Bilder, die das Sehen verhindern

Judith Butler fragt sich, „warum wir nicht jedes Leid beklagen“, während Martin Sexl und Arno Gisinger versuchen, mediale „Rekonstruktionen des Krieges“ in einem aufwändig gestalteten Text-Bild-Band durchschaubar zu machen

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Krieg hat wieder Konjunktur

Anne Will moderierte den deutschen Krieg in Afghanistan in ihrer Talk-Sendung im „Ersten“ kürzlich so an: „Sieben tote Deutsche innerhalb von nur zwei Wochen, so viele wie im Jahr 2009, das heißt, der Einsatz wird immer gefährlicher. Ist er überhaupt noch zu verantworten?“

Die meisten dürften so etwas in Deutschland bereits für kritischen Journalismus halten. Man muss schon zu den belächelten Wenigen gehören, die noch die Zeitschrift „konkret“ lesen, um dort in der Mai-Ausgabe 2010 Hermann L. Gremlizas aufrüttelnden Kommentar zu finden: „Von den Menschen, die ein deutscher Oberst 2009 hat totbomben lassen, sieht Frau Will in ihrer deutschen Trauer ab. Was sind schon lächerliche 137 afghanische Zivilisten gegen sieben uniformierte Deutsche. Weshalb der General-Bundesanwalt die Ermittlungen gegen den Täter pflichtgemäß eingestellt hat.“

Genau solche Beobachtungen sind auch der Ausgangspunkt von Judith Butlers jüngst im Campus Verlag erschienenem Buch „Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen“. Bereits letztes Jahr hat sich die Gender-Theoretikerin in einer kleinen Essaysammlung über „Krieg und Affekt“ der Thematik genähert. Vieles blieb dort noch fragmentarisch, und Butlers Versuch, jene Opfer des US-Irakkriegs ins Bewusstsein der westlichen Leser zur rücken, die in den Medien nach dem 11. September 2001 kaum Beachtung fanden, gipfelte in der bemerkenswerten Tendenz, als Kritikerin von „Zwangsheterosexualität“ plötzlich um Verständnis für das Tragen der Burka zu werben.

Nun also ein neuer Versuch: Teils finden sich in Butlers Essays über die „Raster des Krieges“ noch Passagen aus „Krieg und Affekt“, doch das Ganze wirkt nun wesentlich durchdachter und differenzierter ausformuliert. Vielleicht bot die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ deshalb als Rezensenten den hierzulande wohl meistzitierten Spezialisten für das Thema der „asymmetrischen Kriege“ auf, um den Band in der „Zeitung für Deutschland“ vorzustellen: Herfried Münkler. Doch der winkt in seinem Artikel schnell mit der blumigen Formulierung ab: „Hier beißt sich die philosophische Katze in den politischen Schwanz.“ Butlers Buch lese sich „wie das Spielen von Etüden: Gelegentlich finden sich interessante Passagen, aber eigentlich läuft alles bloß auf eine Denkübung ohne nachhaltige Folgen hinaus.“

So herablassend kann nur derjenige urteilen, der immer noch nicht so recht wahrnehmen will, dass das von Butler erörterte Problem längst nicht mehr nur ein US-amerikanisches, sondern auch ein deutsches geworden ist – und dass Butlers Überlegungen deshalb auch für das einheimische Publikum keineswegs nur belanglose intellektuelle Spielchen sind. Es sind nicht mehr nur die ‚naiven‘ und aus europäischer Sicht ‚notorisch patriotischen‘ US-Bürger, die blind losjubeln, sobald sie irgendwo einen Star Spangled Banner erblicken. Längst werden deutsche Flaggen nicht mehr nur zu Fußballspielen der deutschen Nationalmannschaft hervorgekramt. Sie wehen, unter anderem, auch in Kunduz.

Man muss sich also klarmachen, dass es bei Butler, die ihr Buch kurz nach der Wahl Obamas zum neuen Präsidenten der USA zu Ende schrieb, letztlich nicht mehr nur um die übel beleumundete Ära George W. Bushs, um Guantánamo und Abu Ghraib geht, sondern längst auch implizit um die deutsche Kriegsverantwortung in Afghanistan. Matthias Matussek, der bereits 2006 das Buch „Wir Deutschen“ schrieb, in dem er mit etwas bemühter Ironie erklärte, „warum die anderen uns gern haben können“, empört sich jetzt im „Spiegel“, dass ‚wir‘ Deutschen immer noch nicht genügend Begeisterung für ‚unsere‘ Soldaten im Felde aufbrächten: „Jüngst stand ich in den USA an einem American-Airlines-Schalter, gemeinsam mit ein paar US-Rekruten in Kampf-Camouflage, die an ihren Sammelpunkt flogen, als ein Geschäftsmann vorbeikam und ihnen zurief: ‚God bless you, boys.‘ Einige der Soldaten lächelten. Einige waren sichtbar stolz. Einige taten lässig. Doch alle genossen sie diese flüchtige Zuwendung von einem, den sie nicht kannten, für den sie aber gleichwohl in den Krieg ziehen. Da fiel mir ein, was in Deutschland fehlt. Die Deutschen sind eine kriegführende Nation, aber sie schauen verschämt zur Seite, als handle es sich um Pornografie. Würde einer von uns in Berlin-Tegel Soldaten zurufen: ‚Gott sei mit euch, Jungs‘?“

Ganz klar, hier ist wohl jemand neidisch – und deshalb legt sich Matussek auch so ins Zeug, um den deutschen Krieg als bellum iustum, als gerechten Krieg zu präsentieren. Den Kosovo-Krieg von 1999, jenen fragwürdigen ersten deutschen Angriffskrieg nach 1945, würdigt er dabei rückwirkend gleich noch einmal mit. Matussek ruft in seinem Artikel Bilder auf, wie man sie aus patriotischen Hollywood-Kriegsfilmen zur Genüge kennt, wie sie Paul Verhoeven in seinem umstrittenen Streifen „Starship Troopers“ (1997) karikiert: Diese „Jungs“, von denen hier die Rede ist, hat man gleich als mutige und kernige Burschen im verwegenen Aufbruch vor Augen. Das „Abenteuer“, in das sie sich stürzen, ist selbstverständlich gut und richtig, sie werden dadurch zu regelrechten Stars, die von allen Zivilisten bewundert und verehrt, um nicht zu sagen beneidet werden. Wichtig ist auch die religiöse Komponente: Selbst „Gott“ ist mit den jungen Helden, und Matussek beschwört diese Vorstellung in seinem Text noch einmal neu, als etwas Ersehnenswertes, hierzulande bedauernswerterweise Verlorenes – ganz so, als sei nicht gerade von Deutschland in zwei Weltkriegen mit der Formel „Gott mit uns!“ unvergleichliche Schrecken und eine zuvor nie dagewesene Vernichtung in die Welt getragen worden. Davon liest man in seinem „Spiegel“-Artikel jedoch nichts.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland

Wenn Karl Kraus das noch miterleben dürfte, der in seinem Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ zur Zeit des Ersten Weltkriegs jene Zeilen schrieb, die sich nunmehr schon wieder vielfach bewahrheitet haben: „Alles was gestern war, wird man vergessen haben; was heute ist, nicht sehen; was morgen kommt, nicht fürchten. Man wird vergessen haben, daß man den Krieg verloren, vergessen haben, daß man ihn begonnen, vergessen, daß man ihn geführt hat. Darum wird er nicht aufhören.“

Etwa eine Dekade später kritisierte der Schriftsteller Arnold Zweig in einem Aufsatz in der „Weltbühne“ die Welle von Kriegsromanen, die Ende der 1920er-Jahre in Deutschland erschienen und vor allem von Veteranen der Konservativen Revolution dazu benutzt wurden, den Ersten Weltkrieg ganz offen als Vorstufe für einen noch größeren, kommenden Endkampf neuer, „härterer“ Menschen zu interpretieren. Es sei eine „frisch-fröhliche Konjunktur“, die, „nur wenig gewandelt, die alte Freude am Krieg als unbürgerlicher Lebensform, als Gelegenheit zum großen Abenteuer“ wiederbelebe, schreibt Zweig 1929. „Der große Schwindel hinter dieser Empfindung täuscht alle vierzig Jahre einer unerfahrenen Generation vor, dass sie aus der verruchten bürgerlichen Zweckverflechtung, aus der Ausgefressenheit durch den unveränderten Stundenplan, aus der Seßhaftmachung an einer kargen Stelle gerettet werde durch den Krieg, der ihr Gelegenheit gebe, die menschliche Person nach unerhörten Seiten auszuweiten.“

Die Geschichte zeigte schon wenige Jahre nach Zweigs Artikel, dass mitunter nicht einmal 40 Jahre vergehen müssen, um diese ebenso leicht durchschaubare wie mörderische Dummheit wieder Realität werden zu lassen. Seinerzeit genügten 20 Jahre, und seit 1999 ist die Bundeswehr quasi pausenlos überall in der Welt mit im Einsatz. Was dabei als „humanitäre Intervention“ verkauft wird, bei dem man brav Schulen baut und Brunnen gräbt, entpuppt sich in Wahrheit in eine Methode, die man selbst in den Kolonialprojekten vor dem Ersten Weltkrieg schon kannte und die Frankreich in seinem Algerienkrieg weiter perfektionierte, wie der Journalist Marc Thörner kürzlich in seinem Deutschlandfunk-Feature „‚Nenn’ mich Aufbauhelfer’. Kriegsstrategien im Mittleren Osten“ recherchierte. Mehr noch: Peer Heinelt belegt in der Juni-Ausgabe der „konkret“, dass die Bundeswehr ihre Soldaten für den Kampfeinsatz am Hindkusch immer noch mit Denkmustern und Fallbeispielen, ja teils wortwörtlichen Zitaten aus militärischen Dienstvorschriften der NS-Zeit schult: Die Belastungen des „Winterkampfs“ der Wehrmacht in Stalingrad gilt der deutschen Einsatztruppe auch heute noch als lehrreiches Beispiel für die langwierigen und harten Belastungen im Kampfeinsatz, frei nach dem Ausbildungsgrundsatz: „Eine körperlich ‚harte‘ Truppe ist auch seelisch belastbar.“ Entsprechend ‚stählende‘ Manöverbedinungen bildeten, frei nach Ernst Jünger, den „besten Rahmen für einen einsatznahen Gefechtsdienst“.

So here we go again: Selbst in der Redaktion von literaturkritik.de gehen mittlerweile gespenstische Feldpostbriefe aus Afghanistan ein, mit einem geostrategischen Briefkopf-Logo mit den Umrissen des Einsatzgebietes, das tatsächlich wirkt, als stamme es aus der Zeit von „Schutzgebieten“ wie „Deutsch-Südwest“ – und der Bitte, Bücher zu schicken, als Ablenkung von der alltäglichen Angst, im Einsatz umzukommen.

Doch was ist mit denjenigen, die dieses Berufsrisiko keineswegs bewusst eingegangen sind, nunmehr in ihrem Land zwischen die Fronten geraten und die niemals vorhatten, in irgend einem Djihad zu kämpfen? Wer denkt an sie, wenn ein deutscher Befehlshaber einfach so eine größere Zahl von ihnen auslöschen lässt? Die Bundeswehr und die deutsche Regierung tut stattdessen seit Monaten alles dafür, die Umstände von Oberst Kleins Vernichtungsbefehl zu vertuschen – und anstatt sich zu empören, jubelt die Öffentlichkeit hierzulande haltlos über die Gel-Frisur des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. So gesehen liegt Matussek falsch: Die Begeisterung mag noch nicht so groß sein wie 1914, aber das Gemaule und Genörgel notorischer „Neinsager“ und „Vaterlandsverräter“ hält sich mittlerweile doch merklich in Grenzen.

Eben deshalb sind Butlers Überlegungen keineswegs so belanglos, wie Münkler meint. Viel Treffendes wird in diesem Buch gesagt über die diskursiven „Rahmungen“ (Frames), die zu jener erstaunlichen Mitleidlosigkeit im öffentlichen Bewusstsein führen, die auch in Deutschland bestens funktioniert. Butler geht aber noch weiter und schreibt mehr und genauer als im vorangegangenen Buch über die Folterexzesse in Abu Ghraib sowie über die Fotos, die davon um die Welt gingen. Dabei geht es auffälligerweise auch um die Diskussion eines Begriffs, den Matussek in seinem Artikel verwendet: Pornografie.

Denn eine banale Wahrheit, die der „Spiegel“-Autor außer Acht lässt, ist ja die, dass die Leute vielleicht gerne öffentlich behaupten, sie wollten mit solchem „Schweinkram“ wie dem Krieg nichts zu tun haben, während sie tatsächlich ein heimliches, aber damit umso stärkeres Interesse dafür hegen. Wieso sonst sollte es funktionieren, dass jedes zweite „Spiegel“-Cover mit dem Thema aufmacht, und die Leute begeistert einschalten, wenn Frau Will es im Fernsehen diskutiert?

Es gehört darüber hinaus nicht besonders viel Prophetie dazu, anzunehmen, dass auch deutsche Soldaten unter bestimmten Umständen und an dafür günstigen Orten künftig dazu in der Lage sein könnten, wieder einmal solche konkreten „pornografischen“ Spielchen zu spielen wie ihre Kollegen im Irak. Was wäre dann?

Schon jetzt kann man im Radio hören, die Bundeswehr beginne öffentliche Statements von Soldaten aus dem Afghanistan-Einsatz zu verhindern, und selbst die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet über vehemente Auseinandersetzungen, die sie sich mit der Publikation von Schreiben deutscher Rekruten an ihre Familienmitglieder im SZ-Magazin einhandelte. Wovor haben die Verantwortlichen der ‚sauberen Truppe‘ eigentlich solche Angst, wenn sie schon solche harmlosen Briefchen oder E-Mails nicht mehr veröffentlicht sehen wollen?

Judith Butler beschäftigt sich mit dem eigentümlichen „Run“ auf die Folter-Fotografien aus Abu Ghraib, der international in den Medien beobachtbar war, nachdem sie veröffentlicht und nicht mehr aus der Welt zu schaffen waren: „Es gibt nicht nur einen bestimmten Genuss von Folterszenen, den wir nicht außer Acht lassen sollten, sondern auch einen Genuss, vielleicht auch einen Zwang im Aufnehmen der Bilder selbst. Weshalb sollte es sonst so viele davon geben?“

Sexuelle Komponenten in der ideologischen „Rahmung“ von Kriegen

Trotzdem stellt die Autorin die mittlerweile gängige Zuschreibung, bei den Fotos Lynndie Englands und ihrer Mittäter handele es sich schlicht um Pornografie, in Frage: Nicht die erotische Attraktion von Körpern und Geschlechtsteilen, die ja zunächst einmal nichts Verwerfliches ist, sei hier das Ziel der Inszenierung gewesen, sondern die Kamera selbst sei zum Teil einer Folter-Apparatur geworden, zu einem zentralen Mittel der sadistischen Erniedrigung gequälter Irakerinnen und Iraker. Einleuchtend wirkt in ihrer Analyse die paradoxe Vermutung, die abgebildeten Täter hätten ihre Opfer deshalb zu homosexuellen Handlungen gezwungen, um die eigenen, die sie auf diesem Wege unweigerlich mit vollführten, zu „externalisieren“ und den Opfern „zuzuweisen“.

Demnach ginge es hier vor allem um die triumphale Inszenierung absoluter Macht und totaler Erniedrigung in einem kolonial aufgefassten Setting, wobei der Anteil eigenen Begehrens aller Beteiligten, auch der Fotografen, unterschwellig präsent bleibe, aber durch das Arrangement selbst negiert beziehungsweise abgewehrt werden solle. Man darf wohl annehmen, dass dies aus Perspektive der Täter zunächst auch tatsächlich so funktioniert hat – zumindest so lange, bis ihre Dokumentationen öffentlich und somit Gegenstand empörter Diskussionen wurden. Die komplexe und ambivalente Rezeptionssituation, die diese Bilder seither ausgelöst haben, lässt sich auch laut Butler nicht mehr auf einen Nenner bringen: „Die Fotos sind eindeutig außerhalb des ursprünglichen Schauplatzes zirkuliert, sie haben die Hände der Fotografen verlassen oder sich sogar gegen diese selbst gewandt und ihren Lustgewinn zunichte gemacht. Die Fotos haben zu einem neuen Blick geführt und das Verlangen nach Wiederholungen der Szene überwunden; daher müssen wir wohl akzeptieren, dass diese Fotos weder foltern noch befreien, sondern sich vielmehr in ganz gegensätzlichen Richtungen instrumentalisieren lassen, je nach der diskursiven Rahmung und der Form der medialen Repräsentation.“

Heikel werden Butlers Überlegungen allerdings nach wie vor dann, wenn sie sich mit sexualpolitischen Rechtfertigungsstrategien westlicher Kriege gegen den Islamismus auseinandersetzt: „Meiner Ansicht nach wird der Krieg in ganz bestimmte Rahmen gestellt, um Affekte in Verbindung mit der differenzierenden Betrauerbarkeit von Leben zu kontrollieren und zu steigern, während der Krieg inzwischen zugleich den Rahmen für das Denken des Multikulturalismus und für Debatten um die sexuelle Freiheit abgibt“, stellt die Philosophin fest. Hier geschieht nicht weniger als eine Infragestellung ihres ureigenen Projekts, begriffen als diskursiv aufgegriffenes und vulgarisiertes Element moderner Kriegstreiberei: „Progressive Konzepte oder sexuelle Freiheiten wurden nicht nur in den Dienst der Rationalisierung von Kriegen gegen vorwiegend muslimische Bevölkerungen gestellt, sie werden auch zur Argumentation für die Begrenzung der Einwanderung nach Europa aus vorwiegend muslimischen Ländern mobilisiert.“ In diesem Sinne plädiert Butler dafür, den „Rahmen, in dem wir Linken denken, […] im Lichte neuer Formen staatlicher Formen der Gewalt“ zu revidieren.

Doch was folgt daraus? Eine Infragestellung der Tatsache, dass Frauen in Afghanistan unter den Taliban als mindestens ebenso wenig betrauerbare Wesen gelten wie ihre Peiniger für westliche Soldaten? Hier muss die Autorin sehr vorsichtig werden, und letztendlich bleibt genau deshalb vieles ungeklärt. Wollte man es kritischer fassen, so könnte man zumindest angesichts des Endes von Butlers neuem Buch ihrem Kritiker Münkler sogar zustimmen: Denn hier verliert sich die Autorin in der Tat abermals in Abstraktionen, die von den Fragen, die sie zuvor gestellt hat, eher wegführen, als dass sie sie konkret beantworten würden. Das ändert aber nichts daran, dass es dringend geboten ist, die Propagandaformen „asymmetrischer“ Kriege genauer zu untersuchen – und dazu gibt Butlers immerhin bedenkenswerte Anstöße.

Bilder, die mörderische Realität schaffen

Auch der Innsbrucker Literaturwissenschaftler Martin Sexl und der Fotokünstler Arno Gisinger beschäftigen sich in ihrem Bild- und Essayband „Imagined Wars. Mediale Konstruktionen des Krieges“ mit Inszenierungsformen von Texturen und Bildern, die mörderische Realitäten erst schaffen helfen oder sogar selbst als Realitäten wahrgenommen werden, aus denen dann wiederum Schlussfolgerungen gezogen werden, die zu Tod und Vernichtung führen. Nicht genug angeprangert werden können entsprechende Mechanismen in den Balkan-Kriegen der 1990er-Jahre, in denen geschickte PR-Strategien und fälschlich kommentierte Fotos von abgemagerten Menschen in „Konzentrationslagern“, die es gar nicht gab, zu NATO-Bombardements führten, die sich angeblich gegen „ein neues Auschwitz“ richteten, wie der deutsche Außenminister Joschka Fischer seinerzeit meinte. Sexls Essay, der von Fotos und Zeichnungen begleitet und unterbrochen wird, die Gisinger zusammengestellt hat, arbeitet diesen Behauptungen, Geschichtsklitterungen und Kriegsgrund-Konstruktionen mit einem beachtlichen philosophischen und bildwissenschaftlichen Apparat entgegen.

Zu den stärksten Passagen des Buchs gehören tatsächlich weniger diejenigen gegen Ende, die sich mit den im Ton so seltsam regressiven Serbien-Texten Peter Handkes beschäftigen, als vielmehr die Kapitel, die jenes berüchtigte Foto eines abgemagerten Mannes hinter Stacheldraht als Inszenierung beschreiben, die weltweit und auf einen Schlag den Eindruck vermittelte, in Serbien finde ein Genozid statt, der mit der Shoah vergleichbar sei. Dass es sich um einen offenbar Tuberkulosekranken handelte, der nicht etwa eingesperrt war, sondern aus dem Inneren eines umzäunten Grundstückes fotografiert wurde, spielte in der Diskussion kaum eine Rolle. Das Bild des abgemagerten Menschen hinter Stacheldraht rief in der Weltöffentlichkeit statttdessen sofort die Erinnerung an den Holocaust auf und wurde von der Kriegspropaganda in der Presse und der Politik dankbar aufgegriffen.

Wer hier bereits abwinkt und dies alles als „kalten Kaffee“ abtun möchte, sei daran erinnert, wie virulent die Propaganda-Lügen von 1999, als Deutschland in den Kosovo-Krieg eintrat, heute noch sind, obwohl man sie seither unzählige Male widerlegte. Man braucht, wie gesagt, nur den aktuellen Artikel von Matussek zu zitieren, in dem genau diese Formeln abermals ungerührt wiederkehren, um den neuen deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan zu rechtfertigen: „Aber es gibt ihn, den ‚bellum iustum‘, es gibt ihn seit der Antike, es gibt ihn in der christlichen Theologie, es gibt ihn auch im asymmetrischen Krieg gegen Killer-Kollektive ohne staatliche Souveränität“, meint Matussek. „Es gab den gerechten Krieg bereits im Kosovo-Konflikt, als eine rot-grüne Regierung mit ihrer pazifistischen Tradition brach und mithalf, serbische Milizen und Militärs daran zu hindern, eine Volksgruppe ‚ethnisch zu säubern‘“.

Allerdings fragt sich der Leser im Fall von Sexls Text, ob es wirklich notwendig ist, sich zur literatur- und kulturwissenschaftlichen Analyse von „Rekonstruktionen“ des Krieges so weit in die Rekapitulation der Philosophiegeschichte der Bildbetrachtung zu verlieren, wie es hier geschieht. Vor lauter Plato-Bezügen, Abwägungen des Bildbegriffs der Renaissance gegen den der arabischen Kulturtradition des „Bilderverbots“ bis hin zur Frage, ob man beim bloßen Ansehen eines Fotos einer Eizelle im Uterus ohne beigegebene Texterläuterungen erkennen könne, worum es sich handele, droht der Leser tatsächlich aus den Augen zu verlieren, was ‚eigentlich‘ Thema des Buches sein sollte. Nur ein kleinerer Teil der etwa 150 Seiten, die Sexls Erörterungen ausmachen, kommt tatsächlich auf das Thema „Krieg“ zu sprechen, während um so mehr von der Lügenhaftigkeit der Bilder an sich und den komplexen Unwägbarkeiten der Sprache die Rede ist.

Gegenüber Butlers Stil hat Sexls eleganter Essay allerdings den Vorteil, wesentlich klarer formuliert zu sein und komplexe Sachverhalte aus der Gedankenwelt des Poststrukturalismus, aus den Schriften Jacques Lacans, Ferdinand de Saussures, Roland Barthes’, Jacques Derridas, Giorgio Agambens, Jan und Aleida Assmanns und wie die Namen auch immer alle lauten mögen, die in dieser Sorte akademischer Texte nun einmal zum geradezu unvermeidlichen Zitier-Kanon gehören, luzide auf den Punkt zu bringen.

Hinzu kommt, dass der Band durch die Fotos Gisingers, die den Betrachter unter anderem zu Stätten des Vietnam-Kriegs-Erinnerungstourismus oder in die zu einer Gedenkstätte an das SS-Massaker mutierten französischen Ruinenstadt Oradour Sur Glane führt, Sexls Ausführungen gewissermaßen wortlos in einen konkreteren Betrachtungsrahmen stellt. So gesehen handelt es sich bei dem Buch um ein in literatur- und kulturwissenschaftlichen Publikationen eher selten anzutreffendes Experiment, dessen Form genauere Beachtung verdient.

Kein Bild

Martin Sexl / Arno Gisinger (Hg.): Imagined Wars. Mediale Rekonstruktionen des Krieges.
Innsbruck University Press, Innsbruck 2010.
176 Seiten, 27,90 EUR.
ISBN-13: 9783902719584

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Judith Butler: Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2010.
180 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783593391557

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