Von Sex zu Gender und retour?

Sabine Mehlmann macht Lücken in der (de)konstruktiven Gender-Theorie aus

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Man muß nicht erst Weib werden, man ist es ja eingeborenerweise", erklärte Lou Andreas-Salomé ihrer Freundin Anna Freud in einem Brief vom 13. Dezember 1925. Fast könnte man meinen, Simone de Beauvoires weithin bekannter Ausspruch, man werde nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht, sei eine zwar nur implizite, aber doch ganz unmittelbare Antwort an die bereits von Hedwig Dohm als Antifeministin gescholtene Autorin der Jahrhundertwende. Allerdings dürfte de Beauvoir schwerlich den Briefwechsel zwischen der denkbar eigenständigen Freud-Schülerin und der sich nie ganz vom Vater lösenden Freud-Tochter gekannt haben.

Doch wie dem auch sein, de Beauvoires Diktum avancierte zu einer der wohl meistzitierten feministischen Sentenzen des 20. Jahrhunderts, die auch in der Ära Judith Butlers noch immer eine der wirkungsmächtigsten Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung transportiert. Wenngleich Butler als der gendertheoretische Shootingstar der 1990er Jahre mit ihrer Kritik an der Sex/Gender-Unterscheidung über de Beauvoir hinausweist, so ist die Weiterentwicklung der feministischen Theorie durch die kalifornische Gendertheoretikerin doch ohne die Vorarbeit der französischen Philosophin kaum denkbar.

Gleiches gilt noch immer für die meisten Arbeiten auf dem Gebiet der Geschlechterforschung. So auch für Sabine Mehlmanns unter dem Titel "Unzuverlässige Körper" erschienene "Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität", mit der sie die Theorie ähnlich über Butler hinaustreiben will, wie diese sie vor nunmehr anderthalb Dezennien über de Beauvoir hinaustrieb. Ziel und Inhalt von Mehlmanns Arbeit ist die "historische Rekonstruktion der Verschränkung von Körper, Geschlecht, Sexualität und Identität" im Diskurs über Homosexualität und Hermaphroditismus von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei stellt sie die Frage nach den "historischen Entstehungsbedingungen der Entkopplung von biologischem Geschlecht und geschlechtlicher Identität" ins Zentrum ihrer Arbeit.

Mehlmanns Erkenntnisinteresse setzt an zwei "miteinander verknüpften" Kritikpunkten der Problematisierung der Sex/Gender-Unterscheidung an. Der erste zielt auf eine "historische Leerstelle", die darin liege, dass die Trennung zwischen Sex und Gender von GeschlechterforscherInnen nicht selbst als "historisch spezifisches humanwissenschaftliches Verfahren der (Re-)Produktion und Naturalisierung einer zweigeschlechtlich strukturierten Geschlechterdifferenz" erkannt und untersucht werde. So operiere das kritische De- beziehungsweise Re-Konstruktionsverfahren selbst mit "unhinterfragten Setzungen", die zu Verkürzungen hinsichtlich der historischen Analyse kultureller Verfahren der Naturalisierung und Normalisierung von Geschlecht führen können.

Die "fehlende Historisierung der heterosexuellen Matrix und deren konkrete Einbindung in jeweils historisch spezifische Formationen des Geschlechterwissens" lasse die Geschlechterkategorien und die "postulierten Modi" der Naturalisierung und Normalisierung von Geschlecht und Sexualität implizit als historische Konstanten erscheinen, da die Naturalisierung von Geschlecht zwar "als historisch und kulturell spezifisches Verfahren der Fundierung und Stabilisierung des binären und dichotomen Rahmens des Geschlechts" analysiert werde, dieses kritisch-analytische Verfahren selbst jedoch der Historisierung entzogen bleibe. Diese in die (de-)konstruktive Naturalisierungsthese "eingelassene Verengung" ihres Analyse- und Kritik-Horizonts trägt der Autorin zufolge dazu bei, dass historische Veränderungen von Konstruktionsweisen der Geschlechterdifferenz vernachlässigt werden. Daher sei eine "Historisierung bzw. Konkretisierung von Konstruktionsmodi der 'Natur' von Körper, Geschlecht und Sexualität" erforderlich, die es ermögliche, "historische Problematisierungen und Transformationen der Kategorie Geschlecht, der Beziehungen zwischen Körper, Psyche und Begehren, zwischen Natur und Kultur sowie der Grenzziehung zwischen Norm und Abweichung stärker zu fokussieren".

Zum zweiten moniert Mehlmann eine "Tendenz zur Generalisierung und Vereinheitlichung von Konstruktions- und Ableitungslogiken der Kategorie Geschlecht", die sich etwa darin niederschlage, dass die Differenz zwischen einem biologischen Paradigma geschlechtlicher Identität und dem Sex-Gender-Paradigma "im Rahmen der (de-)konstrukturalistischen Naturalisierungsthese" verschwimme, da beide "unter dem Aspekt der Naturalisierung subsumiert" werden. Ein "Primat von gender gegenüber sex" "voraus[zu]setzen" sei "problematisch", da so "die möglichen Effekte von - historisch variablen und divergenten - Konstruktionsweisen der 'Natur' des Geschlechts (sex) auf kulturelle Wissensbestände und Normen der Geschlechterdifferenz (gender)" nicht in angemessener Weise ins Auge gefasst werden könnten. Zwar macht Mehlmann nicht ganz zu unrecht auf diesen blinden Fleck des (de)konstruktiven Gender-Ansatzes aufmerksam. Wenn sie jedoch davon spricht, dass das Primat von Gender vorausgesetzt werde, so übersieht sie, dass Butlers theoretische Anstrengungen nicht zuletzt darauf zielen, dieses Primat nachzuweisen.

Die beiden Kritikpunkte werden von Mehlmann in drei Schritten näher dargelegt. Zunächst wendet sie sich dem theoretischen Stellenwert und der Verwendungsweise der Naturalisierungsthese zu. Sodann konkretisiert sie ihre Kritik an den Geschlechterkonzepten von Stefan Hirschauer und Judith Butler. Zuletzt werden die "Problemfelder" der Naturalisierungsthese in Anschluss an Donna Haraway und Bernice Hausman als "(potentielle) Blindstellen" einer theoretisch-analytischen Perspektive beleuchtet, in der die Kategorie Sex als "Dimension" von Gender betrachtet wird. Zur möglichen Lösung der aufgezeigten Problematik schlägt die Autorin unter Bezugnahme auf Hausman "sex als Ausgangspunkt für eine Kritik von gender (als historisches Konzept und als kulturelle Norm)" vor.

Im Rahmen einer umfangreichen und materialgesättigten historischen Untersuchung anhand der Beispiele der "'paradigmatischen' Abweichungen" Hermaphroditismus und Homosexualität konkretisiert Mehlmann "historische Konstruktionsweisen der 'Natur' von Körper, Geschlecht und Sexualität" sowie die darin "eingelassenen" geschlechtlichen und sexuellen "Normalitätsstandards". Ihr besonderes Interesse gilt dabei den jeweils "zugrunde gelegten unterschiedlichen Formationen des Geschlechterwissens".

Als "zentrale[n] Befund" ihrer diskurshistorischen Analyse konstatiert sie abschließend eine "grundlegende Instabilität und Uneindeutigkeit der biologisch-körperlichen Grundlage von Zweigeschlechtlichkeit und geschlechtlicher Identität".

Kurz: Die Körper erweisen sich in dieser Hinsicht als unzuverlässig. Angesichts der ebenfalls hervortretenden "Hegemonie" und "Persistenz" der kulturellen Norm heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit stelle sich die Frage, ob der Kategorie Gender noch ein kritisches Potential zur Analyse des Sex/Gender-Verhältnisses innewohne, oder nicht vielmehr "sex ein geeigneter Angriffspunkt von gender" biete. Ein Vermutung, die auch durch - von der Autorin allerdings nicht angeführte - Befunde der Zoologie gestärkt werden könnte, denen zufolge bislang bei nicht weniger als 1.500 Tierarten gleichgeschlechtliche Beziehungen und homosexuelles Verhalten nachgewiesen wurden, so etwa bei Delfinen, Giraffen, Schwänen, Pinguinen und Bienen. Dabei ist das nichtheterosexuelle Paarungsverhalten auch innerhalb der Arten durchaus keine Seltenheit. So sind etwa 40 % der Rosenkakadus homo- und 80 % der Zwergschimpansen bisexuell.

Doch wieso sollte es nicht möglich sein, Sex und Gender gleichermaßen zur Kritik von (hierarchischen) Geschlechternormen heranzuziehen? Die von Mehlmann aufgezeigten Probleme eines enthistorisierten Gender-Ansatzes zu beheben und die Selbsthistorisierung ins Werk zu setzen, sollte doch zu leisten sein. Umgekehrt dürfte allein mithilfe der 'natürlichen' Kategorie Sex etwa der Behauptung, Homosexualität sei eine therapiebedürftige Krankheit (an der auch Tiere leiden könnten), allerdings schwerlich zu begegnen sein. Hier könnte ein Ansatz helfend eingreifen, der das Primat von Gender betont.


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Sabine Mehlmann: Unzuverlässige Körper. Zur Diskursgeschichte des Konzepts Geschlechtlicher Identität.
Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2006.
444 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3897411938

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