamen Erfahrung ärmer.
Und nun möchte ich zum Abschluss betonen, was mich an Ihren Ausführungen stört. Es geht darum zu begreifen, dass, wer dem Widerstand ambitionierter Kunst ausweicht, sich vor Augen halten sollte, dass dies für ihn einen Verlust bedeutet.