Winkelzüge und Narrheiten

Hannelore Cayre erzählt von einem "Lumpenadvokaten" in Paris

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Christophe Leibowitz-Berthier ist ein ziemlich erfolgloser Pflichtverteidiger, ein kleinbürgerlicher Jude, der nur so eben gerade über die Runden kommt. Denn seine Klienten gehören nicht zu den reichen Wirtschaftsbossen, sondern es sind kleine Zuhälter, Prostituierte und kleine Drogenhändler - vor allem aus Osteuropa und Nordafrika. Für die kämpft Leibowitz und wird schlecht bezahlt. Das Recht ist nämlich nicht für alle gleich. So muss Leibowitz nicht nur dafür sorgen, dass sich sein guter Ruf herumspricht, sondern auch, dass seine Klienten nicht sofort entlassen werden, weil er dann nämlich das mickrige Honorar überhaupt nicht bekäme. Kein schönes Leben. Aber dann bekommt er ein Angebot, das zu verlockend ist. Zwei Millionen Euro verspricht ihm sein reicher und erfolgreicher Kollege Lakdar, wenn er einem inhaftierten Bankräuber hilft, aus dem Gefängnis zu entkommen. Dem sieht er nämlich ähnlich genug: Sie brauchen also nur die Kleider zu tauschen und die Wärter müssen abgelenkt werden, damit der Gefangene durch die Schleusen und Kontrollen kommt, bevor der Wechsel bemerkt wird. Es gelingt. Und nun sitzt Leibowitz selbst im Gefängnis, zusammen mit dem albanischen Zuhälter Dostom, mit dem er sich anfreundet und der von Gustave Flaubert und der "Erziehung der Gefühle" erzählt. Und uns erzählt er seine Geschichte.

Denn damit ist sie noch nicht zu Ende. Leibowitz hat Lakdar einmal, aus einer dummen Laune heraus, gedemütigt. Und Lakdar ist nachtragend. Ein Mordanschlag im Gefängnis misslingt, aber jetzt plant Leibowitz seine Rache. Schritt für Schritt erzählt er uns davon, wie er, der Outsider, der Jude, den mächtigen, reichen, erfolgreichen und überall anerkannten Lakdar hineinlegt und am Ende doch noch gewinnt.

Der Debütroman von Hannelore Cayre, einer französischen Strafverteidigerin in Paris (den Vornamen hat sie von ihrer deutschen Mutter), steckt voller Winkelzüge und Narrheiten. Die Welt ist, wie in so vielen hochmoralischen Kriminalromanen, wieder einmal genau umgedreht: Wer sich moralisch verhält, fällt tief, und wer sich den kriminellen Spielregeln der Gesellschaft anpasst, steigt auf und wird erfolgreich. So gelingt es auch Leibowitz erst, sein Recht zu bekommen, als er kriminell wird.

Das beginnt schon damit, dass er zwar ein ehrenwerter Mensch, aber doch unglücklicher Herkunft ist: als Jude und Kleinbürger passt er nicht in die Welt der großbürgerlichen Richter, adligen Staatsanwälte und reichen Strafverteidiger, schon gar nicht in die Welt der nadelgestreiften Wirtschaftsanwälte. Er gehört, obwohl er auf der anderen Seite steht, doch eher zu den Lumpen, die er verteidigt.

Cayre hat ihren Krimi spannend und glaubwürdig konstruiert, flott geschrieben und mit vielen skurrilen und dennoch glaubhaften Details eines verbogenen Justizsystems versehen. In einem Interview am Schluss des Buches sagt sie dazu: "Im Roman wollte ich, dass alles plausibel ist. In der Wirklichkeit erlebt man aber unglaubliche Fälle. [...] Wenn ich das in einem Roman erzähle, würde jeder sagen, ich übertreibe." Sie hat eine sichere Sprache, die dem erzählenden Lumpenadvokaten sehr gut ansteht: kurz, pointiert, voller Sarkasmen. Bissig und böse ist das Buch und deshalb sehr treffend. Dennoch wird man als Leser nicht ganz froh, denn das gute Ende ist abzusehen, schließlich ist der Held sehr sympathisch. Er darf und wird nicht verlieren. Und der Klamauk, den die Autorin ab und zu zelebriert, ist auch nur eine begrenzte Zeit lustig.


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Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat.
Übersetzt aus dem Französischen von Stefan Linster.
Unionsverlag, Zürich 2007.
154 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783293003798

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