Aktualität oder Recycling?

Neuerscheinungen zu "1968" dokumentieren Altes, manchmal im neuen Gewand

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine Epoche kann eigentlich keine Jahrestage zeitigen, ist "1968" doch mehr als ein Jahr, zentrierte sich die mit dem Rubrum dieses Jahres versehene Bewegung vor allem - aber nicht ausschließlich - um Ereignisse wie die Mai-Unruhen in Frankreich, den Mord an Martin Luther King oder den Anschlag auf Rudi Dutschke im April, aber auch die Verabschiedung der bundesrepublikanischen Notstandsgesetze im Mai 1968. Es muss heute kaum mehr betont werden, dass "1968" als sinnstiftender Erinnerungsort schon Jahre vorher begann und Jahre danach endete. Die Deutschen mögen als Initialzündung an die Anti-Atomkraft-Bewegung der 1950er-Jahre, jedenfalls aber an den Mord an Benno Ohnesorg vom 2. Juni 1967 denken. Das von Gerd Koenen so genannte "rote Jahrzehnt" endete dann im Deutschen Herbst von 1977. Diese Eckdaten bezeichnen eine mittlerweile mythisch zu nennende Aufstiegs- und Verfalls-Schleife. Sie reicht zumindest auf der Ebene der Ereignisgeschichte von der hoffnungsfrohen Politisierung einer kleinen Bevölkerungsschicht bis zum Scheitern einer noch viel kleineren Minderheit terroristischer Gewalttäter. Mit ihr einher ging aber, was kaum noch bestritten wird, eine epochale Veränderung westdeutscher Mentalitäten.

In Gedenkjahren wie 2008 besteht die Gelegenheit, nationale und transnationale Vergangenheits- und Gedächtnispolitik überhaupt zum Thema zu machen, es sind also Anlässe gegeben, über die im Fokus stehenden Ereignisse hinauszudenken. Dies kann im zu Recht umstrittenen Medium des historischen Vergleichs geschehen, wie wir ihn aus dem Historikerstreit der 1980er-Jahre und aus den Debatten um die mittlerweile vergangene DDR zu Beginn der 1990er-Jahre kennen: War der Nationalsozialismus etwas Einmaliges oder lässt er sich mit dem stalinistischen Terror vergleichen? Die Relativierer im Historikerstreit konnten sich nicht durchsetzen, die Aktualität der NS-Zeit wird indessen bis heute von kaum jemandem in Deutschland bestritten. Die Frage der historischen Einmaligkeit der Geschichte der DDR, eben der zweiten Diktatur auf deutschem Boden, wurde in heute fast vergessenen Debatten gestellt und häufig zugunsten der problematischen Totalitarismus-These bestritten. Offenbar mit Erfolg, denn eine Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit (die eine ost- wie westdeutsche Vergangenheit ist) findet heute längst fast nur noch in den Köpfen der Ostdeutschen statt. Dies dürfte sich 2009, 20 Jahre nach der Wende, noch einmal ändern.

Ob wir uns auch in zwanzig Jahren noch mit "1968" beschäftigen werden, wenn fast alle einstigen Protagonisten die öffentliche Bühne verlassen haben werden, lässt sich heute noch nicht beantworten. Es scheint aber, als wollten die Aktivisten von einst noch rechtzeitig ihr Testament machen, ihr Feld bestellen, ihre nicht zuletzt kraft guter Medienkontakte immer noch bestehende Deutungshegemonie zu 'endgültigen' Deutungen nutzen. Hierzu gehören starke Thesen wie Götz Alys - im Lichte des eben Skizzierten kaum verwunderlicher - Vergleich zwischen "1968" und "1933", also eine Provokation, die allererst die historische Individualität eines kulturellen Großereignisses relativieren und langfristig entsorgen möchte. Hierzu gehört, auf der anderen Seite, auch das neueste Buch des unermüdlichen '68er-Papstes Wolfgang Kraushaar, der seinerseits, in diesem Jahr ohnehin in vielen Blättern präsent, seine (oder: die?) Bilanz vorzulegen beteuert und auf die eigentümlichen und bleibenden, wenngleich ambivalent zu bewertenden Leistungen der '68er pocht.

Auch die "Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte" beharrt darauf, dass der "Deutungskampf" noch im Gang sei. So weisen Albrecht von Lucke und Jürgen Kocka auf die Instrumentalisierung von und die je selektive und verzerrende Erinnerung an "1968" hin. In der Tat fällt auf, dass "68" häufig auf einige wenige, medial spektakulär darstellbare, sich heute also vor allem mit Bildern der Zeit verbindende semantische Komplexe reduziert wird - Bilder von Demonstrationen, vom Zusammenleben in Kommunen, von Kinderläden. Diese Reduktion geschieht auch dort, wo ein emanzipatorischer Impuls durchaus ernst genommen wird. Der Historiker Jürgen Kocka lehnt, natürlich, den 33/68-Vergleich als abwegig ab. Wenngleich auch manche '68er, wie übrigens Wolfgang Kraushaar auch bereitwillig einräumt, einen aus heutiger Sicht überraschenden nationalen Impuls nicht verbergen wollten, so stießen sie doch die kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ihrer Väter häufig erst an.

Zur historisch großflächigen Gesamtdeutung kommt - man denke nur an die Frankfurter Ausstellung "Kurzer Sommer - lange Wirkung" - ein Trend zu Archivierung und Dokumentierung, zur Bereitstellung und Wiederaufbereitung von Materialien, der vielleicht mit geballter Medienpower darauf abzielt, ein immer noch im kommunikativen Gedächtnis präsentes und zu diskutierendes Ereignis bereits zu kanonisieren und dem kulturellen Gedächtnis zuzuführen. Dies ist nicht Aufgabe der Medien und wohl auch nicht das Ziel ihrer Macher, doch ist das Neue beim diesjährigen 'Jubiläum', dass bei der Mehrzahl der Medienkonsumenten, bei den 14 bis 50-Jährigen etwa, die Zeitgenossenschaft ausfällt, sie sich erst über das damalige Geschehen informieren lassen müssen. Ähnlich wie beim historischen Komplex Nationalsozialismus seit der Zeit seiner verstärkten gedächtnispolitischen Bearbeitung, also etwa seit den 1980er-Jahren, ist gut die Hälfte einer Lebensspanne seit den Ereignissen selbst vergangen. Dies könnte darauf hindeuten, dass wir uns am Beginn der eigentlich spannenden Etablierungsphase eines '68er-Gedächtnisses befinden, weil eben nicht vorhersehbar ist, ob aus den jetzt verfügbaren Erinnerungen, aus Texten und Bildern in den späteren Geschichtsbüchern eine Epoche wird oder ob es nur zu einer Randnotiz reichen wird.

In den Schulen kommt "68" offenbar spätestens jetzt an. Bestreiten heutige Studierende einerseits vehement, in der Schule etwas über die Zeit der APO erfahren zu haben (es sei denn in biografischen Anekdoten der älteren Lehrer), so macht sich ein Heft der Zeitschrift "Der Deutschunterricht" für die schulische Behandlung des Themas stark. Heinrich Böll, Peter Handke und Hubert Fichte stehen auf dem Programm, nicht von einem Ereignis der deutschen Literatur oder auch nur von einem deutschen Ereignis ist die Rede, sondern von einem globalen, von einem frühen Zeugnis der Globalisierung sogar. Ingrid Gilcher-Holteys Globalisierungsthese (die von Norbert Frei in seinem neuen Buch bestätigt wurde) wäre eine stabile Legitimation auch für die weitere Beschäftigung damit.

Die Nachgeborenen haben das Recht und die Chance, ad fontes zu gehen und sich selbst davon zu überzeugen, was 1968 gedacht und getan wurde, was davon Bestand haben soll. Ob Text oder Bild, Tondokument oder Film - 1968 ist zurückgekehrt, multimedial.

"Die unbequeme Zeit", ein Band des Fotografen Michael Ruetz über "das Jahrzehnt um 1968" ist mehr als eine beliebige Dokumentation. Die Fotos entstanden in Hör- und Gerichtssälen, in Fabriken, Wohnzimmern und immer wieder auf der Straße. Nicht wenige von ihnen gehören längst zum '68er-Bildgedächtnis. Sie geben einer scheinbar von herausragenden Ereignissen und zugleich von 'Ideen' geprägten Epoche ihr Zeitkolorit zurück.

Sie zeigen die damals Jungen beim Einüben neuer Gesten und Gebärden, beim noch tastenden Verzicht auf die bürgerlichen Zwänge bei Kleidung, Frisur und Wohnungseinrichtung. Gut studieren lassen sich die Posen Rudi Dutschkes, Rainer Langhans' und Fritz Teufels - aber auch Belustigung und Empörung der Zuschauer. Doch beschränkt sich die Auswahl nicht auf das heute übliche verkürzende '68er-Bild. Aufmärsche und Paraden in der DDR, in Santiago de Chile und Athen, den Alltag in Peine oder Breslau verbinden wir heute kaum mit der Zeit der Studentenbewegung. Fotos mit diesen Motiven repräsentieren die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen.

Eine Tondokumentation möchte die CD-Box "Was war, was bleibt. Die 68er und ihre Theoretiker" bieten. Rudi Dutschke bleibt im Vagen, als er Günter Gaus erklären soll, wie die von der Studentenbewegung angestrebte Gesellschaft eigentlich aussehen solle. Der als so charismatisch beschriebene Star der '68er neigte zu gewundener Rhetorik; die Faszination, die von seinen Auftritten ausging, erschließt sich dem Zuhörer kaum. Dies trifft ähnlich auf die akademischen Theoretiker zu, die mit Texten zu Wort kommen, welche sie für den Rundfunk oder für öffentliche Vorträge verfasst hatten. Dabei wird der zeitliche Rahmen '1968' deutlich gesprengt. Theodor W. Adornos Beitrag von 1959 hebt mit dem unsterblichen Satz an: "Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung." Alexander Mitscherlichs Einführung in die Psychoanalyse datiert von 1975. Diesen beiden sowie Ernst Bloch, Max Horkheimer und Herbert Marcuse zuzuhören, erfordert Geduld, erspart dem heutigen Interessenten das zu tun, was für die '68er dem Vernehmen nach ein Muss war: die intensive Lektüre vor allem der nicht-orthodoxen marxistischen Theorie. Ein vierteiliges Rundfunkfeature von 1996, die "Kurze Geschichte einer Kulturrevolution" von Anselm Weidner, ist dabei eine etwas leichter verdauliche Zugabe.

Der Suhrkamp Verlag hat, neben einigen 'echten' Neuerscheinungen, nicht nur Rudolf Sievers' "Enzyklopädie" wiederaufgelegt - eine sehr brauchbare Quellensammlung - er hat auch eine Reihe "Suhrkamp 1968" ins Leben gerufen, die zuerst und vor allem auf die Verdienste dieses Verlages selbst hinweist, insbesondere auf die innovative Kraft, die von der "edition suhrkamp" ausging. So werden, jeweils zum neckischen Preis von 19,68 Euro, einige Klassiker von damals in einmaligen Sonderausgaben wieder vorgelegt - der Clou dabei ist jedoch, dass jeweils eine DVD mit einem thematisch passenden zeitgenössischen Film mitgeliefert wird.

Jürgen Habermas legte 1969 einen Sammelband seiner hochschulpolitischen Schriften unter dem Titel "Protestbewegung und Hochschulreform" vor, in dem er die zunehmenden "irrationalistischen Impulse" unter den reformwilligen Studenten beklagt. In einer auf das Begräbnis Ohnesorgs folgenden Diskussionsveranstaltung hatte er angesichts Rudi Dutschkes nicht ganz klarer Haltung zur Gewaltfrage von der Gefahr eines Linksfaschismus gesprochen und sich damit bei allem Wohlwollen auf die Seite der APO-Kritiker geschlagen. Die Prophezeiung, die herrschenden Aktivisten würden den "Zusammenhalt durch sektiererische Abkapselung wahren", erwies sich im 'roten Jahrzehnt' der K-Gruppen als zutreffend. Die inhaltlichen Argumente und Forderungen zugunsten einer Hochschulreform sind uns heute noch wohlbekannt, sind also alles andere als erledigt. An die Evaluation von Lehrveranstaltungen durch Studierende wurde damals, lange vor Erfindung des Rankings, in Form einer "Vorlesungsrezension" gedacht. Maßnahmen wie die Verschulung des Grundstudiums oder die Einführung eines neuen, die Studierenden mit mehr Rechten ausstattenden Hochschulrechts diskutiert Habermas stets mit dem umfassenden Ziel einer Politisierung und Demokratisierung der Hochschulen - dieses Argument scheint heute niemanden mehr zu kümmern.

Ungemein spannend ist der Habermas' Buch beiliegende, 1967 von damaligen Studierenden des Ulmer Instituts für Filmgestaltung gedrehte Dokumentarfilm "Ruhestörung" von Hans Dieter Müller und Günther Hörmann. Alexander Kluge, unter dessen Leitung der Film entstand, steuerte ein Nachwort bei, in dem er die Qualitäten der Dokumentation auf den Punkt bringt: "Die bewegten Bilder des Films geben Eindrücke von den Einzelheiten dieser Jahre. Es sind andere Eindrücke, als sie bloß aus Texten und Fotos zu entnehmen sind. Wie einer sitzt, die Tonlage, in der etwas gesagt wird, die Kleidung (Krawatte oder nicht), robustes, höfliches, feindseliges Auftreten".

Der Film fängt die Stimmung unmittelbar nach dem Mord an Benno Ohnesorg ein, rekonstruiert den vielleicht wichtigsten Umschlagpunkt in der Geschichte der westdeutschen Studentenbewegung überhaupt. Was über Ruetz' Bildband gesagt wurde, gilt hier analog: Der heutige Zuschauer verfolgt damaliges learning by doing atemlos. Was die späteren Generationen schon im Kindesalter im Fernsehen sehen konnten, muss hier ausprobiert werden: Demonstrieren und Diskutieren, auch schlicht das verbale Standhalten gegen die mächtige Professorenschaft, ganz zu schweigen von der Polizei, die in ihren damaligen Uniformen allein schon optisch an noch finsterere Zeiten erinnerte. Protest wird hier zur Lebensform, die durch sinnliche, auch durch ästhetische Qualitäten mitbestimmt ist. Heute unfassbar ist die totalitär zu nennende Vorverurteilung der demonstrierenden Studenten im Berliner Abgeordnetenhaus. Die offenkundig nach wie vor herrschende Untertanenmentalität ließ den Gedanken vorerst nicht zu, dass die Demonstranten mit ihren Protesten gegen den Schah Recht haben könnten, dass Ohnesorgs Tod auf das Konto seines Mörders ging, vielleicht auch der verfehlten Eskalationstaktik der Polizei geschuldet war, nicht den Demonstranten selbst, die absurderweise an Stammtischen wie im Parlament zu Sündenböcken gemacht wurden.

Hiervon zeugt auch Hans Magnus Enzensbergers soeben endgültig beerdigte, damals aber ungemein verdienstvolle Zeitschrift "Kursbuch", deren fünf im Jahr 1968 erschienene Hefte Suhrkamp ebenfalls als Sonderausgabe vorgelegt hat. Kursbuch 12 bietet unter dem Titel "Der nicht erklärte Notstand" ein ausgiebiges Dossier über die Vorgänge am 2. Juni 1967 in Berlin. Dokumentiert werden Politikeräußerungen und Leserbriefe an den Berliner ASta. Ein Berliner CDU-Abgeordneter antwortet auf die Frage "Halten Sie Prügel (gemeint ist: seitens der Bevölkerung gegen die Studenten) für ein legitimes Mittel gegenüber Andersdenkenden?": "Ja, soweit der Bürger ein gesundes Empfinden dafür hat, wie weit er seinerseits gehen darf." Und auf die Nachfrage: "Also Faustrecht zur Abwehr einer Beleidigung?": "Das kann durchaus angemessen sein; die Demonstranten haben sich ja auch gewehrt."

Und Volkes Stimme spricht aus dem Brief eines Berliner Bürgers: "Unsere Regierung soll sich begraben lassen. Hier fehlt ein Innenminister wie Hermann Göring, der mit den Ganoven aus dem Scheunenviertel damals spielend fertig wurde."

Das Kursbuch 13, erschienen im Juni 1968, als sich auch in Frankreich die Lage zu entspannen begann, liefert Informationen über die Studentenbewegung weltweit. Bahman Nirumand bezeichnet die Studenten als Avantgarde im internationalen Klassenkampf, stellt also internationale und auch ästhetische Zusammenhänge her. Der Avantgarde zugehörig fühlte sich eben keineswegs nur der Situationist und Kommunarde Dieter Kunzelmann, 1967 der Mann des geplatzten Berliner Puddingattentats. Für das Kursbuch aber gilt: Alle hier wieder versammelten fünf Hefte sind Dokumente wilden Denkens und wollten doch zugleich konkrete Utopien für die vermeintlich kommenden Jahre und Jahrzehnte bieten. Insbesondere Heft 14, "Kritik der Zukunft" zeichnet mögliche Wege zur Vergesellschaftung des Privateigentums vor. Eine der Prognosen endet im Jahr 2015 mit einer wesentlichen Steigerung der Lebensstandards in Afrika und Asien.

Ebenfalls ein Reprint der "edition suhrkamp" ist das von den damals prominenten SDS-Aktivisten Jürgen Horlemann und Peter Gäng verantwortete Kollektivunternehmen zur Entstehung und Geschichte des Vietnamkrieges, das den Kriegsgegnern wohl erstmals eine fundierte Diskussionsgrundlage zur Verfügung stellte. In eigentümlichem Kontrast hierzu steht eine gleichzeitig entstandene Fernsehdokumentation von Peter-Scholl Latour, der im Gestus des schneidigen Generalstabsoffiziers mit dem Zeigestock in der Hand den Vietnamkrieg als militärische Operation der Truppenverlegungen, Vormärsche und Angriffe zu beschreiben versucht, also ganz im Sinn des Militärhistorikers, der sich über die beteiligten Menschen und ihr Leid keine Gedanken macht. Die in seinem Film als Individuen erkennbaren Menschen sind vor allem westliche Politiker; die Vietnamesen erscheinen als Volk von Kulis, als "ameisenhafte" Masse. Wie weit hat sich Medienberichterstattung doch von diesen Standards seither entfernt.

Am betroffenen Einzelnen hingegen sehr interessiert ist ein Schulbeispiel der zeittypischen Dokumentarliteratur. Erika Runges "Bottroper Protokolle" sind eine in ihrer politischen wie literarischen Substanz heute noch beeindruckende Sammlung autobiografischer Statements von Personen jeden Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft, die alle von den Zechenstillegungen im Ruhrgebiet seit den späten 1950er-Jahren betroffen waren. Die Sätze dieser 'einfachen' Leute bleiben im Gedächtnis haften. Dies trifft auf Runges Fernsehfilm "Warum ist Frau B. glücklich?" ebenfalls zu; er ist auf der beiliegenden DVD enthalten.

Der Suhrkamp Verlag war zweifellos Teil und wohl auch Katalysator der Studentenbewegung, doch hätte eine sorgfältigere editorische Betreuung der Reprints Not getan, deren Gestalt eben doch ein wenig an bloßes Recycling denken lässt: Man hätte gerne Genaueres über die hier fotomechanisch nachgedruckten Erstausgaben erfahren, auch über ihre Wirkung. Statt dessen begnügt sich der Verlag damit, mit aufdringlichen schwarz-weiß-roten Einbänden die Identifizierung der beiden Marken "Suhrkamp" und "1968" festzuschreiben.

War "1968" auch eine literarische Revolte? Zweifellos waren es literarisch Gebildete, sprachlich Versierte und Ambitionierte, die daran beteiligt waren. Die Medien der Bewegung wie Manifest und Flugblatt zeugen davon. Der Frage nach dem Stellenwert der Literatur widmet sich in diesem Jahr - ein Jahrzehnt nach der Marbacher "Protest!"-Ausstellung - bislang keine der wichtigeren Neuerscheinungen. Indirekt leistet eine im Taschenbuch erschienene literarische Anthologie einen Beitrag, die unter demselben Titel wie die schon angesprochene Frankfurter Ausstellung firmiert: "1968. Kurzer Sommer - lange Wirkung". Dieses Buch, das kaum mehr als drei- oder vierseitige Häppchen aus 1965 bis 2007 erschienenen deutschsprachigen Texten versammelt, belegt sehr eindrucksvoll, wenngleich fragmentarisch, die Funktion der Literatur für die Studentenbewegung selbst, vor allem aber für ihr Gedächtnis: Waren es einerseits Autoren wie Peter Handke, Heinrich Böll, Günter Grass, Rolf Dieter Brinkmann oder Uwe Johnson, die offenbar am Diskurs der Protestgeneration selbst teilhatten und wohl auch ihren literarischen Input leisteten, so trägt die erzählende Literatur bis zur Gegenwart dazu bei, "68" auch als literarisches Bild im Gedächtnis der Leser zu entwerfen und zu verfestigen. Ein Zeitgenosse wie Friedrich Christian Delius ist hier gleich mehrfach vertreten. Eine Urszene der Bewegung hat er in seiner Erzählung "Amerikahaus und der Tanz um die Frauen" verarbeitet. Seine auch ästhetisch bedeutsame Romantrilogie "Deutscher Herbst" mit dem wichtigen RAF-Roman "Mogadischu Fensterplatz" fehlt hingegen in der hier vorgelegten Sammlung. Doch deutet dieses Manko nur darauf hin, dass die Auswahl von Wolf Wondratschek, Peter O. Chotjewitz und Uwe Timm bis Benjamin von Stuckrad-Barre und Moritz Rinke zwangsläufig von Vollständigkeit weit entfernt ist.

Legendär ist Enzensbergers Wort vom "Tod der Literatur" im Kursbuch 15, das allerdings auf eine bürgerliche Belletristik gemünzt war und gerade den Blick schulen wollte für angeblich neue Schreibweisen der Reportage, wie Enzensberger sie mit der damals noch als "konkret"-Kolumnistin aktiven Ulrike Meinhof oder mit dem jungen Günter Wallraff verband. Die ästhetisch innovativeren Elaborate, Rolf Dieter Brinkmanns "Keiner weiß mehr" oder Bernward Vespers "Reise", die gleichwohl am erzählenden Anspruch des 'Romans' immer noch festhielten, blieben in der Minderzahl, wie das Lesebuch auch zeigt.

Kaum jemand wird sich sämtlichen vorgestellten Büchern, CDs und DVDs widmen können, empfehlenswert sind sie ausnahmslos. Sie alle bilden Mosaiksteinchen einer noch ungeschriebenen Geschichte von "1968". Gerade Bild, Ton und Film decken auf, was an den Themen von damals heute noch oder wieder aktuell ist, insbesondere die Praktiken der heute zur Normalität gewordenen Zivilgesellschaft, der Protest als staatsbürgerliche Verpflichtung, das Engagement für die Chance auf Bildung, das Eintreten gegen die Unterdrückung von Frauen, die globale Perspektive anstelle der nationalen. Die '68er, frühe Nutznießer und Akteure einer entstehenden Mediengesellschaft, sind hier als Objekte moderner Massenmedien beobachtbar. Fremd geworden sind ihr Utopismus und ihr Revoluzzertum, das rhetorische Pathos und die verschrobene Theorielastigkeit der Protest-Kader von damals. Die üblichen Verklärungen oder Verdammungen der Interpreten von heute bleiben uns in den Reprints und Dokumentationen in der Regel erspart. Es steht zu hoffen, dass die produktive Auseinandersetzung mit diesem Meilenstein der deutschen Geschichte nicht auf die einmal pro Dekade wiederkehrenden Gedenkjahre begrenzt bleibt, dass sie künftig verstärkt von den Nach-'68ern betrieben wird.


Titelbild

Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest.
dtv Verlag, München 2008.
286 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783423246538

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Andreas Pflitsch / Manuel Gogos: 1968. Kurzer Sommer - lange Wirkung. Ein literarisches Lesebuch.
dtv Verlag, München 2008.
384 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-13: 9783423136563

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Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig. Eine Bilanz.
Propyläen Verlag, Berlin 2008.
333 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783549073346

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Erika Runge: Bottroper Protokolle.
Mit der DVD: Warum ist Frau B. glücklich? Fernsehfilm von Erika Runge aus dem Jahr 1968.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
170 Seiten, 19,68 EUR.
ISBN-13: 9783518419885

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Klaus-Michael Bogdal / Eva Neuland / Helmut Scheuer / Peter Schlobinski (Hg.): Der Deutschunterricht. Heft 7. 1968.
Erhard Friedrich Verlag, Seelze/Velber 2008.
14,50 EUR.

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Kein Bild

Michael Ruetz: Die unbequeme Zeit. Das Jahrzehnt um 1968.
Steidl Verlag, Göttingen 2008.
190 Seiten, 40,00 EUR.
ISBN-13: 9783865216687

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Hans Magnus Enzensberger (Hg.): Kursbuch 1968.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
960 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783518419908

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Neue Gesellschaft - Frankfurter Hefte. Band 3/2008. 68 - Neue Runde im Deutungskampf.
Herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Anke Fuchs, Sigmar Gabriel, Klaus Harpprecht, Jürgen Kocka und Thomas Meyer.
Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2008.
80 Seiten, 5,50 EUR.
ISSN: 01776738

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Jürgen Habermas: Protestbewegung und Hochschulreform.
Mit der DVD: Ruhestörung. Dokumentarfilm aus dem Jahr 1967 von Hans Dieter Müller und Günther Hörmann.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
270 Seiten, 19,68 EUR.
ISBN-13: 9783518419847

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Götz Aly: Unser Kampf. 1968.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
256 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783100004215

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Jürgen Horlemann / Peter Gäng: Vietnam. Genesis eines Konflikts.
Mit der DVD: Vietnam Herbst 68. Fernsehdokumentation von Peter Scholl-Latour.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
210 Seiten, 19,86 EUR.
ISBN-13: 9783518419861

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Franz-Maria Sonner (Hg.): Was war, was bleibt. Die 68er und ihre Theoretiker.
8 CDs.
Verlag Antje Kunstmann, München 2008.
29,90 EUR.
ISBN-13: 9783888975158

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