Gekrümmte Kindheit

Über Ulrike Draesners Roman "Lichtpause"

Von Melanie WitteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Melanie Witte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Kind liegt schwer verletzt auf der Straße. Sanitäterinnen bemühen sich, sein Leben zu retten, Passanten bleiben stehen, was ist passiert? Das Kind stirbt. Und während sein Körper mit dem Rettungswagen fortgebracht wird, bleibt etwas von ihm - ein anderes Ich - am Unfallort zurück. Dieses Etwas verkriecht sich auf dem Dachboden des Elternhauses, sitzt dort unbemerkt an einem ausgemusterten Küchentisch, beobachtet seine Umgebung, betrachtet Fotos und erinnert sich. Die Kontinuität von Raum und Zeit ist aufgehoben: "Wenn ich will, hat sich die Perspektive wegerfunden." Ein spannender und überraschender Romanauftakt.

Es folgen bruchstückhafte Episoden aus dem ganz normalen Alltag eines Kindes, die den schmerzhaften Prozeß der Sozialisation sichtbar machen wollen. Hilde, das Kind, reibt sich an allem wund. An den Eltern, aus deren Zweieinheit sie sich ausgeschlossen fühlt und die ihr nicht zuhören. An der Schule, in der sie mit Wortsalat vollgestopft wird und die von Hilde Leistungen fordert, die sie nicht immer erbringen kann. Und schließlich an der Sprache, die sich wie ein Faden bei Hilde aufspult, "von z bis a, damit sie Vaters Pferd ist, unter seinen Zügeln" -"so soll sie zahm sein". Kurzum: Kindheit, das ist die wahre Abhängigkeit, das "Leben unterm Gesetz. Diese Augen, die einen beobachten, hören nie auf."

Eine Pause ist die Unterbrechung von etwas Andauerndem. Eine Lichtpause entsteht etwa durch den Lidschlag oder wenn im Biologieunterricht für die Diaprojektion die Rolläden heruntergelassen werden. Das Wort "Lichtpause" hat außerdem eine technische Bedeutung: es bezeichnet eine bestimmte Art von Kopie. Hilde besorgt für ihren Vater die Lichtpausen seiner Konstruktionspläne. Dabei erkennt sie: "Sie gehört ihm, ist ihm aus dem Gesicht gepaust, und er steckt in ihr - so soll sie doch wirklich sein." Das Kind als Kopie des Vaters, als Klischee der Eltern.

Leider erstarrt auch der Roman im Klischee. Hildes Vater übt - natürlich - einen Ingenieursberuf aus - Sinnbild der Konstruktion von nur einer gültigen Wirklichkeit. Hildes Mutter krümmt das Kind mit ihrem Sich-Kümmern, und immer wieder heißt es: krumme Hilde, gebeugte Hilde, bis das Kind schließlich gekrümmt auf der Straße liegt. Das Elternhaus ist aus kaltem, grauem Beton und - wie könnte es anders sein - vom Vater gebaut. Immer wieder werden Tiere gequält, auch von Hilde - das ist wohl als Sinnbild der patriarchalen Gesellschaft zu denken. Ein positives Gegenbild bietet der Roman dagegen nicht an. Die andere Welt des Kindes - im Klappentext als "Reich des Grenzenlosen" bezeichnet - gewinnt keine Kontur. Obwohl die Perspektive gerade nicht "wegerfunden" wird, sondern immerzu an Hilde haften bleibt, will sich Nähe zu diesem Kind nicht einstellen.

Das liegt sicher nicht zuletzt an der Form des Romans, der Raum und Zeit in kleine Einheiten zerlegt und es damit dem Leser erschwert, eine Entwicklung zu erkennen. Der Roman zerfällt nach dem vielversprechenden ersten Teil, der sich mit den beiden folgenden nicht zusammenfügen will. Die als "Ich" eingeführte Stimme des Mädchens verstummt mit dem zweiten Kapitel, und die bereits aufgebaute Spannung geht wieder verloren.

Und die Sprache? Ulrike Draesner hat bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht. "Lichtpause" ist ihr erster Roman. Womöglich ist ihr Stil für Lyrik besser geeignet, wenngleich er nicht eigentlich lyrisch ist, sondern eher spröde. Stellenweise gelangt die Sprache - wie im Klappentext versprochen - zu hoher "Transparenz und Phantasie". Andere Sätze erschöpfen sich im Leerlauf von Wiederholung und Variation: "Sie würde ja gerne so sein, wie sie soll - will sie. Würde sie so gerne wollen, daß sie so gewollt wäre wie etwas, was das Sollen nicht mehr spürt"? Das ist keine überzeugende Alternative zu der im Roman selbst kritisierten Sprache der Väter. Eher schon ein Hinweis auf das eigene Eingespultsein in die Vatersprache.

Bleibt noch zu sagen, daß dieser Roman ohne jede Komik ist, obwohl sich Ironie hier wirklich angeboten hätte, denn eine wohldosierte Prise ironischer Distanz hätte diese gutgemeinte Erziehungsschelte vor dem Einbruch in die Weinerlichkeit bewahrt: "Ach, krumme Hilde, große Piratin, Hilde der ständigen Bewährung..." Ach ja.

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Ulrike Draesner: Lichtpause.
Verlag Volk & Welt, Berlin 1998.
205 Seiten, 0,00 EUR.
ISBN-10: 3353011358

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