Leserbriefe zur Rezension

Trügerische Traditionen mit Blauschleier

In „Heimat“ erzählt Hannah Lühmann realitätsnah und packend von der Verführbarkeit einer knapp 40-jährigen Frau

Von Anne Amend-Söchting


Karl-Josef Müller schrieb uns am 03.11.2025
Thema: Anne Amend-Söchting: Trügerische Traditionen mit Blauschleier

Beginnen wir mit einer Reihe von Begriffen und Formulierungen:
Evasionsfilmen der 1950er Jahre
onomasiologisches Netz
Kompartiment
homodiegetische Erzählstimme
auf Instagram Reels und Slides über ihre Aktivitäten als Hausfrau
einen engen emotionalen Konnex
exazerbiert
Der erste Preis gebührt exazerbiert, ein Begriff, der, wenn wir korrekt recherchiert haben, aus der Medizin stammt:
Unter Exazerbation (lateinisch Exacerbatio; von acerbus „bitter“‚ [ex-]acerbare „aufstacheln“, „verschlimmern“) oder Rekrudeszenz; von crudus „rauh“, „blutig“, recrudesco „wieder ausbrechen“ (oder Aggravation; von gravis „schwer“, „schlimm“, aggravatio „Verschlimmerung“) versteht man in der Medizin die deutliche Verschlechterung des Krankheitsbildes bei chronisch verlaufenden Erkrankungen.[1] Als „akute Exazerbation“ wird dementsprechend eine plötzlich auftretende Verschlechterung bezeichnet.
Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einer Remission um eine (vorübergehende) Besserung von Krankheitssymptomen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Exazerbation
Und dann ein Zitat der Rezension, welches das Problem des Textes wider Willen auf den Punkt bringt:
"Aber das Vermögen ironischer Distanzierung, des Abstandhaltens, das sich nicht wenigen Menschen außerhalb der Tradwife-Szene explosiv bei diesem Content vermitteln dürfte, ist den meisten innerhalb der Szene verlustig gegangen."
Dieses Vermögen ist sowohl der Autorin des rezensierten Romans als auch der Rezensentin verloren gegangen. Folgt man der Inhaltsangabe - und über weite Strecken der Rezension handelt es sich um eine solche - so entsteht das Bild einer dergestalt konstruierten Handlung voller Klischees, dass einem jede Lust an der Lektüre des Romans vergeht - und das ist wahrscheinlich gut so. Die Rezensentin scheint zu ahnen, woran dieser Roman krankt, doch sie möchte ihn unbedingt 'retten':
"Von der Skepsis zur Akzeptanz – diesen Weg hätte man sich ein bisschen differenzierter wünschen dürfen, aber auch solche Metamorphosen können leider realistisch sein."
Natürlich kann der Begriff der Heimat missbraucht werden, und oft genug ist das geschehen. Doch er zählt nicht zu den apokalyptischen Reitern, wie die Rezensentin nahelegt:
"'Heimat' – kaum ein Begriff ist überdeterminierter, alltäglicher und polarisierender. Wenn heutige Erwachsene diesen Begriff spontan und nicht intentional heranziehen, dann sind sie sich entweder seiner Problematik nicht bewusst oder sie wollen mit seinem Einsatz ein deutliches politisches Statement setzen."
Wir zitieren Kurt Tucholsky:
„Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es. Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. […] Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“
Die stille Liebe zu unserer Heimat - was ist daran auszusetzen? Und es gilt, dass man sich wohl gerne dort niederlässt, wo man singt; falsch hingegen ist, dass böse Menschen keine Lieder hätten.
Und so steht diese Rezension mit dem oben zitierten Auftakt von Beginn an unter einem schlechten Stern. Sind sie nicht (auch) einfach lächerlich, diese Tradwifes, sollten wir uns nicht (auch) über sie lustig machen dürfen? Aber hier wird alles bierernst genommen, als stünde der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor. Es ist doch ein Mär zu glauben, eine nennenswerte Zahl von Frauen ließe sich mir nichts, dir nichts verführen zu einem Leben in häuslicher Enge. Wer sich dafür entscheidet, den können wir wahrscheinlich nicht aufhalten, und schon gar nicht durch Romane wie den von Hannah Lühmann.
Und noch ein schöner Satz zum Abschluss,
"Derweil schreitet die Schwangerschaft fort. Mit der Geburt will Jana unbedingt warten, bis Karolin aus dem Urlaub mit ihrer Großfamilie zurückkehrt. Sie soll ihr bei der natürlichen Geburt beistehen. Ob und wie das Kind zur Welt kommt, bleibt offen. Wehen hat Jana schon."
Wir vermuten, dass eher eine 'sanfte Geburt' gemeint ist, Gott sei Dank haben die Wehen schon eingesetzt!


Anne Amend-Söchting schrieb uns am 09.11.2025 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Anne Amend-Söchting: Trügerische Traditionen mit Blauschleier

Beginnen wir mit einer Reihe von Begriffen und Formulierungen:

Einen Kommentar mit einem majestätischen Plural zu beginnen ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass ein „alter weißer Mann“ im Wissenschaftsjargon der 1960er und 1970er Jahre steckengeblieben ist – ein alter weißer Mann, der alles andere als weise ist, weil er nicht nur wegen des mehrfach vorkommenden „Wir“, sondern mit seinem Kommentar insgesamt vollumfänglich in die Macho- und Mansplaining-Falle hineingerät.

Evasionsfilmen der 1950er Jahre
onomasiologisches Netz
Kompartiment
homodiegetische Erzählstimme
auf Instagram Reels und Slides über ihre Aktivitäten als Hausfrau
einen engen emotionalen Konnex


Weshalb kann man nicht wenigstens erläutern, was an diesen Begriffen nicht stimmen sollte? Alle sind wohlüberlegt eingesetzt worden.


exazerbiert
Der erste Preis gebührt
exazerbiert, ein Begriff, der, wenn wir korrekt recherchiert haben, aus der Medizin stammt:
Unter Exazerbation (lateinisch Exacerbatio; von acerbus „bitter“‚ [ex-]acerbare „aufstacheln“, „verschlimmern“) oder Rekrudeszenz; von crudus „rauh“, „blutig“, recrudesco „wieder ausbrechen“ (oder Aggravation; von gravis „schwer“, „schlimm“, aggravatio „Verschlimmerung“) versteht man in der Medizin die deutliche Verschlechterung des Krankheitsbildes bei chronisch verlaufenden Erkrankungen.[1] Als „akute Exazerbation“ wird dementsprechend eine plötzlich auftretende Verschlechterung bezeichnet.
Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einer Remission um eine (vorübergehende) Besserung von Krankheitssymptomen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Exazerbation

Was ist das denn für ein absolut unangebrachtes Gebaren, Wikipedia-Einträge in die eigene Mail hineinzukopieren und zu unterstellen, dass diejenige, die das Wort benutzt, den eigentlichen Kontext nicht kennen würde? Natürlich wird „exazerbieren“ nicht so häufig benutzt wie das französische Verb „s’exacerber“, aber es ist nicht ausgeschlossen, es aus dem medizinischen Kontext zu lösen und auf andere Bereiche zu übertragen – und bezogen auf die Situation im Roman bzw. die Negativspirale, um die es konkret geht, passt es hervorragend.

Und dann ein Zitat der Rezension, welches das Problem des Textes wider Willen auf den Punkt bringt:
"Aber das Vermögen ironischer Distanzierung, des Abstandhaltens, das sich nicht wenigen Menschen außerhalb der Tradwife-Szene explosiv bei diesem Content vermitteln dürfte, ist den meisten innerhalb der Szene verlustig gegangen."
Dieses Vermögen ist sowohl der Autorin des rezensierten Romans als auch der Rezensentin verloren gegangen. Folgt man der Inhaltsangabe - und über weite Strecken der Rezension handelt es sich um eine solche - so entsteht das Bild einer dergestalt konstruierten Handlung voller Klischees, dass einem jede Lust an der Lektüre des Romans vergeht - und das ist wahrscheinlich gut so. Die Rezensentin scheint zu ahnen, woran dieser Roman krankt, doch sie möchte ihn unbedingt 'retten':
Wenn die Rezension diesen Eindruck erweckt, dann hat sie ihr Ziel verfehlt. Entweder das oder – was ich hoffe – Herr Müller ist der Einzige oder zumindest eine:r von Wenigen, die diesen Eindruck haben. Er wirft mir vor, über weite Strecken hinweg eine Inhaltsangabe verfasst zu haben, was aber nicht zutrifft. Ich könnte jetzt die Zeichen der Inhaltsangabe prozentual bestimmen, aber ich habe keinen Anlass, mich rechtfertigen zu müssen.
Zu dem fett formatierten Satz: vor dem Lesen des Romans und währenddessen habe ich mir viele Instagram-Seiten und TikTok-Videos von und über Tradwives (keine Ahnung, ob englische oder deutsche Pluralform) angesehen. Es ist genau dieses: wenn man sich das Ganze von außen anschaut, schlägt man die Hände über und vor dem Kopf zusammen und kann es nicht fassen; man sieht sich mehr desselben an und fragt sich ständig, wo denn der Witz und die Ironie versteckt sein könnten. Man ist sich sicher, dass alles ein Spaß sein müsse, bis man irgendwann begreift, dass all die verqueren Lebensentwürfe ernstgemeint sind.
Das Einzige, was ich als kleine Schwäche des Romans herausstelle, ist das, was im nächsten Satz zitiert wird:
"Von der Skepsis zur Akzeptanz – diesen Weg hätte man sich ein bisschen differenzierter wünschen dürfen, aber auch solche Metamorphosen können leider realistisch sein."
Natürlich kann der Begriff der Heimat missbraucht werden, und oft genug ist das geschehen. Doch er zählt nicht zu den apokalyptischen Reitern, wie die Rezensentin nahelegt:
"'Heimat' – kaum ein Begriff ist überdeterminierter, alltäglicher und polarisierender. Wenn heutige Erwachsene diesen Begriff spontan und nicht intentional heranziehen, dann sind sie sich entweder seiner Problematik nicht bewusst oder sie wollen mit seinem Einsatz ein deutliches politisches Statement setzen."

Wir zitieren Kurt Tucholsky:
„Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es. Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. […] Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“
Die stille Liebe zu unserer Heimat - was ist daran auszusetzen? Und es gilt, dass man sich wohl gerne dort niederlässt, wo man singt; falsch hingegen ist, dass böse Menschen keine Lieder hätten.

Super Zitat von Tucholsky, das muss man Herrn Müller zugutehalten – nur, es geht weit über die aktuelle Verwendung des Begriffs „Heimat“ hinaus. Die Differenzierungen, die Tucholsky vornimmt, dürften heute den wenigsten Menschen, die den Begriff heranziehen, in irgendeiner Weise bewusst sein. Für mich ist „Heimat“ heute tatsächlich ein „apokalyptischer Reiter“, vor allem dann, wenn sie allgemein daherkommt. Den „Reiter“ hätte ich in diesem Kontext nicht verwendet, aber er ist absolut passend, danke Herr Müller!
Mir gehen bei „Heimat“ heute als Erstes Plakate der sogenannten „Heimatpartei“ durch den Kopf – leider ist es so –, die ich im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 in Thüringen und in Oberhessen gesehen habe (und die vermutlich in vielen anderen Teilen Deutschlands auch aufgehängt waren).

Und so steht diese Rezension mit dem oben zitierten Auftakt von Beginn an unter einem schlechten Stern. Sind sie nicht (auch) einfach lächerlich, diese Tradwifes, sollten wir uns nicht (auch) über sie lustig machen dürfen? Aber hier wird alles bierernst genommen, als stünde der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor. Es ist doch ein Mär zu glauben, eine nennenswerte Zahl von Frauen ließe sich mir nichts, dir nichts verführen zu einem Leben in häuslicher Enge. Wer sich dafür entscheidet, den können wir wahrscheinlich nicht aufhalten, und schon gar nicht durch Romane wie den von Hannah Lühmann.

Natürlich darf man sich über Tradwives lustig machen, niemand hat das Gegenteil behauptet. Aber die Gefahr im Roman ist sehr ernst zu nehmen – man hat auf der einen Seite Karolin, die sich am Ende des Romans – das ist nun ein Spoiler – suizidiert und auf der anderen Seite Jana, die von Karolins Mann Clemens einen kleinen blauen Schleier überreicht bekommt, mit dem sie am Ende zu ihm eilt und ihn aufsetzt…

Und noch ein schöner Satz zum Abschluss,
"Derweil schreitet die Schwangerschaft fort. Mit der Geburt will Jana unbedingt warten, bis Karolin aus dem Urlaub mit ihrer Großfamilie zurückkehrt. Sie soll ihr bei der natürlichen Geburt beistehen. Ob und wie das Kind zur Welt kommt, bleibt offen. Wehen hat Jana schon."

Wir vermuten, dass eher eine 'sanfte Geburt' gemeint ist, Gott sei Dank haben die Wehen schon eingesetzt!

Er scheint sich ja mit solchen Dingen auszukennen. Dennoch könnte man hier etwas mehr in Richtung „Ex-plaining“, aber bitte nicht noch mehr „Mansplaining“ gehen.