Eine Archäologie der kulturellen Grenzen

Michael C. Frank veranschaulicht die Einflussangst des Westens in Literatur und Diskurs

Von Liselotte HammondRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liselotte Hammond

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein gestrandeter Matrose lebt sich bei einem polynesischen Volk ein, doch als man ihm nach einigen Wochen des Zusammenlebens das Gesicht tätowieren will, nimmt er Reißaus.

Ein adeliger Engländer auf der Suche nach seinem Bruder und einer sagenumwobenen Diamantenmine in Simbabwe hat ein Problem, als es sein ebenfalls englischer Begleiter mit einer afrikanischen Frau allzu ernst zu meinen beginnt: "white men wed only with white women".

Und ein Kolonisator mit anfänglich "zivilisatorischem Sendungsbewusstsein" erliegt dem "Tropenkoller". Seine Ideale verkehren sich ins Gegenteil, anstatt seine Untertanen zu erziehen beginnt er sie umzubringen: "exterminate all the brutes!" Damit versetzt er seine Landsleute in Angst und Unbehagen, denn er ist schwach geworden, ein anderer, ein Wilder.

In Michael C. Franks Dissertation "Kulturelle Einflussangst. Inszenierungen der Grenze in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts" fungiert Literatur als Experimentierfeld, als literarische Inszenierung von Kulturbegegnungen, in der "sich die möglichen Folgen von Grenzüberschreitungen fiktional durchexerzieren lassen". In dieser Studie des Konstanzer Anglisten geht es also um mehr als um eine "reine" Literaturstudie. Der Themenkomplex der Einflussangst und der Grenze dreht sich im Wesentlichen um die Unterscheidung zwischen eigen und fremd aus der Sicht von Europäern im kolonialen Kontext. Was jenseits einer mental konstruierten, im europäischen Kontext entstandenen Grenze liegt - kulturelle Praktiken wie die Gesichtstätowierung auf den polynesischen Inseln zum Beispiel - wird mit Einflussangst besetzt. Ein Begriff, den Frank übrigens bewusst nicht mit Harold Blooms literarisch orientierten Konzept der "anxiety of influence" in Zusammenhang bringt. Interessant wird diese Studie auch für eine größere als die an postkolonialen Studien interessierte Leserschaft, weil sie auch zu generellen Einblicken in das Selbstbild der Europäer verhilft.

In einer klaren Sprache und mit großer Übersichtlichkeit, bei der höchstens die vielen Überschriften manchmal zu viel des Guten sind, setzt sich Frank in den ersten beiden Kapiteln des Buches mit den grundlegenden Eigenschaften von Einflussangst und Grenze auseinander. Das Spannende an diesen Begriffen ist, dass sie letztlich keine klaren Verhältnisse schaffen: Die Angst vor fremdem Einfluss ist ambivalent, weil sie nicht nur aus Ablehnung sondern auch aus Sehnsucht besteht. Mit zahlreichen Beispielen, die den theoretischen Teil anschaulich machen, zeigt Frank immer wieder, dass gerade das auf die heftigsten Reaktionen stößt, was im Grunde genommen auch als begehrenswert empfunden wird - es ist ein "Widerwille trotz prinzipieller Lust". Der britische Abenteurer Robert James Fletcher etwa zwingt sich selbst, seinen Sohn, den er auf einer Insel südlich von Australien mit einer Einheimischen gezeugt hat, zu verlassen, obwohl er ihn, wie er selbst zugibt, lieb gewonnen hat.

Geschickt verbindet Frank die zahlreichen Varianten der Einflussangst mit seinem diskursanalytischen Ansatz - die Beispiele reichen von Edmund Spensers "View of the State of Ireland" (1596) bis zu einer Episode von "Tintin" (dt. "Tim und Struppi") mit der er auf Europäer aufmerksam macht, die die Grenze sehr wohl überschritten und zu "indianisierten", "afrikanisierten" oder "orientalisierten" Weißen wurden. Zu diesem Zweck greift er zunächst auf nahe liegende Vordenker wie Michel Foucault und Edward Said zurück, doch auch die Einsicht des Ethnologen Johannes Fabian, dass fremde Kulturen von den Europäern oft in einer anderen Zeit, das heißt auf einer früheren Entwicklungsstufe verortet wurden, integriert er schlüssig in sein Thema. Theoretische und kontextualisierende Einschübe hält er knapp und stichhaltig. Für Sigmund Freuds Tabubegriff, der die wichtige Frage zu klären hilft, warum Überläufer nicht Schule machten, sondern im Gegenteil für Europäer selbst "tabu" wurden, genügen etwa drei Seiten, die keinen unbefriedigenden Eindruck hinterlassen. Nur an manchen anderen Stellen sind diese Einfügungen weniger gelungen: Foucaults Heterotopiebegriff im Kapitel über Herman Melvilles Debütroman "Typee" hätte auch etwas ausführlicher erklärt werden können. Die kontextualisierenden Unterkapitel, die ausführlich auf die oben angedeuteten literarischen Beispiele eingehen, sind zunächst generell etwas gewöhnungsbedürftig, da sie manchmal allzu sehr von dem behandelten Werk wegzuführen scheinen. Hier ist es allerdings gut, sich vor Augen zu halten, dass es sich schließlich um eine Diskursanalyse handelt, die per definitionem einen weitreichenden Eindruck von den zu jener Zeit und an jenem Ort vorherrschenden Denkarten vermitteln muss.

In diesem Zusammenhang ist schließlich vor allem die Verschiebung der (diskursiv konstruierten) Grenze im Laufe des 19. Jahrhunderts bemerkenswert, die Frank anhand der in den praktischen Kapiteln fokussierten Werke nachzeichnet. Je nach Art und Weise der Grenzziehung ist es nämlich auch um die Einflussangst anders bestellt. Bei Melvilles "beachcomber" Tommo aus dem Roman "Typee" (1846) ist "gemischtrassige" Sexualität zunächst noch kein Problem - erst als es zu einer äußerlichen, nicht reversiblen Veränderung seines Gesichts zu kommen droht, die ihn in der Heimat zum "Outcast" machen würde, ist seine Grenze erreicht. In Henry Rider Haggards Roman "King Solomon's Mines" (1885) geht die kulturelle Einflussangst insofern einen Schritt weiter, als die Befürchtungen sich hier nicht mehr auf die individuelle Ebene beschränken, sondern quasi das Schicksal der gesamten "weißen Rasse" betreffen. Hier wird die Bedrohung impliziert, dass die westlichen Eroberer sich "zurückentwickeln" beziehungsweise degenerieren könnten, sollten sie sich mit "rückschrittlichen" Völkern "vermischen". Frank zeigt hier, indem er dies mit historischen, rassentheoretischen und anderen zeitgenössischen Schriften belegt, einen Wandel in der westlichen Denkart, die nun, ein halbes Jahrhundert nach Melvilles Roman, die Möglichkeit einer plötzlichen Degeneration aufgrund einer Umkehrung der Evolution oder der Vermischung von Rassen als eine Art Naturgesetz akzeptierte. Noch dicker kommt es schließlich in Joseph Conrads "Heart of Darkness" (1899), dem literarischen Paradebeispiel auf dem Gebiet der Postcolonial Studies. Hier wird die Grenze im Kopf des Europäers nicht mehr ausschließlich auf äußerliche Übertretungen projiziert, sondern auch auf seine eigene, innerliche Veranlagung und Positionierung. Die Hauptperson Kurtz verändert sich vom sendungsbewussten Kolonialbeamten in eine Art Gottheit der "wilden" afrikanischen Bevölkerung. Die Entwicklung, die Frank hier benennt, ist die folgende: Im Gegensatz zu einem Grenzgänger wie Melvilles Tommo, der mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor "das Andere der Zivilisation auf einer polynesischen Insel wie ein Museum betreten und es am Ende unversehrt wieder verlassen konnte" - vorausgesetzt er wurde nicht tätowiert - "trägt der Europäer des späten 19. Jahrhunderts das Andere der Zivilisation permanent mit und in sich."

Das Spannende an dieser Archäologie der kulturellen Grenzen ist, dass sie, obwohl sie selbst mit dem Fin de Siècle des 19. Jahrhunderts endet, ausdrücklich zum Weiterdenken über das europäische beziehungsweise westliche Identitätsgefühl im 20. und 21. Jahrhundert anregt. Die diskursiven Grundlagen der Einflussangst mögen heute andere sein als im 19. Jahrhundert - Degeneration und das Tabu der Rassenmischung spielen im heutigen Diskurs keine so offensichtliche Rolle mehr. Doch wer weiß, ob die darunter verborgenen Gedankengänge in mancher Hinsicht nicht doch noch nachwirken, und ob vor allem die zugrunde liegenden Strukturen, die die europäische Identität vor allem in ihrer Abgrenzung vom Nicht-Europäischen entstehen lässt, nicht auch heute noch dominiert? Ist es nicht immer noch so, dass wir unsere Kultur, Zivilisiertheit und Aufgeklärtheit gerade deshalb positiv hervorheben können, weil wir annehmen, dass nicht-westliche Gesellschaften diese nicht haben? Die "mangelnde Anpassungswilligkeit" des Westens ist heute nach wie vor ein relevantes Thema, und dass dieses Phänomen rückblickend auf eine entscheidende Phase der europäischen Konfrontation mit anderen Kulturen untersucht wurde, ist somit sehr begrüßenswert.


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Michael C. Frank: Kulturelle Einflussangst. Inszenierungen der Grenze in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts.
Transcript Verlag, Bielefeld 2006.
228 Seiten, 25,80 EUR.
ISBN-10: 3899425359
ISBN-13: 9783899425352

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