Ein instruktiver Ratgeber zum Schreiben

Schreibtrainerin Judith Wolfsberger begleitet Studierende bei wissenschaftlichen Großprojekten

Von Nikola RoßbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nikola Roßbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

2007 ist im Böhlau Verlag ein empfehlenswerter Ratgeber zum wissenschaftlichen Schreiben erschienen. Die Autorin Judith Wolfsberger kommt aus der Praxis; sie hat das writers' studio in Wien gegründet und leitet Schreibseminare an der Universität und in Firmen.

Ihr aktuelles Buch hat Vorbilder aus dem deutsch- und englischsprachigen Bereich, die sie nicht verschweigt. Die Verfasserin stellt sich bewusst in eine ganze Reihe renommierter Schreibdidaktiker, wobei Otto Kruse ("Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium." Frankfurt a.M. 1993) und Joan Bolker ("Writing Your Dissertation in Fifteen Minutes a day. A Guide to Starting, Revising and Finishing Your Doctoral Thesis." New York 1998) die klaren Favoriten sind. Übrigens eignen sich gut ausgewählte Zitate ausgezeichnet für die Pinnwand über dem Schreibtisch - so etwa: "You will never FIND time. You will have to MAKE time" (Elizabeth Henley).

Nicht zufällig liegt der Schwerpunkt der rezipierten Literatur auf der angelsächsischen Schreibdidaktik. Wissenschaftliches Schreiben genießt in England und Amerika einen höheren Stellenwert als in Deutschland oder Österreich, wo die Verfasserin lebt und arbeitet. Aber auch in unseren Landen ist die Schreibdidaktik längst an der Universität angekommen, was Wolfsbergers Buch nicht genügend deutlich macht. Bereits der wegweisende Sammelband "Schlüsselkompetenz Schreiben. Konzepte, Methoden, Projekte für Schreibberatung und Schreibdidaktik an der Hochschule" (hg. von Otto Kruse/Eva-Maria Jakobs/Gabriele Ruhmann, Neuwied/Kriftel/Berlin 1999) stellte zahlreiche Schreibprojekte, Schreiblabore, Schreibwerkstätten an europäischen Universitäten vor. Inzwischen hat die Schlüsselkompetenz 'wissenschaftliches Schreiben' in vielen Curricula der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge einen festen Platz erobert - allerdings, da ist Wolfsbergers Schelte zuzustimmen, keinen besonders exponierten. Professorales Lamento über schlechte studentische Arbeiten hat immer noch viel zu selten die forcierte Aufwertung schreibdidaktischer Lehre zur Folge.

Das Besondere an Judith Wolfsbergers Buch sind Praxisbezug, dialogische Kompetenz und universaler Anspruch: "frei geschrieben", 259 Seiten stark, verdichtet auf instruktive Weise die Erfahrungen der Schreibtrainerin, die Leser durch das vertrauliche Du in eine intime Vermittlungssituation hineinholt und provokativ zur Aktion herausfordert - symptomatisch dafür ist die mit einem Steckdosensymbol verknüpfte, wiederholte Aufforderung: "JETZT BIST DU DRAN".

Dabei handelt der Band nahezu sämtliche Aspekte wissenschaftlichen Schreibens ab: praktische, theoretische, institutionelle, methodische, psychologische. Der Leser erhält zahlreiche praktische Tipps zu Zeit- und Raummanagement, kluge Hinweise zu Orten, Zeiten und Materialien des Schreibens, zu Schreibplanung und Schreibtraining, zu Dauer und Pausen, Anfängen und Abschlüssen des Schreibens, zu Blockaden und Glückshormonen beim Schreiben, zu Schreibangst und Gegenstrategien (Dialog mit dem inneren Zensor Prof. Obergscheit).

Wolfsberger informiert über bewährte und aktuelle Methoden wie Clustering, Mindmapping, Freewriting, SQR (vergleiche die neun 'Genialen Schreibmethoden'). Ein Spezifikum ist die Einbeziehung anderer Schreibender und Lesender; immer wieder werden Arbeitspartner und -gruppen empfohlen.

Die Autorin leitet fachlich kompetent durch ein großes wissenschaftliches Projekt, durch seine Etappen (Forschungsfrage finden, wissenschaftliche Literatur selektieren, Rohtexte schreiben, überarbeiten) und seinen Abschluss. Ein Text ist nie fertig - dennoch ist das 'Abschließen, verabschieden und abgeben' am Ende entscheidend.

Konsequent bleibt die Schreibtrainerin - erwartbarerweise, verständlicherweise - ganz auf der Seite ihrer 'Schützlinge'. Deren Betreuer kommen dabei nicht sehr gut weg: Kritisiert wird der oft nachlässige oder gar destruktive Umgang mit Studierenden, die bei Sprechstunden mit der hilflos machenden, unkonkreten Kritik oder immer wieder neuen und sich gar widersprechenden Arbeitsaufträgen ihrer Dozenten konfrontiert werden. Dieses Urteil einer erfahrenen Coacherin, die bereits hunderte von schreibenden Studierenden zum Umgang mit ihren Betreuer/innen beraten hat, sollte man ernst nehmen; es signalisiert personale ebenso wie strukturelle Probleme universitärer Kommunikation.

Ein besonders heikles Thema, das Plagiat in studentischen Arbeiten, bewertet Wolfsberger ebenfalls aus der Perspektive pro Student/in: "Plagiate sind illegal, das ist bekannt. Plagiate sind vor allem ein trauriges Zeichen von Hilflosigkeit und Überforderung. Die Drohgebärden der Universitäten sind aber keine Hilfe, sie tun so, als wäre es so lustig, da und dort etwas abzukupfern, zu manipulieren, zu vertuschen und dann als eigene Sache zu verkaufen. Das ist doch eher ein Verzweiflungsakt! Im mindesten zeigt es, dass jemand einfach nicht weiß, wie er diese supergescheiten Fachtexte, die so perfekt formuliert und unangreifbar sind, in das eigene Schreiben - rechtens - integrieren kann. Manche scheinen leider vor der Alternative zu stehen: Abschreiben oder ganz Aufgeben?" Wolfberger positioniert sich also durchaus kämpferisch in Hochschuldidaktik und -politik.

Nur zu loben gehört sich nicht für Rezensionen, zumindest nicht in der (von Wolfsberger mehr als einmal als gescholtenen) deutschsprachigen akademischen Kultur des Umgangs mit wissenschaftlichen Leistungen anderer. Hier ist es trotzdem angebracht. Studierende werden in diesem Buch kompetent bei wissenschaftlichen Schreibprojekten begleitet. Lehrende erkennen - womöglich - die Notwendigkeit universitärer Schreibdidaktik: "Frei geschrieben" kann nicht zuletzt Anleitung zum Lehren wissenschaftlichen Schreibens sein.


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Judith Wolfsberger: Frei geschrieben. Mut, Freiheit und Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten.
Böhlau Verlag Wien, Köln 2007.
259 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783205776284

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