Hitler im Laboratorium der Moderne

Wolfgang Martynkewicz über ein Münchner Verlegerehepaar, das nicht nur Künstler und Literaten förderte

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gab es 1933, als nicht nur die Massen den Arm hoben, ein „Versagen der Eliten“? Nein, behauptet Wolfgang Martynkewicz, denn „Versagen“ beinhalte die naive Vorstellung, gerade das Bildungs- und Großbürgertum hätte es besser wissen müssen. Dagegen erinnert der Literaturwissenschaftler daran, dass weite Teile der kulturellen und intellektuellen Elite Deutschlands schon seit 1900 gar nichts anderes gewollt hätten als die Nazis: Einen von Grund auf erneuerten Kulturstaat, gereinigt von der neuen, modernen Massenkultur, widerspruchsvoller Vielfalt und, natürlich, dem „jüdischem“ Einfluss.

Eine provokante These, die Martynkewicz, ein ausgewiesener Kenner der Epoche, vorträgt. Hat erst jüngst Lothar Gall in seiner Walter-Rathenau-Biografie die bürgerlichen Eliten vor 1914 von nationalistischen Tendenzen freigesprochen, so belegt Martynkewicz nun eindrucksvoll deren Affinitäten zu totalitären Gesellschaftsfantasien schon um 1900. Im Zentrum seines ebenso materialreichen wie glänzend erzählten Werkes steht der Salon des Münchner Verlegerehepaars Hugo und Elsa Bruckmann, ein „Skandalon“ der deutschen Geschichte, so der Autor: „Am Salon Bruckmann wird deutlich, dass ästhetische Moderne und Nationalsozialismus keine voneinander abgeschlossene Vorstellungswelten waren.“

Im Bruckmann-Palais am Karolinenplatz Nr. 5, heute Sitz des bayerischen Sparkassen- und Giroverbandes, trafen sich nicht nur Hochadel und Großbürgertum, sondern auch die Dichter und Denker. Die erhalten gebliebenen Gästelisten lesen sich wie ein Who is Who der deutschen Geistesgeschichte. Zu den „Habitués“ zählten Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke ebenso wie der George-Kreis, Thomas Mann, der Weltmann Harry Graf Kessler, der Kulturphilosoph Ludwig Klages oder der jüdische Theaterregisseur Max Reinhardt. Und nach 1924 auch Adolf Hitler, Rudolf Heß und Alfred Rosenberg.

Das ganze Tableau der deutschen Geschichte bietet die Geschichte dieses Salons – bis hin zum Widerstand in Gestalt des Diplomaten Ulrich von Hassell, mit dem Elsa Bruckmann befreundet war und der wegen seiner Verstrickung in den Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. Hassells Tagebücher gehören zu den wichtigsten Quellen des auf jahrelanger Archivarbeit basierenden Buches, das geschickt das Polyphonie-Prinzip des Salons widerspiegelt: Lose chronologisch, bietet es all den illustren „Intimen“ in personenzentrierten Kapiteln mehr oder weniger glanzvolle Auftritte, ungeachtet der dazu teils nötigen harten Schnitte.

Der Salon der Elsa Bruckmann – eine geborene Prinzessin Cantacuzène und frühe Freundin Hofmannsthals – war eine Art Laboratorium, in dem die Moderne höchst ambivalent diskutiert wurde: Man begrüßte Jugendstil, Lebensreform und moderne Kunst, räsonierte schon seit der Jahrhundertwende über die erlösende Kraft von Gewalt und Opfertum und die Möglichkeit charismatischer Herrscherpersönlichkeiten im Zeitalter von Massen und Parteien. Im Rückblick hochsymbolisch erscheint die Geburtsstunde des Salons am 26. Januar 1899: Houston Stewart Chamberlain las aus seinen vieldiskutierten, von Hugo Bruckmann verlegten „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“, einem Schlüsselwerk des modernen Antisemitismus.

Chamberlains „Grundlagen“ waren symptomatisch: Souverän negierte Chamberlain das Klein-Klein der „Spezialisten“ – im Salon Bruckmann sollten vor allem die „Wissenschaftskünstler“ ihre Bühne finden wie Hermann Graf Keyserling, Heinrich Wölfflin oder Rudolf Kassner. Und sie alle suchten nach einem festen Halt auf dem schwankenden Boden der Moderne, nach etwas Elementarem, Ursprünglichem hinter der verunsichernden Vielfalt – und fanden diesen Halt allzu oft in Vorstellungen wie „Rasse“ oder „Deutschtum“, Karl Wolfskehl sogar in einem mystisch gedeuteten „Judentum“.

Für Martynkewicz zeigt gerade das Beispiel Wolfskehl: Berührungsängste gegenüber gebildeten, assimilierten Juden hatte man im Salon Bruckmann vor dem Ersten Weltkrieg nicht. Seit Chamberlain war „Jüdischsein“ eher etwas wie ein für alle Verirrungen der Moderne verantwortlicher Virus, der Nichtjuden ebenso anstecken wie er reale Juden verschonen konnte. Weshalb Elsa Bruckmann natürlich auch die Pringsheims einlud, sich für Reinhardts Engagement in München einsetzte oder von Rathenau Börsentipps geben ließ.

Den Ersten Weltkrieg begrüßten viele anfangs als das reinigende Feuer, das den „innersten Glutkern“ Deutschlands zum Vorschein kommen lassen würde. In der Mitte von Martynkewicz’ Buch hält Norbert von Hellingrath seine Hölderlin-Vorträge: Bereits in Uniform, ernennt Elsa Bruckmanns Lieblingsneffe 1915 vor einem ergriffenen Publikum, darunter Rilke, Hölderlin zum Führer eines geheimen Deutschland. Sein Tod vor Verdun wurde für Elsa Bruckmann ähnlich traumatisch wie die Niederlage 1918 und die Erfahrung der Räterepublik.

Erschütterungen, von denen die Salonière erst die Stimme Hitlers erlösen sollte. Während sich viele ihrer alten Freunde zurückzogen oder gar wie Thomas Mann zu „Vernunftrepublikanern“ wandelten, machte die kunstsinnige Dame ernst. Nach Martynkewicz’ Recherchen war Elsa Bruckmann eine Gläubige der ersten Stunde, erlebte Hitlers erste Reden im Zirkus Krone ebenso wie seinen Putschversuch 1923 im Bürgerbräukeller. Am 23. Dezember 1924, keine drei Tage nach seiner Entlassung aus Landsberg, war es so weit: Ein wie berauschter Hitler schritt durch das Bruckmann-Palais – nicht zufällig von Paul Ludwig Troost gestaltet, seinem späteren Lieblingsarchitekten. „Wie schön ist’s hier“, soll er gesagt haben. Von da an sprach im Salon Bruckmann nur noch einer.

Für die Bruckmanns habe Hitler – damals für viele ein nicht ernstzunehmender Krawallpolitiker – all das verkörpert, wovon die ästhetische Moderne seit 1900 geträumt hatte, so Martynkewicz: Das Echte, Authentische; den entschlossenen Retter Deutschlands, der von außen kam und eine Erlösung vom Materialismus durch die Kunst versprach. Ihr Beitrag für Hitlers Aufstieg war beträchtlich: Die Bruckmanns halfen beim Abschluss von „Mein Kampf“ und ermöglichten durch Spenden den Neuaufbau der NSDAP, vor allem aber machten sie Hitler mit Industriellen vertraut. Erst nach 1937 überwog die Enttäuschung, waren die Bruckmanns „der vielen Feste und Fahnen überdrüssig“, wie Hassell notierte, und angewidert von der offenen Gewalt, für die freilich nicht ihr einstiger Protegé, sondern sein Umfeld in Berlin verantwortlich sein sollte. Seine bürgerlichen Steigbügelhalter brauchte Hitler da längst nicht mehr, ganz vergaß er sie jedoch nie: Noch im Februar 1945 schickte er Elsa Bruckmann aus Berlin ein Päckchen zu ihrem 80. Geburtstag.

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Wolfgang Martynkewicz: Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945.
Aufbau Verlag, Berlin 2009.
620 Seiten, 26,95 EUR.
ISBN-13: 9783351027063

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