Turchia incognita

Zur Neuausgabe einer Sammlung moderner türkischer Erzählungen von den Herausgebern Petra Kappert und Tevfik Turan

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie ein kritischer Begleitband zur türkischen Geschichte, so mutet die von der Turkologin Petra Kappert und dem Germanisten Tevfik Turan 1992 erstmals veröffentlichte Kompilation der "Türkischen Erzählungen des 20. Jahrhunderts" schon nach der ersten Lektüre an. Und tatsächlich verstärkt sich dieser Eindruck, wenn man das Nachwort der 2004 verstorbenen Mitherausgeberin sowie die Liste der kurzen Autorenbiografien im Anschluss daran durchgeht: Schließlich handelt es sich bei den ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftstellern um aufmerksame Beobachter der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen in der Türkei von den 1930er-Jahren bis in das erste Dezennium des neuen Jahrtausends.

Der Ende 2008 neu aufgelegte, jetzt um sechs Autoren erweiterte Band enthält 30 Erzählungen, denen es gelingt, das auf dem Umschlag gemachte Versprechen einzulösen und ein breites Spektrum der relativ wenig bekannten türkischen Erzählliteratur zu präsentieren. Dabei lassen sich die Dichtungen thematisch grob in drei Gruppen aufteilen: Die eine ist der durch die vielen Jahrzehnte populären "Dorfprosa" oder "Dorfliteratur" verpflichtet. Die zweite behandelt die sich insbesondere nach 1945 rapide verstärkende Landfluchtbewegung und Verstädterung. Und die dritte stellt den Schriftsteller als den Prototyp des modernen intellektuellen Individuums dar, der von der übrigen Welt isoliert, gleichzeitig aber auch von ihr magisch angezogen ist.

Wie ist es zu dieser Entwicklung innerhalb der türkischen Literatur gekommen? Kurz gefasst, ist die beschriebene Schwerpunktsetzung das Ergebnis der gesellschaftlichen Umwälzungen in Kleinasien nach dem Untergang des Sultanats und der Gründung der Republik im Jahr 1923. Spielt die Prosa in der traditionellen osmanischen Dichtung vor allem aufgrund des Einflusses der persischen und arabischen Lyrik eher eine untergeordnete Rolle, so entwickelt sich die Roman- und Erzählliteratur erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts - zu einer Zeit, als sich die Türkei stärker westlichen, in erster Linie französischen Kultureinflüssen öffnet, die dann auch lange Zeit richtungsweisend sind.

Erst in den 1920er-Jahren beginnt sich die türkische Prosa von ihren östlichen wie westlichen Vorbildern zu emanzipieren und eigene Akzente zu setzen. Dabei wirken sich die Einführung der lateinischen Schrift 1928 und die Übersetzung zahlreicher Werke der europäischen Wissenschaft und Belletristik nicht negativ auf diesen Prozess aus. Im Gegenteil gelingt es den türkischen Schriftstellern, eigene Konzepte zu entwickeln, um die Fragen und Probleme ihrer Epoche zu diskutieren. Besonders großen Einfluss auf die frühe Dichtung haben zwei jung verstorbene Autoren, die im vorliegenden Band mit jeweils einer Erzählung vertreten sind.

Der eine, Sait Faik (1906-1954), ist bekannt als Verfasser von Kurzgeschichten, in denen er das Istanbul der Zwischenkriegszeit mit seiner aus unterschiedlichen Ethnien und Konfessionen bestehenden Bevölkerung porträtiert. Seine Helden stammen meist aus den Randbezirken urbanen Lebens, deren Dasein unspektakulär verläuft. Zeit und Entwicklung spielen für diese "kleinen Leute" keine Rolle. Und so wirken die Texte wie Momentaufnahmen, deren Grundton elegisch ist und die in ihrer Art eine "heitere Agonie" vermitteln.

Im Gegensatz zum lyrisch schreibenden Faik leitet Sabahattin Ali (1907-1948) mit seinen Texten eine neue Periode in der türkischen Literatur ein, nämlich die des "engagierten Realismus". Für die 1930er-Jahre noch ungewöhnlich, führen seine Arbeiten in die bisher eher unbeachteten ländlichen Regionen. Dabei ist für ihn von zentraler Bedeutung, dass er "Literatur nicht über, sondern aus der Sicht der Betroffenen zu schreiben" gewillt ist.

Nach seinem Tod greifen andere Autoren den Stoff auf und machen ihn zu dem Thema der türkischen Prosa. In der vorliegenden Anthologie ist es unter anderem durch Texte wie "Kapitulation" von Ahmet Hamdi Tanpinar (1901-1962), "Der Besen" von Yasar Kemal (geboren 1922) oder "Dann kriege ich mein Kind in den Bergen" von Fakir Baykurt (1929-1999) vertreten. Ihre Erzählungen setzen sich mit den Spannungen und Konflikten, die das harte und entbehrungsreiche Leben in Anatolien bestimmen, auseinander. Thematisiert werden so unter anderem die Armut der Menschen wie auch der starke Traditionalismus. Dargestellt wird aber auch die Lebendigkeit und Zähigkeit der Landleute, die Probleme anzupacken und zu lösen. Den Autoren gelingt es dabei unterschwellig auch, auf Missstände seitens der Autoritäten wie beispielsweise der Dorfpatronen aufmerksam zu machen, die trotz der propagierten Modernisierung auf ihre alten Rechte bestehen.

Dass die Mängel nicht immer offen thematisiert und diskutiert werden können, liegt an der jahrzehntelangen Instabilität des demokratischen Systems. Aufgrund des nach 1945 einsetzenden Kalten Krieges und der mit der geografischen Nähe zur Sowjetunion zusammenhängenden Furcht vor einer möglichen Invasion - eine Befürchtung, die auch in anderen westlich orientierten Staaten im Nahen Osten existiert -, später auch wegen innerer Konflikte, beherrschen Unruhe und Anspannung das gesellschaftliche Klima und behindern eine zügige Weiterentwicklung der parlamentarischen Demokratie.

Den Schriftstellern bleibt daher oft nur die Möglichkeit, auf die Verhältnisse nicht direkt einzugehen, sondern auf die Auswirkungen der politischen Unsicherheit und Nervosität aufmerksam zu machen. Dafür stehen die Erzählungen "Die Verbannung" von Nedim Gürsel (geboren 1951), "Nur dunkel soll es nicht werden" von Onat Kurtlar (1936-1995) und "Die Rückkehr" von Ferit Edgü (geboren 1936), in denen die Erfahrung der Einschränkung politischer Betätigung verarbeitet wird.

Im Mittelpunkt einer anderen Gruppe von Texten steht ebenfalls der Einzelne, der den gesellschaftlichen Wandel zwar mitbestimmt, aber auch als problematisch erlebt, der gleichzeitig Handelnder und Betroffener ist und dadurch nicht selten melancholisch wird. In "Der Großvater" von Tahsin Yücel scheitert ein alternder Pädagoge, da er die Reformideen Kemal Atatürks dermaßen akribisch zur Anwendung bringt, dass diese ad absurdum geführt werden. In "Ekel" von Demir Özlü (geboren 1935) werden die Einsamkeit und Weltschmerzgefühle junger, von Jean-Paul Sartre und dem Existentialismus beeinflussten Istanbuler Intellektueller in den 1950er-Jahre zum Ausdruck gebracht. Genannt sei auch "Das Gesicht und sein Henker" des mittlerweile weltbekannten Orhan Pamuk (geboren 1952): In seiner, in früherer osmanischer Zeit spielenden Erzählung folgt ein vom Sultan beauftragter Scharfrichter widerspruchslos seiner Pflicht - bis er die Auswirkungen seiner Tätigkeit erkennt und selbst dem Fluch der bösen Taten erliegt.

Neben der Dorfliteratur und der Prosa, die sich mit der Erfahrung der Modernisierung und Verwestlichung auseinandersetzen, finden sich noch eine Reihe satirischer Texte. In der türkischen Gesellschaft hat diese Gattung eine lang zurückreichende Tradition, bei der freilich zwischen politischer Satire und literarischer Persiflage unterschieden werden muss. Für die letztere Art steht die Erzählung "Der Hermaphrodit" von Orhan Duru (geboren 1933), die moderne Entwicklungen wie den Massentourismus und das Spekulantentum insbesondere an der Ägäis und dem östlichen Mittelmeer aufs Korn nimmt. Nicht fehlen darf in diesem Zusammenhang Aziz Nesin (1915-1995) als der große alte Mann der türkischen Gegenwartsliteratur. In seiner Erzählung "Eine Liebe zu Tülsü" stellt er einen älteren Mann dar, der sein Leben der Suche nach seiner großen, imaginären Liebe widmet. Dabei ist es gerade ihre Unerreichbarkeit, die ihn immer wieder von neuem zum Aufbruch motiviert und nicht verzweifeln lässt.

Die "Türkischen Erzählungen des 20. Jahrhunderts" bieten einen, gerade für deutsche Leser ungewohnten Blick hinter die Fassaden der modernen Türkei. Sie geben die Sicht frei auf ein Land, dessen politische und gesellschaftliche Entwicklung eng verknüpft ist mit seiner Funktion als Bindeglied zwischen Abend- und Morgenland. Den "Zusammenprall" der Kulturen, der orientalisch-islamischen mit der okzidentalisch-christlichen, ihrer unterschiedlichen Lebens- und Denkkonzepte sowie deren Auswirkungen im türkischen Alltag, aber auch die Probleme und Konflikte des ländlichen Daseins thematisiert die vorliegende Prosa.

Die Sammlung überrascht auf verschiedene Weise: Sie zeigt anhand der 30 ausgewählten Autoren und ihrer Texte nicht nur das breite Spektrum an Themen in der modernen türkischen Erzählliteratur auf, sie stellt auch die Vielfalt an Formen wie der Erzählung und dem Prosagedicht, der Satire und dem Märchen vor, mit denen die sozioökonomischen und kulturellen Veränderungen in diesem, für viele nach wie vor fremden Land dargestellt und diskutiert werden. Es lohnt sich in mehrfacher Hinsicht, diese "Turchia incognita" einmal auch literarisch zu erforschen und kennen zu lernen.


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Petra Kappert / Tevfik Turan (Hg.): Türkische Erzählungen des 20. Jahrhunderts.
Mit einem Nachwort von Petra Kappert.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
362 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-13: 9783458174028

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