"We won't know what we've got till it's gone"

Gabrielle Walker und David King befassen sich in "Ganz heiss" mit den Herausforderungen des Klimawandels

Von Frauke SchlieckauRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frauke Schlieckau

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Spätestens seit Davis Guggenheims Film "Eine unbequeme Wahrheit", der den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten Al Gore auf seinem ,Kampfzug' gegen den Klimawandel durch die USA begleitete, ist der Schutz der Erde und ihrer Atmosphäre zu einem Thema mutiert, mit dem Politiker und Prominente auf der Beliebtheitsskala ein paar Punkte nach oben klettern können. Oft wird jedoch trotz aller guten Vorsätze mit gefährlichem Halbwissen hantiert. Auch der preisgekrönten Dokumentation gelingt es nicht durchgängig, diese Hürde zu nehmen. Selbst "Eine unbequeme Wahrheit" der alles in allem stimmig ist, darf angeblich in Englands Schulen nicht ohne eine zusätzliche Erklärung gezeigt werden, die auf neun Fehlaussagen hinsichtlich des Klimawandels aufmerksam machen muss.

Zum Phänomen des Klimawandels kursiert eine erstaunlich hohe Menge unrichtiger und teilweise paradoxer Informationen - obwohl in der Wissenschaft zu diesem Thema durchaus ein allgemeiner Konsens besteht. Dass das Klima sich ändert, ist unumstößlich. In welchem Tempo und Ausmaß aber, wer dafür wirklich verantwortlich ist und was sich tatsächlich dagegen tun lässt, verschwindet je nach Perspektive und Motivation des Absenders hinter verharmlosenden Phrasen oder unangemessener Dramatisierung. Dass die schwerwiegenden Folgen eines leichtfertigen Umganges mit unserer Erde nicht unmittelbar sind, sondern eine Hinterlassenschaft, mit deren Auswirkungen vor allem Folgegenerationen zu kämpfen haben, ist ein weiteres Problem, auf das Klimaaktivisten stoßen, wenn sie gegen den Klimawandel angehen wollen.

Gabrielle Walker und David King haben nun mit "Ganz heiss. Die Herausforderungen des Klimawandels" ein Buch vorgelegt, das eine klare Linie vorgibt. "Ja, die Welt wird wärmer", stellen die beiden lakonisch zu Beginn des Buches fest, im Anschluss erklären sie die Veränderung von Treibhausgasen um dann darzustellen, wieso diese Gase die Temperatur auf der Erde beeinflussen. Walker und King machen zweifelsfrei die menschliche Aktivität für den derzeitigen Wandel verantwortlich und fragen, welche Auswirkungen diese Veränderungen auf andere Aspekte des Klimas und die gesamte Erdpopulation haben können. Dabei erfährt der Leser nebenbei viel Wissenswertes, zum Beispiel weshalb Ozeane sauer werden und Korallen bleichen können. Oder dass Spinnen vor 360 bis 290 Millionen Jahren eine Größe von bis zu einem Meter erreichen konnten, was den Klimawandel zumindest eine Sekunde lang als kleineres Übel erscheinen lässt. Die Autoren erklären dem Laien glaubhaft, wieso der Konflikt in Darfur als erster Klimakrieg gelten kann, und beweisen einen differenzierten Blick, wenn sie beschreiben, wieso sich aber andererseits die Flutkatastrophe, die New Orleans 2006 nach dem Wirbelsturm "Katrina" heimsuchte, nicht einfach dem Klimawandel in die Schuhe schieben lässt.

Unterhaltsam und präzise gelingt es den beiden Autoren auf dem schmalen Grad zwischen Schönfärberei und Schwarzmalerei zu balancieren und dabei eine gute Mischung aus bunten Beispielen, Daten und Fakten zu präsentieren. Im Anschluss an die Lektüre ist der Leser schlauer, ohne von Zahlen erschlagen worden zu sein und sensibilisiert für die Gefahren, die der Klimawandel für uns birgt. Im Fall von "Ganz heiss. Die Herausforderungen des Klimawandels" gilt also: Die Mischung macht es. Gabrielle Walker ist als Chefredakteurin des Wissensmagazins "New Scientist" geübt darin, aktuelle Forschungsthemen für den fachfremden Leser aufzubereiten. Das Renommé und die Fachkenntnis von David King, der zu den weltweit führenden Klimaforschern gehört, verleihen den zahlreichen Fakten, wie auch der Vorstellung verschiedener nutzbarer Energien oder den Erklärungen zum Kyoto-Abkommen die nötige Seriosität.

Die Botschaft aber der Autoren ist eindeutig: "You won't know what you've got till ist gone". Die Klimakatastrophe wird zwar weder in den nächsten paar Jahren eintreten noch werden sich unsere Kinder in einem Szenario aus dem Film "The Day after Tomorrow" wiederfinden, in dem eine neue Eiszeit die gesamte Weltkugel gefrieren lässt. Gehandelt werden muss aber trotzdem dringend. Der Klimawandel, so lautet die Quintessenz des Buches, ist bereits in vollem Gange und kann nicht mehr gestoppt werden. Aber wir können den Schaden begrenzen und lernen, auf die Veränderungen angemessen zu reagieren. Und das heißt nicht nur Bauprojekte, Warnsysteme und Vorbereitungen zu entwickeln, die im Ernstfall Bestand haben, sondern vor allem - und das machen die Journalistin und der Wissenschaftler deutlich - heißt es die persönliche Lebensweise anzupassen, zu verändern und die vorhandenen Energien intelligenter zu nutzen.

Ein Leitfaden durch ein komplexes Thema, das den Leser nicht vergisst, und sich weder im aktuellen noch im historischen Diskurs der Forschung, aber auch nicht im eigenen Wissen verstrickt. Das Buch sollte nicht nur in den Geografieunterricht Eingang finden.


Titelbild

Gabrielle Walker / David King: Ganz heiß. Die Herausforderungen des Klimawandels.
Übersetzt aus dem Englischen von Friedrich Griese.
Berlin Verlag, Berlin 2008.
320 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783827007667

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