Karl-Josef Müller schrieb uns am 04.12.2024
Thema: Stephan Wolting: Der bescheiden hermetische Aufklärer der Bundesrepublik
"Ein Moment des Schreckens" titelt Mark Siemons seine Besprechung der Gespräche, die Stefan Müller-Doom und Roman Yos mit Jürgen Habermas geführt haben. Dem eigentlichen Text vorangestellt wird der Schwerpunkt seiner Überlegungen:
"Jürgen Habermas bleibt bei seiner Kritik am Ukrainekrieg. Ist das Denken, für das er steht, durch die Zeitenwende hinfällig geworden? Ein großes Interview über sein Lebenswerk (...) legt das Gegenteil nahe."
Was in dieser Rezension das Zentrum bildet, taucht bei Stephan Wolting in einem einzigen Satz auf:
"Eingegangen wird auch auf seine jüngsten politischen Äußerungen zum Ukraine-Krieg, für die er hat viel Kritik einstecken müssen."
Offen bleibt die Frage, wofür Habermas Kritik hat einstecken müssen. Doch während Wolting, man möchte fast sagen: weniger als beiläufig, auf die Äußerungen von Habermas zum Ukrainekrieg eingeht, stellt Mark Siemons sie in den Mittelpunkt seiner Überlegungen:
"Die Beharrlichkeit des Philosophen in dieser Sache kann kaum überbewertet werden." Mit der Sache ist der Ukrainekrig gemeint. Weiter: "Sie ist ja nicht einfach eine Meinung wie jede andere, sondern ist (...) aufs Engste mit einem Theoriegebäude verknüpft, das für die alte Bundesrepublik und deren Perspektive für die Zukunft stand. Die Frage nun ist: Ist dieser Denktypus angesichts des Ernstfalls eines Krieges, der direkten Bedrohung durch einen skrupellosen Aggressor, hinfällig geworden?"
Habermas wirft dem Westen vor, durch die Waffenlieferungen den Krieg lediglich zu verlängern und zu ermöglichen, eine Haltung, der sich Siemons, wenn wir ihn richtig verstehen, anzuschließen scheint:
"Es sieht so aus, als würde die eingangs genannte Kritik an Verhandlungsforderungen wie ein Abwehrmechanismus gegen jedes weitere Nachdenken funktionieren: Wenn nur festgestellt ist, dass Russland der Aggressor und eine echte Bedrohung auch für den Westen ist, gilt offenbar nur noch die Frage, wie viele Waffen man zur Unterstützung der Ukraine liefern soll, als moralisch legitim."
Was nun hat die Frage nach Waffenlieferungen an die Ukraine mit der Philosophie von Habermas zu tun? Es ist, und das wird in der Besprechung von Wolting unserer Ansicht nach nicht deutlich, die Frage, ob Habermas' Glaube an die Vernunft, an die Macht des Diskurses, an die Möglichkeit eines rationalen Gespräches - herrschaftsfrei - noch einen Rückhalt in der historischen Wirklichkeit hat. Wer ist das Wir, von dem Habermas spricht, ist der Diktator im Osten ein Teil dieses Wir, lassen sich die Potentaten dieser Welt beeindrucken von einer Theorie des kommunikativen Handelns? "'Wir sind es, die uns zusammenrappeln müssen!'" Ist es nicht naiv, von Habermas wie von Mark Siemons, der sich dem Philosophen anschließt, zu hoffen, dass China "eines Tages die Vernünftigkeit einer Menschenrechtsordnung erkennt, 'die der Menschheit im Ganzen gehört.'" Nochmals abschließend Siemons: "Das ist ein überraschender Ausblick, für den es momentan leider wenig Anhaltspunkte gibt." Gerne würde ich diesen Rest Hoffnung teilen, aber es fällt mir zunehmend schwer.
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Stephan Wolting schrieb uns am 10.12.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Stephan Wolting: Der bescheiden hermetische Aufklärer der Bundesrepublik
Sehr geehrter Herr Müller,
ich habe Ihre Kritik an meiner Besprechung und den Verweis auf die Rezension von Mark Siemons erhalten, und war doch einigermaßen erstaunt. Selbst konzedierend, dass der Ukraine-Krieg zurzeit eines DER gesellschaftlichen Themen ist, so taucht das Thema in dem von mir besprochenen Buch in nur geringem Umfang auf.
Ich kann Ihnen, sobald ich von meiner Gastprofessur zurück bin, weshalb mir das Werk zurzeit nicht vorliegt, die Seiten nennen, deshalb überrascht es mich umso mehr, dass sowohl in ihrer Mail als auch in der Rezension dem eine so exponierte Stellung eingeräumt wird.
Natürlich habe ich mir bei Abfassen der Rezension diese Gedanken selbst auch gemacht. Aber: Schon allein das quantitative Element der Anzahl der Seiten, entkräftet Ihr Argument. Sie können sich gerne bei der Lektüre des Werks selbst davon überzeugen (sie beziehen sich ja dabei nicht auf das Werk, sondern auf die andere Rezension), sonst kann ich Ihnen, falls gewünscht, nach meiner Rückkehr die Seiten genau nennen. Und ein Hinweis auf den Zusammenhang des Denken Habermas und seiner Haltung, was den Ukrainekrieg betrifft, lässt sich in dem Werk ebensowenig finden. So kann ich Ihre Kritik nicht nachvollziehen und nur zurückweisen,
mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Stephan Wolting
PS: Hach meiner Rückkehr, wenn ich die Seiten genau abgeglichen habe, werde ich dann meine explizite Replik an literaturkritik.de senden.
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