Die philosophische Nachtigall

Über Mladen Dolars „His Master’s Voice“

Von Claudia SchmöldersRSS-Newsfeed neuer Artikel von Claudia Schmölders

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den USA nennt man ihn eine „philosophische Nachtigall“, den Slowenen Mladen Dolar mit seinem neuen Buch, und der Kosename prägt sich ein, wenn man das Motto von Plutarch dazu liest, das dem Buch vorangestellt ist. Ein Mann rupft eine Nachtigall, findet dabei fast kein Fleisch und meint enttäuscht: „Du bist nur eine Stimme und sonst nichts“.

Mladen Dolar ist aber nicht die Nachtigall, sondern der Vogelsteller. Ein ideenstarker Philosoph, Dozent an der Universität Llubljana, Hegelforscher, Übersetzer und Herausgeber von Autoren wie Adorno, Foucault, Freud und Lacan, dem er kritisch folgt, wie auch seinem Freund Slavoj Zizek, mit dem zusammen er bereits ein Buch über die Oper verfasst hat. Ein guter Kontext für die nun vorliegende, ihrerseits lang angebahnte Studie. Schon 2000 schrieb Dolar – gegen Jacques Derrida und dessen These vom abendländischen Phonozentrismus – der Stimme eine zentrale Funktion in ihren drei Seinsweisen zu: der ästhetischen, der ethischen und der politischen. Zwei davon sind in unserer Kultur längst nur noch metaphorisch gemeint – die „Stimme des Gewissens“ oder die Figur des „Stimmbürgers“ etwa – aber eine hören wir immer noch wirklich, mit unseren Ohren, entweder entzückt oder erschrocken. Viel Raum gibt Dolar dieser Ästhetik des Klangs. Denn der betörende Gesang, die Musik überhaupt, widerlegt die Idee von der logozentrischen Dominanz der Stimme, verleiht dieser viel eher lustvolle bis dämonische Farben.

Nur die vierte Funktion war damals erst angedeutet: der Ausdruck im Schrei, die Brechung der Stimme – und überhaupt Tierlaute. Unwillkürlich denkt man an den Roman „Flughunde“ (1995) von Marcel Beyer, der von einem wahnsinnigen Akustikforscher im „Dritten Reich“ handelt, der Aufnahmen aller erdenklichen Zustände menschlicher Stimmen zwischen Gesang und Geschrei sammelt. Dolars neuer Anlauf nun deckt dies alles ab und bietet noch weit mehr. Denn weniges passt besser in die Kulturforschung, als Phänomene an einer Schnittstelle zwischen Natur und Kultur zu suchen. Hier spielt die Stimme eine große Rolle: In der Biologie, Phonologie, Musikgeschichte, Akustik, Neurologie und Psychiatrie – um nur ein paar zu nennen. Dolan führt die meisten Disziplinen vor und bezaubert den Leser mit dieser intellektuellen Fülle. Irgendwann fragt man sich: Gelingt es dem Vogelsteller, will er es überhaupt? Immerhin zitiert er Martin Heidegger mit der berühmten Bemerkung über den Ruf des Gewissens, den keiner hört, weil er aus Schweigen besteht. Ganz gewiss aber will Dolar die Stimme im ,psychoanalytischen Netz‘ einfangen, frei nach Lacan. Ihm huldigt der Autor immer wieder, wenn auch nicht ohne kreative Distanz. Kühn mögen es die Lacanianer finden, dass der Schüler hier das berühmte „Objekt klein a“ als Stimme aufgreift und ebenbürtig neben den Blick stellen will. Aber recht hat er schon. Erinnern wir uns, wie herbe schon Peter Sloterdijk Lacans „Ich im Spiegel-Stadium“ kritisiert und wie nachdrücklich er den akustischen Hof der Psyche erörtert hat: Auch Dolar hört nun aufmerksam auf das schreiende Kind. So stark und ganz kann kein Spiegel uns zeichnen wie jenes Gefühl, eine Welt zusammenbrüllen zu können.

Erkenntnisse wie diese machen Dolars Buch zu einer Fundgrube auch für Laien. Überhaupt lenken viele Phänomene, die hier kulturhistorisch erwähnt werden, von der Innenschau des Lacan-Systems ab und in die Weite der Sozialgeschichte hinein. Bedient wird der Laiengenuss aber vor allem mit einer witzigen Volte. Sie beginnt mit der bekannten Bemerkung Walter Benjamins, wonach der Marxismus sich zwecks Durchsetzung seiner Ziele eines versteckten Zwerges bediene, nämlich der Theologie. Dolar erinnert uns an die Herkunft des Zwerges aus dem Schachautomaten des Wolfgang von Kempelen (1734-1804), gebürtig aus dem mitteleuropäischen Pressburg. Der Automat bestand aus einem Tischkasten, an dem eine Türkenpuppe auf dem Brett spielte. Der Türke gewann häufig, aber eben nicht aus maschineller Intelligenz, sondern weil ihn ein lebender Zwerg im Kasten versteckt lenkte. Der Betrug betrübte damals ganz Europa.

Derselbe kakanische Kempelen erfand aber auch eine Sprechmaschine, die ganze Wörter und Sätze zu bilden vermochte. Und hier nun setzt Dolars Witz ein. Er sieht die Stimme als Türke in seinem Spiel, sie gilt ihm grundsätzlich als ,getürkt‘. „Jedes Verlautenlassen der Stimme ist seinem Wesen nach Bauchrednerei“, heißt es mitten im Buch lapidar. Vor dem staunenden Auge des Lesers wird nun eine Bauchversion nach der anderen präsentiert. Dolar nennt es die „akusmatische Theorie“. Das beginnt mit Pythagoras, der seine Schüler jahrelang vor einem Vorhang hielt, bevor sie ihn sehen durften. Dann kommt gleich Sokrates, dessen unsichtbarer Dämon ihm immer abriet, etwas zu tun, wenn es falsch wäre. Schließlich endet die Reihe mit Charles Chaplins Hitlerfilm; wo das Kauderwelsch der Hynkelrede von einem unsichtbaren Übersetzer verlautbart wird. Dolar assoziiert dazu ethnologische Parallelen. Weltweit seien Könige eher Leise- als Laut-Sprecher, und weltweit gebe es eben derartig verlautende Stimmen für solch einen Zwerg, der doch König ist.

Denken wir hier nicht sofort an Dani Levys neuen Hitlerfilm? Auch hier sitzt der Sprecher im Kasten unter dem Führer, der zu heiser ist, um noch zu reden. Witz hin oder her, der Ansatz ist auf Anhieb für die neueren Medien wie geschaffen: Radio, Grammophon, Telefon und neuerdings auch Fernsehen und Internet. Nie wissen wir wirklich, woher die Klänge kommen. Immer sitzen wir vor unseren Schallquellen wie der Hund aus „His Master’s Voice“.

Dessen Geschichte lässt sich Dolar nicht entgehen, denn das Buch zielt auf die Hundewelt hin, vor allem im letzten Kapitel über die Stimmen bei Kafka. Der originale Hund namens Nipper wurde von seinem Herrchen, dem Maler Francis Barraud, in der bekannten HMV-Pose porträtiert. Denn wirklich hatte das Tier im Haus einen Phonographen entdeckt und immer wieder nach der Stimme darin gesucht. Barrauld taufte das Bild „His Master’s Voice“, bot es der Grammophon & Typewriter Company an und hatte Erfolg. Im Januar 1900 war das Bild erstmals öffentlich als Werbung zu sehen, 1910 wurde es Markenzeichen.

Mit Nipper kommt der Ball ins Netz und das Argument zu sich selbst. Denn das Paar Hund und Lautsprecher spiegelt ja Herr und Knecht aus dem berühmten Hegel-Kapitel, vermittelt über den russischen Philosophen Kojève an Lacan. Es sind die Hauptrollen auch in Dolars Stimmtheater. Nur: In der Begriffsarbeit zwischen beiden reibt sich die Stimme auf – wird sie zu einer Lacanfigur, ganz ernst, ohne Witz: „Die Stimme ist die Stellvertreterin einer unmöglichen Gegenwart und umfasst eine zentrale Leere. Sie dient der rituellen Wiederholung seines Opfers und der Erinnerung an den unmöglichen Ursprung des Gesetzes“, lernen wir, oder: „Die Stimme ist das, was nichts zur Sinngebung beiträgt“ beziehungsweise „Wir müssen der Stimme als dem blinden Fleck der Sinngebung oder dem Verworfenen des Sinns habhaft werden.“ Sind das nicht lauter widersprüchliche, wenn auch anregende Sätze? Schon weil es ein linguistisches Ding wie die Frage gibt, die wir durch Hebung der Stimme am Satzende markieren, wissen wir, welchen Sinn Stimme performativ haben kann.

Die Frage zum Beispiel, wer in Dolars Gedankenspiel wirklich Herr und wer Knecht ist. Sitzt Lacan als Zwerg versteckt in der Textmaschine, oder sitzt er umgekehrt nur als Türke am Tisch eines jungen Revolutionärs? Lesen könnte man das Buch mit Gewinn auch unter Anleitung von Theodor W. Adorno. Tonfilm und Fernsehen, sagt dieser einmal, verstören uns beide mit einem Missverhältnis. Die Bilder in diesen Medien zeigen, wie alle Bilder, ihre Gegenstände zweidimensional. Nur die hinzugetretene Stimme ist in beiden Fällen leibhaftig geblieben, ein körperlich-räumliches, dreidimensionales Phänomen. In Dolars Buch werden wir Zeuge ihrer Abschaffung. Das visuelle Medium hat gesiegt. Es ist nicht nur Botschaft für, sondern vor allem Herrschaft über uns Hunde.

Kein Bild

Dolar Mladen: His master´s voice. Eine Geschichte der Stimme.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Adrian und Bettina Engels.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
260 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783518584774

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch