Empfindsame Seelen und miese Betrüger

In ihrem Buch "Fremdgehen" ist Pamela Druckerman auf der Suche nach den Regeln des Seitensprungs

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wenn Ihnen Treue wichtig ist", empfahl Pamela Druckerman Ende letzten Jahres in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dann "[h]eiraten Sie keinen Mann aus Togo". Dabei berief sie sich auf die Recherchen für ihr jüngst erschienenes Buch über "[d]ie Regeln des Seitensprungs in aller Welt". Ihre Befragungen hätten nämlich ergeben, "dass die Männer, die am häufigsten fremd gehen, in Schwarzafrika leben."

In dem Buch selbst versäumt sie nicht, darauf hinzuweisen, dass Sexualforschung "nirgendwo etwas für schwache Nerven" sei und stellt somit implizit ihre eigene Kühnheit heraus, scheut sie sich doch nicht, ein solches Wagnis in Angriff zu nehmen. Wie viel Mut tatsächlich dazu gehört, einige Leute in einer handvoll Länder zu fragen, wie sie es mit der partnerschaftlichen Treue halten, mag dahin gestellt sein. Jedenfalls ist der Begriff der Forschung für ihr Vorhaben etwas zu hoch gegriffen. Hierzu mangelt es dem Buch vor allem an methodischer Genauigkeit.

Zudem sind die Befragungen keinesfalls repräsentativ, wie die Autorin ohne weiteres einräumt. Im Laufe ihrer Recherche habe sie zwar "zwei Dutzend Städte in zehn verschiedenen Ländern" besucht, "entsprechende Ratgeberkolumnen, einschlägige, private Kleinanzeigen sowie Berichte über Affären in vielen Sprachen" und sogar "alle wissenschaftlichen Forschungsberichte über sexuelle Untreue, die ich entdecken konnte", gelesen - und darüber hinaus noch etliche "Historiker, Psychologen und Sexualforscher" interviewt. Dennoch möchte sie ihren "Querschnitt von Ehebrechern nicht als wissenschaftlich relevant bezeichnen." Vielmehr sei die Auswahl "kurios" und "persönlich" ausgefallen, "manchmal" habe auch der Zufall eine Rolle gespielt. Darauf hinzuweisen spricht zum einen für die Aufrichtigkeit der Autorin, spekuliert allerdings zum anderen vielleicht auch ganz bewusst auf die voyeuristische Leseneugierde eines nichtwissenschaftlichen Massenpublikums, auf die offenbar schon der Titel "Fremdgehen" zielt.

Neben diesen ersten Bedenken ist eine Irritation zu notieren, für die nur die deutsche Ausgabe sorgt: Die Übersetzerin Christine Bendner setzt das große Binnen-I vollkommen willkürlich ein und man kann sich keineswegs darauf verlassen, dass nur Angehörige des männlichen Geschlechts gemeint sind, wenn es fehlt.

Ein nicht eben geringer Teil des Buches widmet sich dem "hysterischen Umgang der Amerikaner mit Ehebruch", der bereits im ersten Satz thematisiert wird: "In Amerika löst das Thema Ehebruch heftigere Reaktionen aus als in fast allen anderen Ländern (abgesehen von Irland und den Philippinnen)". Und da könnte man das Buch eigentlich auch schon wieder zuklappen. Denn davon, dass in den USA oder Irland 'Ehebrecherinnen' gesteinigt werden, wie es in einigen islamisch geprägten Ländern Afrikas und Asiens üblich ist, hat man noch nichts gehört. Jedenfalls wird das schon aufgrund des Untertitels nicht allzu großes Vertrauen in die Gründlichkeit und vielleicht auch Ernsthaftigkeit des Buchs somit bereits zu Beginn der Lektüre ein weiteres Mal erschüttert.

Dass einer 2006 durchgeführten Meinungsumfrage zufolge "Ehebruch für die AmerikanerInnen in moralischer Hinsicht noch verwerflicher ist als Polygamie und das Klonen von Menschen", nimmt man der Autorin dennoch ohne weiteres ab. Dass Monogamie "in der amerikanischen DNA verankert" sei, dürfte hingegen nicht wörtlich zu verstehen sein - so ist zumindest zu hoffen. Und überhaupt kann es mit der Monogamie der AmerikanerInnen nicht allzu weit her sein. Wie wäre sonst zu erklären, dass sich die meist unter christlichem Banner skrupellos moralisierende, vielleicht aber gerade darum blühende "Ehe-Industrie" an all den durch Seitensprünge gefährdeten Beziehungen eine goldene Nase verdient?

In Frankreich wäre dies den Beispielen und Darlegungen der Autorin zufolge schwerlich vorstellbar. Denn dort werde partnerschaftliche Untreue "eher pragmatisch denn moralisch" behandelt. Gelte sie doch bloß als eine "Verfehlung", die durchaus "verzeihlich und verständlich" sei. Während AmerikanerInnen derart "schlechte Fremdgeher" seien, "dass die meisten sogar während des außerehelichen Sexualaktes leiden", könne man von FranzösInnen lernen, eine "Affäre" zu genießen. Ein von ihr interviewter Franzose habe etwa "völlig perplex" auf die Frage reagiert, ob er denn einen Therapeuten konsultiere, "um sich Klarheit über sein Doppelleben zu verschaffen", so wie es in den USA übliche Praxis ist, wobei dem Ende des Ehebruchs eine jahrelange Partnerschaftstherapie zu folgen pflegt. Der Franzose erklärte der erstaunten Interviewerin hingegen, dass er ganz im Gegenteil die Therapie, in der er vorher gewesen ist, abgebrochen habe, da er mit seiner Geliebten "ja endlich glücklich" sei.

Auch in Japan kennt man keine "Schuldgefühle". Eine verheiratete Japanerin reagierte auf eine entsprechende Frage ähnlich verständnislos wie der Franzose. "Sich schuldig zu fühlen war ihr gar nicht in den Sinn gekommen, denn sie kam ja ihren familiären Verpflichtungen nach". Bevor Druckerman diese Auskunft erhielt, hatte sie allerdings erst einmal herausfinden müssen, "ob es dort überhaupt Sex gibt". Was sie diesbezüglich ermittelt haben will, ist nicht ganz frei von Ungereimtheiten. So erklärt sie einerseits, dass sie "[d]en Sex, an dem es in den sexlosen Ehen mangelt", "nirgendwo gefunden" habe und es daher durchaus möglich sei, "dass Japaner weniger Sex haben als alle anderen Leute, von denen in diesem Buch die Rede ist." Andererseits aber berichtet sie seitenlang über die florierende "Sexindustrie".

Wie dem auch sei. Jedenfalls unterscheiden sich die amerikanischen "Regeln des Seitensprungs" nicht nur eklatant von den französischen oder japanischen, sondern auch von den chinesischen. Gehöre es in den USA zum "Drehbuch", dass sich der untreue Ehemann bei seiner Geliebten darüber beklagt, wie unglücklich er mit seiner Frau sei, um somit zu signalisieren, dass er nicht etwa bloß ein "mieser Betrüger", sondern ganz im Gegenteil eine "empfindsame Seele" auf der "Suche nach Liebe und Zuneigung" sei, so lobten ungetreue Chinesen ihre Ehegattinnen bei ihren Geliebten, um zu beweisen, wie sehr sie Frauen respektieren. Zudem habe dies den Vorteil, dass die Geliebte sich kaum Illusionen über die Perspektiven der Beziehung hingeben dürfte.

Nicht nur die bevölkerungsreichste Nation, auch das größte Flächenland hat Druckerman aufgesucht. Schenkt man ihr Glauben, so "brechen" die meisten RussInnen "ununterbrochen die Ehe". Bei der Lektüre könnte man fast den Eindruck gewinnen, das Land der Oktoberrevolution habe sich nach dem Ende des Sozialismus in ein einziges großes Bordell verwandelt. Verantwortlich macht die Autorin zunächst zweierlei. Zum einen die "extreme demografische Schieflage" - es gibt mehr Russinnen als Russen - und zum anderen den sich durch alle menschlichen Bereiche fressenden Raubtierkapitalismus. Hinzu trete die allgemeine russische Eigenheit, "sich nicht besonders über Lügen auf[zu]regen". Der "wichtigste Punkt" sei mit alldem allerdings noch gar nicht genannt: die in Russland "allgemein akzeptierte Vorstellung", "dass Männer ihre Libido nicht kontrollieren können". Ein von Männer zu ihrer Exkulpation bekanntlich gerne vorgetragener Biologismus, über dessen Wahrheitsgehalt man kein Wort zu verlieren braucht. Sollte er allerdings tatsächlich eine so große Rolle für die Verbreitung partnerschaftlicher Untreue spielen, wie von Druckerman behauptet, wäre eigentlich zu erwarten, dass nirgendwo auf der Welt so viel fremdgegangen wird wie in islamisch geprägten Gesellschaften.

Nicht nur in Russland, auch in Südafrika ist Untreue Druckerman zufolge "allgegenwärtig". Sehr zu recht stellt sie in dem diesem Land gewidmeten Kapitel Aids in den Mittelpunkt, denn "Fremdgehen" sei in Südafrika "von einem unanständigen Hobby zu einer tödlichen Praxis geworden". Jeder fünfte Erwachsene ist HIV-Positiv. Daher wolle es ihr "nicht in den Kopf", warum die SüdafrikanerInnen an "gefährlichen Sexualpraktiken" festhielten, "obwohl sie wissen, dass es sie und ihre Familien das Leben kosten kann", wundert sich Druckerman. Vielleicht unterschätze sie jedoch, "wie wichtig romantische Beziehungen an einem Ort sind, der auch ohne Aids und Apartheid ziemlich trostlos ist." Und dem Rezensenten will - abgesehen von Druckermans verunglückter Konjunktion, die der Übersetzerin anzulasten sein mag - nicht in den Kopf, wie die Autorin hier von romantischen Beziehungen sprechen kann, nachdem sie zuvor ausführlich dargelegt hat, dass bei nicht-ehelichen sexuellen Beziehungen in Südafrika in aller Regel Prostitution im Spiel ist. Sicher ist jedenfalls, dass der in Südafrika allgegenwärtige Sexismus ganz wesentlich zur Verbreitung von Aids beiträgt. Zwar unterstreicht Druckerman die Rolle von Prostitution und Polygamie für das Umsichgreifen der Krankheit, doch benennt sie beide nicht als Formen des Sexismus. Und Vergewaltigungen als Ursache der explosionsartigen Zunahme von HIV kommen gar nicht erst vor. Dabei ist Südafrika als das Land mit der weltweit höchsten Vergewaltigungsrate berüchtigt.

Ob die Lesenden irgendeinen Nutzen aus der Lektüre des Buches ziehen können, sei dahin gestellt. Druckerman selbst profitierte hingegen durchaus von ihren Recherchen. Wie die Amerikanerin in dem eingangs erwähnten Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bekennt, besteht ihr ganz persönlicher Gewinn darin, dass sie seit ihrem Rechercheaufenthalt in Frankreich nicht mehr über eventuelle Seitensprünge ihres Partners Bescheid wissen möchte.


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Pamela Druckerman: Fremdgehen. Die Regeln des Seitensprungs in aller Welt.
Herbig Verlag, München 2008.
304 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783776625837

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