Frauen mit Kopftuch

Sempé zeigt von Frankreich nur einen kleinen Ausschnitt

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Frankreich - das ist ein Land mit vielen Widersprüchen, sozialen Konflikten, brennenden Vorstädten, einer unaufgearbeiteten Geschichte (NS-Kollaboration, Algerienkrieg), einer starken politischen Rechten und wirtschaftlichen Problemen. Sempés Frankreich - das ist ein ganz anderes Land. Oder ist es einfach nur eine andere Zeit?

Sempés Frankreich ist ein ruhiges Land, ein Land ohne gravierende Konflikte. Ruhig steht der Wagen der Metzgerei J. Polin auf dem Platz vor dem Kriegerdenkmal, eine Frau im Kopftuch, zwei Kinder an der Hand, geht langsam über den Platz zu ihm, zwei Hunde und drei Katzen haben das gleiche Ziel. Vor dem Bistro stehen Tische und Stühle, vor der Kirche zwei alte gebeugte Frauen, auf den Stock gestützt. Fernab von einem anderen Dorf bückt sich eine Dame tief über ihre Salatköpfe und rupft, was das Zeug hält. Über ihr droht ein riesiger Felsen. Ein Pfarrer in langer Soutane hält Wache über eine Schar von Kindern, die sich zitternd in einen kleinen Teich wagen, von einem Wasserfall gespeist. Oben auf dem Berg steht die Kirche.

Sempés gezeichnetes Frankreich ist eine Idylle mit manchmal satirischen Zügen. Fröhlich läuft ein kleiner Junge quer durch ein riesiges Getreidefeld und kommt gerade noch rechtzeitig, um dem vorbeifahrenden Zug zu winken. Mühsam tastet sich ein Mann im Stockfinsteren auf einem Fahrrad durch ein nächtliches Dorf, es grüßen sich hüteschwenkend zwei Männer von einem Bürgersteig zum anderen, durch eine breite Straße getrennt. Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Großstadtcafé und eine fast identische Gruppe fährt auf dem Hochdeck eines Busses vorbei.

Es sind alles Franzosen, die hier zu sehen sind. Franzosen, die ihre Ruhe lieben, die manchmal so seltsam sind, dass sie von einer Glasscheibe geschützt das Meer genießen, weil ihnen so viel wilde Natur wohl doch nicht geheuer ist. Franzosen, die noch im dicksten Gewühl bei der "Sommerakademie der Partei" ganz privat sind, freundlich und schmunzelnd. Die einfach nur genießen wollen und das auch dürfen, weil sie eben Franzosen sind, "La Grande Nation".

Sempés kleine, wuselige und spitznäsige Franzosen haben eine gewisse Heimeligkeit an sich. Manchmal macht er sich über ihre allzu große Ruhesehnsucht ein wenig lustig. Aber wenn eine Frau im Kopftuch auftaucht, dann ist es keine Muslima, sondern eine normale Hausfrau, die ihre Kittelschürze trägt und zum Metzger geht. Einmal sieht man in einer Kneipe eine Männerrunde Fußball gucken: Die Hälfte der Mannschaft ist schwarz. Sowas!

Aber Sempé ist eben selbst eher ein Nostalgiker. Er betrachtet nur einen kleinen Ausschnitt des französischen Alltags. Und den betrachtet er sehr genau. Er seziert ihn, aber immer liebevoll, immer mit spitzer und sanfter Feder gleichzeitig. Man kann das reaktionär nennen, aber das ist es nicht. Es ist vielmehr bürgerlich-lakonisch, ohne veränderungswütigen Impetus. Immer auf der Suche nach menschlichen Fehlern und Launen, nach kleinen Verdrängungskunststücken und nach dem typisch französischen Alltag. Prädikat: liebenswert. Wer das nicht mag, für den ist Sempé nichts. Alle anderen lieben seine Leichtigkeit, seinen spitzfedrigen Duktus, seine schrullige Vorliebe für kleinteilige Präzision, seine ironischen Brechungen.


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Jean-Jacques Sempé: Sempé's Frankreich.
Diogenes Verlag, Zürich 2006.
112 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-10: 3257020899

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