Lebenskünstler mit Hang zum Tod

Klaus Mann zum hundertsten Geburtstag

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sohn zu sein, war sein Schicksal. Er nahm es an als eine kreative Herausforderung. Klaus Mann, der am 18. November 1906 geboren wurde und dem nur halb so viel Lebenszeit wie seinem Vater, Thomas Mann, beschieden war, hat den Vater-Sohn-Konflikt, auch in der Rückschau von hundert Jahren, durchaus ehrenvoll bestanden. Sein Werk (9000 Seiten nach Uwe Naumanns Zählung) kann sich an Umfang mit dem des Vaters messen. Es ist allerdings keinem penibel ritualisierten Schreibprozess abgerungen, sondern dem Leben selbst.

Wenn der Vater die Ruhe suchte, reizte den Sohn das Rasante. Mit 25 Jahren glaubte er, bereits auf sein Leben zurückblicken zu müssen. In seiner ersten Biografie "Kind dieser Zeit" (1931) bekannte er sich offen zu seiner Homosexualität, die "in Deutschland zu diesem Zeitpunkt als abnorm und krankhaft" (Veit Johannes Schmidinger) galt und mit Strafe belegt wurde. Den Vater beschrieb er am selben Ort als permanentes Negativvorbild: "Deshalb liebte ich es, das Katholische vor dem Protestantischen zu betonen; das Pathetische vor dem Ironischen; das Plastische vor dem Musikalischen; die Vergottung des Leibes vor der Sympathie mit dem Abgrund... Das Extravagante, das Exzentrische, das Anrüchige gegen das maßvoll Gehaltene; das irrational Trunkene gegen das von der Vernunft Gebändigte und Beherrschte."

Was der Vater nur gezwungenermaßen auf sich nahm, gehörte für den Sohn zum Lebensstil. Das Reisen führte ihn bereits mit 21 Jahren zusammen mit seiner um ein Jahr älteren Schwester Erika um die Welt. Von ihren Begegnungen mit mehr oder weniger bekannten Zeitgenossen berichteten die beiden, als "literarische Mann-Zwillinge" firmierend, reichlich respektlos in "Rundherum. Abenteuer einer Weltreise" (1929). Zwei Jahre später erweiterten sie die Reiseliteratur ganz unbekümmert um ein "Buch über die Riviera". Was Klaus Mann in den fremden Ländern erlebte, wurde zur Grundlage seines Schaffens. Die Schauplätze seiner Romane liegen alle fern der Geburtsstadt München. Selbst im Exil sah er nicht, wie so viele, die trostlose Sackgasse, sondern die Flucht ins Leben ("Escape to life" 1939). Seit er das Elternhaus verlassen hatte, in das er allerdings immer wieder auch zurückkehrte, verfügte er über keinen eigenen Wohnsitz mehr. Beheimatet war er fortan in der Welt, der er sich gerne hingab und die er gleichwohl mit eiserner Disziplin in sein Werk einzufangen versuchte. Bekannt ist das Foto, auf dem Klaus Mann, im Foyer des New Yorker Hotels Bedford sitzend, auf seinen Knien ein Manuskript bearbeitet. Wo sich sein Vater, der nur am wohlgeordneten Schreibtisch dichten konnte, vornehme Zurückhaltung auferlegte, mischte sich Klaus Mann bereitwillig ein. Für das Kabarett verfasste er ohne Scheu vor der Kleinkunst Programmnummern. Er nahm an den großen Schriftstellerkongressen der dreißiger Jahre in Moskau, Barcelona und Paris teil, zog als Reporter zu den Schauplätzen des Spanischen Bürgerkriegs, wagte es, zwei Zeitschriften zu gründen ("Die Sammlung", "Decision"), mit denen er gegen Hitlerdeutschland zu kämpfen gedachte, und reihte sich schließlich selbst in die Reihe der GIs ein, welche Europa vom Nazi-Spuk befreiten. Selbst mit seinem Tode am 21. Mai 1949 glaubte er noch, ein politisches Protestzeichen setzen zu können gegen die "Heimsuchung des europäischen Geistes" in jener selbstzerstörerischen "Schlacht der Ideologien", in die er nunmehr die Siegermächte des zweiten Weltkrieges ziehen sah.

Was bleibt von Klaus Mann?

Wie nur wenige repräsentiert er den typischen Intellektuellen der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Bis heute fehlen seine Erfahrungen schmerzlich. Sie sind indes einholbar in seinem nachgelassenen Werk, das im Rowohlt-Verlag vorzüglich ediert vorliegt. Wir haben seine Stimme vermisst beim demokratischen Neuanfang im Nachkriegsdeutschland. Mit Sicherheit hätte er in Adenauers Greisenstaat und darüber hinaus noch einmal seine Kämpfernatur gegen die Spießbürgeridylle und für ein Bürgertum entfaltet, das in der Welt zuhause ist. Erst recht in den 60er-Jahren hat er gefehlt, als eine idealistische Jugend erneut Tabubruch und Weltrevolution auf die Tagesordnung setzte. Wie man dem Alten mit jugendlichem Selbstbewusstsein begegnet, kann man in Klaus Manns frühen Erzählungen nachlesen, versammelt in dem Band "Maskenscherz" (rowohlt 1990). Aber auch die Schattenseiten einer in jeder Hinsicht freien Existenz waren ihm bekannt. Den Tagebüchern, die er ebenso gewissenhaft führte wie sein Vater, auch mit der gleichen Offenheit, vertraute er seine Verzweiflung an. Der Außenseiter misstraute jeder gemeinschaftsfordernden Ideologie. Paradiesische Zustände würde es nirgendwo geben, weder auf Erden noch im Himmel, da war sich der eifrige Drogenkonsument sicher. Dass der Sowjetkommunismus die auf das Metaphysische gerichteten Bedürfnisse der Menschen völlig vernachlässigte und einer vermeintlich "gerechten Wirtschaftsordnung" unterordnete, hat er frühzeitig erkannt, auch dass diese "nur die Voraussetzung für höheres Menschenleben, niemals sein Sinn" ist, wusste er längst. Sein Credo nannte er "sozialistischen Humanismus". Was er darunter verstand, lässt sich nachlesen in seinen Essays und Reportagen, die in fünf Bänden (Reinbek 1992-1994) vorliegen. Als Reporter für die amerikanische Armeezeitung "Stars and Stripes" bereiste er das besetzte Nachkriegsdeutschland. Er durchschaute sogleich, dass man die Herzen der ebenso Besiegten wie Befreiten nur gewinnen kann, wenn man ihnen materiellen Wohlstand in Aussicht stellt.

Exakt diese Strategie erlebte er zuerst "in der russischen Zone", über die er sodann ohne falsche Scheu berichtete. Dass er bereits, wie die gesamte Mann-Familie, ins Visier des FBI geraten war, nahm er gelassen zur Kenntnis. Während Thomas Mann in seinen Rundfunkansprachen ("Deutsche Hörer!") noch seinen nicht ganz unberechtigten Rachegefühlen nachhing und diese, wie immer, in wohlgewählten Worten begründete, war für Klaus klar, dass die Zukunft Deutschlands in einem geeinten Europa liegen würde ("Paneuropa? jetzt?", April 1946). Anders als sein Vater sah er die Ursachen für die Katastrophe des Weltkrieges nicht in den dunklen Untiefen eines deutschen Nationalcharakters, sondern viel konkreter, beispielsweise in einer fehlgeleiteten und manipulierbaren öffentlichen Meinung. So erkannte er weitsichtig, dass eine Informationsgesellschaft der Garant für die Freiheit ist ("Notizen zur Umerziehung der Deutschen", August 1944) oder dass nur eine nichtautoritäre Erziehung den Sinn für Liberalität schärft ("Porträt eines Pädagogen", September 1947).

Der Jugend sollte man wenigstens zwei Werke zur Lektüre empfehlen: den Zeitroman "Mephisto" aus dem Jahre 1936 und die zweite Autobiographie "Der Wendepunkt". Während der Onkel Heinrich Mann in seinem Roman "Der Untertan" die längst vergessene Zeit des preußischen Militarismus eindrucksvoll karikiert, beleuchtet Klaus Mann in seinem "Mephisto" die generelle Verführbarkeit des Menschen. Die Typen, die Klaus Mann hier entwirft, kannte er aus eigener Anschauung. Wie viele Fotografien in dem opulenten Bildband "Ruhe gibt es nicht bis zum Schluß" (1999) zeigen, waren dem Sohn aus großbürgerlichem Hause Eitelkeit und oberflächliche Pose selbst nicht ganz fremd. So ist der Roman aus dem Jahre 1936 auch in der heutigen Zeit, in der Karriere für viele alles zu sein scheint, eine ernsthafte Mahnung. "Der Wendepunkt" wiederum, der zuerst auf Amerikanisch erschien ("The Turning Point" 1942) und der, anders als manches andere Werk von Klaus Mann, durch eine nüchterne Sprache auffällt, könnte einer nach Orientierung lechzenden Gesellschaft zeigen, wie man auch in bewegten und unübersichtlichen Zeiten einen Standpunkt gewinnen kann.

Das Interesse an der Mann-Familie ist immer noch ungebrochen. Mehrere Generationen dieser deutschen Familie sind inzwischen Gegenstand von Publikationen geworden. Dies gilt natürlich auch für Klaus Mann.

Fredric Kroll und Klaus Täubert haben nun den letzten Band ihrer "Klaus Mann Schriftenreihe" herausgegeben. Hinter dem etwas irreführenden Titel verbirgt sich keineswegs eine lockere Zeitschriftenreihe, sondern die auf insgesamt über 3000 Seiten angelegte Biografie Klaus Manns. Dieses Riesenunternehmen, für das die Autoren vier Jahrzehnte der Forschung aufgewendet haben, ist allerdings viel mehr als die Biografie eines Autors. Die sechs Bände präsentieren den Lebensweg des Dichters als ein halbes Jahrhundert Kultur- und Zeitgeschichte. Obwohl ein solches Projekt eine gewisse Sympathie für den Gegenstand voraussetzt, kommen die Autoren durchaus auch zu kritischen Wertungen, vor allem, was das eigentlich literarische Werk Klaus Manns anbelangt. Untersucht werden im einzelnen die Romane "Symphonie Pathétique" und "Mephisto" sowie die Erzählung "Vergittertes Fenster!".

Der Abschlussband der Reihe, der entgegen der Lebens-Chronologie Klaus Manns die Jahre 1934 bis 1937 umfasst, macht bereits durch den Untertitel "Repräsentant des Exils" deutlich, dass keineswegs nur Thomas Mann für sich beanspruchen kann, der Vertreter des besseren Deutschlands zu sein, sondern dass auch sein ältester Sohn eine Symbolfigur des Exils genannt werden muss. Überhaupt waren die Kinder ihrem Vater an politischer Einsicht oft deutlich überlegen.

Die "Exilwelten der 30er Jahre" sind auch das Thema von Arwed Schmidt. Ihm geht es jedoch nicht darum, die großen politischen Debatten der Emigration darzustellen. Vielmehr dienen seine germanistischen "Untersuchungen zu Klaus Manns Emigrationsromanen 'Flucht in den Norden' und 'Der Vulkan. Roman unter Emigranten'" dazu, den künstlerischen Entwicklungsprozess des Autors während der Jahre des Exils zu analysieren. Klaus Mann, der das Unbehaustsein schon vor der Flucht aus Deutschland als Lebensform praktizierte, habe sich in den beiden Romanen vom Dandyismus und der Dekadenz der Jugendzeit gelöst und sei zu einem neuen künstlerischen Standpunkt gelangt. Vor allem im "Vulkan" habe er die Faschismuskritik auch als Selbstkritik gesehen, den Eskapismus verworfen und die Kunst mit dem Politischen versöhnt. Auch hier zeigt sich, dass sich Klaus Mann keineswegs für die Parteipolitik, die das Exil spaltete, instrumentieren ließ. So stellte er in den untersuchten Romanen das Exil "nicht nur als Ort des bewussten Widerstands, sondern auch als Ort existentieller Krisen und Identitätskrisen" dar, was seine Werke auch als Quelle für eine "wieder verstärkt empirisch orientierte Exilforschung" interessant macht.

Veit Johannes Schmidinger will in seinem Essay "Wo freilich ich ganz daheim sein werde?" dem "bisher bekannten Bild Klaus Manns neue Facetten und Brechungen hinzufügen". Angesichts der oben angezeigten "Klaus Mann Schriftenreihe" und der umfangreichen übrigen Klaus Mann-Literatur scheint dies etwas gewagt, und trotzdem ist der Schritt gelungen. Denn überzeugend legt Schmidinger dar, wie stark Klaus Mann, der immerhin US-Bürger wurde, von Frankreich geprägt und wie sehr unser Nachbarland, wo er auch begraben liegt, für ihn zur Wunschheimat wurde. Es ist ein weiteres Indiz für den Emanzipationsprozess des Sohnes, wenn er sich mit seiner Mutter und seinem Onkel Heinrich für französische Dichter, wie Rimbaud, Verlaine und Huysmans begeistert, deren Werke sein Vater noch als "Zivilisationsliteratur" verspottet. Später erhofft er sich in Frankreich Verständnis für seine Art zu lieben und bescheinigt vor allem Paris "den Geschmack einer reifen und raffinierten Zivilisation" (Wendepunkt). Er widmet André Gide eine große Monographie und lässt viele seiner Romane und Erzählungen in Frankreich spielen. Etwas gewagt erscheint die These, dass vor allem die Liebe zu Frankreich, gegen das die Nazis Revanchegelüste hegten, "sein wichtigstes Motiv für sein Engagement gegen den Nationalsozialismus" gewesen sei. Tatsächlich wurde Frankreich für Klaus Mann zu einem auch durch zeitgenössische Autoren wie Cocteau, Crevel und Julian Green positiv besetzten Wunschland, in dem er sich nicht fremd fühlte. Die Realität ließ ihn jedoch manche Enttäuschungen erleben. Das Interesse an Klaus Mann sieht Schmidinger nicht zu Unrecht in der "Renaissance einer homosexuellen (Sub-)Kultur seit den siebziger Jahren" begründet, die sich auf die Suche nach "historischen Wurzeln und geeigneten Idolen" macht.

Marcel Reich-Ranicki nannte Klaus Mann einmal einen "dreifach Geschlagenen": "Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns." Vielleicht ist es gerade dieser Facettenreichtum, der Klaus Mann auch heute noch interessant macht.


Titelbild

Arwed Schmidt: Exilwelten der 30er Jahre. Untersuchungen zu Klaus Manns Emigrationsromanen "Flucht in den Norden" und "Der Vulkan. Roman unter Emigranten".
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2003.
346 Seiten, 44,00 EUR.
ISBN-10: 3826025377

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Veit J. Schmidinger: "Wo freilich ich ganz daheim sein werde ...". Klaus Mann und Frankreich.
MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2006.
237 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-10: 3935596898

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Klaus Mann: Alexander. Roman der Utopie.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006.
253 Seiten, 8,90 EUR.
ISBN-10: 3499244128

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Titelbild

Uwe Naumann: Klaus Mann. Monographie.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006.
179 Seiten, 8,50 EUR.
ISBN-10: 3499506955

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Titelbild

Repräsentant des Exils 1933-1937. Im Zeichen der Volksfront 1934-1937. Klaus-Mann-Schriftenreihe: Halbband 4.2.
Herausgegeben von Fredric Kroll und Klaus Täubert.
MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2006.
1093 Seiten, 72,00 EUR.
ISBN-10: 3935596952

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