Kein Blick für die Opfer

Wolfgang Kraushaars gibt einen Sammelband über die RAF heraus, Klaus Stern und Jörg Herrmann schreiben über das "Leben eines Staatsfeindes"

Von Thomas KrummRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Krumm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 2007 jährt sich zum 30. Mal der schreckliche Höhepunkt terroristischer Unvernunft in der Bundesrepublik Deutschland. Was sich hinter der düster-romantischen Chiffre des "Deutschen Herbstes" im Jahr 1977 verbirgt, ist der Versuch und das Scheitern der RAF-Terroristen, das "Gesetz des Handelns" zu bestimmen. Im Frühjahr 1977 hatten sie Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet, kurz darauf den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Jürgen Ponto. Es folgte die Entführung Schleyers, der Versuch der Freipressung der RAF-Häftlinge in Stammheim, die Entführung einer deutschen Lufthansa-Maschine nach Mogadischu sowie die Befreiung der Geiseln durch deutsche Spezialeinheiten, der Selbstmord der RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim. Am folgenden Tag, am 19. Oktober 1977, fand man die Leiche Schleyers im Kofferraum eines Autos. Dieses "Jahrestag" ist vermutlich auch Anlass gewesen für eine Fülle von Publikationen zur RAF und ihren Vertreten, so vermutlich auch für die Baader-Biografie von Stern und Herrmann und den voluminösen Doppelband von Kraushaar.

Muss eine Biografie über Andreas Baader nicht fast zwangsläufig geschmacklos sein, weil sich Biografien einer gewissen Heldenverehrung, einer Stilisierung von Relevanz und Faszination selten entziehen können? Stern und Herrmann vermeiden dies in ihrer ersten umfassenden Baader-Biografie weitgehend, indem sie immer wieder (bislang unbekannte) Briefe, Aussagen von Zeitzeugen und andere Dokumente zitieren und auf diese Weise ein zwar vielfach gebrochenes, in seinen Grundzügen jedoch klares Bild Baaders herausarbeiten. Diese Grundzüge werden nach Stern und Herrmann bei Andreas Baader bereits in der frühen Kindheit gelegt: ",Andi' wurde in einem Frauenhaushalt groß, umsorgt und verwöhnt von Mutter, Großmutter und Tante. Ein Prinz mit Allüren, der keine Grenzen kannte und dem auch die Mutter keine zu setzen vermochte. Als Kleinkind lebte er zudem eine ganze Zeit lang bei der Großmutter in Thüringen, so dass auch die mütterliche Präsenz in der frühen Kindheit zwischen Abwesenheit und Überführsorglichkeit schwankte. Die Konsequenz dieser Mischung aus Mangelerfahrung, Verwöhnung und fehlender Grenzsetzung scheint eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gewesen zu sein." In dieser narzisstischen Störung werden dann die Wurzeln der dandyhaften Selbstinszenierung, das Charismatische der Persönlichkeit, der verzweifelte Hunger nach Aufmerksamkeit, nach einem Publikum, vor dem man sich inszenieren kann - bis hin zum Selbstmord im Gefängnis Stuttgart-Stammheim als Inszenierung vor einer Weltöffentlichkeit - gesehen.

Stern und Herrmann beginnen mit Baaders Kindheit bei seiner Mutter in München und der Großmutter in Thüringen. Baaders Vater starb im letzten Kriegsjahr, einzige männliche Bezugsperson im Umfeld der Familie wurde der homosexuelle Tänzer und Schauspieler Michael Kroecher. 1963 zieht Baader mit einem Cousin nach Berlin. Versuche an einer Kunsthochschule scheitern, statt dessen beginnt Baader eine Dreiecksbeziehung mit Ello Michel und ihrem Noch-Ehemann Manfred Henkel. Zu den Stärken des Buches gehört die relativ ausführliche Rekonstruktion dieser Phase der beziehungsmäßigen Verstrickungen Mitte bis Ende der 1960er-Jahre, in denen die narzisstischen, fast autistischen, zu Prahlerei und Gewaltexzessen neigenden Persönlichkeitszüge Baaders deutlich werden, allerdings noch eher unpolitisch hervortreten. Die Politisierung beginnt 1967 durch die Bekanntschaft mit Gudrun Ensslin und der Berliner "Kommune 1". Nach erfolglosen Versuchen, dort für eine Kaufhausbrandstiftung zu agitieren, reisen Baader uns Ensslin Richtung Frankfurt ab, um dort ihren Plan in die Tat umzusetzen. Der Rest ist bekannt.

Zu den Stärken der Biografie gehört die subtile Herausarbeitung der Dimension der "Körperpolitik" Andreas Baaders. "Das Zentrum der Selbstinszenierung blieb gleichwohl der Körper. Durch das Instrument des Hungerstreiks gelang es Baader, ihn auch in der Haftsituation zur Waffe zu machen, zur, wie Baader, die IRA zitierend, schrieb, 'heiligsten Waffe'." Diese Selbstinszenierung des Körpers als Waffe führt schließlich bis zur "Suicide Action" vom Oktober 1977. Das die frühere Lebensgefährtin Baaders, Ello Michel, erstmals für ein Interview zur Verfügung stand und auch Einblicke in Baaders "Liebes- und Hassbriefe" gewährte, mag als Verkaufsargument förderlich sein, neue Einsichten gewährt es kaum. Dennoch liegt alles in allem eine gelungene Biografie Baaders, als "Staatsfeind Nr. 1" vor, weil es den Autoren gelingt, durch die Einarbeitung der zahlreichen Zitate aus Interviews, Briefen und sonstigen Dokumenten nicht nur ein lebendiges, in der plastischen Schilderung des Innenlebens ein manchmal überzogenes Bild des Protagonisten des Terrors zu zeichnen, dass gleichwohl immer die notwendige Distanz zum Gegenstand einhält.

Viel stärker trifft man das Problem der Langatmigkeit bei letztlich wenig neuen Informationen leider auch im zweibändigen Werk Wolfgang Kraushaars', "Die RAF und der linke Terrorismus". Das Hauptproblem der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Linksterrorismus in der Bundesrepublik scheint damit zusammen zu hängen, dass sie stark aus dem Umkreis der damals Aktiven, sei es als Täter oder Sympathisant, als Politiker, (Staats-)Anwalt, als Journalist oder Wissenschaftler geschieht. Der fulminante Doppelband von Kraushaar über die RAF und den linken Terrorismus leidet denn auch in mehrfacher Hinsicht an einer zu geringen Distanz zu den Tätern und einem zu hohen Anspruch an die eigene Aufarbeitungsleistung

Im Begleittext zum Buch wird der Anspruch formuliert, dass durch den "neuen" Terrorismus die Konturen des "alten" umso deutlicher hervortreten würden. Ein solcher Vergleich von altem, sozialrevolutionär-ideologisch geprägtem Terrorismus und neuem, kulturell und religiös verbrämten Terrorismus - oder zumindest eine Kontrastierung findet auf den 1415 Seiten dann aber gar nicht statt. Auch der Anspruch des Doppelbandes, es sei an der Zeit, "Bilanz zu ziehen" (keine "Zwischenbilanz"!) wirkt in seiner Endgültigkeit angesichts der Redundanzen einerseits und der Lücken andererseits fast schon überheblich. Auch die ebenfalls im Begleittext angekündigte Erweiterung des Kontextes in Richtung "Spannungszusammenhang des Kalten Krieges" und "Parallelorganisationen in anderen Industrienationen" wird nur randständig thematisiert. Insofern scheitert das Buch deutlich an den selbst gesteckten Zielen.

Am gewichtigsten fällt aber die völlige Verdrängung der Opfer der RAF und des linken Terrorismus auf. Von den 64 Aufsätzen der beiden voluminösen Bände ist kein einziger den Opfern gewidmet. Der einzige Beitrag, der das Thema Opfer immerhin explizit aufnimmt (Christian Schnier: Omnipotente Opfer) tut dies unter der Prämisse, dass die RAF-Täter auch Opfer, sogar die eigentlichen Opfer sind, die angesichts der Verhältnisse gleichsam am ,Nein' zur Gewalt gescheitert sind. Die Opfer der RAF werden dabei keines Blickes gewürdigt. Auch der nicht gelungene Beitrag von Christopf Türcke "Martyrium: Terrorismus als Sinnstiftung" lenkt die Aufmerksamkeit sorgsam von den Opfer ab. Vielmehr wird opak orakelt, "dass in einer Welt, wo niemand mehr für seine Überzeugungen Nachteile, Leiden und im äußersten Fall sein Leben zu wagen bereit ist, kein Mensch mehr dem anderen über den Weg trauen kann." Man müsse die Überzeugungen, für die Terroristen litten, nicht teilen, "ihr Mut und Einsatz heischen gleichwohl Respekt."

Doch während sich die Terroristen selbst in der Opferrolle sahen, wurden sie zugleich unter der Hand zu brutalsten Tätern. Lediglich im Beitrag von Martin Jander wird kurz Jillian Becker zitiert, die bereits 1978 der ersten Generation der RAF einen "Leidensneid" auf die Opfer des Nationalsozialismus zuschrieb, der sich in Reden wie "Wir sind die Juden von heute" und vom faschistischen Staat der BRD ausdrückte. Wie weit man sich selbst dabei eben dieser faschistischen Brutalität und ihren Methoden angenähert hat, bleibt sowohl für die Täter von damals wie auch für die von Kraushaar herausgegebene "Bilanz" ausgeblendet. Dabei ist dieser Mechanismus, sich zu Opfern zu stilisieren und zugleich zu Tätern zu werden, sozialwissenschaftlich höchst interessant. Um als Opfer "agieren" zu können, muss die andere Seite strikt ausgeblendet bleiben. Zur Struktur ihres beanspruchten Opferseins gehört, das Tätersein zu tilgen und durch die Verleugnung von Autonomiemöglichkeiten zum Täter zu werden. Das Tätersein wird als zwangsläufige Folge des Opferseins legitimiert. Dabei sind die eigentlichen Opfer und insbesondere ihre Angehörigen für den Rest ihres Lebens auf die Täter fixiert, während diese aber nur auf sich selbst konzentriert sind beziehungsweise in ihren Opfern nur "klägliche und korrupte Existenzen" sehen. Dieser Täter-Opfer-Mechanismus bleibt bei Kraushaar außen vor.

Die Eingangs angesprochene Problematik der "Selbstaufarbeitung" des Phänomens RAF zeigt sich deutlich auch im Kapitel über die Anwälte der RAF, in denen etwa ihre Rolle im "Info-System" der Stammheim-Connection nur sehr dezent beleuchtet wird. Weil die Gefangenen in Stammheim mit Hilfe ihrer Anwälte ein gut funktionierendes Kommunikationsnetz aufgebaut hatten, mit dessen Hilfe sie die Terrorzellen draußen steuerten und sogar Waffen einschmuggelten, beschloss im September 1977 eine Allparteienkoalition das sogenannte Kontaktsperregesetz, dass nicht nur jeden Kontakt der Häftlinge zur Außenwelt unterband, sondern auch die Rechte der Verteidiger einschränkte. Die Kontaktsperre bot eine gute Gelegenheit, die Klagen über die Haftbedingungen zu steigern und die eigene Opferdarstellung zu erweitert.

Das Interesse der Terroristen war paradox: Zum einen ging es um ein Verbleiben in und einen Ausbau der eigenen Opferposition, zum anderen wurde mit allen Mitteln - nicht zuletzt den Selbstmorden in Stuttgart-Stammheim - versucht, das "Gesetz des Handelns" und die Definition der Situation wieder in den Griff zu bekommen. Auch die eigene konkrete Not und das Leiden, die Wünsche auf Partizipation werden nicht ausgedrückt, man bleibt dialogunfähig. Statt dessen wird die eigene Bigotterie auf die Gesellschaft und ihre Repräsentanten projiziert: Etwa wenn das RAF-Kommando "Siegfried Hausner" nach der Ermordung Schleyers erklärt, man habe dessen "klägliche und korrupte Existenz" beendet. Zur Struktur des monologischen Denkens gehört auch die Entwicklung einer Privatsprache. Diese diente zum einen als versteckter "Code", etwa wenn Siegfried Buback aufgrund seiner Initialen als "Margarine" bezeichnet wurde (damals gab es eine "S.B. Margarine"). Sinnvoll gewesen wäre gerade eine Untersuchung dieser gemeinschaftskonstituierenden Sprache beziehungsweise Rhetorik ("Wir" versus "das Schweinesystem"), die quasi als Legitimationssemantik die Regeln des Ausnahmezustandes definieren soll und mit deren Hilfe man sich in eine Partisanen- oder "Stadtguerilla"-Rolle fantasierte. Diese Mechanismen der Gemeinschaftsbildung, der Inszenierung und Selbstvermarktung findet man in der Baader-Biografie von Stern und Herrmann letztlich deutlicher herausgearbeitet. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung der RAF und des Linksterrorismus zeigt der von Kraushaar herausgegebene Band, dass die Geschehnisse der 1970er-Jahre wohl noch zu nah sind, als das sich die bundesdeutsche Sozialwissenschaft (und letztlich auch die Gesellschaft) damit unvoreingenommen auseinandersetzen könnte. Von den 26 zu lebenslanger Haft verurteilten RAF-Terroristen befinden sich nach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt und Eva Sybille Haule noch zwei Täter in Haft: Christian Klar, und Birgit Hogefeld. Durch die Anschläge der RAF starben insgesamt 34 Personen. Die meisten Morde, die die "dritte Generation" nach der Inhaftierung der Führungsfiguren Monhaupt und Klar in den 1980er- und 1990er-Jahren verübten, sind bis heute nicht aufgeklärt. Für eine "Bilanz" der RAF und des linken Terrorismus ist es deswegen sicherlich noch zu früh.


Kein Bild

Klaus Stern / Jörg Herrmann: Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes.
dtv Verlag, München 2006.
356 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-10: 3423245840

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Titelbild

Wolfgang Kraushaar (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus. 2 Bände.
Hamburger Edition, Hamburg 2006.
1200 Seiten, 78,00 EUR.
ISBN-10: 3936096651

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