Flugkatastrophe! Buchkatastrophe?

Jörg Matheis’ enttäuschendes Debüt „Ein Foto von Mila“

Von Stefan MeschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Mesch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das erste deutsche Buch, das ich 2009 las, ist jetzt, Ende des Jahres, tatsächlich auch das schlechteste aus meinem Lese-Jahr: „Ein Foto von Mila“, Jörg Matheis’ Provinzroman über einen unglücklichen Fotografen und die Spätfolgen der Flugshow-Katastrophe von Ramstein, erschien im letzten Frühling bei C. H. Beck. Sein Cover hat Charme, der Titel gefällt, der Klappentext ist prima suggestiv, „eine subtile Geschichte der Liebe und der Katharsis“. Sogar der Autor sieht nett aus. Nur das Buch selbst ist müde und halbgar.

 

Bei aller Sympathie – warum veröffentlichen Verlage solche Titel? Wer winkt das durch? Jörg Matheis wurde 1970 in Altenglan geboren, einer Kleinstadt, zehn Kilometer von Ramstein entfernt. Er arbeitet hauptberuflich als Bankberater, veröffentlichte 2002 die Kurzgeschichtensammlung „Mono“ und jetzt, mit „Ein Foto von Mila“, seinen ersten Roman. Das Buch folgt zwei Brüdern in Altenglan, dem sensiblen Fotografen und Ich-Erzähler Lorenz und Frieder, einem pragmatischeren Unternehmer. Dazwischen steht Mila: eine junge Frau, die 1988 schwer verbrannt wurde. Heute, zehn Jahre später, will Lorenz ihr Trauma in einem aufwändigen fotografischen Tableau nachzeichnen.

Ein Tableau, etwas überkandidelt und flach (Feuer! Eine Flugzeugturbine! Perfektes, dramatisches Sommerlicht, auf das Lorenz mehr als drei Monate aufgeregt warten muss!). Arbeiten Künstler so? Reden, lieben, planen und reflektieren sie in solchen Klischees? Ja! In schlechten Büchern tun sie das. Die ganze Zeit.

270 Seiten, drei Figuren, zwei Zeitebenen: das Thema greift, das Konzept auch. Im Interview mit „Focus“ beweist Matheis zudem überzeugend, dass er die Region und die Flugkatastrophe mit einem scharfen und klugen Blick betrachtet. Damals, im August 1988, stießen drei Maschinen einer italienischen Kunstflugstaffel vor 350.000 Zuschauern zusammen. 70 Menschen starben bei der Explosion. 1.000 werden verletzt.

„Ich hatte nicht vor, einen Ramstein-Roman zu schreiben“, erklärte Matheis. „Ich habe angefangen mit diesem Dreiecksverhältnis zwischen zwei Brüdern und einer Frau. Und das Ganze sollte eben in meiner Heimat spielen. Während ich also mit diesen drei Figuren hantiere, wird die Hauptperson Mila plötzlich ein Opfer dieser Flugtagskatastrophe.“ Im Buch selbst liest sich zum Glück etwas organischer: Nicht als plötzlicher Plot-Tumor, sondern als (an sich: sehr interessantes!) Porträt einer beschädigten, verunsicherten Region. In diesem Buch steckt ein recht gutes Buch.

Aber in diesem Buch stecken auch: ein platter, langweiliger Ich-Erzähler und seine flachen Freunde. Nichtssagender Künstler-Kitsch. Provinz-Klischees. Und jedes, wirklich jedes ausgetretenes Thirtysomething-Abziehbild, das seit Judith Hermann durch die deutsche Prosa schlurft: blöde, halbjunge Figuren, die vielsagend Kaffee trinken, rauchen. Seufzen. Und denen es unter all der minutiösen Oberflächenbeschreibung, schlimm an Substanz und Schwung fehlt: schlecht fabulierte Erwachsene. Zweidimensionale Beziehungen. Leblose Erotik. Kulissenhafte Wohn- und Berufswelten.

Matheis Sprachmotor tuckert und kracht auf Hochtouren, aber im Leerlauf: „Mila ist jetzt nicht bereit. Sie hat die Beine an den Oberkörper gezogen und sich eng an mich gekuschelt. Alle paar Minuten schüttelt sie einen Atemzug aus, schauernd wie eine träumende Katze. Ich warte auf die Nachtigall, der Schlaf greift nach mir. Meine Hand fühlt sich fremd an. Worauf sie liegt, das war Milas Hüfte. Das wird sie immer noch sein: Ein Auge – Flackern: Mila ist da. Ihr Haar, frisch geschnittene Blumen – Pferd – ein Spaziergang im Winter – Eis foliendünn auf ihren Fingernägeln – die roten Fingerspitzen – Eiszapfen zerbrochen – Mila lacht – Schneekappe – weißer Rauch: ich falle weich ich falle ich – weg.“

Die gute Nachricht ist: die Feuilletons waren ehrlich. „Matheis gibt detailliert jede Nuance wieder, die sein Sinnesapparat ihm zuträgt. Eine Zeitlang ist das eine beglückende Leseerfahrung“, schreibt die SZ, dann aber „wendet sich der Leser gegen diesen synästhetischen Overkill“. Der Roman nervt und enttäuscht nicht etwa, weil er vollkommen schlecht ist – er wurde im Frühling mit dem Koblenzer Literaturpreis ausgezeichnet, und wenn Matheis einen Zweitroman veröffentlicht, dürfte der unbedingt einen Blick wert sein. Aber bei „Mila“ fehlt es überall.

Wer eine Stunde mit dem Buch verbringt, wird, milde interessiert, noch weiter machen. Wer fleißig ist, kämpft sich in fünf Stunden durch. Doch es lohnt sich nicht so recht. In Deutschland scheint die Amplitude zwischen guten und schlechten Büchern viel flacher als in vielen anderen Ländern zu sein: Wir haben starke Lektorate. Wir haben saubere Ideen und weniger Totalausfälle.

Vor allem aber haben wir: Irrsinnig viele halbwegs geradeaus geschriebener, halbwegs ordentlicher, halbwegs poetischer Bücher mit interessanten Grundideen, Titeln, Umschlagfotos, Klappentexten, die sich dann aber lesen, als hätten die Autoren vier oder fünf Monate zu früh die Arbeit eingestellt. Haben sie keine Lust? Fehlt ihnen der finazielle Anreiz? Oder die Energie? So oder so: Es reicht nicht.

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Jörg Matheis: Ein Foto von Mila. Roman.
Verlag C.H.Beck, München 2008.
269 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783406570315

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