Dreigeteiltes Leben

Über Oliver Matuscheks detailverliebte Biografie Stefan Zweigs

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stefan Zweig sah sein Leben im Rückblick dreigeteilt: Das erste Leben begann 1881 mit seiner Geburt als Sohn eines Webereibesitzers in Wien in der scheinbar sicheren Welt des Bürgertums und endete mit dem Ersten Weltkrieg. Das zweite Leben in seiner Wahlheimat Salzburg bescherte ihm einen beispiellosen Aufstieg zu einem der meistgelesenen und -übersetzten Autoren Europas und fand durch den Machtantritt der Nazis und Zweigs Weggang aus Österreich ein jähes Ende. Das dritte Leben im Exil war der kürzeste Abschnitt. Nicht von ungefähr wollte Zweig seine Autobiografie "Meine drei Leben" nennen. Doch während der Abfassung der Memoiren merkte er alsbald, dass er nicht wirklich sein Leben beschrieb, sondern ein großes Gemälde seiner Zeit entwarf. Eigene Erlebnisse flossen zwar in den Text reichlich mit ein, aber nicht sein Privatleben. Weder seine beiden Ehefrauen noch seine engsten Freunde kommen darin vor, und so erschien das Werk schließlich unter dem Titel "Die Welt von Gestern".

Inzwischen sind neue Schriftstücke über den österreichischen Schriftsteller aufgetaucht: die bisher unveröffentlichte Korrespondenz von Zweigs älterem Bruder Alfred, Briefe von seiner zweiten Ehefrau Lotte sowie seine Tagebücher und andere Briefe.

Oliver Matuschek, Mitautor mehrerer Dokumentarfilme und Verfasser eines Buches über die "Geschichte der Autografensammlung Stefan Zweig", hat all diese Dokumente ausgiebig ausgewertet - auch die Suche in verschiedenen Bibliotheken und Archiven von London bis Jerusalem hat manchen unerwarteten Fund zu Tage gefördert - und private Momente in Stefan Zweigs Leben dabei keineswegs ausgespart, im Gegenteil, sodass er nun mit einer gewissen Berechtigung seiner Stefan-Zweig-Biografie den Titel "Drei Leben" geben konnte.

Zweig selbst hat sich nicht nur in seinen Memoiren, sondern auch bei anderen Gelegenheiten höchst selten öffentlich zu seiner Person geäußert. Sogar engen Freunden blieb vieles an ihm rätselhaft. Die einzige, die ihn offensichtlich einigermaßen durchschaut hat, war seine erste Frau Friderike. In mehreren Erinnerungsbüchern liefert sie wichtige Hinweise und Deutungsmöglichkeiten zum Leben und Werk ihres früheren Mannes. Allerdings hat sie dabei manches verschleiert und manipuliert. Briefstellen, in denen Zweigs zweite Frau Lotte vorkam, fielen ihrer "Zensur zum Opfer".

Weiterhin bemängelt der Autor, sie habe Zweigs Kindheit so dargestellt, als sei sie selbst dabei gewesen. Zugleich habe sie Details aus dem gemeinsamen Leben in Salzburg unterschlagen, das, wie die Neuausgabe ihrer Korrespondenz mit Stefan Zweig belegt, keineswegs arm an Spannungen und Konflikten war.

Oliver Matuschek erzählt zunächst von der Familie der Eltern, vom Vater Moriz Zweig und seiner Frau Ida, geborene Brettauer, ehe er auf Stefan Zweigs Kindheit zu sprechen kommt, die alles andere als sonnig war. Das gleiche gilt für die Schule, die den Heranwachsenden offensichtlich "durch ihre Zwänge in trauriger Art und Weise auf das Leben vorbereitet" hat. Immerhin wuchs Stefan Zweig in einer Epoche auf, in der man nicht so schnell mündig wurde. Denn Volljährigkeit erreichte man erst mit 24 Jahren. Bald nahm die Beschäftigung mit der Schriftstellerei und den Schriftstellern in Zweigs Freizeit einen immer größeren Raum ein. Literatur und das eigene Schreiben rückten mehr und mehr in den Mittelpunkt seiner Zukunftsplanungen.

Schon früh vertiefte er sich in die Bücher von Paul Verlaine, Selma Lagerlöf, Jacob Wassermann und vielen anderen Schriftstellern seiner Zeit. Manchen ist er persönlich begegnet. Nicht wenige hat er hoch verehrt. Zwischendurch wirft der Verfasser auch einen Blick auf die übrige Familie, auf die Karriere des Bruders, der sich um das elterliche Geschäft kümmern musste, während sich der Jüngere dem Studium der Philosophie und Literaturgeschichte hingeben konnte, das er 1904 mit einer Promotion abschloss.

Matuschek schildert weiterhin Zweigs Reisen ins Ausland. "Warum fahren Sie nicht einmal nach Indien und nach Amerika?", fragte ihn Walther Rathenau eines Tages. Nicht lange danach setzte Zweig den Vorschlag in die Tat um. Ein Bild zeigt ihn im Reisebus in Indien. Ein kurzer Aufenthalt in einem Wiener Sanatorium wird gleichfalls erwähnt.

Doch welche Rolle spielten Frauen in Zweigs Leben? War er verliebt? Sein Bruder kann sich nicht darin erinnern. Eine feste Freundin gab es wohl nicht, aber viele kleine Affären. Allem Anschein nach ging dem Schriftsteller Stefan Zweig das eigene Werk über alles. Aber dann im Juli 1912 trat die verheiratete Friderike von Winternitz, seine spätere Frau, in sein Leben und wurde, wie sie in ihrem Tagebuch festhielt, sein dauerndes "Osterhaserl".

Daneben geht der Autor auf das Entstehen einzelner Werke ein, zum Beispiel auf die Uraufführung des gegen den Krieg gerichteten Dramas "Jeremias" in Zürich während des Ersten Weltkriegs. Als dieser zu Ende war, schrieb Zweig: "Die Hölle lag hinter uns, was konnte nach ihr uns noch erschrecken? Eine andere Welt war im Anbeginn." "Es war eine Fahrt", so der Kommentar des Autors, "in eine neue Welt - und in ein neues Leben, auch dessen war sich Zeig sehr wohl bewusst." Der zweite Teil beginnt mit einer Aussage des Schriftstellers: "Die Verfasserin des 'Vögelchen' heißt seit 4 Tagen Friderike Maria Zweig. Wir konnten endlich heiraten". Mit einem Seufzer der Erleichterung schickte Zweig seinem Freund Carl Seelig Anfang Februar 1920 diese Botschaft nach Zürich. So vollzog sich der Start in das Leben im Haus Kapuzinerberg in Salzburg. Zweigs Bücher waren in jenem Jahrzehnt überall begehrt. Viele bekannte Persönlichkeiten gingen in seinem Haus ein und aus, auch Thomas Mann, der anlässlich einer Lesung 1923 in Salzburg war, ferner Romain Rolland und Carl Zuckmayer, den Zweig besonders gern in seiner Nähe hatte.

Lange Zeit wollte er die Gefahr, die von Nazideutschland ausging, nicht wahrhaben. Aber die polizeiliche Durchsuchung seines Hauses nach Waffen war für den weltberühmten Pazifisten Zweig ein Schock. Er packte umgehend seine Koffer und reiste über Zürich und Paris nach London. Wenige Tage später bat er seinen Bruder Alfred, ihn beim Einwohnermeldeamt Salzburg abzumelden. Mit dem Tag der Hausdurchsuchung am 18. Februar 1934 endete Zweigs "zweites Leben", resümiert Oliver Matuschek.

Der dritte Teil spielte sich im Exil ab. Friderike reiste kurz vor Ostern 1934 zu Stefan nach London, half ihm bei der Herrichtung der möblierten Wohnung und besorgte ihm eine Sekretärin, Lotte Altmann, eine jüdische Immigrantin aus Kattowitz, die später Zweigs zweite Frau wurde. Auch in den 30er-Jahren hielt Zweig seine Buchproduktion unablässig in Gang. Unermüdlich arbeitete er zunächst an seinem "Erasmus": "Ich denke nicht daran, mich in eine unfruchtbare Opposition zu Tagesgeschehnissen drängen zu lassen und mir von außen das jüdische Problem als die einzige und wichtigste Frage des Lebens aufnötigen zu lassen", schreibt Zweig in einem Brief. Die Darstellung des Humanisten, der die Wahrheit sieht und sich mit seinen Warnungen doch nicht durchsetzen kann, war ein Spiegelbild der eigenen Situation.

1936 begann er intensiv an seinem zweiten Roman "Ungeduld des Herzens" zu arbeiten, der drei Jahre später erschien. Seine erste Reise nach Südamerika inspirierte ihn wiederum zu seiner Erzählung über den Weltumsegler Magellan, dem er eine neue "Sternstunde der Menschheit" widmen wollte, die er schließlich zu einem ganzen Buch ausweitete. Vortragsverpflichtungen führten ihn nach Argentinien.

Neben den Belastungen des Kriegs wurde Zweig von der Angst vor dem Älterwerden geplagt, die sich vor allem mit Blick auf den im November bevorstehenden 60. Geburtstag 1941 bemerkbar machte. Wenige Monate später begann er, seine Manuskripte zu ordnen und Abschiedsbriefe zu schreiben. Am 22. Februar 1942 nahm er sich zusammen mit Lotte in Petrópolis (bei Rio de Janeiro) das Leben.

Das alles und noch mehr erfährt man haarklein aus Matuscheks Buch. Da werden Hochzeitsvorbereitungen genau beschrieben, selbst Friseurbesuche werden nicht ausgespart, ebenso wenig die Regelung finanzieller Angelegenheiten zwischen Zweig und seinem Vater, Vereinbarungen mit dem Finanzamt, Schwierigkeiten mit der Scheidung von Friderike, die so schnell nicht aufgeben wollte, und eine Reihe organisatorischer Fragen. Nichts dürfte dem Autor entgangen sein. Manches hätte man sich freilich etwas kürzer und geraffter gewünscht.

Nebenbei streut der Verfasser kleine Anekdoten ein, plaudert sogar intime Geheimnisse aus, spricht von Zweigs angeblichen exhibitionistischen Neigungen. Doch ob dessen sexuelle Eskapaden der Wahrheit entsprechen, bleibt offen. Nun ja, so wichtig ist das nun auch wieder nicht.

Auf jeden Fall regt Matuscheks Buch an, in dem Anmerkungen, Quellenangaben und Namenregister nicht fehlen, Zweigs meisterliche Erzählungen, Romane, biografische Prosa und historische Miniaturen neu oder zum ersten Mal zu lesen.

Wer sich jedoch nicht mit jeder Kleinigkeiten im Leben Stefan Zweigs belasten will, sondern sich lieber kurz und bündig über sein Leben und Werk informieren möchte, ist weiterhin mit der anschaulichen und soliden Bildmonografie von Hartmut Müller gut bedient.


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Oliver Matuschek: Drei Leben. Stefan Zweig - Eine Biographie.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
406 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3100489217

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