Die Richtstatt

Legenden und religiöse Motive im Werk Tschingis Aitmatows

Von Ruth WeissRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ruth Weiss

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

I.

Der kirgisische Dichter Tschingis Aitmatow ist auch hierzulande seit langem kein Unbekannter mehr; bereits 1960 ist eine seiner ersten und schönsten Erzählungen, "Dshamila" (1958), in deutscher Übersetzung erschienen. Auf die Bedeutung Aitmatows haben aber vor allem seine Romane "Abschied von Gülsary" (1966), "Der weiße Dampfer" (1970), "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" (1981) und sein neuester Roman "Die Richtstatt" (1986) aufmerksam gemacht, die in Aussage und Gestaltung über seine frühen Erzählungen hinausgehen. Besonders sein letzter Roman hat auch in kirchlichen Kreisen großes Interesse gefunden, was sich unter anderm daraus erklärt, dass christlich-religiöse Motive in diesem Roman einen breiten Raum einnehmen. Man sollte diesen Roman nicht isoliert betrachten, sondern ihn im Zusammenhang mit den vorangehenden Romanen sehen und nach den Einflüssen zu fragen, die von Aitmatows Herkunft und Erziehung in seinem literarischen Werk wirksam geworden sind.

Tschingis Aitmatow wurde 1928 im nordkirgisischen Ail Scheker geboren, in dem er auch den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Die Heimat seiner Kindheit spielt eine große Rolle in seinen Erzählungen und Romanen. Auch die Sitten und Bräuche der Kirgisen und die alten Legenden des kirgisischen Volkes, die ihm vor allem durch die Großmutter, aber auch durch Legendenerzähler vermittelt wurden, haben sein literarisches Werk entscheidend geprägt. In seinen Romanen greift er auf diese alten Legenden zurück, formuliert sie zum Teil neu und gibt ihnen eine ganz bestimmte Erkenntnisfunktion innerhalb seiner Erzählungen.

Doch die Kenntnis der Vergangenheit des eigenen Volkes und die Verwurzelung in der Tradition machen nur eine Seite seines literarischen Werkes aus. Sein Vater, der zu Beginn der Revolution bereits über eine gewisse Schulbildung und die Kenntnis der russischen Sprache verfügte - beides nicht selbstverständlich für einen Kirgisen -, war einer der ersten kirgisischen Kommunisten und hatte führende Funktionen in der Partei inne. Er interessierte sich lebhaft für Politik und Literatur und führte seinen Sohn schon früh an die russische Literatur heran. Von Kind an beherrschte Aitmatow die kirgisische und die russische Sprache; von Kindheit an war ihm auch beides mitgegeben: Die Kenntnis der eigenen kirgisischen Vergangenheit in ihren Geschichten und Bräuchen durch die Großmutter und die durch den Vater vermittelte Kenntnis des Kommunismus. Beides, die Verwurzelung in der Welt seiner Kindheit und die Bejahung des Kommunismus sind bestimmend für Aitmatows Dichtung geworden. Von daher ist auch seine zunehmend kritischer werdende Darstellung von Missständen innerhalb der Gesellschaft zu bewerten: Es geht ihm um die "Sache des Kommunismus", die durch unfähige Funktionäre in Misskredit gebracht wird, und gleichzeitig um den einzelnen Menschen mit seinen Sorgen und Problemen und seinem Glücksanspruch, der nicht einem korrumpierten "höheren" Ziel aufgeopfert werden darf.

In der eigenen Familie hat er die Schattenseiten der Stalinzeit und die bewahrende Funktion der Bindung an die Sippe kennengelernt. In den 1d930er-Jahren fiel sein Vater einer der Säuberungsaktionen zum Opfer. Seine Mutter kehrte mit ihren vier Kindern, von denen er das älteste war, 1937 in den heimatlichen Ail zurück und konnte hier nur mit Hilfe und Unterstützung der Sippe überleben. Im Schicksal des Lehrers Abutalip in "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" hat er eigene leidvolle Erfahrungen der Verfemung während der Regierung Stalins literarisch verarbeitet.

II.

Immer ist es das Schicksal einfacher Menschen, das Aitmatow bewegt und das er in seinen Romanen und Erzählungen gestaltet. In "Abschied von Gülsary" erzählt er die Lebensgeschichte des Pferdehirten Tanabai, der sich von Jugend auf rückhaltlos für die Ziele des Kommunismus eingesetzt hat. Nach dem Krieg lässt er sich von der Partei dorthin schicken, wo er am nötigsten gebraucht wird. Aber er scheitert an den katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Nachkriegszeit, wird von karrieresüchtigen Parteifunktionären für sein Scheitern zur Verantwortung gezogen, als Volksfeind angeprangert und aus der Partei ausgeschlossen.

Eng verbunden mit dem Schicksal Tanabais ist das des Pferdehengstes Gülsary, der in Tanabais Herde aufgewachsen und von ihm selbst zugeritten worden ist. Der Machtanspruch des neuen Kolchosvorsitzenden hat Gülsary von Tanabai getrennt. Als altes Pferd, kastriert und krank, kehrt Gülsary zu Tanabai zurück. Die Rahmenhandlung schildert die letzte Fahrt Tanabais mit Gülsary. Während der langen Ruhepausen, die Tanabai wegen der Schwäche des Pferdes einlegen muß, erinnert er sich an die Ereignisse seines Lebens, die alle in irgendeiner Weise mit Gülsary verknüpft waren. Damit wird die Rahmenhandlung unmittelbar in die Erzählung der Lebensgeschichte Tanabais einbezogen. Ein ähnliches Stilmittel hat Aitmatow noch einmal in seinem Roman "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" verwendet.

"Abschied von Gülsary" ist ein emotional bewegendes Buch, ein Buch der großen, wenn auch verhalten dargestellten Gefühle: Liebe, Trauer, Zorn, Schmerz, Freundschaft - Freundschaft auch zwischen Mensch und Tier, der Tanabai in der Todesstunde Gülsarys bewegenden Ausdruck verleiht: "Du bist ein großartiges Pferd gewesen, Gülsary. Du warst mein Freund. Du nimmst meine besten Jahre mit dir fort, Gülsary. Ich werde dich nie vergessen. Einmal werden wir uns wiedersehen, in der anderen Welt. Aber dort werde ich den Schlag deiner Hufe nicht hören können. Dort gibt es keine Erde, kein Gras, kein Leben. Doch solange ich lebe, bist du nicht gestorben, weil ich immer an dich denken werde, Gülsary. Immer wird dein Hufschlag mein liebstes Lied sein."- In dieser spannungsvollen Aussage - "Wir werden uns wiedersehen in der anderen Welt, aber dort wird alles ganz anders sein." - "Solange ich lebe, bist du nicht gestorben, weil ich immer an dich denken werde." - tauchen zum erstenmal im Werk Aitmatows Gedanken auf, die über den Tod hinausweisen.

Erneut aufgegriffen und vertieft werden diese Gedanken in der Novelle "Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft" (1977). Diese modellartige, zeitlich nicht genau fixierte Erzählung spielt unter den Fischern und Robbenfängern des kleinen Volkes der Niwchen am ochotskischen Meer, die noch mit dem Urmythos von der Großen Fischfrau, der Stammutter des Menschengeschlechts, leben. Erzählt wird die Geschichte von vier Menschen - dem alten Organ, seinen beiden erwachsenen Söhnen und dem zwölfjährigen Enkelsohn -, die auf das Meer hinausfahren, um den Jungen in das Fischerhandwerk einzuführen. Sie verirren sich im Nebel, der Vorrat an Trinkwasser geht zu Ende. Diese zugespitzte Situation lässt die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Weiterbestand dessen, was für sie im Leben wichtig war, in aller Schärfe stellen. Für den Vater des Jungen liegt dieser Sinn in dem Sohn, für den er sein Leben opfert, in der Hoffnung, dass der Sohn das Geschlecht einmal fortsetzen und die Tradition weitergeben werde. Die Gedanken des alten Organ bewegen sich angesichts des Todes um die Große Fischfrau, der seine Träume gegolten haben: "Er begriff, daß er dem Tod nicht entrinnen konnte, sein Leben zur Neige ging, daß der Tod alles auslöschte, und hoffte doch, sein größter Schatz, sein Geheimnis, die wunderbaren Träume von der großen Fischfrau, würden ihm auch nach dem Tod bleiben. Er konnte seine Träume an keinen anderen weitergeben - Traumgesichte sind unübertragbar, und daher, so meinte er, durften sie nicht spurlos verschwinden [...] Nie und nimmer. Die Große Fischfrau ist unsterblich, also sind auch die Träume von ihr unsterblich [...] Warum sollte der Mensch seine Träume nicht hinübernehmen können in jene andere Welt, damit er sie ewig sah, für alle Zeit? Er fand keine Antwort und grübelte qualvoll, bemüht sich selbst einzureden, daß ihm seine Träume blieben."

Die in "Abschied von Gülsary" erzählte Legende vom großen Jäger Karagul, der kein Tier verschonte und der ein tragisches Ende nimmt, steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Romanhandlung, aber sie weist auf die Verantwortung des Menschen für die ihn umgebende natürliche Umwelt und das Leben der Tiere hin, die Aitmatow unter anderm auch in seinem Roman "Der weiße Dampfer" anspricht.

In diesem Roman hat er die alte Legende von der Gehörnten Hirschmutter neu erzählt und unmittelbar mit der "realen" Geschichte verknüpft, ihr damit eine ganz bestimmte Erkenntnisfunktion für das Verständnis der Geschichte gegeben. - Die Legende erzählt, dass die Gehörnte Hirschmutter zwei Kinder, die Letzten ihres Stammes, gerettet und in ein fernes Land gebracht hat, "wo zwischen schneebedeckten Bergen ein warmes Meer liegt - der Issyk-Kul". Dort begründen sie einen neuen, sich weitverzweigenden Stamm, den Stamm der Bugus, der Nachkommen der Gehörnten Hirschmutter. Lange Zeit leben Menschen und Tiere friedlich miteinander. Doch als die Menschen anfangen, Jagd auf die Marale zu machen, um die Gräber ihrer Verstorbenen mit einem Maralgeweih zu schmücken, wandert die Gehörnte Hirschmutter - so erzählt die Legende - mit den letzten Maralen in ein anderes Land aus. Sie verlässt die Menschen, die keine Ehrfurcht mehr vor ihr und ihren Kindern haben, die vergessen haben, dass das Tier Bruder und Schwester des Menschen ist.

Diese Legende erzählt der alte Momun seinem Enkel, der elternlos in einer abgelegenen Siedlung in den Wäldern unweit des Issyk-Kul bei ihm aufwächst. Der Junge lebt in diesem Märchen, er weiss, daß er ein Nachkomme der Bugus, ein Sohn der Söhne der Gehörnten Hirschmutter ist. Und als eines Tages weiße Marale in den Wäldern um den Issyk-Kul auftauchen, glaubt er fest, dass diese ihren Menschenkindern vergeben hat und zu ihnen zurückgekehrt ist.

Der alte Momun verkörpert in Aitmatows Roman das Bewahrende, die Überlieferung, die er an seinen Enkel weitergeben möchte. Aber er ist machtlos der Willkür seines Schwiegersohns Oroskul ausgeliefert, der Forstwart in den unter Naturschutz stehenden Wäldern ist und die ihm damit gegebene, wenn auch nur geringe, Macht rücksichtslos missbraucht. Als der Alte sich ihm eines Tages widersetzt, zwingt er ihn, eigenhändig einen der weißen Marale zu erschießen, damit gegen seine innere Überzeugung zu handeln und all das anzutasten, was er dem Jungen zu übermitteln versucht hat: das Andenken an die Vorfahren, die Bewahrung des Überkommenen und die Ehrfurcht vor der Natur. Für den Jungen bricht eine Welt zusammen, als er auf dem Hof den abgeschlagenen Kopf des Marals entdeckt, der für ihn in seiner Märchenwelt der Kopf der Gehörnten Hirschmutter ist. Der Junge gerät in einen für ihn unlösbaren Konflikt, aus dem er keinen anderen Ausweg weiß, als einen seiner Träume zu verwirklichen: sich in einen Fisch zu verwandeln und den Fluß hinabzuschwimmen bis zu dem Weißen Dampfer auf dem Issyk-Kul, den er so oft durch das Fernglas des Großvaters beobachtet hat, und der für ihn das Symbol seiner Sehnsucht nach einer helleren und besseren Welt ist.

Der tragische Schluss des Romans hat Aitmatow Kritik eingetragen, aber er wollte die Menschen aufrütteln, in ihnen ein Gefühl des Protestes gegen das Böse wecken. Jede Geschichte hat ihre eigene Logik, würde diese positiv enden, bliebe sie wirkungslos. Der Roman endet tragisch, "weil das in dem Jungen verkörperte Gute unvereinbar ist mit dem in der Gestalt des Oroskul verkörperten Bösen. Der Junge aber ist ein Kind, das der rohen Gewalt Oroskuls nur seine Unversöhnlichkeit entgegensetzen kann." "Du hast verworfen", sagte Aitmatow am Ende seines Romans, "womit sich dein kindliches Herz nicht abfinden konnte, und das ist mein Trost." - so gesehn, endet der Roman nicht ausweglos. Der Junge bleibt geistig und sittlich überlegen, der Sieg Oroskuls ist nur scheinbar.

In seinem vorletzten Roman "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" greift Aitmatow die in den vorangehenden Romanen verwendeten Stilmittel auf - eine in die Geschichte einbezogene Rahmenhandlung, die Einbeziehung einer alten Legende, die wiederum Erkenntnisfunktion besitzt -, bereichert sie um Elemente einer utopischen Geschichte und verbindet diese unterschiedlichen Gestaltungsmittel zu einem in Aussage und Darstellungskraft meisterhaften Romanwerk.

Wiederum geht es um das Schicksal einfacher Menschen in der Steppe von Sary-Ösek, das beispielhaft wird für das Schicksal vieler Menschen, und wiederum geht es hier um die kritische Aufarbeitung der jüngsten Geschichte des Landes. Die sich durch den Roman hindurchziehende Rahmenhandlung beschreibt den Zug einer kleinen Karawane durch die Steppe zu dem weitab gelegenen Stammesfriedhof Ana-Bejit, auf dem der Streckenarbeiter und Weichensteller Edige seinen alten Freund Kasangap nach muselmanischem Brauch bestatten will. Mit dieser Rahmenhandlung, die zeitlich nur einen Tag umfasst, eng verknüpft sind die Erinnerungen Ediges an sein vergangenes Leben, an die schwere Arbeit auf der in der Steppe gelegenen Ausweichstation, an die Menschen, mit denen er zusammen gelebt und gearbeitet hat - vor allem an den ehemaligen Lehrer Abutalip und seine Familie. Abutalip hat es in diese Einöde verschlagen, weil er nirgendwo mehr eine Anstellung gefunden hat. Er war im Krieg in deutscher Gefangenschaft gewesen - das hatte ihn nach dem Krieg in den Augen der Behörden ohnehin verdächtig gemacht - und war von dort zu den jugoslawischen Partisanen geflohen. Vor allem dieser Umstand belastet ihn, als sich das Verhältnis zwischen Stalin und Tito zu Beginn der 1950er-Jahre drastisch verschlechtert.

Doch auch in dieser Einöde ist Abutalip nicht sicher vor Beobachtung und Verfolgung. Neben seiner schweren Arbeit als Streckenarbeiter hat Abutalip begonnen, seine Erinnerungen aufzuzeichnen; er will die Einsichten, die er gewonnen hat, an seine Kinder weitergeben. Aufgrund seiner Aufzeichnungen über Jugoslawien wird er verdächtigt, Kontakte zum englischen Geheimdienst unterhalten zu haben. Er wird verhaftet und stirbt wenige Monate später an Herzinfarkt. Der Tag, an dem seine Frau die Todesnachricht erreicht, ist der 5. März 1953 - der Tag, an dem "Väterchen Stalin" starb.

Auch Edige wird im Zusammenhang mit der Verhaftung Abutalips verhört; ihm wird gesagt, dieser habe "feindliche Erinnerungen" aufgezeichnet. Edige, der einfache Arbeiter und Frontsoldat, begreift das nicht. Kann es "feindliche Erinnerungen" geben? Der Mensch erinnert sich doch daran, wie es in Wirklichkeit war? Aber Edige wird belehrt: "Wichtig ist, sich so zu erinnern, die Vergangenheit mündlich und erst recht schriftlich so darzustellen, wie es jetzt nötig ist, wie wir es heute brauchen. Und was uns nicht nützt, daran müssen wir uns auch nicht erinnern."

Außer seinen eigenen Erinnerungen hat Abutalip auch alte Legenden aufgezeichnet, darunter auch die Legende vom "Mankurt und seiner Mutter Naiman-Ana". Einen "Mankurt" nannte man einen Menschen, dem man durch eine grausame Tortur seines Gedächtnisses beraubt und ihn damit zu einem willenlosen Sklaven gemacht hatte. Die Legende erzählt, dass der Sohn der Naiman-Ana von solch einem schrecklichen Schicksal betroffen wurde. Seiner Mutter gelingt es nicht, sein Gedächtnis wieder zu erwecken. Er erkennt sie nicht, erinnert sich nicht an den Namen seines Vaters. Auf Befehl seines Herrn tötet er seine eigene Mutter. Der Friedhof, auf dem man sie beerdigt hat, hieß in der Sary-Ösek-Steppe von nun an der Friedhof Ana-Bejit.

Wie im "Weißen Dampfer" verwendet Aitmatow auch hier eine alte Legende, um sein Anliegen zu verdeutlichen: Es ist wichtig, dass wir uns unserer Vergangenheit bewusst bleiben, dass wir uns erinnern können. Der Verlust der Erinnerung, der Verlust des Gedächtnisses, führt zum Verlust der Menschlichkeit und macht aus dem Menschen einen willenlosen Sklaven, der sich von anderen manipulieren lässt. Damit korrespondiert diese Aussage der alten Legende mit dem, was Abutalip in der "realen" Geschichte widerfährt: Auch ihm soll - wenn auch nicht auf solch grausam-archaische Weise - verwehrt werden, sich an das zu erinnern, was ihm zugestoßen ist.

Im übertragenen Sinn wendet Edige die Bezeichnung "Mankurt" auf den Sohn seines alten Freundes Kasangap an, der keine Beziehung mehr zur Geschichte seines Volkes und ihrer Überlieferung hat, der sich der Vergangenheit nicht erinnern will und deshalb gut manipulierbar ist.

Utopische Elemente verwendet Aitmatow in diesem Roman zum erstenmal; in ihnen drückt sich seine Sorge um die Zukunft des Menschen, ja, der Menschheit aus: Abschirmung und Selbstisolation führen zur Stagnation der menschlichen Gesellschaft und verhindern deren Weiterentwicklung, so ließe sich - auf eine kurze Formel gebracht -, die Aussage der utopischen Geschichte zusammenfassen, die sich in einzelnen Kapiteln durch die Romanhandlung hindurchzieht.

Die verschiedenen Handlungsebenen des Romans werden am Ende miteinander verknüpft: Edige kann mit seinen Gefährten den Stammesfriedhof Ana-Bejit nicht erreichen, weil ein um das sowjetische Kosmodrom gezogener Stacheldrahtzaun den Durchzug verwehrt. Von diesem Weltraumbahnhof starten noch am selben Abend die Kampfraketen-Roboter, die einen Abschirmungsreif um die Erde legen sollen, um die Annäherung von Vertretern einer außerirdischen, den Erdbewohnern überlegenen Zivilisation zu verhindern. - Um die Beziehung zur alten Überlieferung zu wahren, begräbt Edige seinen toten Freund am Steilhang jener Schlucht, in der Naiman-Ana in ihr Wehklagen über ihren seines Menschseins beraubten Sohn ausgebrochen war. Edige spricht am Grab seines Freundes die nach muselmanischen Brauch vorgeschriebenen Gebete, und keiner der ihn begleitenden jungen Leute findet es lächerlich.

Über diese formelhaften Begräbnisworte und Gebete hinaus, die Aitmatow wichtig sind, weil sie den Menschen in eine bestimmte Tradition einbinden, lässt er den alten Edige am Grab Kasangaps über die Existenz Gottes und den Sinn des Gebetes nachdenken: "Niemand weiß, niemand wird es je erfahren, ob es einen Gott gibt auf der Welt [...] Ich aber möchte daran glauben, daß es dich gibt und daß du in meinen Gedanken gegenwärtig bist. Und wenn ich mich an dich wende mit meinen Gebeten, dann wende ich mich tatsächlich über dich an mich selbst; und in so einer Stunde ist es mir gegeben, zu denken, als würdest du selbst denken, o Schöpfer. Das ist doch entscheidend! Sie aber, die Jungen, haben nichts dergleichen im Sinn, sie verachten Gebete. Doch was werden sie sich und anderen sagen können in der erhabenen Stunde des Todes? Leid tun sie mir, wie sollen sie das Geheimnis ihres Menschseins erfassen können, wenn es für sie keinen Weg gibt, sich in Gedanken emporzuschwingen, als wäre ein jeder von ihnen plötzlich Gott? Verzeih mir diese Lästerung. Keiner von ihnen wird zu Gott, aber ohne das endet auch deine Existenz. Wenn erst der Mensch die Fähigkeit einbüßt, sich insgeheim als Gott zu begreifen, der für alle so eintritt, wie du für die Menschen eintreten müßtest, dann wird es auch dich, o Gott, nicht mehr geben. Ich aber möchte nicht, daß du spurlos verschwindest."

Auch hier - wie in "Abschied von Gülsary" - eine Aussage, die sich schwer "auf den Begriff" bringen läßt. Das Gebet wird verstanden als ein Gespräch besonderer Art des Menschen mit sich selbst, das ihm hilft, über sich selbst hinauszuwachsen und das Geheimnis seines Menschseins annäherungsweise zu erfassen. Der Mensch soll auch nicht in dem Sinn "zu Gott" werden, dass er sich allmächtig wähnt, sondern indem er für andere eintritt. Dass Gottes Existenz an das Bewusstsein des Menschen gebunden ist, diesen Gedanken hat Aitmatow noch einmal in seinem bisher letzten Roman "Die Richtstatt" aufgenommen, in dem er über diese religiöse Frage hinaus an die Frage- und Problemstellung seiner vorangehenden Werke anknüpft, in Aussage und Gestaltung jedoch darüber hinausführt.

Während sich Aitmatow in "Abschied von Gülsary" und "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" kritisch mit der jüngsten Vergangenheit seines Landes auseinandersetzt, greift er in seinem letzten Roman aktuelle gesellschaftliche Probleme und Missstände auf: den Alkoholismus und die Drogensucht, der man nur mit der ganzen Härte des Gesetzes zu begegnen sucht, ohne nach den gesellschaftlichen Ursachen zu fragen; er wendet sich gegen bürokratische Entscheidungen - etwa im Zusammenhang mit der Erfüllung des Plansolls - und plädiert für einen schonenden und verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur.

Auch wenn in den vorangehenden Werken bereits religiöse Fragen berührt wurden, so ist doch neu und überraschend, welch breiten Raum diese Fragen in seinem letzten Roman in den Gesprächen und Reflexionen der handelnden Personen einnehmen. Wurden diese Fragen in "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" auf dem Hintergrund der die kirgisische Tradition prägenden islamischen Religion erhoben, so setzt sich Aitmatow in "Die Richtstatt" zum erstenmal mit der christlichen Religion auseinander.

Formal besteht der Roman aus zwei voneinander unabhängigen selbständigen Erzählungen, die lediglich durch die tragisch verlaufende Geschichte einer Wolfsfamilie miteinander verbunden sind: Durch Verantwortungslosigkeit, Unverstand und persönliche Habgier der Menschen verliert das Wolfspaar Akbara und Taschtschainar dreimal seine Nachkommen. Die Wölfe werden in der Erzählung Aitmatows nicht "vermenschlicht" - eher könnte man sagen, sie verhalten sich "menschlicher" und "vernünftiger" als die Menschen: sie jagen und reißen andere Tiere nur aus Hunger, den wehrlosen Menschen greifen sie nicht an -, aber die Wölfe werden von Aitmatow mit Empfindungen und Erinnerungsvermögen ausgestattet. Ihr tragisches Schicksal, das in enger Beziehung zu dem der Menschen steht, wird ebenso bewegend dargestellt.

Im Zentrum des Romans - im formalen wie im übertragenen Sinn - steht ein Gespräch zwischen Jesus und Pilatus. Auch wenn es an das Gespräch in Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" erinnert, so hat es doch bei Aitmatow eine völlig andere Aussagerichtung. Ihm kommt eine ähnliche Erkenntnisfunktion zu, wie der Aufnahme der Legenden in Aitmatows vorangehenden Romanen. Man könnte sagen, dass Aitmatow die Legende von Jesus Christus neu erzählt und sie in Beziehung setzt zu den Ereignissen der "realen" Geschichte.

In Pilatus und Jesus stehen sich zwei Vertreter unterschiedlicher Wertordnungen gegenüber: Pilatus steht auf der Seite derer, die die Macht haben. Und wer die Macht hat, hat das Recht. Auch wenn Pilatus nicht diese Worte gebraucht, so entsprechen sie doch der von ihm vertretenen Auffassung. "Ein Reich der Gerechtigkeit", wie Jesus es aufrichten möchte, "kann es nicht geben. Gerecht ist immer, was ist." "Die Welt gehorcht der Macht [...] So war es und so wird es immer sein. Wer stärker ist, hat die Macht, auch in Zukunft werden die Mächtigen die Welt regieren." Jesus glaubt demgegenüber an "eine Macht anderer Art - die Macht des Guten, und sie zu begreifen ist wohl schwieriger und komplizierter, und tugendhaft zu handeln erfordert nicht weniger Mut, als Kriege zu führen." Das größte Übel sieht Jesus in "der Machtgier, von dem alle angesteckt sind, der Aufseher der Marktfeger wie die grausamen Imperatoren". Es wird die Menschheit eines Tages teuer zu stehen kommen, denn nicht Naturkatastrophen oder ein göttliches Strafgericht werden die Ursache des Weltuntergangs sein, sondern die Machtgier der Menschen und die daraus resultierende gegenseitige Feindschaft. Jesus hat dieses Weltende visionär in Gethsemane durchlebt. Er vertraut diese Vision Pilatus an - als dem letzten Menschen, mit dem er vor seinem Tod spricht, damit die in ihr enthaltene Warnung an die Menschheit nicht verlorengeht.

Pilatus zögert die Bestätigung des Todesurteils hinaus; er möchte Jesus zum Widerruf seiner Lehre bewegen, die die Ordnung der Mächtigen zu erschüttern droht. Aber Jesus geht bewusst in den Tod, auch wenn er Angst vor der grausamen Hinrichtung hat, weil es keinen anderen Weg zur Erlösung der Welt gibt. In einem imaginären Gespräch mit seiner Mutter lässt Aitmatow Jesus seinen Opfertod deuten: "Um in den Menschen, die die schwerste Last des Schöpfers sind, der Wahrheit Raum zu geben, bleibt mir kein anderer Weg, als diese Wahrheit durch meinen Tod zu besiegeln. Einen anderen Weg zu den Menschen gibt es nicht. Ich gehe zu ihnen."

Von Pilatus nach seiner Lehre von der Auferstehung und der Wiederkunft befragt, lässt Aitmatow Jesus antworten: "Nicht ich [...] werde auferstehen und wiederkehren, sondern ihr Menschen werdet auferstehen, um in Christo in höchster Gerechtigkeit zu leben, ihr werdet in unvergleichbaren künftigen Geschlechtern zu mir kommen. Und das wird meine Wiederkunft sein [...] Aber der Weg dahin wird für das Menschengeschlecht sehr schwer sein und unendlich lang [...] Dieser Weg beginnt an dem verhängnisvollen Tag, da der Gottessohn gekreuzigt wird, und unzählige Generation[n]en werden in Reue leben und immerfort aufs neue über den Preis erschrecken, den ich heute für die Sündhaftigkeit der Menschen zahle, auf daß sie sehend und sich ihres göttlichen Ursprungs bewußt werden. Bin ich doch auf die Welt gekommen, um den Menschen ein nie verblassendes Beispiel zu geben und sie, wenn sie meinem Namen vertrauen, zu mir finden zu lassen - durch ihre Leiden, durch ihren täglichen Kampf gegen das Böse in sich selbst [...] durch ihre Abkehr von Lastern, Gewalttätigkeit und Blutgier, die so verhängnisvoll die Seelen derer zerstören, die nicht von Liebe zu Gott erfüllt sind, folglich auch nicht von der Liebe zu ihresgleichen, den Menschen!"- Der Sinn der Existenz des Menschen besteht in "der Selbstvervollkommnung seines Geistes". Der Tag der Wiederkunft Christi wird der Tag sein, an dem es dem Menschen gelingt, wirklich Mensch zu sein.

Das Schicksal Jesu korrespondiert in der ersten Erzählung, die zwei Drittel des Buches umfasst, mit dem Schicksal des Exseminaristen Awdi Kallistratow, der wegen "Neudenkertum" aus dem Priesterseminar ausgeschlossen wurde. Seine eigenwilligen Ideen haben ihn in Konflikt mit seiner geistlichen Obrigkeit gebracht, für die es nur die Anerkennung der kirchlichen Lehre oder den Ausschluss aus dem Priesterseminar gibt. Awdi plädiert für einen dritten Weg, für die "Überwindung der jahrhundertealten Verknöcherung, die Befreiung vom Dogmatismus, die geistige Freiheit, Gott als das höchste Wesen des eigenen menschlichen Seins zu erkennen". Gott existiert für ihn nicht außerhalb des menschlichen Bewusstseins, und so wie das menschliche Denken sich von Erkenntnis zu Erkenntnis entwickelt, so muss sich auch Gott oder unsere Vorstellung von ihm entwickeln und darf nicht auf einer archaischen Entwicklungsstufe stehenbleiben. Diese Überlegungen haben Awdi zu der Idee eines zeitgemäßen Gottes geführt. Der mit ihm befreundete Lehrer Gorodezki gibt ihm zu bedenken, dass diese Idee zu abstrakt sei, um die Menschen zu begeistern. "Überleg doch selbst, was stärker ist, mächtiger und anziehender, was uns nähersteht - ein Märtyrer-Gott, der um seiner Idee willen auf die Richtstatt zur Kreuzigung ging, oder ein vollkommenes höheres Wesen, das zwar zeitgemäß denkt, aber doch ein abstraktes Ideal darstellt."

Awdi hatte sich während seines Studiums so stark mit dem Leiden Christi identifiziert, dass er dessen Leiden als seine eigenen empfand. Er hatte nicht begriffen, warum dieses Leiden notwendig war. "Doch eines hatte der unerfahrene Jüngling damals nicht bedacht: Wenn es nun auf Erden eine Gesetzmäßigkeit gibt, derzufolge die Welt ihre Söhne gerade für ihre edelsten Ideen und geistigen Regungen straft? Wenn dies die Daseinsform solcher Ideen, der Preis des Sieges ist?" Awdi sollte dies noch am eigenen Leib erfahren.

Der Vater Koordinator, der vergeblich versucht hat, Awdi zu den Lehren der Kirche zurückzuführen, sagt ihm am Ende ihres Gesprächs: "Deine Ideen werden dich noch den Kopf kosten, denn auch außerhalb der Kirche wird nicht geduldet, daß jemand grundlegende Auffassungen anzweifelt. Jede Ideologie beansprucht für sich die endgültige Wahrheit, damit stößt du unweigerlich zusammen."

hat, Awdi zu den Lehren der Kirche zurückzufüh-ren, sagt ihm am Ende ihres Gesprächs: "Deine Ideen werden dich noch den Kopf kosten, denn auch außerhalb der Kirche wird nicht geduldet, daß jemand grundlegende Auffassungen anzwei-felt. Jede Ideologie beansprucht für sich die end-gültige Wahrheit, damit stößt du unweigerlich zu-sammen." (S. 95)

Nach seinem Ausschluss aus dem Priesterseminar schreibt Awdi zunächst Beiträge für die Gebietskomsomolzeitung über moralisch-sittliche Fragen der Jugend. Im Auftrag der Zeitung fährt Awdi in die mittelasiatische Munjukum-Steppe und mischt sich dort unter die "Haschisch-Jäger". Er möchte herausfinden, was junge Menschen in der sozialistischen Gesellschaft dazu bringt, sich auf ein so gefährliches Abenteuer einzulassen und ihr Glück im Rauschgift zu suchen. Er möchte sie zur Umkehr bewegen und auf den Weg des Guten zurückführen, denn in seinem Herzen ist Awdi auch nach dem Ausschluss aus dem Priesterseminar ein Seelenhirte geblieben. Aber was soll er ihnen als erstrebenswertes Ziel, als Sinn des Lebens anbieten? Worin sollen sie ihr wahres Glück finden? - Bei dem Versuch, die anderen von der Verwerflichkeit ihres Tuns zu überzeugen und sie zur Umkehr zu bewegen, wird Awdi grausam zusammengeschlagen und aus dem fahrenden Zug gestoßen. Das auf diese Szene folgende Kapitel erzählt die Begegnung zwischen Pilatus und Jesus, die Awdi in seiner Bewusstlosigkeit gleichsam visionär erlebt. Wieder zum Bewusstsein erwacht, identifiziert er sich mit dem visionär Geschauten und macht sich im Geist auf, den Lehrer Jesus zu suchen, um ihn davon abzuhalten, den Weg ans Kreuz zu gehen - wohl wissend, dass er den Gang der Ereignisse nicht aufhalten kann, weil sie längst Geschichte geworden sind. Dabei grübelt er qualvoll über den Sinn dieser längst vergangenen Ereignisse nach. Warum war all das notwendig, und was hat es bewirkt? Warum verliert die Botschaft Jesu nicht an Kraft, warum beschäftigt sie noch heute die Menschen, auch wenn sie immer wieder verlacht und missachtet wurde? Und was haben die Menschen heute an Stelle dieser barmherzigen, selbstlosen Idee gewonnen? Was haben sie ihr "an Gleichwertigem, richtig Besserem entgegenzusetzen?"

Awdi kommt mit dem Leben davon und muss die Erfahrung machen, dass aus Prestigegründen niemand daran interessiert ist, seine Berichte über die dem Haschisch verfallenen jungen Menschen zu veröffentlichen. - Er kehrt noch einmal in die Mujunkum-Steppe zurück und erlebt dort, wie riesige Antilopenherden zusammengetrieben und mit Maschinengewehren niedergemetzelt werden - und dies alles, um die Erfüllung des Fleischsolls zu sichern! Awdi gerät mehr zufällig in eine Truppe hinein, die die toten Tiere auf Lastwagen verladen soll. Diese Truppe besteht fast ausschließlich aus im Leben gescheiterten und dem Alkohol verfallenen Menschen. Als er begreift, was sich hier abspielt, versucht er, die Menschen von der Verwerflichkeit ihres Tuns zu überzeugen und zur Umkehr zu bewegen. Er wird dafür gefesselt, geschlagen und zur Strafe für seine Widersetzlichkeit an Armen und Beinen aufgehängt.

Das einzige Lebewesen, das sich dem Sterbenden nähert, ist die Wölfin Akbara, die bei dem grausamen Gemetzel unter den Antilopenherden auch ihre Jungen verloren hat. Sie erinnert sich an den Geruch des Menschen, der einst mit den jungen Welpen in der Steppe gespielt hat.

Mit dem Tod Awdis endet die einer christlichen Märtyrerlegende vergleichbare erste Erzählung des Romans. Im Mittelpunkt der zweiten Erzählung, die wiederum in den Bergen am Issyk-Kul spielt - dorthin sind die Wölfe aus der Mujunkum-Steppe geflüchtet -, steht der Schafhirte Boston mit seiner Familie. Boston wendet sich gegen die Misswirtschaft in der Schafzucht, die vor allem durch unsinnige Anordnungen unfähiger Parteifunktionäre verschuldet ist. Das zieht ihm den Haß dieser Funktionäre und den Neid derer zu, die weniger tüchtig und erfolgreich sind als er. Man wirft ihm vor, mit seiner Forderung nach Eigenverantwortlichkeit des einzelnen die Grundlagen des Sozialismus zu untergraben. - Auch Bostons Schicksal endet tragisch: Die Wölfin, ein drittes Mal ihrer Jungen beraubt, entführt aus unbefriedigtem Mutterinstinkt den einzigen, knapp zweijährigen Sohn Bostons. Beim Versuch, die fliehende Wölfin zu erschießen, trifft Boston mit ihr auch das Kind. Da geht er, um Basarbai zu töten, der die Jungen aus Eigennutz geraubt, und das Unglück damit heraufbeschworen hat, und sich danach selbst zu richten: "Die ganze Welt war bisher in ihm selbst beschlossen gewesen, und nun war das Ende dieser Welt gekommen [...] Die blaue Bodenlosigkeit des Issyk-Kul kam immer näher und am liebsten hätte er sich darin aufgelöst, um einfach zu verschwinden; er wollte leben und wollte es auch wieder nicht. Nach dem Vorbild der Wellen: eine Woge schäumt auf, verschwindet und entsteht von neuem aus sich selbst."

Mit diesem aussagekräftigen Bild endet die zweite Erzählung, die einer antiken Tragödie vergleichbar ist, in der Konsequenz, in der sich das tragische Geschick von Mensch und Tier vollzieht, das aber nicht durch unpersönliche Schicksalsmächte, sondern durch menschliche Schuld heraufbeschworen wurde.

"Die Richtstatt" ist ein sehr vielschichtiges Buch, das sich unter verschiedenen Aspekten betrachten und deuten lässt. Dem vielschichtigen Gehalt entspricht die komplizierte, aber souverän gehandhabte Form, die dadurch stets durchsichtig bleibt: Die Wolfsgeschichte der Rahmenerzählung ist unmittelbar mit den beiden anderen Erzählungen verflochten; Aitmatow arbeitet mit Rückblenden, inneren Monologen und Wechsel der Erzählsituationen. Kritische Einwände ließen sich gegen die langen Reflexionen und Dialoge sowie die Verknüpfung zweier so unterschiedlicher Erzählungen erheben, deren innere Entsprechung sich erst bei näherem Nachdenken erschließt. Die Tiefgründigkeit, in der religiöse und philosophische Fragen gerade in diesen Reflexionen und Dialogen zur Sprache kommen, die einfühlsame Darstellung der Tiergeschichte sowie die schonungslose Kritik gesellschaftlicher Missstände sind jedoch so überzeugend und beeindruckend, dass mögliche Einwände demgegenüber völlig zurücktreten.

Dass die Gestalt Awdis etwas wirklichkeitsfremd anmutet, ist nicht der mangelnden Gestaltungskraft Aitmatows anzulasten, sondern entspricht der Art und Weise, in der diese Gestalt angelegt ist: Awdi verkörpert in seiner Person das Gute; mit seinem Reden und Tun wirkt er so anstößig und provozierend auf viele Menschen, dass sie ihn nur aus ihrer Gesellschaft ausstoßen können.

Mit seinem Roman "Die Richtstatt" steht Aitmatow auch in der Tradition der großen russischen Erzähler des 19. Jahrhunderts, vor allem in der Fjordor Dostojewskis. Erinnert sei hier besonders an dessen Roman "Der Idiot" und "Die Brüder Karamasow" und die in diesem Roman erzählte "Legende vom Großinquisitor".

Die Erzählungen der "Richtstatt" enden tragisch wie der Roman "Der weiße Dampfer". "Das Tragische", sagt Aitmatow, "ist eine objektive Kategorie der Wirklichkeit, die wir nicht ignorieren dürfen." Eine Literatur, die das Leben in seiner Vielschichtigkeit darstellen will, darf das Tragische nicht ausklammern, weil es Teil des menschlichen Lebens ist. Darüber hinaus gilt, was Aitmatow im Zusammenhang mit seinem Roman "Der weiße Dampfer" gesagt hat, "daß es Aufgabe der Kunst ist, den Menschen zum Nachdenken zu veranlassen, ihn zu erschüttern, in ihm starke Gefühle des Mitleids und des Protestes gegen das Böse zu wecken"

III.

Die alten Mythen und Legenden, die Aitmatow in seinen Romanen aufgreift, "sind das Gedächtnis des Volkes, die Verdichtung seiner Lebenserfahrung, seiner Philosophie und Geschichte, ausgedrückt in märchenhaft-phantastischer Form; sie sind schließlich sein Vermächtnis für künftige Geschlechter". In der alten Legende von der Gehörnten Hirschmutter wird etwas von dem ausgesprochen, was zur wichtigsten Aufgabe der heutigen Menschheit geworden ist: "ein harmonisches Verhältnis von Mensch und Natur zu finden". Damit schlagen diese alten Legenden eine Brücke von den Urzeiten bis in unsere Gegenwart und darüber hinaus in die Zukunft. Sie binden den Menschen ein in die Tradition, die es zu bewahren und weiterzugeben gilt, und sie machen ihm seine Verantwortung nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft bewusst; denn unsere Gegenwart ist nur ein Teil der großen Menschheitsgeschichte, so wie es im Titel seines vorletzten Romans ausgedrückt wird: "Der Tag zieht den Jahrhundertweg".

Diese Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen und nach seiner Verantwortung führen Aitmatow fast zwangsläufig zu Fragen, die die Begrenzung irdischen Lebens transzendieren: Fragen nach dem Sinn des Lebens im Angesicht des Todes und dem Fortbestehen dessen, was dem Menschen in diesem Leben wichtig war; Fragen nach der Existenz Gottes und der Funktion des Gebetes, Fragen schließlich nach dem Sinn des Leidens. Bei dem Versuch, eine Antwort auf diese existentiellen Fragen menschlichen Lebens zu finden, knüpft Aitmatow nicht nur an die Mythen und Legenden des kirgisischen Volkes an, sondern er greift Gedanken und Vorstellungen, Bilder und Motive der islamischen und vor allem der christlichen Religion auf, denen er allerdings seine eigene, konsequent anthropologische Deutung gibt: "Der Mensch selbst ist Richter und Schöpfer eines jeden unserer Tage [...], deshalb sollen die Menschen sich auch selbst um das morgige Leben auf Erden sorgen." Damit appelliert Aitmatow wiederum an die Verantwortung des Menschen für die Zukunft und für das Leben auf dieser Erde.

Bemerkenswert ist, wie stark Aitmatow in seinem letzten Roman die Bedeutung des Martyriums als Zeugnis für die Wahrheit und die erlösende Kraft des Leidens betont - vor allem in den Gesprächen zwischen Jesus und Pilatus, aber auch im Verhalten Awdis, der seinen Einsatz für das Gute mit dem Leben bezahlt. Vielleicht liegt in der Überlegung, dass das Leiden der Preis des Sieges ist, ein Hinweis verborgen, dass Aitmatow das tragische Ende der verschiedenen Erzählungen der "Richtstatt" nicht als Ausdruck der Ausweg- und Hoffnungslosigkeit verstanden wissen wollte. Die Auffassung, dass es Gott nicht unabhängig von unserem Bewusstsein gibt, die Awdi im Gespräch mit dem Vater Koordinator so nachdrücklich vertritt, kommt einer christlich-theologischen Antwort auf die Frage nach der Existenz Gottes nahe, nach der Gott nicht an sich, sondern immer nur für uns existiert. Aber man sollten sich davor hüten, Aitmatow in irgendeiner Weise "christlich vereinnahmen" zu wollen, so frappierend viele seiner Deutungsversuche christlicher Glaubensvorstellungen auch sein mögen. Sie sollten allerdings zum Nachdenken über eigene beziehungsweise tradierte Glaubensüberzeugungen anregen. Aitmatow verwendet diese Vorstellungen, die bei ihm oftmals in der "Schwebe" bleiben und durchaus in Spannung zueinander stehen können, um deutlich zu machen, dass der Sinn menschlichen[s] Lebens sich nicht in den materiellen Dingen des irdischen Seins erschöpft, sondern sie transzendiert, und dass dem Menschen eine große Verantwortung für die Zukunft dieser Welt übertragen ist. Im Zusammenhang dieser Verantwortung - für den einzelnen Menschen, für das Tier als Bruder des Menschen wie für die Erde in ihrer Gesamtheit - gewinnt auch der zentrale christliche Begriff der Buße und Umkehr, der in Aitmatows letztem Roman eine so entscheidende Rolle spielt, seine besondere Bedeutung: Als ein Ruf zur Umkehr an eine Menschheit, die im Begriff ist, sich selbst zu zerstören.


Titelbild

Tschingis Aitmatow: Abschied von Gülsary.
Übersetzt aus dem Russischen von Leo Hornung.
Unionsverlag, Zürich 1992.
216 Seiten, 8,90 EUR.
ISBN-10: 3293200168
ISBN-13: 9783293200166

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Titelbild

Tschingis Aitmatow / Tschingis Aitmatow: Der Richtplatz.
Übersetzt aus dem Russischen von Friedrich Hitzer.
Unionsverlag, Zürich 2002.
464 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3293200133
ISBN-13: 9783293200135

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Tschingis Aitmatow / Tschingis Aitmatow: Der Richtplatz.
Übersetzt aus dem Russischen von Friedrich Hitzer.
Unionsverlag, Zürich 2002.
464 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3293200133
ISBN-13: 9783293200135

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